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So. Und jetzt zum viel cooleren Thema Heiraten. Das ist nämlich, wie Emilio und ich beschlossen haben, die einzige Lösung, die uns bleibt, um den Zoll im Schach zu halten, da die Bestechungsgeldzahlungen den eigentlichen Warenwert meiner Turntables bei weitem überschreitet! Damn. Aber wir sind gar nicht so ohne und lassen er uns nicht nehmen, zu extremen Mitteln zu greifen. Eine standesamtliche Trauung. Da fragten sich meine armen geplagten Altern natürlich schon, was denn in mir vorgeht. Das ist gar nicht so einfach, zu erklären, was diesbezüglich in meinem Kopf, Herz und Bauch abgeht. Da ist die Abenteurerin, für die das nur Mittel zum Zweck ist. Da ist die verliebte Kat, die sich darüber auch fast ein wenig freut. Und da ist die realistische Kat, die weiß, dass der Emilio und ich eine sehr interessante, stürmische und lehrreiche Beziehung führen, die über all das hinausgeht, was wir beide bisher kennengelernt haben, aber nicht exactly die Art von Beziehung ist, in der man tatsächlich von Hochzeiten und sich ewig Binden träumen möchte, einfach, weil ich das Gefühl habe, das würde gründlich in die Hose gehen. Wir trauen uns beide selbst nicht übern Weg. Er ist ja schon frühzeitig scheidungsgeschädigt (als er fünf war, ging der Vater weg zu ner anderen, die Mutter hochschwanger mit dem kleinen Bruder) und hat desbezüglich überhaupt keine Ambitionen oder romantische Tendenzen. Nee, es fühlt sich fast an, als sei er vor seinen eigenen Gefühlen auf der Flucht, aber das stimmt so auch nicht und wenn und wie das so wirklich ist, das kann er mir mal in Ruhe erklären, wenn er sich danach fühlt.
Auf jeden Fall bin ich selbst ganz und gar komisch drauf, wenn ich so darüber nachdenke, wie es denn ausschaut. Ich wollte eigentlich nie besonders viel Heiraten und dieses Familiezeugs angehen, einfach aus dem Grunde, dass ich mir nicht viel daraus gemacht hab. Dacht ich immer so. Nun aber, mit dem Alter und auch damit einhergehend, dass ich mir hier mal wieder aktiv und bewusst eine Realität schaffe, in der ich mich wohlfühle, fällt mir allerdings schon auf, dass ich nicht mehr so wild und abenteuerlich wie früher bin und mir gewisse häusliche Dinge mit Partner auch sehr gut gefallen. Wenn wir beide ganz gemütlich rumkruschteln und wühlen und machen und Musikhören und quaken, essen machen und durch die Gegend radeln, bin ich äußerst glücklich und zufrieden. Ich mag all das sehr. Also alles mehr so ein bisschen so Vorstufe zum Matrimonialen. Und so langsam merk ich auch, dass ich das gar nicht so schlimm finde. Doch da boxt auch immer wieder die Querulantin in mir rum. Deswegen fühl ich mich hier in der WG auch so wohl, weil sich jetzt endlich, auch durch die brennend heiße Sonne, dieses Urlaubgefühl einschleicht, das mir immer so gut gefallen hat, dieses "alles ist möglich"-Gefühl, dieses "man kann einfach so machen, worauf man Lust hat", es ist das Leben, dass man so leben kann, wie man selbst möchte. Denn wir werden geboren und sterben -, das kann man sich nicht aussuchen - und dazwischen steht all das, was man sich selbst aussucht.
Und ob ich mir jetzt aussuchen soll zu heiraten wegen zwei Plattentellern und der Möglichkeit, mit diesem Jungen zusammenzubleiben, den blöderweise tatsächlich immer noch keiner kennengelernt hat, aber mögen würde, wie ich glaube, das überleg ich mir gerade, und ich find's echt okay. Warum nicht. Tatsächlich hatte heiraten für mich immer mehr die Bedeutung eines Zweckbündnisses... Um Steuern zu sparen, hab ich als Kind oft gehört - das war in Deutschland der wahre Grund, denn eigentlich war Heiraten ja Establishment und deswegen völlig uncool. Das hab ich wirklich so in Erinnerung und hat bestimmt auch was damit zu tun, wie ich Ehepaare wahrnehme. Emilio hilft mir also, damit ich hierbleiben kann. Was hat das zu bedeuten? Er will das tatsächlich tun. Ist das Liebe? Oder eine dicke Freundschaft? Oder ein bisschen verrückt? Ein wenig dumm? Ich glaub, er meint es wirklich gut. Er kann sehen, dass ich auf der Suche bin. Ich suche auch die Liebe und die tiefe Freundschaft, und das habe ich ihm auch gesagt.
