
Silke, die Mia und die Jeanine, alle drei waren in meinem Traum. Es schien viel Zeit vergangen zu sein – es war mein nächster Besuch in Dortmund –, denn sie waren zu Damen geworden. Da muss ich jetzt mal schnell schlucken, denn als Kind schien mir eine Frau eine Dame, wenn sie die ersten Jahre der Ehe hinter sich gebracht hatte, die Kinder in der Schule – am besten im Internat – und sich nun wichtigen Dingen wie Kaffeetrinken und Handtaschenshoppen widmet, immer perfekt gepudert und somit stilistisch konserviert bis in alle Ähnlichkeit, äh Ewigkeit. Nun, da ich kein Kind mehr bin, wird mir auf einmal klar, dass bei manchen Frauen das Damen-Stadium bereits vor zehn Jahren eingesetzt hat, und dass Silke und Mia und ich nun auch schon Damen sein könnten. Sehen uns aber die Männer bierschlürfend auf einer Decke im Park, sind wir für sie immer noch Mädchen. Ich bin tatsächlich eins – und auch im Traum war ich eine junge Frau, die Secondhandtrainingsjacken geil findet.
Da begegnete ich also Silke, Nine und Mia, schicken, adretten Damen, jede einzelne ihren aparten Stil mit dem passenden Accessoire wie zum Beispiel einem Hündchen unterstreichend. Mia hatte ein kleines weißes Pudelchen. Nine hatte wie immer Fashiontipps, kannte die trendigsten Boutiquen in Do und Bo, und hat mich dann auch prompt mit einer Adresse eines Secondhandladens glücklich gemacht, in dem es besagte Secondhandtrainingsjacken von Adidas gab – so eine wollte ich dem Emilio kaufen als Mitbringsel. Fett, wenn man dem Freund das kauft, was man selbst gerne trägt. Der Look: androgyn. Im Entwicklungsstadium eines Studenten stagniert. Schließlich sind die Geschlechterrollen bei Sportkleidung total verwischt – man ist, klar, sportlich, rennt in der Turnhalle herum, in Frotteeshorts mit Steifen dran. Der Lehrer pfeift, weil man sich rumschubst, Jungs und Mädchen durch nicht mehr als eine kleine Schniedelwurst voneinander zu unterschieden. Adidas, Seventieslook – Nostalgie, Kindheit. Will ich tatsächlich für immer klein bleiben? Gar nicht erwachsen werden und mir niemals Accessoirehunde zulegen? Ohne jetzt viel interpretieren zu wollen – ich habe seit neuestem ein Faible für Halstücher, die durch den aparten Farbklechs am Hals meine Garderobe unterstreichen – fahre ich jetzt lieber fort.
Tja. Emilio. Lustigerweise tauchte der dann auch in meine Traum auf, nämlich, als ich anfing zu fliegen. Irgendwann war mir danach, mich in die Lüfte zu schwingen, und ich drehte fröhlich meine Runden in dem Café, das Barrock und H&M in einem zu sein schien. Ich schraubte mich immer höher, um den kristallenen Kandelaber kreisend, plötzlich realisierend, dass ich nicht nur fliegen konnte, sondern auch totale Kontrolle über meine Bewegungen hatte, weswegen ich, feinjustierend, immer kunstvolle Schrauben drehte und mich schließlich in der Luft tummelte wie ein Delfin. Jauchzend vor Freude. Unten stand Emilio und kommentierte das Ganze mit seinem auch im echten Leben oftmals etwas gereizten Ton. Fast, als wolle er mich wieder auf den Boden der Tatsachen bringen. Da er der Fliegexperte war und er an meinen zunächst etwas unkoordinierten Bewegungen herauszulesen meinte, ich würde es nicht richtig machen. Ich ließ mich zum Glück nicht aus der Fassung bringen und flog weiter und weiter durch den hellen Raum, in dem schöne Damen Kaffeetrinkend, shoppend und plaudernd, ihre Zeit konservierten. Meine alten Freundinnen.
