01.03.2006 Sónar 2002 – Barcelona bebt! +++ RL ARCHIVE AUG 02 |
Bei dem in getrennten Locations stattfindenden Sónar by Day und Sónar by Night wurde nicht nur Wert auf die Ausleuchtung des gesamten Musikspektrums gelegt, sondern auch ein multimedialer Rahmen geschaffen, in dem die Macher des Festivals außer Labels und Artists auch Designergruppen, Software und Soundkünstler showcaseten. Hier werden Trends geboren – zumindest wünscht man sich das in krisengebeutelten Jahren so – Kontakte geknüpft, Kooperationen gestartet und Freunde gemacht…und gefeiert, getanzt und gelacht wird natürlich auch. Raveline tastete sich vor in die hochgebildeten Gefilde des avantgardistischen Happenings und fand sich genial gegroovt und gut gechillt auf dem Kunstrasen des SónarVillage wieder. Bloß, was das diesjährige Sónar-Maskottchen, der Koka-Fußballer Diego Maradona, mit dem Event zu tun hat, bleibt eines der ungelösten Rätsel dieser Reise. Viva Barca Zahlreiche Fluglinien haben in diesem Jahr ihr Angebot ausgebaut und scheinen sich im Vorfeld des Festivals mit Dumping-Preisen unterbieten zu wollen: Iberia, Air France und British Airways fliegen die spanische Stadt am Mittelmeer für wenig mehr als 200 Euro an und vor Ort gibt es zahlreiche billige und coole Jugendherbergen und preiswerte, gemütliche Pensiones – also ideale Voraussetzungen für Budgetreisende! Allerdings kann man zu Sónar-Zeiten nur dann ein Bettchen abbekommen, wenn man sich frühzeitig drum kümmert. Bei unserem Eintreffen war natürlich schon alles heillos dicht, da auch sämtliche musikfanatischen Spanier das Angebot zu schätzen wissen und sich Barcelona an jenem Wochenende in eine der Partyhochburgen dieser Welt verwandelt. Strategisch günstig ist eine Bleibe irgendwo an der Ramblas oder in der Nähe des Plaça de Catalunya, da man dann zu allen Events bequem laufen kann und auch alle Clubs zu Fuß erreicht. In einer Seitenstraße der Ramblas – die Flaniermeile der Stadt, die quer durch das Gotische Viertel bis zum Hafen hinunter führt – findet sich das Convent dels Angels, in dem seit dem letzten Jahr die Tagesevents des Sónar Festivals stattfinden. Schon der davor liegende Platz wird im Laufe des Tages immer mehr zum Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Musikfreude: Schlagzeuger und Trommler liefern den Beat für das pulsierende Leben – die ganze Straße ist während des Wochenendes voll mit distinguiert hip aussehenden Semi-Professionellen und ihren Eighties-gestylten Girlies. Auf Skateboards und BMX-Rädern kreisen dreadlockige Jungmänner in Ethno-Gear, und rassig aussehende sexy Mädchen und mandeläugige Männer zeigen viel mehr Haut, als man sich als verfrorener Nordeuropäer je zu erträumen wagte. Sónar by Day Das Tagesevent gestaltet sich als sehr entspannte, gut organisierte Angelegenheit: Das ehemalige Kloster, das zu nicht-Sónar-Zeiten als Kunstmuseum genutzt wird, ist eine spitzenmäßige Location für eine solche Veranstaltung. Fünf Stages finden sich auf verschiedenen Levels, und dazwischen gestreuselt sind diverse Ausstellungen, die ProArea und der etwas schwer zu findende, aber gut bestückte Plattenmarkt. Langsam, aber sicher füllt sich die Mainarea, das SónarVillage, mit Professionellen, die nach der Akkreditierung ihre blauen beziehungsweise braunen Taschen in Empfang genommen haben. Der grüne Kunstrasen lädt bei prallem Sonnenschein dermaßen zum Verweilen ein, dass man den Absprung kaum mehr schafft, denn gleich zu Anfang gibt es komplexe, tanzbare und trotzdem relaxte Breaks. Zusammengebastelt werden diese live von einem kleinen Venezuelaner namens WYZ, der von einem Herren namens Lopez abgelöst wird. Auch im SónarLab, wo so viel gefrickelt wird, dass Stehen nicht zumutbar ist und Liegestühle zum entspannten Zuhören einladen, krispeln und knocken Un Cadie Renversé Dans L‘Herbe und Simon