01.10.2006

Endstation „Psychoknast“ – Der tiefe Fall des Thüringer Produzenten Stefan Wenzel +++ RAVELINE ARCHIVE AUG 03








Dabei blieb es nicht. Sich immer weiter in Hirngespinsten verfangend, drehte Stefan immer weiter ab. Auf der einen Seite gab es da die heile Feierwelt, auf der anderen Seite die harte Realität, der Stefan sich nicht stellen wollte. Selbst seine Musik wurde für ihn bedeutungslos. Lieber schoss er sich ab. Immer härter war er unterwegs, immer schneller machte er sich dicht, immer mehr musste es sein. Stefan machte vor nichts halt: Klauen, Einbrüche, Körperverletzung. Damit stieß er jene vor den Kopf, die versuchten, ihm zu helfen, und schockte sie mit seinen Verrücktheiten so sehr, dass sie sich von ihm abwandten. Selbst diejenigen, die nur an seinem Equipment, seinen Connections und seinen Drogen interessiert waren, ließen ihn irgendwann eiskalt fallen, weil er überhaupt nicht mehr klarkam und immer wieder in die Klapse oder den Knast wanderte. Heute befindet sich Stefan, mittlerweile 26, im Mühlhausener ÖHK im geschlossenen Maßregelvollzug, hinter hohen, stacheldrahtgekrönten Gittern, weggesperrt auf unbekannte Zeit. Raveline redete mit Stefan selbst, seinem Arzt und seinen alten Kollegen Mirko Sauer und Marco Remus über seine Zeit als der „Irre von Sömmerda“.

Das sagt der Arzt: „Wer mit Paragraph 63 hier reinwandert, kommt man so schnell nicht wieder raus“

Erstmal sagt Herr Doktor A. gar nichts. Als ich die Klingel an dem fünf Meter hohen Stahltor drücke, leuchtet das Zyklopenauge der Videoüberwachungsanlage auf und eine gelangweilte Stimme erklingt aus dem Nirgendwo: „Der Herr A. ist heute bei einer Fortbildung“. Das trifft sich aber gut, denn ich habe eine Verabredung mit Herrn Doktor. Dabei handelt es sich um eine Art Vorstellungsgespräch, ohne welches ich den Patienten nicht sehen darf. Ich stehe geschlagene zwei Stunden in der Kälte herum, bis ich endlich eine Audienz bekomme. Ich erwarte einen alten Knacker, der Psychospielchen treiben will, und werde stattdessen von einem dynamischen Blondschopf um die 35 empfangen, der mich mit prüfenden Blicken nach meiner Beziehung zu Stefan ausfragt. Ich erkläre ihm, dass ich ihn durch seine Musikgeschichten kennengelernt, aber nur oberflächlichen Kontakt mit ihm hatte und dann erst später von seiner Einweisung in die Geschlossene erfahren habe. Dass Stefan mit mir Kontakt aufgenommen hat, weil er in der Raveline den Artikel mit dem Knasti-Raver Stefan Eulen (veröffentlicht in der Raveline 03/03, siehe KLink-Sektion am Ende des Artikels) gelesen hat, und dass er sich aufgrund meines Interesses an seiner Geschichte für ein Interview bereiterklärt hat, verschweige ich – und fühle mich schlecht. Denn Herr A. ist wirklich daran interessiert, wie sehr Herr Wenzel tatsächlich Erfolg gehabt hat mit seiner Produziererei. Ob und wie, das weiß ich eigentlich gar nicht so genau. Vielleicht ist Stefan ja nur ein Hochstapler. Und nun sitze hier, und alles ist irgendwie wie in „Einer flog übers Kuckucksnest“ mit Jack Nicholson. Ich frage Herrn A.: „Wo ist die Grenze? Ab wann ist man verrückt? Warum wird so jemand wie Stefan eingesperrt?“ Darüber darf der Doktor keine Auskunft geben. Stefan hat mir erzählt, dass er „nach drei Tagen megadruff sein einfach nicht mehr runtergekommen ist“. Leute hätten ihn „dann für hängengebleiben erklärt und in die Klinik gefahren.“ Er selbst hat daran keine genauen Erinnerungen. Herr A. erklärt mir, dass Stefans Chancen, hier einfach wieder herauszukommen, wegen dem Paragraph 63 sehr gering sind. Er ist ja auch schon zum achten Mal eingewiesen worden, jedesmal mit verschärfteren Maßnahmen. Er sagt: „Wir haben keinerlei Interesse daran, den Patienten in eine medikamentöse Zwangsjacke zu stecken und hier versauern zu lassen. Wir befinden uns zur Zeit im Therapiegespräch, das wir mit diversen Psychopharmaka kombinieren. Ich finde es befürwortenswert, dass er sich so um Kontakt nach draußen bemüt.“ Ich auch. Danach darf ich zu Stefan, der, wie er später erzählt, als manisch-depressiv eigestuft wird.

