     
Zuerst der arme Vater. Der überlegt, wie er seinen Schwiegersohn noch mal auf den Zahn fühlen kann. Immer mit der Ruhe, sag ich dazu :))). Den eigentlich Grund kennt er nämlich eigentlich schon. Denn so neu und so konkret ist das für ihn ja alles nicht. Es sind ja auch immer noch Überlegungen. Auch wenn er es ja eigentlich schon vorausgesehen hatte mit seinen weisen Kommentaren. Als er beim Telefonieren meine Situation mit dem Zoll beurteilt hast, kam klug und sachlich ein lockeres "Heirate doch. Dann fallen die Probleme weg. Deswegen haben ich und Cathy das ja auch so gemacht." Wie wahr. Den nur durch die Hochzeit mit seiner amerikanischen Freundin konnten die beiden ihre Umzüge und Arbeitsverhältnisse auf zwei Kontinenten ermöglichen. Das hat mir die Angst vor der Sensation genommen. Der eigentliche Akt, sich standesamtlich wegen zwei Turntables und einer Arbeitserlaubnis und einer Menge guter Vibrationen zwischen zwei Menschen, die sich einfach nur für eine längere Zeit als drei Monate ungestresst von Behördenmüll begegnen wollen, ist ja nun gar nicht so wahnsinnig spannend und sensationell. Es geht einfach nur um die Freiheit, die wir uns nehmen wollen.
Hihi, verkehrte Welt, wenn Heiraten Freiheit bedeutet :) (frag mal meine armen Afrikanerjungs Eazy und Abbas in Dortmund danach... die jammern, weil sie lieber mit jemandem zusammen sein möchten, der sie wirklich liebt, aber nicht können, weil sie für ein Visum schnell egal was fürn Mädel heiraten müssen. Was für eine Schittrealität, das), dann heirate ich in Freiheit. Das heisst für mich auch geistige Freiheit.
Ich möchte gar nicht so wahnsinnig darauf herumreiten, auf dem Heiraten. Fakt ist: Ich bin dem Emilio gerne nah und er mir. Aber wir sind auch beide Menschen mit einer großen Neugier auf die Welt und alles um uns herum. Zur Zeit leben wir intensiv miteinander, fast zu viel, aber auch fast, als ob wir es auskosten, diese Intensität, mit all den positiven und auch negativen Effekten, die es auf unsere Beziehung hat. Wir haben uns beide mit einer Riesenwucht in eine sehr heftige Herausforderung reingeschmissen, ich aus Deutschland und direkt bei ihm ins Leben rein, und für eine Zeit wurde es schon fast ehelich im traditionellen Sinne, da draußen im stillen Tigre. Das hat uns aber beiden nicht so behagt, man merkt es uns beiden an, dass wir wie eingesperrte Tiger sind in einer solchen Situation, ready to explode. Das ist uns zuviel. Das geht nicht. Wenn das mit dem Bild von Heiraten einhergeht, dann gefällt es uns beiden nicht und füllt uns mit Unbehagen.
Nun sind wir aber mitten in der Stadt in einem Studentenhaus gelandet, und es tut uns gut. Beziehungstechnisch. Das öffnet einfach den Kopf wieder. Wir können gemeinsam auf der Dachterrasse sitzend mit einem Chilenen und einem Iren über Pinochet und Europa reden und mit dem Fahrrad in fünf Minuten beim Pizzaman 20 Cuadras weit weg sein. Um drei Uhr nachts. Das macht uns beide ganz glücklich. Ich wandere durch die Straßen der Stadt und lerne die Calleros kennen, die Leute, die zum Müllsammeln durch die Straße ziehen, ein interessanter Outlawmenschenschlag. Der Emilio rockt im Studio von seiner Firma nach der Arbeitszeit, und ich kann endlich mal meine Mädels einladen. Tigre war ja so weit draußen, dass es ein Wochenendausflugsziel ist, ne Weltreise fast für die alten Hordenhammel-Städter. Und wenn mich jemand besuchen kommt wie jetzt meine Schwester, packe ich denjenigen einfach in eines der Hostalbetten, da wohnt er auch gleich in unserem Hostal. Genau dafür ist der Ort, und genau da pass ich grad rein. Die Leute, aus Kolumbien oder Provincia de Buenos Aires, immerhin auch so groß wie Deutschland (oder?), kennen das Konzept Heimweh. Und wissen, wie man gemeinsam feiert!
