01.03.2006 Sonar 2004 – und doch so fern? +++ RL ARCHIVE AUG 04 |
Doch auf den Boom folgt stets die Baisse: Der ökonomische Fortschritt vollzieht sich in wellenförmigen Zyklen, wie die Weltwirtschaft uns lehrt. Anzeichen, dass Tiefpunkte auf dem Schritt folgen, ist die vorhergehende Sättigung des Marktes – wenn alle am gleichen Strang ziehen, um kein Risiko einzugehen, und keinerlei Innovation stattfindet, weil alle lieber auf die sichere Bank setzen, dann ist der Crash vorprogrammiert. Ein Warnaufruf anhand des Beispiels des diesjährigen Sonarfestivals folgt. Der Komplettausverkauf steht auch in Barcelona kurz bevor: Auf der einen Seite gibt man dem Massenpublikum, was es will, auf der anderen Seite kassiert man ein, wenn langweilige Labels ihre noch langweiligeren Acts einer völlig unbedarften Masse gegenüberstellen. Und dann setzt man doch noch ein Zeichen, dass ein Kurswechsel unmittelbar bevorsteht; HipHop als kalkulierbarer Markt mit Riesenwachstumspotential wird erstmals als degustierbarer Trend offeriert, der vielleicht auch den elektronischen Endverbraucher in seinen spielerischen Mutationen anspricht. Zehn Jahre, nach dem das einstmals innovativste und bahnbrechendste Musikfestival seiner Art, international und doch durch großzügiges Mäzänentum fest in Katalonien verankert, ins Leben gerufen wurde, beweisen die Macher, dass auch sie sich in den Tretmühlen der Wirtschaft verfangen haben: Nur das stetige Weiterwachsen garantiert nun das Fortbestehen. Der Wahnsinn manifestiert sich wie immer in Franchising – Sonar als Eventreihe bereiste europäische Kulturhotspots –, und wahnwitzigen Businessarrangements – die Bookinggentur des Festivals hält einige Sonarmusiker exklusiv in Schach und die Preise hoch –, und natürlich auch im Brechen der vorjährlichen Höherschnellerweiter-Rekorde: Fix wie nix gingen die Tickets weg, komplett ausverkauft war Sonar 2004 – von der Konzertreihe mit dem wiedervereinigten, als Ryuichi Sakamoto angepriesenen Yellow Magic Orchestra, das sehr zur Enttäuschung des technophilen Publikums, das sich Erleuchtung wünschte, klassische Musikstrukturen mit modernen Intrumentalinterpretationen des Psychedelic Rock kreuzte, bis zu den Nightevents voll von Techno-Titanen und alljährlich wiederkehrenden Feiergaranten wie Richie Hawtin, diesmal mit Ricardo Villalobos, Carl Cox, der nicht erschien und recht unerfüllend von der zuvor im La Terrrazza gefeierten Miss Kittin ersetzt wurde, der in diesem Jahr aus der Gunst des Publikums gefallene, “Flavour of Last Year” Matthew Herbert und Dave Clarke, der mit seiner fiesen Miene und bösen Loop-Platten keinen der shiny happy Sparkletechno-Kinder begeistern konnte. Von den kunstgrasgepolsterten Sonar-By-Day-Events bis zu den erneut im Centre D’Art Santa Monica untergebrachten Software-Shows und Technologietalks – alles ratzefatzekahl ausverkauft. Barcelona brodelte. Und doch bemerken nüchterne Analysten der Szene schon bald, dass Barcelona immer brodelt, brummt und kocht durch den Ansturm der Musikschaffenden und Kreativen. Dieses Jahr könnte man mehr von einem köchelnden Schmatzen sprechen – das gierige Schlingen der Aasfresser, die sich am Kadaver der elektonischen Musik laben. Überall Sponsoren, die am laufenden Bande “Goodies” verteilen, während die Pro-Area, teurer und enger denn je, durch nicht vorhandenen Mobilfunknetzempfang lahmgelegt wird. Überall Kameras