01.10.2006

Blue Thoughts








Ja, wo bin ich überhaupt? Bin ich überhaupt? Elementare Fragen scheinen ganz perfekt zu blauer Farbe zu passen. Ich glaube, ich bin ein Synesthesist. Das würde mir jetzt schon genug zum Nachdenken geben, um mich wieder auf einen philosophischen Höhenflug zu begeben, aber wie sieht die Realität denn nun wirklich aus, abgesehen von blaugefrorenen Knochen (ich glaub ich habe eine Tendenz zum Rheuma, wenn meine Schultern nachts ins Kalte ragen, tun sie mir hinterher schrecklich weh in den Gelenken). Ja, hier ist immer noch Winter. Dankbar für jede geheizte Minute im Cyber schaff ich es trotzdem nicht, die Riesenflut an Mails (Berufliches wird immer mehr zum Privaten da mein Freelancerdasein immer mehr auf freundschaftlichen Diensten und Hinweisen besteht, auch schön - anstrengend, aber sehr sehr erfüllend) zu beantworten, bevor mein Dreistundenabo mitten im Download eines zweistündigen Livesets, das ich UNBEDINGT zum Vorbereiten eines Interviews brauche, mitten drin - oder noch besser, nach 96% gedownloadeter Materie - aufgebraucht ist und mein Compu genauso downshuttet wie mein durch Nahrungsmangel geplagter Körper.

So auch heute. Zumindest hab ich meine kugelprall gefüllte Morgenkaffee-Blase nicht mehr, dank des endlich mal ausgetesteten und für gut befundenen Cyberklos. Aber was soll's, Hunger hin oder her. Download Eins 18%, Download Zwo 47%, hurra, noch eine, zwei Stunden, die ich jetzt diesem persönlichen Update widme, seid gewappnet. Worte. Tiraden. Delirisches Geraune!

Zum Thema Männer? Vielleicht. Ich weiß auch schon aufgrund meines Blaurausches, der leider null mit Alkohol zu tun hat, leider überhaupt keinen Rat. Ich bräuchte aber dringend mal eine Session mit Männer-erfahrenen Individuen zum Quatschen. Ich bin seit Samstag endlich im eigenen Apartment gelandet, mit Emilio, fühle mich aber null nestig, sondern eher kalt (keine Heizung, mal wieder das typische Winterproblem hier), aber auch nach wie vor gut aufgehoben in meiner Nachbarschaft hier, da ich nur einen Block weitergezogen bin (hier einfach mal ganz spontan die neue Phonnummer: 0054 11 43628291. Vielleicht klingelt's ja mal sonntags abends :)))) Hier kenne ich mittlerweile richtig viele Leute. Im alten Haus fand zuguterletzt fast jedes WoE eine Party statt, weil lauter nette junge Menschen dort wohnen, so dass ich mich hier mitterweise sehr zuhause fühle, barrioviertelig, zumindest. Mein spirituelles Zuhause ist doch immer noch irgendwo anders. Dort, wo ich bin. Mitten im Universum.

Da bin ich also. Also alles ganz schön und nett. Arbeiten. Neue Leute kennenlernen. Durchs Arbeiten Leute kennenlernen, die Leute kennen, die ich kenne. Glück. Vielleicht baue ich einfach was aus dem, was ich kenne und mache. Neue Arbeit: Presseinfos schreiben, Waschzetteltexte. Was ist drin und wie klingt's. Genauso gut bezahlt wie Raveline-Jobs. Gottseidank. Das neue Haus wird nur unwesentlich teurer als das Alte. Aber hier ist nicht ein Kumpel der Vermieter, der auch mal geduldig wartet für eins, zwei Monate, bis man wieder flüssig ist. Naja, mittlerweile hauen Emilio und ich uns echt gegenseitig raus aus Knappheiten.

Thema Emilio. Nach eineinhalb Jahren habe ich ihm endlich beigebracht, wie man sich als verantwortungsvoller Partner verhält. Schön, dieser Moment der Entspannung. Doch der Reiz am anderen ist abgenutzt, wir haben uns einander aufgerieben, spannend wird es immer wieder durch das schmerzhafte Loslassenmüssen und sich eigenen Dingen hingeben. Gerade immer dann, wenn ich kurz davor bin, wegzufliegen, mit komplettem neuen Agenda (Nächte ausgefüllt von Mon- bis Freitag und am Wochenende einen Haufen von Parties) und immer wieder interessanten, männlichen wie weiblichen neuen und alten Bekanntschaften, lasse ich mich dann doch wieder einfangen und bin glücklich und zufrieden im domizilen Abhängen, Videos gucken, leckere Sachen mampfen, im Bett verkuscheln, Lieder singen, gemeinsamen Obsessionen fröhnen (gerade: die englische Comedyserie "The Mighty Boosh")...