Ich habe ihm gesagt, dass es für mich ein wenig mehr ist als "Huch, naja, danke fürs Trauen, tschüß, und wenn ich mich scheiden lassen will, meld ich mich". Und das ist wohl okay. "Eine Garantie für die Zukunft kann keiner geben." sagt er, recht hat er. Kann keiner. Meine Mama nicht. Mein Papa nicht. Sein Papa, seine Mama nicht. Alle unsere Vorbilder nicht. Dennoch: Ich war ganz aus dem Häuschen, auch wegen der Reaktionen meiner Familie (die wahr, Anm. der Autorin, wie folgt: "Machst du das denn nicht aus Liebe?"), und habe daher ein wenig rumgestresst im Standesamt, in dem wir ja waren, um uns zu erkundigen, wie das denn theoretisch laufen würde.
Die Zeit ist knapp. Ab dem 23. Dezember krieg ich Stress wegen der Kisten, dann läuft meine Frist aus. Am 19. könnten wir heiraten... Haut genau hin, wischen wir dem Zoll eins aus. Die waren übrigens diejenigen, die uns gesteckt haben, dass das das einzige ist, was uns nun retten kann... Emilio hat heute, dann im Amt, als ich bedenklich gestimmt und etwas gequält mein Inneres nach Außen kehrte, auch zum ersten Mal so richtig angefangen, nachzudenken. Seine Steuern und Versichungsangelegenheiten sollte er mal prüfen, das hat er erkannt. Er ist kein großer Planer. Die gesetzlichen Verpfichtungen eines Ehemannes kennt er nicht. Eine fiese Frau vom alten Schlage könnte so eine Naivität ausnutzen. Aber er ist auch kein Trottel, der solche Menschen anzieht. Er hat ein gutes Gespür dafür, wer es ernst mit ihm meint.
Naja, ich halt. Ich hab ihm das auch gesagt. Hab ihm gesagt: "Erkundige dich. Ich erkundige mich deswegen ja auch, bei dir. Ich will wissen, wie die Herzeslage ist." Ich bin keine saloppe Exundhoppmietze, obwohl ich auch in vielerlei Hinsicht offen und neugierig bin. Aber dann doch eben ein Produkt der Ehe meiner Eltern. Ich mag das Gemütliche, Häusliche mit einem Partner, das Teilen und das Entspanntsein, und mir liegen die Keinerlei-Verpflichtungen-Eingehen-Beziehungen nur bedingt. Hatte zwar immer mal wieder wilde Phasen, in denen mir das mit offenen Karten Spielen zuwider war und ich gelogen und betrogen hab. Weil es sich einfach gut anfühlte, seinen Trieben zu folgen und dadurch sein Ego immer wieder bestätigt zu finden!
Jaja! Ich glaube, davon hat Emilio ein wenig in sich stecken, oder zumindest behauptet er das manchmal, und dann fühle ich mich ganz still und erschreckt, weil ich mir einen solchen Partner eigentlich nicht wünsche! Es aber verstehen kann, denn manchmal fühle ich mich, als hätte mir der Ben mit seiner moralischen Verliebtheit meine Wildheit abgewöhnt, und als befände sie sich noch irgendwo, unterdrückt. Ich mag meinem Herzen folgen dürfen und möchte keinem Rechenschaft schuldig sein, aber ich mag es auch nicht, wenn ich fühle, dass einer Person tatsachlich nur die eigene Trieberfüllung wichtig ist. Wenn man auf seinem Egotrip über Leichen läuft, Menschen verletzt und blutend links und rechts liegen lässt auf der Straße zum eigenen Glück. Das kann ich aber beim Emilio nicht fühlen. Ich fühle mich, als ob er es auch aus Liebe tut. Aber wie die Liebe für den einen ist, ist sie vielleicht nicht für den anderen. Aber das widerum darf keine Rolle spielen, man muss in diesem Sinne tatsächlich aus eigenen Motiven handeln und nicht berechnend und nicht wegen des anderen.
So, nachdem ich dies alles aufgeschrieben habe, bemerke ich doch, dass sich bei mir Gelassenheit einstellt. Ich werde schon sehen, was passieren wird. Das ist die Story, die mein Leben schreibt. Ich spiele. Ich mag es, mit offenen Augen auf die Dinge zuzugehen, aber manche Dinge kann man nicht voraussehen. Ich weiss nicht, wo ich in zwanzig Jahren bin, aber ich hatte heute im Amt eine Vision. Ich sah mich herumwuseln, wieder ein neues Abenteuer probieren, diesmal nicht als Technoschreiber, sondern weiss Gott irgendwas, und da fühlte ich auf einmal die Leere dieser Orientierungslosigkeit, die ich mit Freiheit verwechsele, manchmal. Ich will ein Ziel haben und darauf hinarbeiten. Ich fühle, dass das das ist, was ich hier lerne. Hier in Argentinien. Oder durch Argentinien. Und darüber möchte ich weiter philosophieren, und deswegen heirate ich. So. Das ist es.