und Fernsehteams, während das entertainmentverwöhnte, gutbetuchte Publikum mit schafnasigen Gesichtern sehrsüchtig auf den ersten harten Viervierteltakt wartet, weil der Vormittag, mit ambientartiger Fahrstuhlmusik gefüllt, dahinzieht wie ein Flug auf Valium. Nachdem am Donnerstag Sofus Forsberg das Publikum mit skandinavischen Gesängen verzückte, gab es am Freitag um vier den ersten Anlass zum Ausrasten: Francois K. lieferte mit Deep Space und Mutabaruka heftige straighte Beats, und Billy Nasty kredenzte nach dem gelungenen Elektro-Liveact von Transparent Sound das düster gebrochene Pendent in der Sonar Village. Ghostly International showcaste abstrakt groovigen Beats von Geoff White und Dabrye, und die beiden hinter ihren Computern zusammengekrümmten bleichen Figuren vermittelten auf peinlich veklemmte Art, wie Liveacts mit Laptops nicht zu sein haben, weil absolut kein Funken überspringen konnte. Ein Beispielt nehmen konnten sich die Jungs an der karikaturesken Vorstellung des zuckenden Livespastikers von Broklyn Beats, Drop The Lime, der mit seinen Terrorbreakcorebeats auf einsamer Flur stand. Nur die Jungs des Anti-Sonar-Movements, die mit fünf Drum’n’Bass-Soundsystems vor dem Sonar By Night das Kontrastprogramm lieferten, das man sich für eine ganzheitliche Repräsentation unserer Szene wünscht, sorgten auf abgefuckt-anachistische Weise für eine Ergänzung des Spektrums. HipHop-Jungs wie Kid Koala spielten nachts eh auf verlorenem Grund. Einzig und allein Jeff Mills hat in diesem Jahr etwas Geschichtsträchtiges vollbracht: Er hat die Popstarschallmauer durchbrochen. Sich präsentierend vor einem internationalen Fanpublikum, getragen von gigantischen Wellen der Symphatie und der Antizipation, trat er vor die wogende Masse mit einer 909, die er live und lächeld bearbeitete wie ein Rockmusiker seine Klampfe, umringt von Kameras, die seine Handgriffe auf riesige Leinwände übertrugen, und durch eine Bühnenshow des Sonar-Kampagnen-Models ergänzt. Wer ihn zuvor glücksstahlend im Plattenladen um die Ecke Axis-Merchandise wie Flip-Flops, Hunde-T-Shirts und 7-Inch-Sondereditionen verkaufen sah, konnte nicht umhin, sich zu wundern. Die City rund um CCCB und MACBA pulsierte mit trendigen Feiermenschen aus ganz Europa, die nach dem Sonar-Tagesevent wie Fliegenschwärme durch die Stadt sausten, immer auf der Suche nach dem heißenten Hotspot: dieses Jahr ganz klar die Get-Physical-Party mit DJ T. und M.A.N.D.Y., Sven Väths Sonnenkönig-Auftritt und die Cologne.Pop-Party mit Michael Mayer und Falko Brocksieper am Strand. Dass Barcelona in solchen Augenblicken an Ibiza erinnert, ist eine Novität, denn noch im letzten Jahr schillerte die Stadt durch ihren mediterranen Flair, ihre Fremdheit, ihre Exotik, ihre Wildheit und ihren stetigen Influx von in Deutschland ungehörten Melodien, unentdeckten Ideen und nicht wahrgenommen Kulturen aus Ländern wie Portugal, Argentinien, Marokko, Kuba und Italien. Doch schon ein Jahr später überdeckt die Macht des Kapitals, das Diktat des Angebots und der Nachfrage, alles Fremde und Aufregende. In Barcelona fühlt sich der Deutsche wie zu Hause. Und feiert wie zu Hause. Durchschaubar. Solide. Nüchtern, wenn auch weggeschossen. So fern und doch so nah. Text: Katrin Richter, Stichworte: Thorsten Velten, Carine Boullion, Volker Thoms und Alexander Riegel – die einzigartige Freelance-Crew. Link: www.sonar.es |