14.09.2005

Sprache ist Musik und Musik ist Sprache










Neulich haben Emilio und ich entdeckt, dass der Rhythmus der Sprache im Spanischen ganz anders ist als im Deutschen. “Klar ist das so”, werdet ihr jetzt sagen, und irgendwie war mir das vorher auch schon bewusst, mehr oder weniger. Die Betonung der Silben ist anders. Das erzeugt den Rhythmus einer Sprache. Nun kommt aber eine weitere Erkenntnis, zu der wir dadurch gelangt sind, dass wir angefangen haben zu singen. Dabei wurde deutlich, dass auch die Rhythmen der Musik sich unterscheiden. Klar, wenn man an Flamenco denkt und die Takte mit denen des deutschen Schlagers vergleicht, dann kommt man relativ schnell zu dem Ergebnis, dass man in Spanien zu einem anderen Beat tanzt, uns die dort geläufigen Rhythmen viel komplexer erscheinen.

Emilio und ich haben angefangen mit Klatschspielen, wie in der Grundschule, und herausgekommen ist dabei, das tatsächlich der Rhythmus der Musik mit dem der jeweiligen Sprache des Landes übereinstimmt. Das ist ja wohl abgefahren. Da fragt man sich in dem Kontext sofort, was zuerst da war und die Entwicklung des anderen diktiert hat, aber dieses Huhn-und-Ei-Denken ist recht quatschig. Weil die Antwort auf der Hand liegt. Sprache ist Musik und Musik ist Sprache. Was wir ganz klar trennen, ist anderswo immer noch eins.

Zum Beispiel dort, wo Geschichten und Traditionen mündlich überliefert werden. In Afrika und anderswo. Nicht nur lesen kann man den Koran, sondern auch singen. Gesungen erinnert man sich sogar leichter an Fakten, zum Beispiel an Straßennamen, einfach, weil man die abstrakten Teile der Information mit etwas Emotionalem verbindet. Gestützt durch den Rhythmus, dem Beatgerüst der Information. Flicht man die durch Worte gepowerte Information in dieses durch die Eigenheiten einer Mundart oder Sprache diktierte Skelett ein, entsteht ein Flow, den man auch als Singen bezeichnen kann.

Viele Menschen, die noch nicht völlig passifiziert sind, von dem Blinken und Bleepen der immer Aufmerksamkeit fordernden Entertainment-Beschäftigungstherapie-Apparaten völlig weggezonkt, vertreiben sich zum Beispiel lange Busreisen durch singen. Das geht für Menschen, die das von klein auf tun, erstaunlich einfach. Einer tunt sich einfach ein in den Groove, singt einfach alles, was ihm durch den Kopf geht, die anderen stimmen ein und führen den Song fort. Mit Worten und Rhythmus mixen sie sozusagen live some good vibrations zusammen. Jajajaja.

Rhythmus. Laut einem Mitglied des ominösen Spiral Tribes, Mark, der Grund, warum elektronische Tanzmusik solch eine hypnotische Wirkung auf uns hat. Bei elektronische Musik, sagt er, liege die Betonung nicht auf der Melodie, sondern auf dem Rhythmus. Seit Anbeginn der Menschheit ist der Rhythmus das Hauptelement, auf den die Musik – Harmonie, die durch Rhythmus diktiert wird – der meisten Kulturen aufbaut. Nur in der westlichen Welt, so argumentiert er, hat sich die Balance verschoben, weg vom rhythmusdiktierten Groove und hin zu Strukturen, in denen Harmonie durch Melodie diktiert wird. “Wer sich durch die Musikgeschichte wuselt, stößt irgendwann auf Stravinskys “The Rite of Spring”.