Und ich habe eigentlich gedacht, dass ich hier nach Argentinien komme, mit all meinen Schallplatten, um damit hier was zu bewirken. Was das ist: Ein ungezwungener Umgang mit einem Medium wie der Musik, was die Leute verbindet, mich mit den Leuten verbindet, meine Realität mit meinen Vorstellungen verbindet. Ich komme langsam drauf, wie das funktioneren kann, jeder klitzekleiner Schritt in die Richtung ist eine Bewusstwerdung, eine Erkenntnis. Deswegen brauch ich die Boxen und die Plattenteller. Ich will gerne was machen damit und dieser Prüfstein meiner Motive - in Argentinien bleiben, richtig arbeiten, Fuss fassen, Sprache lernen - macht es geradezu offensichtlich! Will ich das wirklich? Denn nur so geht es. Es gibt keine halben Sachen. Ein bisschen Argentinien. Ein bisschen heiraten. Wer alles will, muss auch alles machen, alles geben! Das will ich. Das Zauderige in mir tut mir auf die Dauer nicht gut.
Wenn mich andere oder Tatsachen zurück auf den Fussboden holen, ist es okay. Anders ist es, wenn man sich durch Zweifel seine eigenen Träume kaputtmacht. Man ist ja der Regisseur seines Lebens. Und kann eine Tragödie fahren, obwohl einem nie wirklich etwas Schlimmes passiert ist. Man kann alles erreichen. Sich selbst zum Alkoholiker machen, zum Soziopath. Zum Millionär. Zum Weltmeister in Yoga. Das steht einem frei. So, und ich will halt ein Leben haben, über das ist am Ende ein Buch schreiben kann, weil ich meine eigene Story so spannend finde. Verwunderlich. Voller Erkenntnisse, kleiner wie großer. Nachdenklichen Momenten. Große Gefühle. Tiefe Abgründe. An denen ich immer nonchalent vorbeisurfe. Und vieler überraschender Drehungen und Wendungungen. Sieben Leben. Immer auf den Pfoten landen. Auf der Straße. Immer wieder in Geborgenheit. Auf Bäumen sitzend. Beobachtend. Ein Katinkatzenleben halt.
So. Jetzt fühl ich mich wieder in Balance. Ich liebe es ebenfalls zu lieben, und es fällt mir leicht, mein Vertrauen einem anderen zu schenken. Ich bin noch nie besonders viel enttäuscht worden, und wenn, dann zu recht. Denn manchmal gibt man seine Liebe aus Berechnung, weil man selber Liebe will. Die Rechnung geht bloß nicht immer auf. Aber ich kann sagen, dass alles, was man tut, weil man aus ganzem Herzen dran glaubt, eigentlich immer gut geht. Und selbst wenn nicht, im klassischen Sinne. Es ist eine Erfahrung. Angenommen, der Typ ist nicht das, was ich mir heute überlege, voller Liebe, macht das auch nichts. Die Liebe, die ich in mir habe, ist das eigentliche Glück! Genieße es, denke ich mir! Man hat diesen Zustand nicht immer und nicht für allzulange, aber diese Momente steuern die Stritte in die Zukunft. Und wer aus Liebe handelt, handelt anders, als jemand, der aus Hass handelt. Hass wird Hass erschaffen, und Liebe erschafft Liebe. Und das find ich ist schön. Das Leben ist schön.
Das Leben ist keine Modenschau, aber wenn einer für einen schön ist, ist er schön. Punkt. Emilio lag heute schlafend auf dem Bett, ich hab meine Zehennägel lackiert, in der Sonne nach der Morgendusche, und da lag er in seiner Anzughose für die Arbeit, wo er dann doch nicht hin ist, weil er auf die Polizei gewartet hat, die ihm unser Meldungszeugnis persönlich vorbeigebracht hat (auch um zu checken, ob wir wirklich Av. Cordoba 3540 wohnen - wir sind uns da selbst nicht so sicher, aber da wir der Polizei diese Hausnummer genannt haben, haben wir sie dann auf Papier gemalt und an die Tür gehängt. Das brauchen wir zum Heiraten, das Zeugnis), und hatte darin einen dermaßen schönen Hintern, dass mir das Herz übergegangen ist. Wir haben gestern abend ordentlich Wein getankt und sogar redend und lachend die Dachterrasse eingeweiht. Es war der Geburtstag eines Mitbewohners aus Irland, der Niall ist jetzt schon 24! Und bei der Gelegenheit hat mir der Oscar, Chilene erklärt, was für eine Wirkung die Pinochetdiktatur auf die Musiker in seiner Heimat hatte, die das Land in Scharen verlassen mussten, weil sie die Wahrheit gesungen haben. Der Chile ist hier, um seine Instrumentenbauausbildung abzuschließen. Irgendwie ist das alles wahnsinnig spannend, der Emilio blüht auch auf in so einer Atmosphäre und so rasen wir mit den Rädern durch die Stadt und lernen das Leben erneut kennen. Ich hab ein gutes Gefühl. Es wird eine gute Erfahrung werden, die ich hier mache. Ich vertraue dem Leben. So, nun habe ich wirklich alles gesagt, was es zu sagen gibt.
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