01.02.2006 RL ARCHIVE JAN 06 +++ Rave Around The World: Eu Te Amo, Brasilbrasilbrasil... Part 2! |
Raveline reiste Ende September 2005 erneut nach Sao Paulo, um dort zum zweiten Mal in das pulsierende Nachtleben einzutauchen, wie immer in bester Gesellschaft: Bereits zum fünften Mal tourte der Leipziger DJ Christian Fischer Brasilien, um seine Definition von Techno unters Partyvolk zu bringen. Was diesmal in einer Recordlabel-Night kulminierte, die auch seinen brasilianischen Artists - dem Sieben-Tage-Sieben-Nächte-DJ Murphy und dem Liveartist Elton D. - eine Plattform bot. Bei der Gelegenheit: Wie überlebt man fröhlich eine Vertriebspleite? Wie überlebt Murphy, mittlerweile zum Weltstar mutiert, sein krasses Schedule? Was macht eigentlich Michel Palazzo, das Underground-Records-Brasil-Wunderkind? Warum sind alle Brasilianier sauer auf DJ Marky? Und was treibt die Partymafia so? Zeit, mal wieder am Puls der Zeit und hart an der Kante zu recherchieren... Global Braindraining Brasilien fasziniert. Immer noch und immer wieder. Trotz harter sozialer Gegensätze strahlen alle Bewohner eine Lebensfreude aus, die wir in Deutschland, wo gut drauf sein verdächtig ist, vielleicht nur in Technoclubs und Konzerthallen vorfinden. Und da, so finden die Politiker, sind dann die Drogen dran schuld. Nicht so in Brasilbrasilbrasil: Faszinierend auch, wie schnell und unkompliziert sich die Menschen dort elektronische Musik in all seinen Facetten verinnerlicht haben - Techno ist genauso populär wie Drum'n'Bass und Goa. Mit Begeisterung und Elan schraubt die neue Generation von Produzenten - DJ Whebba, Elton D. und Philip Braunstein zum Beispiel - an der eigenen elektronischen Identität. Der Sound: mehr Samba, mehr Groove als in D-Land. Die Szene, seit über dreizehn Jahren immer weiter wachsend, ist auf höchstem Level aktiv, auch wenn es immer noch kaum Plattenlabels im traditionellen Sinne gibt. Aber es machen sich auch hier Zeichen bemerkbar, dass die Dinge im Wandel ist. Zum einen ist da die Omnipräsenz von brasilianischem Hiphop und seinem dreckigen Bastardbruder Riofunk, der sich dank findiger Werbemenschen sogar zu einer Art globalem Musiktrend durchgesetzt hat. Traditionelle, aber seit längerem nicht mehr so gut besuchte Technoclubs wie Bunker in Rio und Lov.E in Sao, schließen die Pforten oder passen ihr Programm dem sich wandelnden Publikum an, auf Popularität statt auf Innovation setzend. Zum anderen ist da die Polizei, die mit immer extremeren Methoden - das Filmen und im Anschluss mit Beweismaterial unterfütterte Arrestieren von drogenkonsumierenden Partygängern ist ein beliebtes Mittel; in der Regel werden die Partybetreiber gleich mit eingelocht - Politik gegen Goafestivals und Outdoorparties macht. Da ist die immer bemerkbarere Aufsplittung der Parties in superkommerzielle Megaspektakel mit in Privatjets eingeflogenen Erstwelt-Ligisten und amateurhaften Wannabe-Underdog-Events, die keinen müden Hund vor die Tür locken. Da sind die brasilianischen Super-DJs, die jetzt in Europa und anderswo so geniale Bookings einfahren, dass man sie zuhause nicht mehr zu hören bekommt. Entweder, weil sich anderswo bessere Chancen bieten, oder weil ihre Gigs nicht mehr zu bezahlen sind, was die Fans vergrätzt und die Home-Szene verkümmern lässt - das altbekannte "Braindrain-Prinzip". Und zuguterletzt ist da Lulas Gruselkabinett, das 50 Millionen Reals veruntreut haben soll, weswegen die megaenttäuschten Brasilianer grundsätzlich desillusioniert in die Zukunft schauen. Bestandsaufnahme Aber es gibt auch Positives zu berichten, denn Kapitalismus kann ja auch nett sein. Michel von URBR (wir berichteten in der Raveline 2003, nachzulesen im Archiv unter www.raveline.de) ist jetzt sein eigener Chef. Mit 21 Jahren kann er bereits auf fünf