17.08.2005

Eiscafe Cristallo








Die Frau ging durch Tür und verließ das Haus. Sie folgte ihr unmittelbar. Sie sah jetzt, dass die Frau sehr alt war. Ihre schnellen Schritte, die dumpf hinter ihrem Rücken pochten, machten der Alten Angst, denn ihre Schultern zogen sich hoch und sie bewegte sich hastig. Revanche. Zuvor hatte die Frau sie erschrocken. So sehr, dass sie schlagartig aufhören musste zu pinkeln. Dabei war sie gerade in Fahrt gekommen. Sie hatte pinkeln müssen, seitdem sie in die Wohnung kam, dort hatte sie sich aber nicht getraut, das Zimmer zu verlassen und aufs Klo zu gehen. Die Anspannung war zu groß. Doch vor der Tür war alles zu spät. Sie musste! Dicht wie sie war, kroch sie nun unter den Treppenabsatz ganz unten im Keller. Ließ die Hose runter und fing volle Lotte an zu strullern, direkt neben den Fahrrädern im Keller. Dann: Schritte, die durch das Treppenhaus hallten. Jemand kam. In ihrer Kauerstellung konnte sie jetzt die Beine der Frau sehen, nicht wissend, dass sie nicht herunterkommen würde, und der Anblick ängstigte sie so, dass der Urinstrahl versiegte. Das Treppenhaus war grau, spießig grau, viel zu grau, und als sie vom vierten Stock abwärts gerannt war, war ihr aufgefallen, dass jeder Absatz an einem Fenster aus Milchglas endete, und davor immer drei immergrüne Gummipflanzen. In immer anderer Variation. Vier Stockwerke. Oben, in der Wohnung, hatte sie nur zugehört. Nichts gesagt, bis sie fluchtartig die Wohnung verließ. Schließlich hatte sie es nicht mehr aushalten können. „Pass‘ auf dich auf, Benno“, hatte sie leise gesagt und die Tür noch leiser zu gezogen, wegen Mimi, die, kaputt vom freitagnächtlichen Exzess, den ganzen Samstag und Sonntag verschlief. „Ich muss weg“, hatte sie schließlich herausgebracht. Hatte versucht, zum Abschluss noch irgendwie etwas zu sagen und tatsächlich ein gequältes Lächeln hingekriegt. Zwei Tüten hatten sie zuvor geraucht – den Rest haben Tobi und Benno in jeweils einer Bong verballert – und Saft getrunken. Das Gehirn war etwas langsam. Doch was lähmte, war die Angst, die in ihr hochgekrochen war.

„Meine Schwester kommt mich morgen besuchen, meine kleine Schwester“, hatte Benno gesagt. „Zwei Jahre jünger als ich. Sie war mal dabei, drei Tage lang, Mann, drei Tage. Nicht geschlafen. Vier Stunden getanzt wie nichts, nur abgefeiert. Kannste dir das vorstellen? Nur richtig powern, ohne Unterbrechung, für vier Stunden?“ Er hatte dies nur noch gezischt, oder war es ein Krächzen? „Hardcore... Das ist Crystal! Crystal. Es gibt nichts Besseres.“ Sie hatte zu diesem Zeitpunkt hochgeguckt und den Gesichtsausdruck, den beide nun innehatten, gesehen. Sieh dachte: „Ist es das Gras? Ich freake aus. Nein, oder doch?“ Die beiden Gesichter – Tobi genauso wie Benno, sahen so hooked aus, so gierig, so unersättlich, dieses Glitzern in den Augen… Und sie wusste ja schon lange, dass dieses Gespräch nicht mehr witzig rüberkam. Der Realitycheck zwischendurch mit Tobi hatte ihr gut getan, aber nun sah sie, das auch seine Realität nur bedingt mit ihrer übereinstimmte. Dass Bennos Realität nicht ganz der ihren entsprach, das war das Ergebnis dieses kurzen Checks mit Tobi, der stattgefunden hatte, als Benno kurz den Raum verließ, um Mimi eine Puddingschnecke hinzulegen – zum Frühstück. Tobi hatte gewispert: „Er muss es loswerden.“ Sie hatte genickt. Soweit lief es okay. „Er wird es los.“ Sie war immer noch so platt von der Party, dass sie nur in seine Augen reingeschaut hatte und es alles rausgekommen war aus ihm. Sie war so auf E gewesen, dass sich angefühlt hatte, als ob sie sein Inneres ausleuchten könnte, erhellt durch dieses Scheinen, das aus ihr rauskam. Das Scheinen, das in das Herz aller Leuten reinstrahlt und das Dunkel erhellt durch diese grenzenlose Gute, dass nur pures E bei einer unverbrauchten Seele hervorbringen kann.