Auf lange Sicht gesehen ist es nicht die Lösung, weil es teurer werden wird, dort zu wohnen, und auch irgendwann nervig. 23-jährige Studenten werden semesterweise kommen und gehen, und nie kauft einer Klopapier... aber mir gefällt es. Jetzt. Emilio lebt also quasi mit mir wie ein Ausländer. Und taut sichtlich auf. Weil ich jetzt den ganzen Tag mit anderen Spanisch quake, es immer besser klappt und er sich entspannen kann, nicht mehr so viel Verantwortung für mich allein zu tragen. Er ist eigentlich ein großartiger Gastgeber, der mir gleich alle Hände gereicht hat, damit ich hier Fuß fasse, aber auch ein etwas ungeduldiger Lehrer, was mir bisweilen immer einen Schlag vorm Bug verpasst hat und die Lust, ihm mit meinem gebrochenen Spanisch beeindrucken zu wollen. Nu ja, nun also quake ich mit allen, bin deswegen auch zufriedener, uns so sind wir beide happy. Sei es wegen neuer Verstärkerboxen, neuer Kontakte oder dem Internet im Zimmer..
Zurück zum Heiraten. Es ist also, je mehr ich darüber nachdenke, ein einfach lebensbejahender Schritt ohne große Tragik und Trump und Trompeten-Tamtam. Es ist einfach eine logische Konsequenz aus allem, was mich ausmacht: Die Abenteuerlust, die Lebensfreude, der Hang zum Obskuren, die Verliebtheit und auch die Vernunft. Schon als Kind fand ich das Konzept - locker und in Jeans den "Dicke Freundschaft und Pfote drauf"-Schwur ablegen - immer noch am nachvollziehbarsten. Und Geld muss ich dann auch nicht für Bestechungsaktionen ausgeben. Das find ich einfach panne. Ich will damit lieber etwas Gutes anstellen, wie ne Bassgitarre kaufen, oder reisen. Davon hab ich mehr - vielleicht kann ich mir als reisender Bassist einen Namen machen, hat also Zukunft. Mussten sich meine Eltern nicht abbuckeln, ein Kind hervorzubringen, dessen Geld in der Tasche eines Typen verschwindet, der die Probleme erst schafft, damit sie wieder verschwinden können. Nö.
Ich bin echt froh, dass es meine Eltern gibt. Und dass sie so klasse sind, wie sie sind. Dass sie mir nicht vorschreiben, wie ich zu leben habe, so nach dem Motto: "Kohle gibt es nur, wenn du davon ne Schrankwand kaufst", und mich damit irgendwie zu ködern oder zu manipulieren suchen. So was gibt es von beiden nicht. Sie lassen mich und meine Schwester einfach los, und sie kriegen das beide hin. Das finde ich toll. Vielleicht wüssten sie auch gar nicht, wie sie uns haben wollen würden. Sie haben da glaub ich beide gar nicht so ein festgelegtes Denken. Ich glaube, sie wollen einfach beide nur, dass wir gleucklich sind mit dem, was wir tun, und hoffen, vielleicht etwas zu zaghaft, das wir was draus machen. Doch wenn wir was machen, das unterstützen sie. Sogar so einen Spaß, wie in Argentinien verliebt in einem Hostal zu wohnen, machen sie mit! Wer weiß, vielleicht inspiriert das ja! Die Mama ist ja auch so ein Vogel, die liebt und lebt Ihre Hochs und Tiefs, und mein Vater ist auch noch mal in die Weite gezogen wie all die Jahre immer gehofft und nie vollbracht, und lernt eines der interessantesten Länder der Welt auch noch mal von einer anderen Seite kennen, als er sich es je erträumt hätte! Das muss ihnen erst mal einer nachmachen! Hut ab! Top notsch, sozusagen. So, der Apfel fällt also nicht weit vom Stamm, will er auch gar nicht. So, noch n paar Worte zum Abschluss. Die zwei Wutze sind meine Eltern, ob Single oder im Swingerclub oder auffem Mond. So lange es uns gibt, wird das so bleiben. Und da bin ich froh drüber. So, in diesem Sinne. Ich liebe sie beide sehr!
     
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