Ich weiß auch nicht. Höhepunkt der häuslichen Marotten: Unser Kühlschrank. Ein riesiges Ungetüm von 1959, das ich in der Heilsarmee mit Emilios Geld erstanden hab für umgerechnet 35 Euro. Weiß, rund, innen hellblau und in Tipptop-Zustand. Glückliches Weibchen, glückliches Männchen. Erstauntes Weibchen über glückliches Männchen. Ab und an heimliche Panikattacke. Heimchen kann und will ich nicht sein, bin's aber doch. Oder doch nicht? Ich weiß nicht. Auf der einen Seite wäre ich so gerne frei, aber lebe genau das Gegenteil. Neulich mit meinem schwulen Designerkumpel Carlos in der Hiphop-Bar. Emilio und ich: doch entspannt, aber nicht horny. Oder doch. Carlos: gibt sich im Klo den Liebkosungen eines Afrikaners hin, dessen Motto "Besser nen Mann als ga nix" entspricht. Hach. Ehepartnerliche Langweile? Kann ich es nicht nennen, aber es ist doch schon viel zu viel Routine, und ich bin selbst ein Teil des Ganzen. Kann es irgendwie nicht anders, als an das ewig Gute glauben (dass man, auch wenn man 24 Stunden zusammen ist, immer noch total überascht über den anderen ist und das toll findet). Ich glaub, ich bin im falschen Film. Mir ist das alles viel zu kompliziert. Wer immer Bescheid weiß, melde sich mal schnell mit einem ehrlichen Account übers Zusammenleben. Ja, oder nein?

Ich glaube eher nein. Aber doch. Ich habe mir diese Microzellenstabilität gesucht, weil ich das Gefühl habe, mich einem Kraftakt ausgesetzt zu haben, in dem ich einen richtig festen Partner zum Stabilisieren brauche, sonst krieg ich den Kühlschrank des Lebens nicht alleine hoch. Ist das nicht die totale Illusion, hindert mich das nicht zu mindestens 50 % (Download Eins: Komplett, Download Zwo 43%) daran, mein eigenes Leben zu leben? Ach, und doch ist alles so schön, das Fahrradfahren in der Sonne, dabei Händchenhalten, die Zusicherung, auch im nächsten Leben auf den anderen acht zu geben. Das komplett glückliche Gesicht von Emilio, der stolz erklärt: "das sind die Momente im Leben" - sein kompletter Einkauf - Auberginen, Mais, Tomaten, Salat - passt genau ins Gemüsefach unseres fünfzig Jahre alten Trumms.

Ach, ist das alles blau. Tief und ernsthaft und zwischen Traum und Realität, ein Raum, in dem alles möglich ist, aber auch nicht wirklich etwas passiert. Wo ist das Rot der Passion? Das Gelb der Überraschung? Das Orange der Neuerung? Das Grün der Kraft? Vielleicht morgen, dann scheint wieder die Sonne in unseren fünften Stock und erhellt die drei Zimmer, Siebziger Jahre. Emilio träumt von Mobiliar im gleichen Stile. Ich weiß, es ist möglich. Habe ja bereits in Dortmund alles einfach so zusammengeklaubt auf der Straße. Mein Sammlerdrang wird immer dafür sorgen, dass es passt. Ich mag keine designerischen Kompromisse, und für wenig Geld was zu kriegen, was das ausstrahlt, was der eigentlichen Idee entspricht (was ist "Authetisch" für Sie? Diskussionsforum für Innenarchitekten), entspricht meiner Mentalität, die mich regelmäßig zur Heilarmee am anderen Ende der Stadt radeln lässt.

Dann mal wieder mein Rebellengeist. Hab ich Kraft und Lust, wie zum Bespiel beim Wohnungsfinden und Külschrankkauf geschehen, Tage zu investieren, um am Ende mal wieder in einer netten Höhle festzustecken, die meinen Spirit festfriert? Ich brauche Luft. Für meine Lust. Die mir irgendwie vergeht. Ich bin keine Hausmutter. Und doch. Emilio strahlt über die erste Wohnung, die er je in seinem Leben mietet. Ich strahle, weil wir es zusammen möglich gemacht haben. Ist das nicht wirklich das, was Paare und die Paarung zweier Menschen ausmacht? Das gemeinsame Erschaffen einer Realität, die alleine nicht möglich gewesen wäre. Ich und er, gemeinsam packen wir's an.

Gestern in der Gemüsehandlung. Luis, Manuel, oder wie er auch immer heißen mag, der wildäugige Fleischverkaüfer, der mir auch beim Kühlschrankwuchten half, lässt sich mal wieder über kulturelle Unterschiede aus. Thekenphilosophien beim Genuss eines Mates (er läd mich nie ein, dass Europärinnen Mate trinken stecke ich ihm am Samstag, wenn ich mich fürs Kühlschranktragen mit nem Bier revanchiere): "Nu bist du also hier. Auf der Suche nach einem einfachen, schönen Leben. Glück, das ist mit dem kleinen Auto aufs Land raustuckern mit dem Zelt. In drei Jahren habt ihr eurer Auto zusammengespart, das sind die Perspektiven." Auch anderswo, Manuel, Luis. Nicht nur hier. das einfache Leben. Freunde, Familie. Glücklichsein.