Als sie vier Stunden vorher den Club verlassen hatten, war es schon hell gewesen, und sie mussten sogar an einer Polizeikontrolle vorbei. Die wachsam in der Mitte der ruhigen Industriegebiet- Schrägstrich Wohnstraße postierten Männer hatten sie nicht weiter aufgehalten, obwohl sie sich schon Sorgen gemacht hatte. Denn ihre neuen Freunde waren genau von der Sorte, die hier in Bayern regelmäßig genüsslich in der Luft zerrissen werden von den Grünen. Zum Frühstück mit Haut und Stachelhaaren verspeist. Und wieder ausgespiehen. Schlaghose, Halsband. Kajalstrichaugen. Der Null-Acht-Fünfzehn-Raver-Style. Aber das waren nur Äußerlichkeiten, Kosmetik sozusagen. Nur dumme Bullen und faschistische Politiker halten sich an so was auf. Doch da war noch etwas anderes. Etwas, was in Bennos Falle nicht nur das geübte Auge sofort spottet, und das eigentlich sofort zum Arrest führen müsste, inklusive hundert Jahre Jugendknast und Züchtigung. Dass es überhaupt so weit kommen konnte! Da hätten schon Vati und Mutti nach dem aufmerksamen Lesen des Tagebuches eingreifen müssen. Das Indiz für einen gefährlichen Lebenwandel: Das sehr ungesunde Aussehen. Denn der Benno war nicht nur ein sehr dünner, abgemagerter Raver, sondern auch ein sehr weißer. Vielleicht wirkte er schon zu krank für die Bullen. Vielleicht ließen sie uns deswegen in Ruhe. Denn der Benno hatte zwei lange Narben an seinem dürren Hals. Auf jeder Seite eine. Von knapp unterhalb der Kinnes bis fast zum Schlüsselbein. Ein Aussehen, das im Tageslicht definitiv Aufmerksamkeit erregte, unter anderem auch ihre. Auf der Party, wo sie ihn durch Mimis Freund Tobi kennenlernte, hatte er normal ausgesehen, auch wenn die Narben im Strobolicht mattsilber geleuchtet hatten. Na und? Es war ihr egal gewesen. Es war ihr auch jetzt noch egal. Auf der Party war sie so drauf gewesen wie schon lange nicht mehr, sie flog, sie war im Club herumflogen, alle Leute strahlten, mitten drin sie. Und hatte noch mehr gestrahlt. Vorhin hatte sie Tauschgeschäfte betrieben, Chai gegen Kippen, Chai gegen Lächeln, Kippen gegen Gespräch, all das läuft, wenn der Mensch an das grenzenlos Gute glaubt – man braucht überhaupt kein Geld…

Als sie Bennos Wohnung getraten, hatten sie geflüstert, weil Mimi schlief, und es war Benno, der die ganze Zeit geredet hatte. Über das Crystal. Darüber, dass sein bester Freund Kevin ihn nie besuchen gekommen war. Sie hatte in diesem Moment einen Gedanken: „Wenn dein bester Freund nicht gekommen ist, konnte er vielleicht den Anblick nicht ertragen. Ich weiß nicht, ob ich es gekonnt hätte.“ Benno hatte erzählt: „Er kam erst am letzten Tag – weil ich ihn habe wissen lassen, wie beschissen ich‘s fand. Obwohl ich immer ins Krankenhaus gefahren bin, jeden Tag war ich Kevin besuchen gefahren, meine ganze Urlaubs- und Überstundenzeit ist so druffgegangen.“ „Wieso warst du denn eigentlich im Krankenhaus?“ fragte sie mit weiten Augen die Frage der Fragen. „Schwächeanfall – auf der Donnersberger Brücke bin ich zusammengeklappt. Das war fünf Tage, nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden bin, wegen dem hier.“ Er zeigte auf seinen Hals. Schon klar. „Was ist dann passiert?“ fragte sie. War sie am Trippen? Sie fühlte sich langsam so, als ob das Ganze beabsichtigt war. Als ob er sie behutsam lenkte, damit sie genau die Fragen fragte, die sie fragte. „Als ich umgekippt bin, bin ich so aufgeschlagen, dass ich meine rechte Gesichtshälfte komplett zerschmettert habe. Komplett zermatscht, das ganze Gesicht.“ Er rannte aus dem Zimmer. Sie blieb zurück, denkend, schlussfolgernd. Aha. Es fiel nicht sofort auf, und sie hatte sich schon gewundert, ob es an den Drogen lag, dass sein Gesicht aus einem Winkel fast engelhaft schön war und aus dem anderen einfach nur absolut deformiert wirkte. Wie falsch zusammengesetzt. Verschoben, zertrümmert… Aber dennoch kaum sichtbar. Benno kam wieder rein. Er hielt einen Bogen in der Hand. „Aber das haben die echt gut wieder hingekriegt,“ sagte sie: „Ein Freund von mir hat sich nur den Kiefer gebrochen, und hat jetzt für immer ein schiefes Gesicht. Du nicht.“

