22.01.2007 Doomsday in Gotham City: New York verliert seine Künstler +++ RL ARCHIVE DEC 06 |
Zwischen Trancemegalomanie, Franchiseclubbing und Amateur-Party-Organising kann sich keine richtige Infrastruktur mehr bilden, was dazu führte, dass Electronic-Music-Ikonen wie Richie Hawtin und Christian Smith, die sowohl lokal als auch weltweit zum Aufbau einer auch außerhelb Insiderzirkeln wahrgenommenen Szene beigetragen haben, nach Berlin und Barcelona auswanderten. Was passiert mit der Szene der Stadt, wenn es vor Ort keine Labelbetreiber, keine risikofreudigen Promoter mehr gibt, die kreative Erstliga aus der Stadt wegzieht und nur noch megateure Superstars in megateuren Clubs spielen? Nun, es entsteht spannender Stoff für einen Gotham-City-Artikel. Denn der sich nach internationaler Anerkennung sehnende talentierte Mittelgrund, der sich mehr als je zuvor am internationalen Geschehen orientiert, formiert sich neu. Raveline verlor sich in der City der Träume und protokollierte den Überlebenskampf der Urban Dwellers Camea, Tim Xavier, Tony Rohr, Deepak Sharma, Nickodemus, Greg Shiff, Alexi Delano und Andrew Price. Zu Halloween. Cybercops vs. Dancing Buddhas Es ist nun ein paar Jahre her und dann stillgeworden: Wie ein Elektroschock, mit dem die Welt wachgepeitscht wurde, ließ die die Electroclash-Szene Rock mit elektronischer Musik in einem obszön zur Schau gestellten und zum Ausverkauf bereiten Kunstprozess verschmelzen und öffnete damit der Clublandschaft, in der Rock und Electronic Music kaum Berührungspunkte hatten, neue, frivole Perspektiven. Ein frischer Wind durchwehte die abgegrasten Spielwiesen des Nightlife. Doch von einem richtig dauerhaften Nightculture-Rivival kann bei in den Medien künstlich aufgebauschten Phänomena nie die Rede sein, und die vom Ru-Paul- und Whatever-It-Takes-Kreator Larry T. vorhergesagte Clashwelle verebbte wieder oder spülte die Fashionvictims anderswo an Land, in London oder Berlin zum Beispiel. Und obwohl immer noch jeden Tag neue Strokes-Kopien gesignet werden und die bahnbrechenden Elektrorock-Bands DFA, The Rapture und LCD Soundsystem mittlerweile das Vermischen von Band-basierten Live-Elementen und elektronischen Clubsounds perfektioniert haben, besteht nach wie vor eine Diskrepanz zwischen pumpenden Technonights und wilden Rockkonzerten, die trotz komplett neu definierter Spielräume von der Mehrheit der neuen Acts nicht überwunden wird. Doch es war nicht nur den kommerziellen Sellout-Taktiken anzurechnen, dass die Trend-Blase implodierte – ein richtiges Partyfeel kam nach 9/11 einfach nicht mehr auf. Technomen And The Gozilla New York hatte viele Jahren den Ruf einer als verruchte East-Coast-Metropole mit einer mafiös strukturierten Nachtwelt, und sowohl Bewohner als auch Touristen zeigten sich überwiegend erleichtert, dass ein härteres Durchgreifen der Ordnungshüter für ein sauberes Erscheinungsbild und sicheres Feel sorgte. Doch wie immer gibt es eine Kehrseite der Medaille – wenn ein Überschwenken zum Konservatismus für eine Einschränkung des Wildwuchses sorgt, leiden auch die Künstler darunter. Rigorose Citysäuberungsaktionen sorgten dafür, dass hauptsächlich die manchmal tatsächlich am Rande der Legalität agierenden Techno- und House-Clubs zur Aggro-Projektionsfläche der Cops wurde, Raver und Partygoer unter Beschuss gerieten und die elektronische Muskszene somit zum Opfer mal mehr, mal weniger rigoroser „Crackdowns“ wurde, wobei die Rock- und Hiphop-Szene weitgehend verschont blieb – ein nationweiter Bush-Regierungs-forcierter Trend, der sich auch in New York fortsetzen sollte. Mit der Wiederbelebung einer fast hundert Jahre alten Legislatur, den Cabaret Laws, gelang den Ordnungshütern ein gesetzestechnischer Coup: Clubs, denen keine Lizenz zum Tanzen nicht erteilt wird, müssen ihre Pforten für immer schließen. Die Mehrheit erwischt es allerdings wie auch anderswo wegen nicht eingehaltener Sicherheitsauflagen. No