Ist das so? Was ist mit meinen wilden Musikerträumen? Habe ja genug Kontakte. Aber irgendwie kommt nichts so richtig aus dem Quark. Möglichkeiten sind da. Aber allein für mich und eine Karriere zu kampfen, das pack ich nur sehr zaghaft an. Und mit Emilio? Nun, die Wahrheit ist: zusammen sind wir unfähig. Und doch: Ich will, und werde auch. Schritt für Schritt. Ich merk es ja, ich geb nicht auf. Immer an der Sprungfeder durch die Welten. Ich kann und will nicht zur Ruhe kommen. Der Kühlschrank, genau wie alle anderen Dinge in Dortmund dann doch am Ende ein Geschenk an andere, ein Sperrmüllmöbel?

Ich trag es runter und mach mich vom Acker. Ich will doch auch nur, dass man mich liebt. Ich habe doch so viel zu geben. Doch dann mach ich doch lieber wieder die Fliege, oder? Es wird einfach zu ernst, vor allem ich selbst. Ich fühle mich nicht leicht genug. Ich brauche Leichtigkeit. Will mich weiter selbst erfinden. Je mehr ich mich verpflichte, desto weniger kreiere ich.. Kann dann einfach nicht mehr, muss schlafen oder schaff es dann doch noch zum Capoeira, zum Glück. 67 %. Noch nie hab ich so lange gewartet...

37 Minuten noch der Selbstergründung, Gedanken wandern weiter und meine Finger tippen sie dann direkt ins Mailfenster, warte ja nur drauf, dass der Compu crashed und alles weg ist. Sind meine blauen Gedanken dann auch auf einmal weg? Ich hoffe ja, ich fühle mich gefroren. Die letzten zwei drei mal, dass ich mich dann von außen betrachtet habe, einen Schritt zur Seite getreten bin, um mich zu beobachten, habe ic festgestellt, dass meine Reaktionen stark sind, ich für die Dinge kämpfen will, um das Verständnis. Aber es lässt sich nichts erzwingen. Weder die Fortführung meiner Partyreihe im Friseursalon noch die Momente der Klarheit in Situationen, die nicht durhc mich gesteuert werden. Ich kann nur zugucken, darf gar nicht anderes erwarten. Warum erwarte ich bloß immer so viel, irgendwas? Nimmt man sich damit nicht das Moment, das tatsächlich den Ausgang der Situation steuert, und forciert etwas, was vielleicht nicht sein kann, darf?

Das relaxte Tanzkämpfen in Capoeira, getrieben durch das Trommeln und das Schnarren der Barimbao, meine gutgelaunten Mitkämpfer, wir alle Schüler von Bewegungsabläufen, die, immer weiter verfeinert zum Spielen werden, die lächelnden Seelen wirbelnd im Kreis, drumherum die klatschenden Anfeuerer, im Moment lebend die Atemlosigkeit vergessen. Sekunden, die wie klitzekleine Sterne wirbeln, mich antreiben, die Muskeln warm und pulsierend und das Ego gestärkt bez. nicht mehr wichtig!

Alles nicht mehr wichtig. Trotzdem Körper und Seele schwer, fast verslavend meine eigene bleierne Statute, die mich immer wieder ausbremst. Was passiert heute mit dem graffitisprühenden Kollektiv Mundofase, die Kunstbasteln? Die rufe ich gleich an, bin zu schwer. Muss hier raus. 79%. Darf ja wohl nicht wahr sein. Kann nicht mehr. Will leben, rotes Blut fließen lassen durch meine trägen Adern. Zwanzig Minuten noch. Hunger habe ich wie ein Tier. Frühstück. Und dann? Nüscht.

Arbeit. Ja. So schaut's aus. Und dennoch nichts so richtig geschafft. Nachgedacht. Aber das wusst ich schon. Will mich nicht im Kreis drehen, vorm Kühlschrank sitzend die fliegenden Gedanken um die nackte Glühbirne kreisen sehen, will im Moment leben und nichts denken, sondern nur fühlen. Mich froh fühlen. Fällt mir da nur ein. Herumziehen. Mich fallenlassen. Ohne Neurosen. Frei, nicht eingepfercht. Auf Entdeckungsreise. Die Risiken durchkalkuliert. Das Ziel vor Augen. Die Schuhe tragen um die Welt, der Körper mein Haus. Nichts ist wie daheim, und doch ist alles gleich. Glücklich. Kulturgeschockt. Unfähig. Fähig.

Zeit, wieder zu mir zu kommen. Was will ich eigentlich? Rumfliegen und lachen. Wie immer unter der Lampe mit lieben Damen unten drunter. Nette holde Lichtgestalten, und ich flieg herum wie ein glücklicher Kanarienvogel. Flatter, flatter. Ich merk: wir sind irgendwie alle in der gleichen Position, sich diametrisch gegenüberstehend. Suchend, guckend, endlich alles downgeloaded, ich bin frei!!!

Ich knutsche Euch! Und schreibe wieder.

Kat

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