Hier wird zm ersten Mal seit zwei- oder dreihundert Jahren wieder der Rhythmus zelebriert, auf dem alles andere aufbaut. Das Stück wurde zum ersten Mal 1913 aufgeführt, und eine Menge respektable Führungspersönlichkeiten fanden sich bei der Uraufführung ein. Als die Menschen diese Musik zu hören bekamen, fingen sie aus lauter Wut an, das ganze Gebäude zu demolieren. Rhythmische Musik galt nämlich seit Jahrhunderten als Teufelsmusik.” Es lag wahrscheinlich an der Unterdrückung der Impulse – nach der konkreten Freisetzung ungezügelter Rhythmus-Energien konnten die Zuhörer in ihren Fräcken und steifen Röcken sie nicht durch wildes Tanzen umsetzen –, dass die Stimmung umschlug und in Zerstörungswut gipfelte. Beispiele wie dieses beweisen: Die Menschen in der westlichen Welt unterdrücken mit ihrer Sehnsucht nach Ordnung den eigentlichen Flow und kreieren damit noch viel extremere Ausbrüche von akutem Chaos.

Kommen wir zurück zur Sprache, die laut Oberlehrerpolitikern eigentlich keiner mehr “beherrscht”. Nicht, dass wir alle lallen, weil wir konstant die Kontrolle über unseren lappen verloren haben, aber mit der Bildung isyt es trotz top Schulsystem überhaupt nicht mehr weit her (was eigentlich beweist, dass Schule kontraproduktiv ist). Wir sind dem Rhythmus unserer Sprache gegenüber leider nicht besonders sensibilisiert. Wir müssen uns zwar im Deutschunterricht einmal in unserem Leben durch Wortkolonnen quälen, die sich dann als Daktylen oder dreifüßigen Trochäen entpuppen – Rhythmen unserer Reime, die schon im alten Griechenland zur Sprache kamen und seitdem, gelabelt und klassifiziert, unser deutsches Kulturgut formen. Leider sagt uns das dann leider absolut gar nichts. Schade! Die Vorstellung, aus lauter Freunde an Gesang und Wort mit meinen Freunden Goethe im Bus zu rappen finde ich äußerst geil. Leider wird einem die Freude an Dingen und das Zelebrieren in unserer Kultur nicht vermittelt. Vielleicht dank des seit den Jahrhunderten eingetrichterten Hasses: Teufelsmusik, Techno, ist doch alles das Gleiche! Ein Diss also an die Hasser! Naja, mehr aber auch nicht. Will mich auf das Schöne konzentrieren.

And not all was lost. Wissen macht Spaß. Ich wollte also dem Emilio erklären, was Silben seien, weil er das Konzept nicht kannte, dem Namen nach. Die Klatschspiele aus der Schule kannte er aber, Silben auch, bloß das Wort “syllable” nicht. Da ich zugleich highlighten wollte, wie langatmig Deutsch auch für Deutsche ist, wir Worte bilden, in dem wir Substantive aneinanderkleben, die dann gegebenenfalls durch Dative oder Akkusative, Fälle, von einander abgegrenzt werden, Wortketten eben, habe ich “SCHO-KO-LA-DEN-FA-BRIK-AR-BEI-TE-RIN” gewählt. Zehn Silben. Das Wort konnte der Exfreund meiner Schwester RÜLPSEN und ist mir deshalb immer lebhaft in Erinnerung geblieben. Außerdem soll es, laut dem Exfreund, das längste Wort der deutschen Sprache sein, wenn man nicht anfängt, über Worte wie “Sondereinsatzgremiumsbeauftragtenspezialistabgeordnetenhausspezialleiteroberbefehlshaberlandtagsmitgliedskommittee” oder so etwas Politikdeutsches zu philosophieren.