Das sagt Stefan: „Ich habe es einfach nicht mehr gecheckt. Die Drogen waren wie eine Wand zwischen mir und der Welt.“

Stefans Hände zittern stark, wegen der Aufregung und wegen der Medikamente. „Ich bin jetzt seit eineinhalb Jahren hier“, sagt er, „und so langsam kann ich wieder klarer denken. Ich habe einfach nicht gecheckt, was mit mir passiert ist. Die Drogen waren wie eine Mauer zwischen mir und der Welt. Ich wollte den Tod meiner Mutter einfach nicht wahr haben. Ich bin einfach immer weiter feiern gegangen und habe so getan, als wäre nichts passiert. Das haben die Leute nicht verstanden. Die fanden mich zu krass. Ich war auch krass: Es kursierte das Gerücht, dass ich an einem Wochenende160 Teile konsumiert haben soll. Ich habe alles getan, damit die Leute wirklich von mir dachten, dass ich verrückt sei. Innerlich ging es mir damals sehr schlecht – ich habe sogar darüber nachgedacht, mich auch umzubringen. Ich wollte nichts und niemanden an mich heranlassen. Jetzt bin ich hier mit Leuten, die gemordet, kleine Jungs sexuell belästigt oder ihre Kusine vergewaltigt habe, mit denen werde ich auf eine Stufe gestellt. Ich darf mich, das sagen die Therapeuten, hier drinnen nicht abschotten, aber ich will mit den Vergewaltigern nichts zu tun haben. Warum ich hier gelandet bin, habe ich begriffen. Ich habe mir alles kaputtgemacht. Was mit mir innen drin los war, habe ich noch nicht so richtig verstanden, aber da arbeite ich dran. Ich stelle so langsam wieder Kontakte nach draußen her. Ich muss mir alle Freundschaften neu erarbeiten. Zum Glück gibt es Menschen, die zu mir halten, die an den Stefan glauben, der ich vor den Drogen war. Da war ich sehr sportlich, habe Basketball gespielt und bin mit meinem Bruder Kanu gefahren, noch zu DDR-Zeiten. Ich versuche immer alles positiv zu sehen, und ich glaube immer noch daran, das man etwas erreichen kann, wenn man nur möchte. Ich möchte, dass die Leute, die das hier lesen, sich überlegen, was sie tun. Das ist alles. Jeder sollte für sich selbst entscheiden können, was er drogenmäßig ausprobieren will, es sollte niemand reglementiert werden. Aber ihr solltet eben auch wissen, dass es eben auch schwief gehen kann, und dass es dann sehr schwer ist, da wieder rauszukommen. Ich versuche, aus meinen Erfahrungen etwas zu ziehen. Ich möchte anderen helfen. Ein Freund von mir bastelt mir einen Website, auf der ich eine Seite für all Raver im Knast einrichten möchte, die Kontakte suchen. Ich würde auch gerne wieder anfangen zu produzieren. Ich habe endlich wieder Lust bekommen! Ich darf ein Gerät zum Musikmachen hier reinholen, also spare ich zur Zeit auf eine Workstation.“ Als ich gehe, unterhalten wir uns übers DJen, und Stefan lacht. Seit zwei Jahren konnte er mit keinem über so etwas Normales reden. Während wir uns verabschieden, umringen uns die anderen Gefangenen, die am Schwesternzimmer auf ihre Dosis Abendmedikation warten, starren uns mit erloschenen Augen an und saugen unsere Lebensfreude wie hungrige Geister auf. Als ich draußen bin, kann ich durch ein Fenster einen Mann sehen, der im Kreis läuft und auf einen imaginären Gesprächspartner einredet, während er mit den Händen fuchtelt. Man muss sehr stark sein, um in einem Irrenhaus nicht völlig verrückt zu werden. Ich wünsche mir sehr, dass Stefan die Kurve kriegt, seine Website bald steht und er sogar wieder Leute für sein Youngman-Label mobilisieren kann. Pläne wie diesen lassen ihn nach vorne blicken.

Das sagt Marco Remus: „Das Thema Stefan Wenzel hatte ich verdrängt.“ Und das sagt Mirko Sauer: „Wegen seiner privaten Probleme hatte er keine Kraft mehr.“

