11.07.2005

An alle, nicht nur meine Mama










Also bleibst nur noch Du selbst, und Du kannst es, Dein Schicksal selber in die Hand nehmen. Das ist sehr viel Arbeit. Ich bin auch gerade schwer am Buckeln mit dieser Bürde, auch noch unabhängig vom gängigen Arbeitswesen oder geläufiger Gesellschaftsklischees, die sich in abgeschwächter Form auch in meine Kreise mit reinbewegen, ohne dass es mir oder den anderen bewusst ist, meine eigene Vision von einem Leben, wie ich es leben möchte, durchzusetzen. Und da ich manchmal gar nicht so genau weiß, wo ich die Barke eigentlich hinsteuern will und mir manchmal auch echt Zweifel aufkommen, ob ich das wirklich einfach so machen darf, weil ich mich selber bisweilen nicht mag und mir nichts zutraue, dann wird es für Dich auch nicht leicht sein. Aber es lohnt sich doch so!!!

Einfach mal in einem ganz anderen Bereich zu arbeiten wär doch was - hört sich zwar nach nix an, kann aber als alternativer Lebensentwurf auch sehr befreiend sein, und Befreiung ist eine wirklich schön relaxte Angelegenheit. Das denk' ich mir mitterweile. Bitte gib Dir die Chance, noch einmal völlig unvoreingenommen nach einem Job zu suchen, der Dir andere Perspektiven als eine totale Verkümmerung offeriert. So wie ich: Werde hier, da ich wegen nicht vorhandenem Arbeitsvisum noch nicht mal auf der Straße Zettelwerbung verteilen darf, mal ein bisschen Sprachunterricht machen, obwohl ich bezweifele, dass sich das in irgendeiner Weise lohnen wird und somit unter “Lebenserfahrung” eingestuft werden darf, weil ich ja noch Geld hab. Wie viel habe ich denn wohl schon ausgegeben von meinem Ersparten? Wird die Zahl mich schocken?! Ich hungere doch lieber, als dass ich hier prasse und somit meine freie Zeit verkürze. Also Leute, bitte nicht mehr beklauen und andere doofe Schicksalsschläge.

Denn: Ich will nicht mehr zurück! Mir gefällt das Leben ohne Horror. Die Leute hier tun meiner Seele gut. Der Emilio kann sehr sanft sein, nur, wenn ich auf typische Art unsanft bin, ist er noch unsanfter. Aber dadurch bemerke ich meine Erste-Welt-Ruppigkeit überhaupt erst. Die Leute hier machen keinen Stress. So wie ich als Baby, als ich nie weinen wollte. Das ist etwas, das man erst wahrnimmt, wenn man anfängt zu relaxen – und das tue ich jetzt so langsam. Ich komme klar. Und tauche ein. Das ist schön, denn ich glaube, das ist etwas, das meinem Wesen sehr einspricht. Heute zum Beispiel haben Emilio und ich zusammen Musik gemacht. Vorher haben wir eingelegte Oliven auf dem Markt gekauft, um dann, auf der Suche nach einem neuen Kessel zum Wasserkochen im organisierten Chaos von Tigres Wochenenddurchlauf von Städtern auf Ausflugstour herumzuwimmeln. Schließlich standen wir am Flufufer, um den Sonnenuntergang anzugucken, der wie auf einem barrocken Gemälde alles rotfärbend dramatisiert, so dass das ritualisierte Matétrinken der Familien etwas Apokalyptisch-Paradiesisches hat, weil alle so friedlich sind. Zu allem Überfluss spielte auch noch ein ernstguckendes Musikerduo Jazzklassiker im Ufercafé, während Speedbote die Wasseroberfläche in Fetzen rissen. Da soll einem nicht das Herz übergehen?

