06.12.2007

Meine Stadt: BsAs +++ PK ARCHIVE JAN 07








Como va, Buenos Aires? Die Stadt der guten Lüfte, diese erst in den letzten zwei Jahrhunderten durch gewaltige Einwandererströme zu einer faszinierenden Weltmetropole herangewachsene Stadt, hatte schon immer eine seltsame Wirkung auf die Neuankömmlinge aus Europa, die sich hier in Argentinien eine bessere Zukunft erhofften – ein zum Teil hoffnungsloses Unterfangen.

Schon fast depressiv schlugen sich von Heimweh und Hunger geplagte Italiener und Spanier, Deutsche und Armenier gemeinsam in dem an den Docks gelegenen Bretterbudenviertel La Boca die Nächte um die Ohren und kreierten in ihrer Melancholie eine eigene Sprache, Lunfardo, die ausdrucksvolle Poetik mit dem rohen Gebahren der Gosse paart, und, gesungen zu den wehmütig gedehnten Klängen des Bandoneons, die Inspiration für einen Tanz lieferte, den man sonst nirgendwo auf der Welt findet, den Tango.

Auf dramatischene Art und Weise hat sich die Atmosphäre in den Hafenvierteln für immer in der Lebensart der Porteños manifestiert. Launisch, erotisch und voller Spannung drehen sich Tag für Tag blutjunge Paare auf hohen Absätzen auf den Kopfsteinpflastern der Calle Caminita – sehr zu Freuden der Touristen, die tagsüber durch die bunten Blechhüttenstraßen wandern, die nachts selbst von Einheimischen gemieden werden.

Buenos Aires hat mehr als nur ein Gesicht, und gerade jenseits der Klischees entfaltet die Stadt mit dem romantischen Namen, der die Seele streichelt, ihre volle Anziehungskraft. Das gemütliche, ritualisierte Matetrinken in den öffentlichen Parks oder im Flussdelta des Rio Párana, eine mit dem Boot zu bereisende Insel-welt namens Tigre. Die bolivianischen Verkäufer am Hauptbahnhof Retiro, die „Chipa-Chipa“ rufend Käsebrot verkaufen, das aus Me-sopotamien den Weg in die Hauptstadt gefunden hat, genau wie der stetige Strom illegaler Einwanderer, die aus den ärmeren südamerikanischen Ländern nach Argentinien kommen.

Die mal europäisch, mal indianisch anmutenden Gesichtszüge verraten jede Menge über Demografie und Gesellschaft, und so bekommt man bereits bei einer Reise mit der U-Bahn einen Einblick in die Einwanderer-geschichte Argentiniens, die einem aber auch gerne bei einem süffigen Wein aus Mendoza erläutert wird. Kaum ein Argentinier, der nicht mit Händen und Füßen schwadronierend in der Geschichte des Landes schwelgt – dank der fröhlichen und aufgeschlossenen Art der Porteños fühlt man sich trotz der siebzehn Millionen Einwohner bald zu Haus.

Dinge wie das gitterartig gerasterte Straßensystem erschließen sich bereits nach wenigen Tagen, was Buenos Aires zu einer idealen Travellerstadt macht – in der man sich einfach und schnell zurecht findet, auch ohne die Sprache zu sprechen. Und so kann man, besonders als Europäer – vom Wechselkurs des starken Euro profitierend – mit Lust and der Freud zu Fuß durch die bunten Straßenzüge wandern und in den Genuss vieler Dinge kommen: Dem wunderbar anmutenden Gemisch von französischer, spanischer und italienischer Architektur und Lebensart, dessen Kombination nur einem zu dienen scheint: Das Leben in der Großstadt so angenehm wie möglich zu machen. Den käsigen Pizzas.

Den Foto- und Kunstausstellungen in der MALBA, im Teatro San Martin oder im Centro Cultural de Recoleta – und macht gleich danach einen auf den wunderschönen Friedhof, wo man sich auf der Suche nach Evitas Grab in den kunstvollen Gruftanlagen verlieren kann. In einem der zahlreichen Eckcafes versackend, in denen man Café schlürfend den Tag verstreichen lassen kann, Leute zu beobachten, kann zu einer echten Addiktion werden, berauscht man sich nicht nur an den Fensterauslagen der zahlreichen exquisiten Antiquitätenläden in San Telmo, sondern auch an den schöngekleideten jungen Frauen (und Männern!).

Hat man immer noch nicht genug, lässt man sich von der Lebenslust der Porteños – immer und überall scheinen sich Liebende in den Armen zu liegen – beflügeln und macht in einer der zahlreichen bohemischen Bars die Nacht zum Tage. Zwei Favoriten: Das Studio Plasma, Piedras 1856, und Casa Brandon, Luis Maria Drago 236.

REISEN BILDET
Günstige Flüge nach Buenos Aires gibt es ab 700 Euro bei STA (Tel.: 069-74303292). Interes-sant: Ein Abstecher nach Foz de Iguazu, den gi-gantischen Wasserfällen im Norden Argenti-niens. Inlandsflüge gibt es für weniger als 200 Dollar bei www.voegol.com.br/INT. Oder in die Andenbergwelt der Provinz Neuquen eintauchen – nirgendwo gibt es so saftiges Gras, gute Biere und leckere Marmeladen wie in El Bolson.

UNTERKOMMEN
Im Tangoviertel San Telmo sind wohl die meisten Hostals angesiedelt, die ein internationales Backpackerclientel anziehen. Buchen über www.hostels.com/es/ar.bu.html. Mehr als em-pfehlenswert auch auch das von Deutschen be-triebene Kulturhotel Youkali - www.youkali.com.ar, das mit Ausstellungen und Gigs zum Feiern und Versacken einläd.

ESSEN
Die wohl besten Steaks in der Welt kommen aus Argentinien, und so sollte man sich am besten bei einem Asado, der relaxt-argentinischen Variante eines BBQ-Grillfestes, von der Güte der dortigen Produkte überzeugen lassen. Hat man gerade keine Einladung eines Einheimischen zur Hand, tut es auch eines der Parilla-Restaurante, die sich an fast jeder Ecke der Stadt finden, und die alle zu einem augezeichneten Preis schmackhaft gegrilltes Rindfleisch bieten, zum Beispiel La Entrerriana, Avenida Córdoba 2538.

SHOPPEN
Dramatische Mode für Individualisten schneidert der Couturedesigner Faustino Lopez (Estados Unidos 756), und auch Pablo Ramírez’ unglaubliche Designs schreien nach jenen Dandys und Ladies, die nur eine Großstadt wie Buenos Aires hervorbringen kann, chiq, mondän und unglaublich schön – zu finden in San Telmo, Perú 587. Desweiteren die zahlreichen Designerlädchen, die sich in blumendekorierten Häuschen rund um den Plaza Serrano im immer noch hippen und glamourösen Viertel Palermo wiederfinden. Und nicht zu vergessen die zahlreichen Märkte, wo es die schönsten handgemachten Dinge zu kaufen gibt.

ACTION
Buenos Aires schläft nie. Weswegen es auch ein eigenes Verb für „die Nacht durchmachen gibt“ – „trasnochar“. Infos zu Konzerten, Clubs und Ausstellungen: www.vuenosairez.com.ar. Abenteuerlich: mit dem Fahrrad durch die Stadt touren: www.bicibike.8m.com.

Katrin Richter, 30, Musikjournalistin, DJ und Fotokünstlerin, fand sich zu ihrer eigenen Überraschung in Buenos Aires wieder. In der Sektion STORIES kann man nachlesen, wie man als Exilantin das Leben in Lateinamerika meistert.


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