21.03.2006

Warum “Filesharing” bereichert… Oder: Die Kat ist frisch verliebt








Abgesehen davon, dass mich die experimental knirpsende, introvertiert zwirpende und doch an kräftige Hooks gekoppelte Musik dieses Magnetophones glücklich stimmt, obgleich es auch ein wenig melancholisch macht, “oh darlin’” oder “how i learned to love the future” zu hören, freue ich mich über meinen Mitbewohner. Mit der gleichen Nonchalance, mit der ich immer meine Musik ausleihe, hat er einen Haufen CDs bei mir abgeliefert, die mir “bestimmt gefallen, hör’ einfach mal rein”. Er ist ein Plattendealer, ein Hookline-Hooker – und mein neuer Needlepartner. Schon seit Jahren – unabhängig voneinander, wir haben uns ja gerade erst kennengelernt – komplett und ohne Rücksicht auf Verluste angefixt sharen wir seit neuestem kompromisslos analoge und digitale Soundwaren, als wären wir ein frischverliebtes Paar, das kein Geheimnis voreinander mehr fremdhalten will, selbst im Badezimmer nicht.

Mit kindlicher Energie stürzen wir uns auf die Plattenhaufen des anderen und durchwühlen die eigenen, um den anderen mit unserer hotten Selection zu beeindrucken – und zum Lachen zu bringen. Uns eint ein Hang zum Humorösen, durch die gegenseitige Anfeuerung loderleuchtend entfacht. So haben wir bereits “Vamos A La Playa” zum Tophit gekürt, weitere Kandidaten sind die “Superman”-Titelhymne (die A-Seite rult) und “You Make Me Feel (Mighty Real)” von Sylvester, nicht Jimmy Somerville. All diese Kracher sind eigentlich Diegos Scheiben, und meine Konters, Donna Summer, Putsch ‘79 und Larry Heard, reichen da einfach nicht heran. Egal, gezockt wird, was gerade passt. Mich zeichnet der gefühlvollere Mixstil aus, ihn die Sicherheit, mit der er längst vergessenen Partygaranten ein neues Leben einhaucht. Wir ergänzen uns gut. Deswegen bin ich glücklich, glücklich wie schon lange nicht mehr.

Eine schwerelose Seelenverwandschaft. Schön wäre es, wenn das im Leben immer so wäre mit den Leuten, vor allen denen, von oder mit denen man es sich am meisten wünscht. Aber da zeigt sich mal wieder, das man nichts erzwingen, sondern nur das Kommen und Gehen und Geben und Nehmen von Energien, seien sie positiv oder negativ, als Part eines Zyklusses akzeptieren kann. Genauso ist das mit der Musik. Die kommt und geht auch. Genau wie alles andere. Musik, eine Form von menschlicher Energie, die als Transmitter die Limits von Imagination und Person auflösen kann. Musik, diese als Mode an Gültigkeit gewinnende Phase von Energie, die Leute jenseits der Limitationen eines kleinen Zirkels von Gleichgesinnten anspricht. Musik, die Bewegungen auslöst oder Kriege rechtfertigt. Mit dem knaspenden “love needs you” klingt das Magnetophone-Album aus. Und wenig später schon nimmt die Reise mit den schwebend schönen über Breakbeats gelayerten Melodien von C.J. Bollands “The Tower of Naphtali” ihren Lauf. Der Auftakttrack von Bollands Album “Electronic Highway”, erschienen 1995 auf R&S Records. Wie rasend schnell sich elektronische Musik in diesen Jahren entwickelt hat, von den ersten sehr basic klingenden Tracks zusammengepowert mit mathematischer Präzision und zusammengebissenen Zähnen mit “Stop”, “Play”, Sample-Techniken, die in einem körperlich instinktiven Maschinenkommandern, dem Scratchen nicht unähnlich, auf der 808, 909 und der 303 produziert wurden. Manchmal so primitiv, dass man fast wie bei einem nicht perfekt gespielten Instrument die menschliche Imperfektion heraushören kann.