Eigentlich würde ich jetzt immer noch gerne Musik zusammenbasteln, aber ich hab 'ne Übersetzung für Raveline zu machen… Wenn die jetzt immer noch nicht zahlen, gibt’s morgen erst mal 'ne Warnmail. Die werden sich bestimmt in die Hosen machen. Ja! Aber die Rechnungen hab ich auch erst letzte Woche noch mal neu durchgeschickt. Mairechnung über 120 Euro inklusive, war nicht so üppig, der Monat, Juli schon und August wieder nicht so. September wird wieder fett, wenn alles klappt. Bin aber ein wenig leichtherzig geworden. Muss mich zusammenreißen, um an DJs Interesse zu haben. Wir machen ja hier zusammen Musik, also, das heisst, ich höre auch viel zu und lerne dadurch unheimlich viel, und da interessiert mich elektronische Musik auf einmal auf 'ner anderen Ebene und das ganze Businessgeschmudel eben gar nicht mehr. Fand ich eh schon immer anstrengend. Bin gespannt, wie ich mich weiter durchsetze in meinem Fach. Ich fühle, dass sich meine Schwerpunkte verschieben - die Faszination ist das, was mich weitertreibt.

Hier noch mal die Hausanschlussnummer (ruft mich ruhig alle an, ich freue mich auch über konkrete Besuchsandrohungen: 01071 - 2,9 c/min - 0054 11 47310348). Die hat sich irgendwie auch noch mal geändert, aber das Telefon geht jetzt. Der Pitbär hat mich schon angerufen, sehr besorgt, weil er seit drei Monaten Funkstille hatte. War wohl sein Limit. Daher ist der Vatermolch aus den Tiefen seines Teiches aufgetaucht und hat zum Hörer gegriffen. Ich war echt froh, von ihm zu hören. Er war auch ernsthaft an Argentinien interessiert, was cool war, denn die Nacht vorher bin ich auf der Lesung eines Fernsehjounalisten namens Bernardo Neustadter gelandet, der ein Buch voller Polemik veröffentlicht hat. Leider wurde nix gelesen, sondern der Typ nur von senen Homies mehr oder minder wortgewandt in den Himmel gelobt, das es nur so stank, und für ein neues Argentinien plädiert, das modern und fortschrittlich ist, so wie die toller Erste Welt, in diesem Fall eindeutig Europa (NORDamerika ist hier so was von out, da tut sich auch bei den Reichen nix. So richtig neoconnig ist eben nur die Öl-Waffen-Drogenkaste). Leider war nur die arg versteifte Alt-Geld-Elite am Start, und in den Köpfen der Leute tat sich rein gar nix. Nicht umsonst hieß die Veranstaltung auch "Denken Verboten - Prohibido Pensar". Hatte also auch Humor. Wie ein Stammtischheld stemmte sich der gute Bernardo, der auch schon mindestens 75 Jahre auf dem Buckel hatte, immer wieder ans Rednerpult, um die nichttrinkende und nichtnachtaktive Jugend zu preisen (wahrscheinlich diejenigen, die nicht unter dem sehr landestypischen Arbeitsmüdigkeitssyndrom, hier als "fiaka" bekannt, leidet). Ich wusste nicht, ob ich wegen meiner Sprachkenntnisse alles richtig eingeschätzt hatte, doch Emilio war ebenfalls ganz verstört, als wir frühzeitig aus dem Saal flohen, und schätzte die Lage ähnlich ein. Dass die Frauen alle aussahen wie hypernervöse, verbrauchte Heißblutrennpferde, die vor allem scheuen und nicht zu bändigen sind, wusste er nicht zu bestätigen. Dass er aber die argentinischen Frauen komisch findet, hatte er mir schon vorher mal erzählt. Die anderen Jungs aus seinem Studio stimmen ihm zu: Die seien zwar alle wunderschön, würden aber voll die genervte Unzufriedenheit ausstrahlen, dass man die schon gar nicht mehr anlabern wolle, weil man gleich eine Wucht von augenverdrehtem Abscheu entgegengeschleudert kriege. Die Jungs sind hier nicht so kontaktgestört wie die Chicas, die eben nur caliente aussehen, aber oftmals unterkühlt agieren (zumindest, bis man sie heiratet? Länger kann man das Spielchen der Unnahbaren doch nicht durchziehen, oder?). Doch dafür sind die Typen aber auch immer ganz überrascht, wenn man sich einfach nur ganz normal unterhält – “Dass man das mit einer so schönen Frau mit so schönen blauen Augen überhaupt kann”, kriegen sie nicht in ihre großäugigen, sanfthäutigen Schädel rein (die meisten haben wenig Bartwuchs und sind super suave im Gesicht, der Emilio auch. Die Frauen haben aber wohl mehr Haare, die sie sich aber wegwachsen lassen.).