Dancing Parallel dazu entwickelte sich Berlin zu einem wahren Mekka für Electronic Music Artists. Niedrige Mieten, eine unglaubliche Infrastruktur und bessere Karrieremöglichkeiten sorgten für ein kreatives Braindrain – nach und nach zogen alle nach Freiheit und finanzieller Unabhängigkeit dürstenden Künstler nach Europa: Dinky, Stewart Walker, Daniel Wang, The Horrorist, Ritchie Hawtin, Christian Smith, Magda... Die Liste der US-Künstler ist lang und umfasst mit den Namen jener, die sich zumindest zeitweilig in Europa aufhalten, fast die komplette Techno- und Minimal-Elite – John Selway ist nur ein Beispiel. Doch eine kleine, unglaublich resistente Schar von DJs und Produzenten befindet sich trotz aller Widrigkeiten immer noch oder schon wieder in NYC und operiert autonom, weitgehend unabhängig vom lokalen Geschehen, auf weltweiter Basis, ohne sich von hohen Mieten und Crackdowns den Spaß verderben zu lassen. Tony Rohr, Deepak Sharma, Tim Xavier, Camea und Nickodemus sind Künstler, die sich trotz aller Argumente, die für Europa sprechen, in New York wohlfühlen. So manchen Freak verschlug es sogar trotz aller Widrigkeiten hierhin, da sie die Unäbhangigkeit von Trends und Szenen zu schätzen wissen, wie bei Alexi Delano der Fall, den es aus Stockholm nach NYC zog und hier seinen neuen ADJD-Longplayer produzierte, der auf Harthouse erscheinen wird. Für andere widerrum ist Europa nicht das Maß aller Dinge – Mark Verbos und Greg Shiff kehrten aus Berlin und Barcelona zurück, um weiterhin in NYC ihre Ziele zu verfolgen. Und Andrew Price verlagerte die Headquarters seines Elektrolabels Satamile nach rechts statt nach links – nach San Francisco. Raveline, 2003 das letzte Mal in NYC, als ein gigantischer Stromausfall für eine Nacht die Stadt lahmlegte, connectete sich anlässlich der Riesensause Halloween mit dieser neuen Generation von New-York-basierten Künstlern, um mit ihnen über die Stadt, die Szene, die High- and Lowpoints des DJens, zu quatschen. Good Music To Get Laid To „NYC ist sauber. Vielleicht zu sauber,“ sagt Tim Xavier. „Es begeben sich hauptsächlich Normalos, die saufen, koksen und ficken wollen, in die Stadt, und profitorientierte Veranstalter sind nun mal mehr am befrackten, kulturell anspruchslosen Publikum interessiert als an schrillen Nachteulen, weil es da mehr zu holen gibt.“ Doch wer heute Nachtschwärmer ist und wer Spießbürger, wer leichtes Mädchen und wer bibelfest, das lässt sich diese Woche nicht so einfach sagen. Nachdem wir uns bei Ricky’s mit Schminke eingedeckt haben, geht es nach einer Stylesession bei Deepak Sharma, der vor kurzem angefangen hat, mit Dieter Krause von Laplaceausoleil zu produzieren, recht gruselig zu. Denn heute ist... Horror. Thrill. Suspense! One Halloween night in New York City. Eine Nacht, die man nie vergessen wird: Ein superbehaarter Gorilla humpelt um zehn Uhr die West 14th Street im Meatpacker District herunter, in seinen starken Armen einen Käfig, in dem ein Mann kauert. Daneben eine Schar von Elfen. Wir – unsere Truppe besteht aus einer funky Demonette, einem furchterregenden Teufel, einem dunklen Scooby Doo, einer verschmitzt guckenden männlichen Nonne sowie einem überdimensionalen Teddy, der Jason heißt und aus Ohio kommt – sind auf dem Weg zu einer Loft-Party, die von Nappy G mitorganisiert wird, dem Percussionisten der „Turntables On The Hudson“-Crew, die im Sommer Parties auf Schiffen veranstaltet. Der Sound: Party-Diven-Disco-House, gepaart mit Einflüssen sämlicher Kulturen, die in hier New York eine Heimat gefunden haben, ausgebaut zu einer exaltierten World-Disco-Freakshow: Ägyptische Gesänge, kolumbianische Rhythmen, Balkanbeats und Russendisko – die Sounds sind so eklektisch wie die in der Salad Bowl untergekommenen Nationen, und der permeiert genauso in die Clublandschaft wie der American Way of Life die „cultural heritage“ assimiliert. Rock’n’Roll „Heute wird aber hauptsächlich Wodka assimiliert“, befiehlt