bewegte Jahre als Profi-DJ zurückschauen, seit zwei Jahren betreibt er sein eigenes Label, mittlerweile eines der bedeutsamsten von Brasilien - viel Konkurrenz gibt es ja nicht. "Mit 16 habe ich angefangen, in einem Schwulenclub namens Ultralounge aufzulegen, ein. Das - und das Paffen - hat mir sehr geholfen, meine Wahrnehmung für das, was um mich herum vorging, zu schärfen, weil ich aus sehr behüteten Verhältnissen komme." Behüteter geht es in der Tat nicht. Edy, die Mutter, eine erfolgreiche Businesslady, die sich als DJ-Mama auch auf die Vermarktung ihres Sohnes gestürzt hat, hält die Trümpfe in der Hand, Michel spielt sie aus. Allerdings immer selbstständiger, zuverlässiger und intelligenter, was ihn mitterweile zu einem ernstzunehmenden Player macht. Wollte er 2003 noch mit in England gepressten Platten in Kleinstauflage auf die brasilianische Szene - Produktionen kamen unter anderem von DJ Murphy und Diego Logic - aufmerksam machen, die sich durch den Input zahlreicher aktiver DJs und Produzenten stätig professionalisierte, hat er, auch aufgrund der für einen Zweitweltler mit begrenztem Budget unüberwindbarer Probleme, einen eleganten Turn hingelegt: Statt auf schwer herstell-, transportier- und vermarktbares Vinyl zu setzen, verlegt er die Releases der URBR-Talents nun auf CD. Erschienen sind unter anderem Mix-Compilations von bekannten DJs wie Marnel und Grace Kelly Dum sowie Alben von Artists wie Oil Filter. Stupid Stümpers vs True Talents Der Clue: Die Compilations setzen sich nur aus in Brasilien produziertem Material von Producern wie Philip Braunstein, Andre Dazzo, Alec Araújo, Neo Geo, DJ Gu, Murilo Rodriguez, Zé Maria, Drumagick, Alex DB, Will, Andy, Mikrob und XRS zusammen - ein Heimspiel sozusagen, und auch ein cleverer Move. "Wir von Underground Records Brasil wollen ausschließlich Brasiliens Produzenten und DJs promoten, damit die hiesige Szene fördern und unseren Output auch einem internationalen Publikum zugänglich machen." Die ersten europäischen Vertriebe haben die CDs bereits ins Programm genommen. Das Konzept ist für Südmerika, wo man sich sonst oft in entwicklungstechnische Sackgassen begeben hat, weil man sich auf das oftmals etwas amateurhafte Kopieren von globalen Trends, das auf ungelenkes Hinterherhinken hinausläuft, verschossen hat, anstatt sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren, wirklich bahnbrechend. Die Rechnung geht also auf. Der jüngste Coup ist die Kooperation mit der Bookingagentur Hypno, die die Mixkünste der bei ihnen unter Vertrag stehenden Künstler einem breiten Publikum zugänglich macht, wohingegen Michel von der Popularität der Hypno-Stars profitiert, so geschehen mit der "Hypnoseries 001 mixed by Fabricio Peçanha". Außerdem geplant: Der Vetrieb der ersten Hypno-DVD, die auch für deutsche Fans von Interesse sein dürfte: Ein Livemitschnitt vom mittlerweile auch in Deutschland immer populärer werdenden Megatalent DJ Murphy, der schon 2003 aus den Local Talents herausstach wie ein Leuchtturm, vom Summer of Love in Tschechien - scratchend, an vier Turntables. The Seven Day DJ Das DVD-Format kommt dem in Sao Paulo geborenen DJ sehr entgegen, denn der Typ hat den style, the grace and the face, und above all, the S-K-I-L-L-Z! Den Jungen hinter den Tellern erlebt zu haben ist etwas, von dem noch unsere Enkel zu hören bekommen sollten. Technogescratche! Groove pur! Beatjuggling! Immer in time! Alles möglich. Na, was heißt möglich? Für Murphy, der eigentlich aus der HipHop-Drum'n'Bass-Ecke kam, um dann immer mehr in Technogefilde abzudriften, weil das "korrekte Scratchen von Techno wegen der Geschwindigkeit der straighten Beats für mich die größte Herausforderung darstellt und mir somit am meisten taugt", ist nichts ummöglich! Der Junge hat so flinke Finger, dass