Wohingegen Emilio erst mal nicht in den Genuss der eigentlichen Bedeutung von “Schokoladenfabrikarbeiterin” kam, ließ er sich doch das Wort an sich mit sichtlicher Freude eines Menschen, der Freude daran hat, etwas zu lernen, zu begreifen, auf der Zunge zergehen. Aufgrund der Tatsache, dass er so interessiert war, gelang es ihm, den Klang meiner Sprache genauestens zu kopieren, anstatt das Wort abzulesen und in seinem Rhythmus und in seiner Mundart völlig falsch zu betonen. Das Ergebnis war das schönste “Schokoladenfabrikarbeiterin”, das mein Ohr je vernommen hat. Mir ging das Herz über, und ich verliebte mich auf der Stelle. Wieder in Emilio, den schönsten Menschen der Welt, und auch in die deutsche Sprache, die in seinem Mund, nicht verstümmelt oder gar karikiert klang – wie so oft passiert, wenn ich, in England lebend, ein hitleresk zischendes Geschnarre, das meine Muttersprache sein sollte, entgegengeschleudert bekam, mit dem Hinweis, mein Gegenüber könne ja Deutsch: Von Emilio kam aber kein “Chnkrchznktrrrrrrrr”, sondern eine weiche, schöne und runde “Scho-kho-ladn-fabriek-abeiterinn” und war echt gerührt.

Der einfache Grund, warum sich aber wohl Sprachen wie Englisch durchsetzen werden? An der Kultur kann es ja nicht liegen &61514;. Nein: In der Kürze liegt die Würze. Keine Sprache der Welt besteht aus so vielen einsilbigen Worten wie das Englische. Wo man woanders, im spanischen Sprachraum, bis zu drei Silben aussprechen muss, ist man woanders schon mal mit einmal Klappe aufklappen bestens bedient und hat den Punkt rübergebracht. Man ist also schneller und kann mehr Information in der gleichen Zeit vermitteln. Und das ist ja eines der schönen Paradoxe der modernen westlichen Welt. Auf der einen Seite liebt man es, Zeit zu sparen und Gewinne zu maximieren, auf der anderen Seite investiert man das so Ersparte und Erwirtschaftete, in dem man es für Unwesentliches verplempert und verfaulend verfettet. Tja, ist auch ganz schön öde, das ewige Gewinnen non stop.

Auf jeden Fall, ob schön und rund oder Konsonantenterror a la “Chnnachkrchnchzg”, als Kind eine Sprache zu lernen macht viel viel mehr Spaß. Warum? Weil man alles so unbewusst, so spielerisch begreift. Aus dem einfachen Grund, dass man sich nicht den Kopf darüber zerbrechen muss, wie man jetzt “far beyond driven” ins Spanische übersetzt. Die höhere Bedeutung von “driven”, getrieben, geht einem doch als Achtjähriger komplett am Arsch vorbei, weil man noch nie von irgendetwas getrieben wurde, seien es Motivationen oder Dämonen.

Und auch “far beyond driven”, beziehungsweise der Zustand, der dem ganzen nahekäme, existiert einfach nicht. Insofern hat man ganz dolle Spaß mit der eigentlichen Bedeutung, fahren, beziehungsweise “gefahren werden”, und alles ist gut. Wir Erwachsenen hingegen mit unseren verstahlten Köpfen würgten uns mit der Bedeutung einen ab, erfolglos, leider, landeten schließlich bei besagter Schokoladenfabrikarbeiterin beziehungsweise bei deren spanischem Equivalent, der “O-RYN-GO-LA-RYN-GO-LO-GI-A” – man bemerke hier verzückt den komplett verschiedenen Rhythmus, 4/4 vs. 2/4, der sich eben auch in der Musik widerspiegelt – und das alles wegen einem zugegebenermaßen sehr herausfordernden Pantera-Album. “Far Beyond Driven” heißt es und sei hiermit jedem ans Herz gelegt, weil der unorthodoxe Gebrauch von Dime Darells E-Gitarre als Geräuschmaschine und der Stimme von Phil Anselmo als rhythmusgebendem Instrument im Kontext von Heavy Metal wirklich einzigartig ist.

So viel zum Thema.




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