TTOH-Player-Nickodemus, und so tanzen wir mit einem Skelett und einem Minispiderman-Mädchen zu den puertoricanisch geflavourten Klängen der wild drummenden Perkussionisten. Während im weiteren Verlauf Bushes, Babes und Bunnys einen flotten Polka aufs Parkett legen und der Teufel die Leute ausfreakt, planen wir den nächsten strategischen Schritt für unsere Big Night Out. „Club Shelter ist heute Scheiße“, kommentiert ein alter Feierhase und kutschiert uns kurzerhand ins Pacha. Hier müssen wir an der Tür viel, viel Kohle lassen, denn heute Nacht spielt Erick Morillo eines seiner legendären Homerun-Sets, was eben viel, viel kostet. Zu viel, meint Deepak. „Nun ja, so ist New York. Teuer. Man muss wirklich determiniert sein, hier zu leben und arbeiten, sonst bringen einen die Mieten um.“ Determinination ist etwas, was sowohl Persona-Records-Producer und Live-Schrauber Greg Shiff als auch Simple-Answer-Chef und 303-Dompteur Mark Verbos haben, die aus Europa wieder zurückgekommen sind, wo sie eigentlich leben und arbeiten wollten. Nun sind sie wieder hier, unabhängig vom europäischen Minimal-Gehustle, und schrauben autark an ihren Maschinen. Auch der neuerdings immer häufiger in Krefeld anzutreffende Deepak und Tony Rohr, der mit deutschen Spezis wie Dave Shokh produziert, und mit Brooklyn-Nachbar Tim Xavier als Afternoon Coffee Boys auf Cocoon in Erschienung tritt, ziehen es vor, für die Gigs rüberzufliegen: „Ich lebe immer noch gerne hier“. La Coca Nostra Deep, View, Splash, Spirit, Twilo und das Ex-Limelight Avalon – interressant, dass Lizenzen und Betreiber wechseln, nicht aber Lokalitäten, was auf Machtkämpfe hinter den Kulissen hindeutet – gibt es mittlerweile nicht mehr oder nur als in Pension gegangene Franchise in Florida. Pacha, neben Crobar eine der wenigen ueberlebenden Big-Name-Institutionen, hat eine ordentliche Crew am Start.Diese ist laut DJ, Produzentin und Clickhouse-Labelbetreiberin Camea für einen Superclub äußerst aufgeschlossen und lässt ein vielfältiges Programm, das nicht nur auf große Prog- und Trancehelden fixiert ist, zu, und dieser lockere Style überträgt sich auch auf das Publikum. Hier sieht man Mädels in Strapsen neben absolut weggeklinkten Hongkongchinesen auf Businesstrip komplett in der Party aufgehen. Nachdem das entsetzliche Hitpotpourri von David Guetta vorüber ist, geben alle alles: Als sich Club-Mitowner Morillo eine Tüte ansteckt, um das Signal zu setzen für das nächste Level, a higher one, ist die Crowd nicht mehr zu stoppen. Die Kamera zoomt aus. Futureflash: Ähnliches passiert am Dienstag, als Cypress Hill in ihrem traditionellen Halloween-Konzert am Times Square eine gigantische Bong rauchen, mit Local Support von House of Pain, die heute La Coca Nostra heißen und auch so aussehen. Zoomback: Meatpackers again: Einen Block entfernt von der Nappy-G-Party findet sich New York’s aufgeklärte Partyklientel jeden Montag im Cielo’s ein, um dort zu den Sounds von Francois K.s Deep-Space-DJ-Künsten verzücken zu lassen. Seine ausgefallenene und non-restriktive Trackauswahl zieht eine sehr distingierte Crowd, deren Members man als sehr unprätentiöse Connoisseure bezeichnen kann. Smoke in Cielo Der New Yorker Clubveteran, der der Stadt seit über dreißig Jahren die Treue hält, ist jenseits von Hysterie und Trends einer der Menschen, der, wie Laurent Garnier vielleicht in Europa, außerhalb von Styleschubladen agiert. Das überträgt sich auch auf sein Publikum, das sich, ihn, die Welt, bis zum Ende der Night glücklich tanzend, feiert. Weitere New-York-Clubbing-Highlights für Distinguierte lassen sich laut Tim, der neben seinen Labels ein Masteringstudio betreibt, und Camea an einer Hand abzählen, aber es geht doch mehr, als man in Annahme, das Guiliani-Bloomberg-Regime hätte allem den Garaus gemacht, zunächst ahnen konnte: „Im Bereich Minimal und Techno haben fünf Animals die Nase vorn: Die Robots-Events, mal im Canal Room, mal im Cielo, sind genial, dann die immer vollen Bunker-Parties, die schon fast untergrundig rüberkommen mit ihrem Betonwand-Vibe, sowie die Loft-Atmosphären-Parties von Wolf & Lamb, die manchmal das ganze Wochenende über weitergehen. Dann das von Ambivalent betriebene Novay im APT-Club, mein Favorit, und die Infrastructure-Events, die in Avalon und Pacha stattfinden und nichtsdestotrotz großartige Untergrundtalente fördern.