einem die Augen bluten, und scratcht mal eben die Loops locker aus der Hand. Wenn die anderen Platte in vier Bars ausläuft, hat er immer noch massig Luft, um eine neue Platte rauszusuchen. Im Dezember kommt er erneut auf Tour nach Europa. Murphy, der mittlerweile Englisch und ein bisschen Deutsch spricht, spielt im Leerer Airport, im Bernabeum, im Tor3, im Universal D.O.G., im Zirkus Koethen, im Pro-Jekt Oostende, auf dem Aids Techno Benefit in Monaco, dem Technoinside in Portugal, und im Pariser Rex-Club, wo seine Tour Anfang Januar zu Ende geht. Dann kehrt der wohl am härtesten arbeitende DJ der Welt wieder nach Brasilien zurück, wo er tatsächlich jeden Tag hinter den Turntables steht und immer eine perfekte Performance bietet. Lachend und kettenrauchend. Kein Wunder, dass er so rasant zu einem der populärsten DJs des Landes aufstieg. Schwenk zum weltbekanntesten brasilianischem DJ, dem Drum'n'Bass-Held Marky, der sich in seiner Heimat gerade ordentlich disqualifiziert hat, erzählt Michel. Die Geschichte ist die Geschichte vieler populärer DJs. Für den nach London verzogenen Marky wurden immer höhere Preise gefordert, die hierzulande eigentlich keiner mehr bezahlen kann. "Doch die Leute sind verrückt nach Marky und zahlen willig. Zu Parties ohne Megastars wie ihn will keiner mehr gehen." Drum'n'Bass in der Krise? Zur Krönung von allem verlor Marky seine Vibe-Night-Residenz im Lov.E Club, in dem er sieben lange Jahre brasilianische Drum'n'Bass-Kultur promotet hat, wegen einem sehr negativ ausfallenden Interview, in dem er - nicht ganz zu unrecht - die Politik der Clubbetreiberin kritisierte. Denn diese setzt auf den neuen Trend Riofunk, "um den Club vollzukriegen", anstatt sich auf die wahren Stärken zu konzentrieren - dass jemand wie Marky tatsächlich dazu beigetragen hat, Drum'n'Bass nicht nur zu etablieren, sondern auch auf globaler Ebene weiterzubringen, ist unbestritten. Doch weil er Sao Paulo jetzt endgultig den Rücken zugewendet hat, sind selbst Diehard-Fans ziemlich angepisst. "Das war wahrscheinlich der uncleverste Move in seiner ganzen Karriere," bestätigt auch Paulinho, sein Booker. Oder doch clever? In England bieten sich nach wie vor die meisten Chancen für einen Drum'n'Bass: Labels, andere Producer auf Weltniveau, Riesenparties, neue Impulse aus dem Untergrund... Doch: "Ohne ihn und seinen Input ist Drum'n'Bass in Brasilien tot. Partytechnisch geht so gut wie gar nichts mehr - jede Menge Drum'n'Bass-DJs satteln gerade um oder hängen das DJen an den Nagel." Und der Rest spielt sanften Samba'n'Bass der spülwasserwarmen Sorte. Oder werden Megapopstars, wie zum Beispiel Drum'n'Bass-Producer Ramilson Maia, der in Portugal gefeiert wird... Irgendwann schneit Definition-Meister Christian Fischer herein, wie immer guter Dinge. "Mit'm Taxi. Interessiert ja hier keinen mehr, wann man am Flughafen ankommt," grinst der Leipz'sche Feierpabbah. "Naja. Ich wohn' ja fast schon hier." Mittlerweile zum fünften Mal tourt der inoffizielle Final-Scratch-DJ nun schon Brasilien, zum vierten Mal exklusiv von Hypno DJs verbucht. "Und jedes Mal kriegen die die Dates schneller voll." Die renommiertesten Technoclubs des Landes wurden in zwei Wochen abgeklappert, und nun ist Christian wieder in Sao Paulo für die Definition-Labelnight im Lov.E Club. Love Jam Sessions Für ihn war das letzte Jahr nicht einfach, da er von der CPL-Vertriebspleite betroffen war: "Eine Pressung kostet mit Mastern und Vierfarb-Cover um die 1.700 Euro... Und bei uns ist leider auch der unglückliche Fall aufgetreten, das sie kurz vor der Pleite alle 1.000 Einheiten verkauft haben, die einen Wert von circa 2.500 Euro hatten. Das heißt: Geld und Platten weg. Wenn die sie wenigstens auf Lager gehabt hätten, hätten wir sie wieder bekommen, aber so... