29.06.2006

SDTS Elektro Ljubljana: Schöner Reisen mit Temponauta und den Ouroborots +++ RL ARCHIVE DEC 04








Isoliert in ihrer Randposition und daher unverfälscht unabhängig senden die Musiker aus dem Dunstkreis von Laibach, Umek und Valentino Kanzyanis Signale aus der Zukunft – vom Rande unseres Universums. Zeitzeichen aus Ljubljana, der neuen europäischen Kulturmetropole, uns fast unbekannt und dabei strahlend schön. Temponautas “Der Zeitschritt”, eine Liebeserklärung an die Restriktionsfreiheit von Klängen zwischen Dub, Minimal und Techno, und Ouroborots “Zukunft”, eine Hommage an klassische Elektrosounds und futuristische Konzepte spiegeln die Vielseitigkeit und Unabhängigkeit der Szene in Ljubljana wieder. Bereit, einen Quantensprung zu wagen?

Design Your Mind

Jeder in Ljubljana kennt Ivan Novak. Als er durch den Raum schreitet, in seinem engen schwarzen Anzug, mit strengem Blick und adrett frisiertem Haar, scheint er dank seiner kühlen Autorität automatisch die Blicke aller sich im Raum befindlichen Personen auf sich zu ziehen. In Persona entpuppt sich der Drahtzieher hinter Tehnikas Kulissen als ein beherrschter, sanfter Mann, der mit bedachter Stimme von der bevorstehenen Laibach-Tour erzählt, die genau am Tag der amerikanischen Präsidentenwahl ihren Auftakt in Washington macht: “Viele Leute haben uns gefragt, was wir für eine Aktion planen, um Stellung zur politischen Lage in den Staaten zu nehmen. Wir haben aber keinerlei Interesse, uns in das aktuelle Geschehen einzumischen und uns dadurch in eine Position zu bringen, in der wir nicht sein wollen. Es ist nicht unser Krieg.” Laibach, die seltsam amorphe Künstlerkollektive, deren kontroverses Werk sich in Form von Industrial Music, Marschmusik-Performances und einem oftmals als faschistiod empfundenen Artwork manifestiert, in dem Extremismus als überstilisierte Kunstform zelebriert und die Mechanismen von totalitären Regimes durch symbolträchtige Inszenierungen in unangenehm intensive Momente der Konfrontation umgekehrt werden, scheut sich also vor einer Stellungnahme gegen Busch. Es ist nicht ihr Krieg. Bis dato waren sie nur gegen die Nato, aber richtig provozieren wollen Laibach nur im Zusammenhang mit der Geschichte ihres eigenen Landes. Und die ist mindestens so dunkel und verdreht wie Laibachs gruselige Mördermönchsgesangsklaventreibermusik. Laibachs Art der Vergangenheitsbewältigung durch das Aufbrechen des nationalen Traumas – Laibach ist der deutsche Name für Ljubljana – ist provokant. Denn das Thema ist heikel. Das zeigt sich schon daran, dass selbst die mit Fragen von unbedarften brasilianischen Backpackern bombadierten Security-Leute in der modernen Jugendherberge Celica nur ungern über die Vergangenheit ihres Landes reden wollen. Auch Ivan tut sich schwer, die Beweggründe des Krieges in Jugoslawien in Worte zu fassen. Es ist, als ob die Distanz fehlt, die den Menschen hier die nötige Objektivität verleiht, die es bedarf, um sich ruhigen Kopfes auch mal ein wenig Mitschuld einzugestehen, ueber die Stigmatisierung anderer hinwegzusehen. Aber davon kann man auch in Deutschland ein Lied singen. Ein komplexes Thema, die Geschichte des Landes – und genauso rätselhaft wie Ivan. Welche Position hat bloß Ivan bei Laibach inne? Er lächelt ein Mona-Lisa-Lächeln. Erzählt von seinen Reisen nach London, wo Laibach sich bereits in den frühen Achtzigern im Dunstkreis von Throbbing Gristle, Psychic TV und Test Department bewegten. Das Ausreisen aus dem kommunistischen Land war unter Präsident Tito noch möglich. Nun, nach dem Ende des Krieges, geht das für Teilrepubliken wie Serbien nicht mehr. Visas zu kriegen ist schwer.

Would You ... Like To Be Modified?

