21.04.2006

Life Is Changing – Again (And Again)








Uns geht es gut. Wir wachen morgens auf und hopsen nackig durch unsere eigenen vier Wände. Großzügig proportionierten eigenen vier Wände. Was ein Luxus. Dabei war das Haus in der Avenida schon der Hammer. Einen später mit jungen kiffern gefüllten Ballsaal gab es dort. Aber da standen erst alte Toilettenbecken drin und dann ein Haufen Kifferjungs. Die standen da nicht drin, die wohnten da. Ein ganzer Arsch voll Leute whnte da. Aus allen Lebenslagen sozusagen. Vom Sofapuper bis zum Galaxientripper. Es war, glaubt mir, sehr geil, dort zu leben. Zum Beispiel besuchte mich ja im Januar meine Schwester und wohnte gleich in einem der Zimmer. Leider kam sie nicht, wie erhofft, mit meinem neuen Mixer im Gepäck – der andere war beim Umzug ins Casa Kocalan kaputtgegangen – und wurde dann schließlich für viel Geld repariert. Aaargh, Reloop! So ne Kacke, weil ich doch gleich zum Einstand im neuen Domizil so gerne alle beschallen wollte. Die zwei Franzosen waren ja zwei sehr ungewöhnliche Hostal-Betreiber, vom Alter und von der Lebenserfahrung her auf jeden Fall ebenbürtig und auch auf keinen Fall unschuldig! Die haben in den Neunzigern auf illegalen Raves in Frankreich am liebsten ihre Köpfe in die Bassbins gesteckt, damit es so richtig wummst! Und auch die anderen waren ausgehungert, weil es hier immer nur so Schallalalcocktailgrooves in ‘nettem Ambiente oder Puristentechno in gewöhnlichen Spießerabschießclubs gibt, aber kein DörtyFakkinGnarz...

Dabei war mir der Umzug ins Casa Kocalan im Dezember gar nicht so leicht gefallen. Raus aus dem ruhigen Flussdelta in der Vorstadt vom Riesenmoloch BsAs direkt rein an eine der Hauptverkehrsadern der Stadt, die Avenida Cordoba. Ich musste mich im Eiltempo umgewöhnen. Nachts strömt hier der Verkehr raus wie das Blut aus der Halsschlagader einer geschächteten Ziege, bis der Korpus der Stadt bis zum nächsten Morgen erstarrt daliegt, durchforstet von Zombies, denn die Ungeziefer kommen nie zur Ruhe. Doch es erwies sich, dass der Umzug doch ein echt kluger Schachzug war. Das Haus, das erst einmal fertig renoviert war, war bald voll belegt mit circa zwölf Leuten aus allen Lebenslagen. Feierleute aus Peru, Instrumentenbauer aus Chile, Köche aus Kolumbian. You name it, you get it. Wir waren nun auf Gedeih und Verderb in einem geräumigen, aber doch auch ausgesprochen hellhörigen Jahrhundertwende-Stadtvillenhaus zusammengepfercht für 250 Pesos pro Nase, wobei man sein Domizil mit mindestens einer Person zu teilen hatte, wenn man nicht gleich das Doppelte hinblätterte. Was einige auch taten. So der Pornoproduzenten-Musiker Diego. Die fröhliche, kapriziöse Clara. Oder der Telemarketer Gaston, der Wochen brauchte, um sich zuhause nach Dienstschluss so locker zu machen, dass er den Anzug auszog. Die Medizinerin Schrägstrich Schauspielerin Juli, die mit roten Haaren und einer wunderbaren Persönlichkeit die Herzen im Sturm eroberte.

Eine echte Herausforderung für mich. Zunächst fühlte ich mich überfordert. Mit der Sprache, mit der sozialen Interaktion. In einer für mich immer noch fremd gebliebenen Sprache. Zeit für einen Wechsel. Endlich der Arschkick, der nötig war, um mich herauszufordern, auch mal in Spanisch zu träumen. Das Englische als Rettungsanker fahrenzulassen. Sich nicht mehr zurückziehen zu können. Und somit eben doch richtig enge Momente des gegenseitigen Verständnisses zuzulassen. Ich hatte zu kämpfen. War mir sicher, dass ich es nicht handlen könne, offen auf all diese Leute zuzugehen und es hinzukriegen. War einsam in den sicheren vier Wänden meines Zimmers, das ich mir ja mit Emilio teilte, und haderte mit mir selbst. Irgendwann, nach einer Woche, wurde mir meine zaghafte Art aber dann doch zuviel. Draußen schien es sehr lustig zu sein und die Leute nett. Gottseidank. Ich kam aus meinem Schneckenhaus heraus. Wir hingen alle gemeinsam auf dem Sofa ab, rauchten und tranken, als wäre es schon immer so gewesen, und so langsam öffneten sich mir neue Horizonte. Lange Gespräche. Intime Momente. Gemeinsamkeiten. Gute Gesellschaft. All das möglich ohne das Protektorat durch meinen treuen Host Emon. Meine Zuversicht und mein Selbstbewusstsein gediehen. Ich war s langsam wieder auf der Höhe und kehrte zurück zu einem Zustand, den ich als mein “Selbst” bezeichne.

Nach Monaten der Selbstentwurzelung und der daraus resultierenden -zweifel war ich also wieder ich selbst. Dennoch: Ich bin nach wie vor froh, dass ich immer wieder in Situationen gerate, die größer zu sein scheinen als das, was ich verpacken kann. Herauszufinden, wie man diese Herausforderungen annimmt und meistert, ist nicht nur etwas, was sich immer wieder bewähren wird, sondern überlebenswichtig. Die Dinge, die es zu bewältigen gilt, werden ja nicht weniger, sondern eher mehr. So wie wenn man in Tetris ins nächste Level kommt und die absolut unverbaubaren Blöcke wie Schneeflocken vom Screen-Himmel rieseln. Man kriegt ja auch immer eine Bonusrunde dazwischengeschmissen wie wir jetzt gerade hier in San Telmo. Vier Zimmer und eine Dachterasse – der Wohnraum, der uns hier beherbergt, ist so großzügig, dass es ein paar Monate gadauert hätte, jeder der Freiflächen eine richtige Bestimmung zuzuordnen. Doch wir sind hier nur temporär zum Hüten. Das Schicksal hat noch etwas anderes mit uns vor. Es ist noch nicht so weit. Emon und Kat in trauter matrimonialer Zweisamkeit, together forever happily in Riesenwohnung? Wir müssen uns noch weiter bewähren, noch mehr unsere Ärsche zirkulieren lassen, bis es passt. Und so wir werden ab Juni wieder woanders unser Glück schustern, Stück für Stück weiter am Puzzle des Lebens herumbasteln, bis sich das nächste Teil zusammensetzt. Es lohnt sich ja. Wie sich alles lohnt. Denn eines hat sich hier in San Telmo offenbahrt. Wir sind zum ersten Mal wieder richtig glücklich zusammen. Es kann also nur besser werden. Ein Jahr hier, und das ist erst der Anfang.


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