Marino und spielen Ooze.Bâp – ein angenehm minimales Soundgematsche. Dort finden sich auch später DJ Anima und DJ Triple R vom wundervollen Traum-Label in Köln. Während der Tag bei Bier und Ganja dahingleitet, präsentieren auf unzähligen Stages jede Menge Menschen ihren ultrainteressanten Sound. Schon jetzt beschleicht uns das Gefühl, dass man sich auf keinen Fall aus der Fassung bringen lassen darf, weil man unweigerlich immer wieder gezwungen ist, absolut unversäumbare Acts sausen zu lassen. Irgendwann muss man eben essen und schlafen… So genießen wir bewusst einen Teil des Ninja-Tune-Showcases mit DJ DK, verpassen dabei aber Tuxedomoon, die DJ Hell ja seinerzeit wieder ausgegraben hat. Mut zur Lücke nennt man das. Sónar by Night Ausgeruht reisen wir am ersten Abend mit dem Shuttlebus zu Sónar by Night, das in einem riesigen Messekomplex irgendwo im Industriegebiet von Montjuïc untergebracht worden ist. Enttäuschung macht sich bei uns breit, denn hier wurde offensichtlich in anderen Dimensionen gedacht als während des liebevoll gestalteten Tagesevents, obwohl auch hier organisationstechnisch alles hinhaut und auch die Crowd genauso freundlich und farbenfroh rüberkommt wie beim Sónar by Day. Überhaupt legen die Musik-Liebhaber allen Alters und Nationalitäten erstaunlich wenig Posing-Attitude an den Tag und scheinen weder unter Profilierungsdrang noch unter Arroganz zu leiden. Sónar bei Nacht zielt allerdings mehr auf die breite Masse ab, und so ist tatsächlich jeden Tag ein Kassenmagnet im Line-Up zu finden, der die weitläufigen Hallen füllt: Heute sind es die Pet Shop Boys. An dem Eighties-Pop-Comeback-Spektakel erfreuen sich hauptsächlich Ältere und pseudo-trendige Retro-Etiketten-Sammler. „Go West“ nörgelt Neil Tennant, und so verlassen wir die Halle gen Westen und widmen uns erneut Arthur Baker, der beherzt fast jeden Übergang verhunzt. Schließlich groovt uns noch DJ Krush, bevor Ellen Allien, Modeselector und Feadz ihre Mischung von Berliner Beatz und stückeligen Rhythmen gekonnt an die Leute vermitteln, wohingegen Slam nicht gerade slammen, was aber auch an der nicht ganz gefüllten Halle liegt. Die knackigste und verrückteste Performance kommt von Radio Boy aka Matthew Herbert, der trotz technischer Probleme aus Burgern, Milchkartons und Cornflakesboxen Musik macht, die existenziell und politisch korrekt die Leute aus der Fassung bringt. Mehr als zufrieden schleppen wir uns ins Hotel zurück. Baila, Baila, Baila Ganz Barcelona ist ständig in Bewegung: Besonders auf der Ramblas geht es nonstop zur Sache. Gaukler, Freaks und Fashionistas aus aller Welt versammeln sich zwischen Blumenständen, Reptilienverkäuferbuden und vor Wahrsagerinnen-Klapptischen, der eine oder andere dürre Indien-Traveller, Hennatattoo-malende Zöpfchenflechter, bettelnde Verstümmelte und dreiste Drogenverschacherer lockert das Bild auf, da durch die gaffenden, dahinzuckelnden Touristenmassen, lässig schlendernden Gigolos und schicken Senioritas ein ziemliches Urlaubsfeel vorherrscht. Schnell ein wenig Sangria aus dem Supermercado geschlürft und eine nette Tüte geraucht und man hat endgültig sämtliche anstrengend-deutschen Attitüden wie Pünktlichkeit, Unfreundlichkeit und Korinthenkackerei abgelegt und schlendert beschwingt in der meditarran-warmen Luft. Während wir zum Santa Monica Centre D‘Art laufen, verpassen wir Chris Coco, Hiroshi Watanabe, die Ladytron DJs, Thorsten Lütz, Wechsel Garland und Donna Regina von Karaoke Kalk. Auch für Kit Clayton, der Laptopmusik macht, sind wir zu spät im Multimedia-Art-Center, und daher verfolgen wir stattdessen Squinchs nervöse Präsentation von LISA, einem Musikprogramm. Rechtzeitig für Murcofs melancholische Klänge sind wir wieder im Convent, wechseln dann gute Gespräche mit Thomas Morrs Beats ab, lauschen kurz anschließend François K.s Klicken