Nun ja, nun bin ich also hier im darkeren Cyber namens Morpheus, das ist ein Internetcafe von Tigre. Im anderen, dem namens Casa Azul, spielen sie immer relaxten Rock und Jazz, hier fetzt Punk und Hardcore aus den Boxen, die kleinen zockenden Jungs tragen Schwarz und Eyeliner und ich grins' mir einen, obwohl ich gleich noch arbeiten will/muss/kann/darf. Mach' ich dann mal wohl, während der Emil unseren Remix weiter aufpeppt. Ich glaube echt an ihn, der macht das. Ich freu' mich. Wir haben übrigens einen neuen Mitbewohner, der unser Zwangsgefüge mit der Debora (die meines Erachtens das Geld nicht gestohlen hat. Es war wohl eher der etwas kokainsüchtige Nachbar Guillermo, der erst seit heute wieder arbeitet, weil er mit meinem Geld einen Monat ohne Autos-in-unserem-Garten-einparken-und-dafür-Geldnehmen ausgekommen ist, aber da das alles spekulativ ist, zerbrech ich mir nicht den Schädel, welchem Arsch ich die Krätze wünsche), mit der die Beziehung seit dem Diebstahl meiner Kohle erheblich abgekühlt ist (Emilio hat sie eiskalt als Täterin eingestuft und das hat seine Haltung ihr gegenüber sehr ablehnend aussehen lassen. Das kann er gut, so was. Macht ihm sein Leben auch nicht einfach.), wieder ein wenig auflockert. Nun haben wir eben auch noch den Manuel hier wohnen, einen 24-jährigen Drummer mit nur einem Bein. Das andere haben ihm Polizisten nach einem Autounfall mit in paar Rasern in Stücke geschossen, weil sie ihn für einen flüchtenden Gangster gehalten haben. Dabei waren das reiche Kinder, die nach einer Verfolgungsjagd mit den Bullen in sein Auto reingerast sind. Nun ist er leider manisch-depressiv, trotz gewonnnen Gerichtverfahren und Kompensation, und kann irgendwie mit sich nur manchmal klarkommen. Er ist sehr intensive, da muss man sich dran gewöhnen, aber mir gefällt der Kerl, weil er der Einzige ist, der mich volllabert, auch wenn ich nix checke, und ich ihm manchmal impulsiv auf Englisch anworte und er nicht mal mit der Wimper zuckt, obwohl er kein Englisch kann. Das gefällt mir. Kommunikation wohl geht auch so. Aber, wie gesagt, er ist sehr intensiv und Emilio kann das nicht so gut verpacken. Also besuch ich ihn jetzt mal und mach meine Arbeit. Anstatt wieder ein paar Wortkaskaden rauszulassen, obwohl ich das heute gut abkann.

Und Euch allen wünsche ich was. Jede Menge Kraft, Euch Situation völlig objektiv vor die Augen zu halten, ohne Panik oder Beklemmung, und dann einfach den Mut zu haben, Alternativen wirklich klar anzupacken. Noch ne 'ne Kackabfahrt geht wohl eher nicht an, aber doch irgendwas anderes, was Euch weiterbringt. Sonst tut man sich mit seiner Angst vorm Weitersuchen nur selbst weh. Ich will das nicht. Und Du das willst das auch nicht, sonst hättest Du nicht auch bei anderen Sachen einen Schritt vorwärts gemacht. Keiner will das, sonst würde es nicht immer weitergehen. Bis wir den nächsten Schritt verstehen.

Ach ja. Ich glaube an das, was ich da schreibe.

Love
Katrin

Paracelsus said: "Man has a natural light, but also a light outside the light of nature by which he can seek out supernatural things... And it should be known that when a man prophesies, he does not speak from the Devil and not from the Holy Spirit, but from the innate spirit of the invisible body in which man has his origin." . . .



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