Am nächsten Tag rufe ich Marco Remus an, den ich bereits auf der Nature One nach Stefan Wenzel gefragt hatte. Die Geschichte ist ihm damals ziemlich an die Nieren gegangen, und in dem heutigen Telefonat zeichnet er schonungslos das Bild des Stefans von früher nach: “Ich habe viel über Stefan nachgedacht. Ich hatte die Geschichte verdrängt. Das ist ein dunkles Kapitel in meiner Geschichte.Stefan hat so angefangen wie ich. Wir waren beide aus Sömmerda, sind uns allerdings privat nie näher gekommen. Stefan Wenzel hatte die Geräte, deswegen wollte jeder was mit ihm machen, aber er hatte keine echten Freunde in der Szene. Dass sie alle nur zu ihm gekommen sind, weil er immer Drogen hatte, hat er nicht verstanden. Um den Mensch Stefan Wenzel ging es nicht. Deswegen haben ihn ja alle auch so eiskalt fallen gelassen, als er seine Psyche dann nicht mehr unter Kontrolle hatte. Das hat Stefan einfach nicht wahrhaben wollen. Seine Realitätswahrnehmung war total verzerrt, auch durch die Drogen. Für ihn war ich nur ein Schlechtmacher, dabei habe ihm ich immer nur gesagt, was Sache ist. Er hat in mir immer so etwas wie einen Konkurrenten gesehen. Daran war ich gar nicht interessiert. Das ging von ihm aus. Für mich war es mehr ein ‘Pass auf dich auf.’ Er wollte auf keinen hören. Er hatte sich später nicht mehr im Griff. Er hat sich immer hingestellt und eine Show gemacht, er hatte ein richtig großes Maul und hat viel gelabert. Er war einfach ein labiler Mensch. Als seine Ma sich umgebracht hat und er durchgedreht ist, haben sich seine vermeindlichen Freunde von ihm abgewandt. Als er das letzte Mal in Sömmerda war, haben sich alle über ihn lustig gemacht. Danach hat er sich aufs Dach gesetzt und mit einer Gasknarre auf Leute geschossen, deswegen ist er wieder reingewandert. Vorher hatte er ähnlich bescheuerte Sachen gemacht: Er hat seine Playstation fünfmal am Tag in einer anderen Farbe angesprüht und sich dann aufgeregt, dass sie kaputtgegangen ist, und seine Wohnung hat er auch angezündet. Ich wünsche mir, dass ich den Stefan eines Tages irgendwo auf der Straße treffe, und dass es ihm dann besser geht. Das wünsche ich mir von ganzem Herzen.” Mirko Sauer, der heute den Dixon-Plattenshop betreibt, erzählt: “Er hat es damals wirklich draufgehabt, denn er hat vor allen anderen wirklich was auf die Beine gestellt – damals hatte Marco noch nicht einmal mit dem Auflegen angefangen. Während andere erzählt haben, was sie alles machen wollen, hat er es einfach gemacht. Er hat Partys organisiert und die Compilation mit den ganzen Thüringer Künstlern herausgebracht – er hat es wirklich durchgezogen. Das Stück, das damals auf Dixon rauskam, ist zeitlos. Die Leute kommen noch heute in den Laden und kaufen die Platte – wegen Stefans Track. Ich würde den “Whopper” gerne noch mal neu abgemastert rausbringen. Das Labern kam erst, als es mit den Drogen überhand genommen hat, da hat er sich immer mehr überschätzt. Als er mit seiner Sömmerdaer Drogenclique immer weiter abgedriftet ist, ist der Kontakt irgendwann abgebrochen, weil wir zu beschäftigt waren, den Laden und den Club zu organisieren. Als er mich vor einem Jahr angerufen hat, habe ich mich richtig gefreut. Nun ruft er mich jeden Samstag an, und ich habe immer ein Ohr für ihn. Wenn Stefan rauskommt, werde ich ihn unterstützen und dafür sorgen, dass er es schafft, seine Ideen umzusetzen.”

Nachwort: Heute, über zwei Jahre nach dem ersten Kontakt, befindet sich Stefan im offenen Vollzug, schliesst bald seine Ausbildung ab, pfegt Kontakte mit Leuten aus aller Welt (Stefan freut sich über jede Zuschrift. Kontaktiert ihn doch einfach per E-Mail: unity_heart@yahoo.de) und hat auch immer wieder eine Freudin: Schritt für Schritt baut sich Stefan ein normales Leben auf. Ein langer Weg zu sich selbst, den er Schritt für Schritt geht. Wir gratulieren ihm.

Report: Katrin Richter.

Stefan grüßt und dankt: „Mirko Sauer, Sven U.K. und die Dixon-Crew, Ronny L. und Thomas, Marco Remus (Respekt!), Desi und Herbert, Tommy aka „Waverider Spak“, DJ Micha und UWE, Marco Polo, DJ LES, Rene S., Franziska K., Katja O., DJ Marc Electric, meinen Vater Wolfgang und Freundin, Mandy H., meinen Bruder Matthias, Macki und Alexa, Thomas und Christoph vom Dockland, Miss Yetti, Frank Müller, Armin Paul, Danosh, Uwe W., den Rest der „Unity“-Posse, Stefan E., Tom Clark, Terrence Parker, meinen Neffen Paul und alle meine wahren Freunde, die ich hier nicht genannt habe. Danke, Katrin und Raveline.“



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