02.10.2006 NovaMute: Music that is unique… +++ RAVELINE ARCHIVE NOV 02 |
Fast zwanzig Jahre lang schaffte es Miller, sein Label als eines der avantgardistischsten, aber auch erfolgreichsten Independent Labels durch so manche Höhen und Tiefen zu bugsieren. Anfang der Neunziger folgte er dem Ruf der Zeit, und nach ein paar minder erfolgreichen Ventures in die Welt der Dancemusic beschloss der Musikliebhaber aller Arten und Sparten, ein Sublabel für Clubsounds zu gründen. Drei musikvernarrte Feierleute aus seiner Firma wurden kurzerhand mit der Leitung dieses neuen Projektes beauftragt. Das Ethos des jungen Labels war – genau wie bei Millers Baby Mute – experimentelle elektronische Musik aus der ganzen Welt herauszubringen und zu fördern. Raveline stürzte sich in das Getümmel von Londons multikulturellem Westen Londons, um sich das Label und seine Betreiber einmal näher anzuschauen und scheute weder Verkehrstaus noch Zeitverschiebungen, um auch Daniel selbst mal an die Strippe zu kriegen, denn Mutes Backstock-Katalog wurde gerade in einem „hieb- und stichfesten Deal“ an die EMI-Tochter Virgin verkauft. The Birth of NovaMute Aber fangen wir doch von vorne an: Mit der Einführung des Samplers begann eine Success-Story, eine technische Revolution, die sich seitdem in einem solchen Ausmaße nur durch die Einführung von digitalen Musikformaten wie MP3 wiederholen sollte. Überall schossen Clubs und kleine Labels wie Pilze aus dem Boden – seit dem Summer Of Love von 1988 bleepte und stampfte ein ganzer Untergrund im Viervierteltakt, und alle smileten. Seit 1989 versuchten auch Elektronik-Freak Daniel Miller und seine begeisterten Konsorten, daran genauso teilzuhaben wie damals in der Post-Punk-Elektronik-Experimental-Phase, bei der Daniel bereits den richtigen Riecher und somit die Nase vorne hatte. Zunächst war das alles gar nicht so easy: Die Zusammenarbeit von Mute mit dem Label Rhythm King, die frühe Dance-Acts wie S-Express und Bomb The Bass in ihrem Repertoire hatten, schlief irgendwann ein, weil die Macher andere Projekte verfolgten. Also entschied man sich 1992 zur Gründung eines Sublabels, das sich ausschließlich auf Dancemusic konzentrieren sollte. Da saßen zwei hochmotivierte, junge, musikgeile Menschen, Seth Hodder und Pepe Jansz, in einem klitzekleinen Büro. Die Mission war klar: gute elektronische Musik zu entdecken, denn gerade fand eine Revolution statt. Nach einer Platte namens „Lost“ von Steve Bicknell, der mit seiner Londoner Techno-Night „Lost“ in die Annalen der englischen Techno-Geschichte einging, und zwei weiteren Releases, verlegte sich NovaMute auf die Sublizensierung von bereits erschienenen Clubtracks. Bewegungen im Untergrund wurden von den kundigen NovaMute-Feierleichen wahrgenommen und aufgegriffen, da sie quasi an der Schnittstelle zwischen DJ-Markt und Untergrund operierten. Als besonders genial erwiesen sich in diesem Zusammenhang Daniel Millers Connections nach Deutschland, wo er während der siebziger Jahre mehr Anarcho-Synthcore-Musik nach seinem Geschmack vorfand als in seinem eigenen Heimatland. Dort, in der Subkultur der besetzten Häuser von Berlin, traf er auf Dimitri Hegemann. Bei diesem Menschen handelte es sich natürlich um keinen anderen als den Gründer des Tresors, und die beiden teilten, auf ihre eigene Art und Weise natürlich, eine Vision. Als Dimitri eine Verbindung zu Underground Resistance etablierte und ab 1989 die ersten Detroit-Techno-Legenden in den Tresor holte, ihre Platten auf seinem frischgegründeten Label releaste und damit einschlug wie eine Bombe, lag auch der nächste Schritt auf der Hand. Auf NovaMute erschienen fortan unter anderem Platten, die bereits auf Tresor herausgekommen waren, denn Tresor profitierte von dem hervorragenden, weltweiten Vertriebsnetz des Mute-Labels, das