Auf dem 808-State-Album “90” von 1989 finden sich einige solche Beispiele, wenngleich auch die Mehrzahl der Tracks den Sprung in die zeitlose Ewigkeit schafft. Und auch bei C.J. Bollands Album beschleicht mich schon nach zwei Nummern das gleiche Gefühl. Unglaublich. Das im belgischen Gent angesiedelte R&S-Label, hat den Zeitsprung ins Hier und Jetzt trotz unglaublicher Releases und noch unglaublicher Erfolgsstories gefeatureter Artists, darunter viele der heutigen Legenden, leider nicht geschafft. Renat, so hieß glaube ich der Besitzer, hat es nicht hingeriegt, die Gewinne, so zu verteilen, dass Musiker und Label gut versorgt wurden, und so gingen sowohl die Beziehungen mit den Musikern als auch das Label in die Brüche. Schade. Ob ich es wohl schaffen könnte, statt zu betreiben, etwas für die Ewigkeit aufzubauen? Das scheint heute wie gestern ein Thema. Weder Staatsoberhäupte noch Superökonomen haben immer den Dreh raus. Ich glaube, die verlieren irgendwann das Ziel aus den Augen. Vielleicht hatten sie es auch nie auf dem Schirm.

Um noch mal auf Diego zurückzukommen. Der ist überraschenderweise ganz schön umtriebig und außerdem Teil einer Kollektive, die sich die Pedigree DJs – oder, wie man hier sagt, die DJs Pedigree – nennen. Interessanterweise hatte ich von den Jungs, es sind insgesamt vier, schon gehört. Legen auf diversen Fiestas Clandestinas (Üb. d. Aut. “Undergroundparties”), und zwar alle Styles, die sonst nicht so zum Zuge kommen: Breakbeat, Reggeton, Soul, Funk, Hiphop,…. Genau mein Ding. Dieser Diego ist also ein Volltreffer. Ich weiß es spätestens seit dem Zeitpunkt, als ich einmal traurig durch die ganze Stadt bis zum Naturreservat im Hafen geradelt bin, um Abstand von allem zu bekommen. Versunken wandelte ich am Pier entlang und kaufte ein Geschenk für Diego. Er hatte mir mit großer Geste bereits so viele Platten und CDs überreicht und dann auch noch großherzig überlassen, dass ich mich einfach revanchieren musste mit einem seifenblasenspendenden Supermann. Ich hatte Hunger. Schließlich saß ich dann am Wasser und kaute malmend auf einem Choripan (einer durchgeschnittenen und deftig gewürzen, groben Bratwurst im Brötchen – hier so geheiligt wie bei uns die Currywurst oder Rostbratwurst) herum, als mir jemand auf die Schulter tippte. Es war Diego mit Pedigree-DJ-Partner Martin, und ich fühlte mich auf einmal überglücklich. Der Tag, an dem wir gemeinsam – der Pack wurde noch durch einen ebenfalls etwas liebeskummerigen Kontrabassisten namens Juan Pablo komplettiert – durch das Reservat wandelten, wird für immer einer der schönsten sein, an die ich mich erinnern kann. Liebe auf den ersten Blick. Und wir werden weiter Musik sharen, als sei es unser letzter Tag. Nicht zuletzt beleben wir damit auch die Szene. Hauchen längst vergessenen Schätzchen neues Leben ein, in dem wir andere damit infizieren! Oder einfach nur uns selbst, wenn wir durchdrehend in meinem Zimmer abtanzen. Wer auch immer auf den Nosense gekommen ist, das Tracks an Freunde weitergeben illegal ist, hat nie Freunde gehabt, die einem mit guten Tunes das Leben retten! So schaut’s aus.

KLinks:

www.magnetophone.com
www.4ad.com
www.cjbolland.com
www.djspedigree.org

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