Ich habe danach noch unendlich viel geträumt, aber der Traum ist nicht aus meinem Gedächtnis verschwunden, was mich riesig freut. Ich habe schon sehr viel über das Thema Fliegen im Traum gegrübelt. Unter anderem, weil mir der Emilio mir einmal berichtet hat, dass er sehr viel flöge in seinen Träumen, und mir dann bewusst geworden ist, dass auch ich ab meiner Pubertät ab und an dazu angesetzt habe, abzuheben, und es auch geklappt hat, die Flugträume dann aber komplett aus meinem Repertoire verschwunden sind. Stattdessen träumte ich dann jahrelang gar nichts, oder so gut wie gar nichts, und wenn überhaupt etwas, waren es konfliktive Episoden mit Personen aus meinem Bekanntenkreis, oder hektische Such-und-nicht-Find-Träume, die mich an meinen Arbeitsalltag erinnerten von der Grundspannung her.
Dann kamen die Schwindelträume mit einem anschließenden Abstürzen, die sich wegen der magischen Anziehungskraft der sich vor mir auftuenden Abgründe nicht vermeiden ließen und bei mir Panik hervorriefen. Ich hatte parallel dazu immer mehr Furcht vor Abgründen. Als Kind war mir kein Baum zu hoch, und am Rande eines Kliffs hatte ich noch Spaß am Balancieren auf dem Geländer der Absperrung. Und nun waren mir Höhen schon seit geraumer Zeit nicht mehr geheuer; Momente auf Berghören und Leuchtturmen, in denen mit die Beine gummiartig erschienen, unwillig, sich meine Befehlen zu fügen, und mein Geist um den Sturz zu kreisen schien. Bis ich schließlich irgendwann einem sich oftmal wiederholenden Traum – ich am Rande eines Abgrundes, der mich zu verschlingen wollen schien – die Kontrolle erlangte und meine Willenskraft einsetzend die Führung übernahm – ich konnte jetzt fliegen oder zumindest fallschirmartig segeln, und stürzte daher nicht mehr.
Was für eine Sensation. Ich bin immer noch stolz darauf. Und finde es sehr sehr sehr erwähnenswert was für eine Kraft Träume haben. Und was für eine Kraft der eigene Geist hat. Dass man Situationen, die auswegslos erscheinen – ein Abgrund, der einen aufsaugt – durch eine einfache Modifikation des eigenen Handlungsspielraumes zu einem Erlebnis machen kann, dass einem den ganzen Tag zu einem wunderschönen Moment verzaubert. Ich kann fliegen. Und wer fliegen kann, kann auch andere Sachen. Vielleicht ist das die wahre Intention eines solchen Traumes. Einem die Zuversicht zu geben, Vertrauen in sich selbst zu haben. Dass man Dinge kann. Dass man Dinge ändern kann. Dass man Neues probieren kann. Und dass man, selbst wenn es anfangs nicht perfekt erschient, weiterfliegen kann, den Kritikern zum Trotz, die einen vielleicht auch aus Neid oder Angst oder Kontrollsucht wieder runterbringen wollen. Weil sie es selbst nicht hinbekommen. Oder nicht mehr.