und Peaches' seltsamer Kombi mit Pan Sonic, um dann schließlich von Kid606 gerockt zu werden. Bootleg-Samples à la „Too many DJs“ rollen wie Eisenbahnwaggons durch unsere Köpfe. Genial! Nach einem superleckeren Essen im total verkakerlakten Xaica wird erst mal gechillt und Super_Collider im Nitsa-Apolo verpasst, bevor wir uns um 2 Uhr am Moog Club einfinden, um dort dem externen Showcase des Berliner Tresor-Labels mit Cristian Vogel und Dave Tarrida beizuwohnen. Dadurch versäumen wir nicht nur die Kompakt-, Intec- und Cocoon-Nights in diversen Clubs, sondern auch Sónar by Night mit Luomo, Roger Sanchez, Soul Designer, John Tejada, Soul Center, Tiga, Alison Goldfrapp, Lamb (seufz) und Funk D‘Void und das Wrong Festival. Man kann eben nicht alles haben. Dafür amüsieren wir uns prächtig. Arriba Y Abajo Am nächsten Tag gehen wir das Ganze noch gelassener an, kaufen Platten und freuen uns über DJ Muerto und Aavikko. Schließlich entscheiden wir uns, die Ableton-Präsentation mit Monolake anzugucken, nehmen dafür das Gelatsche zum Art-Center in Kauf und verpassen es prompt. Auch der zunehmend stylisch aussehende Richie Hawtin hat es schlicht versäumt, seine Final-Scratch-Show zu showcasen. Stattdessen begeistern mich Golan Levin und Gregory Shakar, die mit ihren Laptops „Scribble“ vorführen, wobei die Maus-Clicks der beiden Formen und Klänge hervorrufen, die die beiden hervorragend koordinieren. In der Zwischenzeit begeistert die gesamte WMF-Records-Bagage mit Highfish, Kotai und Nikakoi den SónarDome und Safety Scissors wurschtelt in der Escenario Hall. Mit Sangria verdrängen wir das erneut aufkeimende (Schuld-)Gefühl, wirklich etwas zu verpassen und zeigen trotz schmerzender Gehwarzen doch noch einmal Engagement, schließlich ist es die letzte Nacht: Wir fahren zu Sónar by Night, dem alle Pros generell und insgesamt fern bleiben – zu groß, zu doof, zu voll. Tatsächlich: Tausende von Spaniern wollen heute abend dick eins auf die Fresse, was bei dem Line-Up mit Jeff Mills, Carl Cox und Richie Hawtin zu erwarten ist. Zuerst futurefunken wir zu S.I.Futures, der doch recht poppige Brightonsound scheint von der breiten Masse (sic!) aber noch nicht wahrgenommen worden zu sein. Alle warten auf Richie, der ein schockierend ödes Technoset in langweiligstem Ibiza-Progressive-Style spielt. Dankbar sind wir deswegen für das Angebot im übervollen Pub – Schubidubhouse mit Del Costa – und freuen uns über Mr. Scruff, Domenico Ferrari und Sequel. Draußen vor der Tür gibt es dann am nächsten Morgen noch eine spontane Party mit einem mobilen Soundsystem… Aber das ist ja noch nicht alles: Als wir am nächsten Tag auf den plattgefeierten Dave Tarrida – den Sativae-Oberhoncho, der seit drei Jahren wieder in der Stadt seiner Vorväter haust – treffen, geht der noch ein wenig mehr ins Detail: „Besonders draußen und tagsüber finden immer wieder an abgelegenen Stellen Parties statt.“ Dave fährt fort: „Die richtig geilen Clubs findet man außerhalb, im Hinterland von Barcelona, zum Beispiel den Sala del Cel in Girona. Oder den Sensorial Club in Manresa und das Keeper 21 in Manlleu. Aber am verschärftesten ist das Palm Beach in Sant Feliu de Guixols. Du glaubst es nicht, bis du nicht mal da gewesen bist.“ Tatsächlich gibt sich das ganze Jahr über die gesamte internationale DJ-Crème-de-la-Crème regelmäßig die Ehre, was den katalanischen Landstrich zu einer einzigartigen Party-Region macht. Wo sonst gibt es sonst so eine Sound-Vielfalt, Sonnenschein und sexy Kultur? Eins ist uns jetzt klar: Barcelona ist ein musikalisches Mekka – auch zu nicht-Sónar-Zeiten. Words: Katrin Richter, Bilder: Benjamin Hobson, Katamin Cheers to Georgia, Delia, Ina & Thomas, Birgit, Benita, Bénédicte, Giordano, Ellen, Dimitri, Peter Pure, Brigitte, Dave, Cristian, Tudor & Sally, Mateo, Tiga und Cora. Link: www.sonar.es |