Slowenien dagegen, seit 1991 unabhängig weil herausgelöst aus dem Staatenverband, was auch ein militärischer Eingriff Restjugoslawiens nicht verhindern konnte, ist seit Mai Teil der EU, und Ljubljana, mit seinen 270.000 Einwohnern eine recht gemütliche Hauptstadt, strahlt in neuem Glanze. Schick, wohlhabend und sehr kultiviert. Celica, ein hundert Jahre altes, ungarisch-österreichischen Militärgefängnis, dessen nagelneues und atemberaubend stylisches Interieur von der Sestava-Künstlerkollektive designt worden ist, ist das beste Beispiel für einen pulsierenden Aufschwung. Die bunten Wände im Oriental Café bieten den idealen Backdrop für ein zukunftsweisendes Gespräch. Es ist erstaunlich, wie schnell man hier an der Metelkova-Straße die Vergangenheit abgesteift und überschwänglich optimistische Zukunftsvisionen umarmt hat, was sich in der modernen Architektur und der florierenden Kunst- und Kulturszene manifestiert. Und in den unschuldigen Flirts mit dem Turbokapitalismus des Westens. Doch nicht alles schwingt wirtschaftlich auf: Auch wenn es an Musik- und Labelmachern nicht hapert – neben Tehnika haben es Umek und Valentino Kanzyani mit ihrem Imprint Recycled Loops zu Weltruhm gebracht und rund um die Chilli-Space-Compilationmacher scharen sich neben renommierten slowenischen Produzenten wie Random Logic, Octex und iTurk Newcomer wie Jani H, IchiSan, DJ Borka, Mario Marolt, Bulzaras und Bau – , pulsiert das Land im Takt der RTL-Superstarshows, HipHop und Schranz, wohingegen sich anspruchsvollere elektronische Musik auf studentisch gepowertem Untergrund-Niveau abspielt – wenn man von Umeks und Valentinos Events absieht. Fast schon zurückhaltend berichten DJ Bizzy und Pavle in ihrem professionell ausgestatteten Studio von einer nur marginär stattfindenden Szene, die wenig Austausch mit benachtbarten Ländern pflegt, da wenige Berührungspunkte mit den Szenen aus anderen Städten existieren. Man ist hier autark. Und noch lange nicht an dem Punkt angelangt, wo Clubbetreiber elektronische Musik wieder aus dem Sortiment kippen, weil das Thema so durch ist. Die Zukunft hat hier noch gar nicht richtig angefangen. Bizzy und Pavle sind Pioniere. Ihr futuristischer Elektro mit Bladerunner-Anleihen und Salutationen vor der Technologie einer anderen Ära ist Lichtjahre von dem entfernt, was generell von den Slowenen als Musik wahrgenommen wird. Die sind zwar Schocks und Provokationen gewöhnt – bei Laibach-Konzerten spielt man schon mal Auschwitz und verriegelt die Konzerthallentüren, damit keiner dem Psychoterror entkommen kann – aber keine wunderschönen Synthiekaskaden, die mit düsteren Breaks konkurrieren.

Revel In Your Time

Laibach, die in die eigene Inzenierung verliebten Schauspieler, Künstler und Musiker, haben soeben ein Remixalbum veröffentlicht, auf dem neben neuaufgelgtem Laibach-Material von Umek als sein elektroides Alter Ego als Zeta Reticula auch die Ouroborots und Temponauta, Bizzys aelteres Projekt, in Erscheinung treten. In ihrem ureigenen Style basteln Bizzy, Pavle und Marjan aus Klassiker wie “Das Spiel ist aus” Darth-Vader-Elektro und garstigen Minimal Dubtechno und machen so das kollosale Werk der slowenischen Über-Band, die einst mit Queen-Coverversionen und Naziuniform-Aufmärschen die Welt verunsicherte, einem ganz anderen Publikum als den oftmals hochintellektuellen und dabei extrem verstockten Industrial-Lovern zugänglich. Weit entfernt von der übergroßen Band und auch vom extrem erfolgreichen Umek, von dem man sich ebenfalls abgrenzt, operieren auch die Temponauta, zu deutsch die Zeitreisenden, bestehend aus DJ Bizzy und DJ Dojaja, die 2001 ihr Debütalbum “155.521.981.589.103” auf Tehnika veröffentlichten. Auch der zweite Longplayer “Der Zeitschritt” – wie immer spielt Zeit als Konzept für Temponauta eine dominante Rolle – lotet mit seiner zwischen deepem Dub und reduzierten Technoelementen die Grauzone zwischen den einzelnen Genres aus, ohne sich jemals im Niemandsland zwischen Hier und Da zu verlieren. Die Auflösung von Grenzen und Limits durch die unkonsternierte Vereinleibung von Elementen aus allen Epochen der elektronischen Musik ist ein bewusster Schritt. Seit den frühen Tagen, in dem man in Ljubljana völlig unbedarft englische Technoloops à la Dave Clarke und dubbige Basic-Channel-Delays nachgebaut hat, ist viel Zeit vergangen. Hier, in dem sich zwischen Adria und Alpen ausstreckenden Talkessel, in dem zwei türkisgrüne Flüsse zusammentreffen, die bis heute das romantisch restaurierte Stadtbild prägen, sind mittlerweile hochprofessionelle Macher am Werk. Wenn man durch die schönen Straßen schlendert, im Herbst deutlich weniger bevölkert als in den schmerzlich vermissten Sommermonaten, versteht man, warum Menschen wie Pavle niemals woanders hingehen wollen. Ljubljana strotzt nur so vor Intellektuellen, die am liebsten in Deutsch rezitieren, verrückten Künstlerkollektiven wie die Theatertruppe Grapefruit, die in einem von Metelkovas vielen kleinen Clubs das Publikum mit ausgespaceter Live-Elektronikrockschock-Musik zum Lachen bringen, interessanten Architekturprojekten wie die komplett modernisierte über der Stadt thronende Burg, in der sich auch eine Laibach-Fotoaustellung findet, und spannenden Fotografen, die mit klarer Bildsprache begeistern. Jetzt fehlt nur noch eine elektronische Revolution. Auf dass der Funke überspringe möge. Im Neuen alten Europa, vor allem auch in Ex-Yug. Vielleicht liegt daran die Zukunft.

Text> Katrin Richter. Bilder> Katrin Richter. Thanks> Ivan und Davor @ Tehnika und natürlich the one and only Paul Blau. Und P. K. Dick. Big up to the Zagreb-Posse! Hope you dig the Tehnika stuff!

KLinks:
www.nika.si/tehnika
www.ouroborots.com
www.nika.si/tehnika/temponauta



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