Das ist aber, glaube ich, nicht wichtig für diese Geschichte hier. Den ärgsten Kritiker tragen viele von uns schließlich in sich selbst rum. Den härtesten Gegner ihrer Selbst. Das eigene Ich, dass einem das Fliegen unmöglich macht und das die Abgründe vor einem unüberwindlich scheinen lässt. Dass schon jeden Ansatz des Flügelspreizens zur Hölle macht, weil man seine eigenen Aktionen in Frage stellt und somit das eigene Selbstbewusstsein untergräbt. Warum handelt man so? Ich gluabe, viele von uns haben gelernt, übermäßig kritisch zu sein. Was sich und auch andere betrifft. Die Erwartungen sind viel zu hoch, und somit sind auch die Frustrationserlebnisse, die damit ja sowieso schon vorprogrammiert sind, weil die Erwartungen nicht erfüllt werden können, das, was unsere Realität ausmacht. Gibt es etwas Demotivierenderes, als schon von vornherein zum Scheitern veruteilt zu sein, weil man es sich selbst so einrichtet? Ich glaube, es ist ist in einem solchen Moment wichtig, Abstand zu nehmen und zu träumen. Zu träumen, dass man sich in einen leeren Raum begibt, wo weder Zukunft noch Vergangenheit eine Rolle spielen und man sich auf das Jetzt konzentriert. Das Fliegen. Das nichts anderes bedeutet als Konzentration auf das Ich im Hier und Jetzt. Die Flügel langsam spreizen. Feinjustieren. Was passiert, wenn ich, Anlauf nehmend, einfach ins Nichts springe und mein Körper mich trägt, wo hin ich will? Und wohin will ich? Auch das spielt keine Rolle. Das wird sich schon zeigen. Denn man kann ja überall hin, wohin man will. Nach oben steigen. Im Schnellflug erkunden. Sich umdrehen. Schwebend verharren. Ausschau halten. Distanzen zurücklegen. Die Langschaft unter sich dahin gleiten sehen. Pirouetten drehen. Die Freiheit ist grenzenlos.
Die vergangene Nacht trägt mich durch den Tag. Der sonnig und kalt beginnt. Vorm Computer. An meine Freundinnen denkend. Wäre toll, wenn man sich in seinen Träumen begegnen könnte. Ich bin mir sicher, auch das ist möglich. Bestimmt ebenfalls eine Frage der Konzentration und der Verbundenheit mit sich selbst und der anderen Person. Vielleicht haben sie ja sogar in der letzten Nacht auch von mir geträumt. Vielleicht war ich nicht mehr als ein diffuses Licht, das in ihren Haaren gespielt hat, während sie kaffeetrinkend im Schürmann saßen. Ich war auf jeden Fall da. Und das freut mich so sehr.
Und nun frag ich mich: Werden sie langsam zur Dame oder hat auch sie das Fußballfieber so sehr gepackt – im sozialen Sinne natürlich, es ist ein Event, dass sehr an Reiz gewinnt, wenn alle Leute so fröhlich sind –, dass sie sich nun eine androgyne Brasilientrainungsjacke zulegen? Jene im Traum war die von Deutschland. Schwarz, bordeauxrot und orange. Sehr geil. Nu ja, also unterstütz ich am Freitag wohl Deutschland. Stand schon im Konflikt mit mir selbst, aber nach dem letzten Sieg sah ich hier im Fernseher (Fern-sehen ist der richtige Ausdruck für den Prozess, etwas zu verfolgen, was sich ganz wo anders abspielt – im Märchen stets eine Kristallkugel, von den Bösewichten eingesetzt) ein Meer aus fröhlichen Menschen, die schwarz-rot-goldene Wimpelchen in den Händen haltend die Arme in die Luft warfen und sie hin und herschwingend tanzten, und das machte mich dermaßen glücklich, dass ich nun an das eigene Schland glaube, ein Land gefüllt und gepowert durch die positive Energie des Fußball! Oh, was eine Erkenntnis. Millionen von Männerkehlen habe es schon immer geahnt, wenn sie zum Kollektivflug ansetzten. Männer, die zu Jungen werden, voller Begeisterung. Der Sport macht uns zu Kindern, jung und im Augenblick lebend, jede Sekunde auskostend, in der ein Mensch, den Fuß am Ball, Sinnbild für unsere eigene Reise zum Sieg wird. Im Moment absorbiert mitfiebernd. Nun ist das Bild komplett. Freude schöner Götterfunken: Glücklich strahlende Frauen holder Antlitze in Brasilienjacken und in Ekstase weilende Männer mit Fähnchen in der Hand. Oh Gloria!
P.S. Watch out for the FOTO WM-Special which will be posted live and direct here on Planetkat!
 |