“ Andrew Price, auf dessen Satamile bekannte Maschinenfunk-Wonk-Talente wie Si Begg, Freezie Freekie und Silicon Scally ein Zuhause gefunden haben, fügt hinzu: „Subtonic ist eine weitere Party, die den Spirit der alten Zeit in abgeschwächter Form weiterleben lässt. Dann vielleicht noch der Love-Club. Und natürlich die Robots.” Crazy Late Nights Andrew ist ein Veteran, der vor über zwanzig Jahren nach New York zog und dort dank Strange Records zum elektronischen Sound konvertiert komplett im Vibe der Szene aufging. Er veranstaltete über 400 Events, auf denen später bewusst ein alternatives Musikprogramm zum Electronic Mainstream geschoben wurde – es gab dort Artists wie Monoloke, Autechre, Bob Moog und Luke Slater neben Breaksern und Beatsters wie Ellen Allien und Radioactiveman zu hören. Andrew spricht Klartext. „Ich bin vor sechs Monaten nach San Francisco gezogen, weil ich keine Lust mehr auf die Politik in NYC hatte, und ich bin nicht der Einzige. In Europa wird man für seine Kunst gefeiert, hier wird man dafür verhaftet. Langsam aber sicher wird die zivile Freiheit beschnitten, und die Leute machen mit, weil sie Angst davor haben, dass ihr Haus an Wert verliert. Es geht nur noch ums Geld. New Yorks Kreativszene war ein wie fragiles Ökosystem, und das ist nun zerstört. Ich hatte Undercovercops in meinen Parties und musste die Leute zum Sitzen bewegen, damit der Club nicht seine Lizenz verlor. Wie kann man zu Musik nicht tanzen dürfen? Wer Gesetze macht wie diese, wird als nächstes eines machen für Gallerien, wo Bilder ausgestellt, aber nicht angeguckt werden dürfen. Das ist Faschismus!“ Tatsache: Das Cabarett-Law wurde ab 1928 dazu verwendet, jenen Jazzclubs in Harlem die Lizenz zu entziehen, wo weiße Mädchen Honkytonk zum Sound schwarzer Musiker tanzten – was Autoritäten ein Dorn in Auge war. Nichts desto trotz: In verrückten Latenight-Parties irgendwo in den Insiderkreisen rund um Posses wie die Phono- und Rompecabeza-Leute, in Greenpoint oder Fort Greene in Brooklyn, wo „alle betrunken sind und herumschreien“, entwickelt sich, entfernt beeinflusst vom wilden Treiben in Berlin, eine neue Form von Techno, die auf Tora Tora Tora und Dipolter, auf Clickhouse, Clink oder Hidden Agenda das Licht der Welt erblickt. „Hier leben eine Menge junger Menschen, die Kunst machen und nach ihren eigenen Regeln leben wollen“, sagt Camea stolz. Nichtsdestotrotz planen sie und Tim, die Label- und Manmademastering-Cuttingroom-Aktivitäten irgendwann nach Berlin zu verlegen. „Es ist tragisch, was New York an Talenten verliert“, sagt Andrew melancholisch. Ähnliches spielte sich im frivol-freizügigen Berlin zwischen den Weltkriegen Ende der Zwanziger Jahre ab, als Künstler und Freigeister langsam den kalten Wind des immer weiter nach rechts abdriftenden politischen Regimes zu spüren bekamen, der ihnen ab 1929 offen ins Gesicht schlagen und lebensbedrohliche Konsequenzen haben sollte. Damals gingen viele Musiker nach New York und fanden sich dort in der soeben aufkeimenden Jazzszene wieder, die sie zum Teil mitformten. Ist it… History repeating, bloß anders herum? Text und Interviews: Kat at Planetkat. Fotos: Katrin Richter, Emilio Rolon, Annegret Richter, and Courtesy of the Artists! Thanks to all the contributors for their time and effort to make this happen. Special thanks to Deepak, Andrew, Greg and Mark. KLinks: www.clinkrecordings.comwww.gregoryshiff.com www.hidden-agenda.com www.hidden-recordings.com www.satamile.com www.manmademastering.com www.simple-answer.com |