02.06.2005

Graveyard Stories







Da lief ich dann am Morgen nach drei Stunden Schlaf wie ein Zombie durch die Stadt und endete auf dem Cemetario del Oeste, wo ich mich unter einem Baume zum Schlaf bettete, weil die Stille zwischen den dichtgepackten Hausgruften doch sehr einladend war. Es wehte ein laues Lüftchen, das an den Sommer in Irland erinnerte, und das, kombiniert mit dem Herbstfrühlingsommerwetter, das wohl den hiesigen Winter ausmacht – manche Bäume lassen ihre Blätter, andere blühen, wieder andere tragen Früchte und manche sind sowieso immergrün – ließ mich schnellstens einschlummern. Bis mich zwei alte Frauchen aufweckten und mich fragten, ob mit mir alles okay sei. Um ihnen zu demonstrieren, dass es mir top ging, aß ich eine Banana und rappelte mich schließlich auf.

Da kam ein älterer Mann in einem blauen Kittelanzug und ließ mich ihm folgen. Zum Grabe von Carlos Gardel, wie sich herausstellen sollte. Dem berühmtesten Tangomusiker der Fünfziger Jahre. Denke ich. Weiß ich nicht. Ich habe dann pflichtbewusst das Grab fotografiert. Mit dem Mann mit drauf. Ich glaube, er hat es gemerkt, er war allerdings echt stolz, dass ich ihn auch geknipst hab, glaub ich. Chocho heißt das hier, chuffed. Leider fiel mir später die Kamera hin und ging auf. So wird wohl auch das Foto von den neonfarbenen Gräber-Plastikblumen ruiniert sein. Naja, war eben so ein Tag. Danach bin ich dann noch im Urnengarten herumspaziert, eine gigantische verottende Anlade aus den Sechzigern, die nach Verderben roch und mindestens fünf Stockwerke tief in den Boden eingelassen war. Also, ich versteh wirklich nicht, warum die Leute ihre Überreste in so Hochhausgruften betten wollen. Ist doch unglaublich, was man so alles tut, weil man glaubt, dass es zum irdischen Dasein gehört. Hier stellt sich schon wieder die obligatorische Frage nach dem Sinn, diesmal im weitesten Sinne. Warum begräbt man tote Leute? Damit die Überreste irgendwo doch noch präsent sind. Und dann geht doch keiner in so einen stinkigen Urnengarten. Er war komplett leer. Der Himmel – ausnahmsweise sah man ihn mal ohne Hochhäuserantennenwerbeplakatewirrwarr –, wirkte durch verschiedenfarbene Wolkenstrata multidimensional-plastisch.

Obwohl es am Boden so gut wie windstill war, herrschte in weiter Höhe ein starker Wind. Fluffig weiße Wolkenhaufen wurden von dunklen Teppichen gejagt, die den Himmel zeitweise komplett überzogen, nur im am anderen Ende des Horizontes wieder aufzureißen und lange diagonale Lichtstreifen hindurchfallenzulassen. Völlig surreal. Auch die Gräber wirkten surreal. Alle Zierpflanzen in Argentinien sind tropischer Natur, in Europa überleben diese Arten nur im Hause. Hier pflanzt man sie auf Gräber. So sind die lieblich Grabreihen hier anzusehen wie die Fensterbänke deutscher Zechensiedlungen. Sogar die Plastikblumen sind identisch. Meine Gedanken wandern in die Vergangenheit. Als ich sieben war, schrieb ich einmal eine Horrorstory. Sie handelte von einem Mädchen, Jenny, und einem Jungen David, die, frischverliebt, zur Geisterstunde über einen Friedhof wandeln. Auf einmal öffnen sich die Gräber und Gruften, und die Geister der dort bestatteten Verstorbenen suchen die beiden Kids heim. Zum einen Otto, der aus einer Kloschüssel springt, und natürlich mein Liebslingsspottobjekt, der Birnenkanzler, und zum anderen Heino, der ihnen ein so scheußliches “Braunweiß ist die Haselnuss” singt, dass sie beide kotzen müssen. Wie die Geschichte zuende ging, weiß ich nicht mehr.

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