natürlich auch für NovaMute von Nutzen war. Somit schafften es die beiden, geniale Platten von Jeff Mills aka X-101, Juan Atkins und 3 Phase feat. Dr. Motte auch weltweit zu den Leuten zu bringen. NovaMute fungierte somit als Schlüssel zum CD-Compilation-dominierten Major-Markt, da bereits bekannt gewordene Künstler auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurden. London WE 10 Diese Geschichte erzählt auch Seth in seinen eigenen Worten, als ich kurz vor Ostern bei ihm auftauche. Er ist im Laufe der Jahre zum eigentlichen Kopf von NovaMute mutiert, denn Pepe hat sich irgendwann anderen Aufgaben zugewandt. Er begrüßt mich mit einer herzhaften „cuppa tea“, quirlig und aufgeregt, weil er interviewt werden soll und eigentlich nicht weiß, wieso. Er sieht sich selbst als den Mann, der lieber im Hintergrund bleibt, auch als Label. „Es geht sowohl bei Mute als auch bei NovaMute eigentlich nicht so sehr um das Label, sondern um die einzelnen Künstler. Wir versuchen immer, einen Künstler zu etablieren, wobei es nicht darum geht, das Label in den Vordergrund zu stellen, sondern vielmehr das Werk und die Entwicklung der Talente.“ Diese Labelpolitik hat Mute tatsächlich schon immer verfolgt, seitdem Daniel „drei Milchbubis“ entdeckte, die „einen jämmerlichen Anblick“ boten, aber einen „erstaunlichen Sound“ hervorbrachten, der ihn „umgehauen hat“. Der Rest ist Geschichte und Depeche Mode sehen zwar mitlerweile aus wie verlebte Bubis, sind aber weder ausgebrannt noch untergegangen wie zahlreiche gehypte „Entdeckungen“ ihrer Zeit. Ein besonders gutes Bespiel für die Arbeitsweise von NovaMute ist die Untervertragnahme von Richie Hawtin im Jahre 1993. Ihm war spätestens mit seinem ersten Album, „Sheet One“ von 1991, der Szene-interne Durchbruch in Detroit gelungen. Schließlich wurde er nach England eingeladen. „Da habe ich ihn in einem Undergroundclub in Milton Keynes getroffen, gaube ich“, erzählt Seth aufgeregt, „und wir kamen gleich gut klar.“ Seth hat sogar gewisse Ähnlichkeiten mit Richie Hawtin, worauf ich ihn gleich scherzhaft anhaue. Seth stahlt: „Richie war gerade in London und wir waren zusammen weg. Sein Bruder Matthew ist kürzlich hierhin gezogen…“ Das Treffen hatte Folgen: NovaMute sublizenzierte „Muzik“, das zweite Album des Plastikman, der für seinen abstrakten Sound nicht nur innerhalb der Szene Respekt genoss. Als auf dieser Seite des Teiches nur die DJs und Insider-Freaks den kleinen bebrillten, unter dem Pseudonym Plastikman bekannten Mann kannten, holte ihn sein Deal mit NovaMute schlagartig aus seiner Nische, was ihm von vielen Seiten Kritik einbrachte. Der Erfolg seines trostlosen 303-Gewimmers der zweiten Generation verschaffte der Technogemeinde von Detroit allerdings auch eine erneute Schubwelle, die sie auch weit über den bisherigen Bekanntheitsgrad hinaus in das Bewusstsein einer neuen Generation pushte. Freak the funk, hype the funk… Eines der weiteren Grundprinzipien von NovaMute ist ebenfalls von Mute abgeschaut: Platten werden – unabhängig von ihren kommerziellen Erfolgsaussichten – herausgebracht. „Hauptsache, es funzt“, grinst Seth, der sich unter meinen Augen von einem unscheinbaren Rollkragenpullover-Mann in ein Partyschwein verwandelt und immer mehr Platten auf seine erwartungsvoll bereitstehenden Plattenspieler haut. „Uns ist es egal, wie viele Platten wir letzten Endes verkaufen. Wir wollen einfach keine Kompromisse eingehen, was unsere Vorstellung von guter Musik angeht. Aber wenn uns etwas gefällt, dann kommt es heraus. Keine Frage, keine Rücksicht auf Verluste.