Sie guckte ihn an. Er schob den Bogen vor seinen dünnen Körper, lief zum Fenster und hielt ihn dagegen. Es war ein Röntgenbild – Querschnitte von seinem Kopf. „Warst du in so nem Rohr – Tomographie oder wie man das nennt?“ fragte sie. „Ja, war ich. Guck, hier, siehste das?“ – „Ja, klar, ich seh‘s. Mann, da war ja alles kaputt.“ – „Richtig. Alles.“ Er sprach weiter. „Hier, guck mal das an, hier – kannste das erkennen?“ Sie nickte. Überall Splitter, wo ein Wangenknochen sein sollte. „Das waren meine Nasennebenhöhlen, sind ganz voll mit Blut gelaufen. Die mussten da eine Ballon reinschieben und aufpumpen, damit nicht alles zusammenfällt. Die haben mir insgesamt sechs verschiedene Antibiotika gegeben.... Das war echt der Hammer – sechs verschiedene, da mussten sie so aufpassen...“ „Wieso?“ fragte sie. „Weil ich auch noch ne Penicillin-Allergie habe.“ Er war wieder in der gleichen Abteilung wie die Woche davor: „Die Leute kannten mich alle schon. Die haben mich alle wieder erkannt.“ Sie sagte – der Gedanke kam ihr auf einmal – leise: „Du hattest ein Heer von fünfzig oder hundert Leuten, die für dich arbeiteten, die daran arbeiteten, dich am Leben zu erhalten...“ Sie hatte es so leise gesagt. Er hatte es trotzdem gehört und flüsterte: „Ich bin froh, dass ich lebe.“ Das hatte er gerade schon gesagt. Tobi und er redeten jetzt wieder über Crystal. Tobi lehnte sich vor: „Weißt du, wann wieder was reinkommt? Wenn was reinkommt, denk‘ an mich. Endlich wieder Crystal!“ Er lehnte sich vor. „Benno, weißt du, wie viel ich plattgemacht hab in den letzten zwei Wochen? Fünf G! Bei mir fühlt sich das auch schon so komisch an im Hals. Hab‘ ich dir schon erzählt, nicht, Lena?“ Ja. Hatte er. Hatte sie aber nicht gecheckt. Nicht in dem Kontext. Sie checkte gerade überhaupt nichts mehr. War das wirklich wahr? Sie hatte Angst. Wie konnte man fast sterben und dann einfach so weitermachen? Tobi fing an zu geiern: „Mann, haste das gehört? Ich war so fertig, ich war so fertig! Ich habe die ganze Zeit geglaubt, dass ein Colafleck hinter mir her rennt. Dass er mit überall hinfolgt! Dass er nie mehr verschwindet! Weil er immer da war, wenn ich runtergeguckt habe. Er lag da, und sobald ich los lief, folgte er meinen Füßen, ganz dicht. Bloß auf Treppen war er nicht da. Aber wie soll das gehen? Wie soll denn ein Colafleck ne Stufe aufwärts fließen?“ Benno kannte die Geschichte, er lachte sich fett! „Es war sein Schatten, Mann!“

„Ich bin froh, dass ich lebe“, hatte er gesagt. Ob das wahr war? Vor dem Bahnhof versiegen ihre Tränen langsam, aber das Würgen im Hals ist immer noch da. Wie es sich wohl anfühlt, wenn einem das Crystalspeed die Mandeln wegätzt? Wie es sich wohl anfühlt, wenn diese sich im Hals anlösen und in die Lunge gleiten, wo sie dafür sorgen, dass sie das System vergiften? Wie es sich wohl anfühlt, wenn man schließlich wegen akutem Schock zusammenbricht und man mit einer dicken Blutvergiftung und Lalülala ins Krankenhaus gebracht wird, wo einem im letzten Augenblick in einer Notoperation durch zwei fünfzehn Zentimenter lange Schnitte auf beiden Seiten des Halses die giftigen Klumpen aus der Lunge geholt werden? Vielleicht spürte man gar nichts? Sie weiss es nicht, sie würde es nie wissen. Aber sie weiß auf einmal, wie sich Verzweiflung anfühlt, die Art von Verzweiflung, die sich in einem breitmacht, wenn man merkt, dass es fast zu spät ist und man aus dem Schlamassel nicht mehr rauskommt. Sie rennt am Eiscafe vorbei Richtung Bahnsteig. Sie muss erst in die Innenstadt, um dann die S-Bahn raus in die Idylle zu nehmen, die ihre Stiefeltern unberührt nannten. Und sie muss nachdenken. Falls nicht eine gute Party dazwischenkommt und sie endlich wieder davonfliegen kann.



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