“ Dass sich die Waage zwischen Platten, die nur von einem handverlesenen, kleinen Zirkel von Liebhabern wahrgenommen wird, und Scheiben, die von Tausenden gekauft wird, erstaunlich gut hält, ist eines der Erfolgsgeheimnisse des Labels. Gerade hat sich die „Krekc“ vom holländischen Krank-Meister Speedy J verkauft wie warme Semmeln, und auf der Erfolgswelle schwimmt Seth jetzt mit stolzgeschwängerter Brust zu seinem Plattenspieler und schmeißt die frischesten Remixe auf die Teller. Die sind natürlich von der Crème de la Crème der Techno-Zunft abgemischt, keine Kompromisse auch auf der Seite. Seth weiß halt, wie man guten Techno an den kaufwilligen Feiermenschen bringt, so lange die Rille noch heiß ist. Völlig begeistert ist er auch von den zahlreichen Remixen von Luke Slaters aktuellem Album, der bis zum Anfang des Jahres bei NovaMute zuhause war. Schließlich verlangte es Luke nach einem totalen Stylewechsel und er beschloss, Eighties-inspirierten Pop mit dem Ex-Sänger von The Aloof, Ricky Barrow, zu machen. Somit bot sich idealerweise ein Umzug innerhalb des Hauses an, und Seth macht keinen Hehl daraus, dass er viel Verständnis für die Umorientierung des Künstlers hat. Seitdem findet er fröhlich weiter Neuzugänge wie den aus dem Brightoner Umfeld bekannten Techno-Artist Tim Wright aka Tube Jerk, oder auch, wie ebenfalls zu Anfang des Jahres geschehen, die Neueingliederung von Thomas Brinkmann aka Soul Center. Der hat sein vielbeachtetes drittes Album unter diesem Pseudonym gerne bei NovaMute untergebracht, eben auch, weil er die „Vorzüge einer liebevollen Vermarktung zu schätzen weiß.“ Und wieder springt Seth auf und spielt mir eine Scheibe vom Debasser vor: „Genial finde ich einfach frische Ideen, Stylemixe, Sachen, die es in einer solchen Form vorher noch nicht gab. Das flasht mich und deswegen mach‘ ich den Job immer noch so gerne.“ Spricht's und katapultiert mich nach einem Gang ins Lager, wo er mir die Arme mit Plastikman-Alben voll läd, wieder auf die Harrow Road, die mitten ins Herz des brasilianischen Viertels von London führt. Einige Wochen später… …telefoniere ich mit Daniel Miller höchstpersönlich, der Legende. Die Legende scheint aufgeregter als ich. Aber Daniel hat auch bewegte Wochen hinter sich, und dass er sich überhaupt Zeit nimmt, ist sehr rührig. Schließlich hat sich gerade die EMI Music Group sein Label einverleibt. „Das wird aber an unserer Firmenphilosophie nichts ändern“, sagt Miller, „darauf habe ich schon Wert gelegt. Ich habe immer wieder finanzielle Probleme gehabt, und das ist ja auch nichts Neues, bloß irgendwann geht es halt nicht mehr weiter. Das letzte Mal hat uns Mobys Album rausgehauen. Dass sich das Millionenfach verkaufen würde, hat ja keiner von uns vorausgesehen, aber danach waren wir erst einmal wieder gerettet und es ging weiter. In diesem Jahr war dann aber Schluss, und da habe ich eingewilligt, denn die Leute haben einen Deal angeboten, den ich annehmen konnte. Ich arbeite schon seit über zwanzig Jahren mit der EMI zusammen, ich kenne sie, sie sind keine schlechten Menschen, und zum Deal gehörte ja auch, dass sie mir bei nichts reinreden dürfen.“ Hoffentlich. Auf dem Sonar-Festival treffe ich Seth wieder, und zwar in Begleitung von Zbigniew Karkowski, der am nächsten Tag live spielt. Beide sitzen zusammengekauert vor einem Bildschirm im Souterrain der Sonar Hall und versuchen, sich ins Habbohotel einzuloggen. Als sie es schließlich schaffen, sind sie begeistert: „Da kann man ja auch tanzen und abfeiern“, freut sich Seth. „Wenn der Artikel erscheint, dann schreib‘ doch mal meine Adresse dazu, damit die Raveline-Leser mir ihre Tracks und Produktionen zuschicken könne, wenn sie meinen, dass sie was Gutes auf Lager haben. Ich freue mich über jeden neuen Input“, meint er. Also, ab in die Post mit euren Beats. Seth braucht Nachschub: Seth Hodder, NovaMute, 429 Harrow Road, London W10 4 RE, United Kingdom. Words: Katrin Richter, Bilder: NovaMute. Thanks to Alex for the initial idea and the support throughout. KLink: www.novamute.de |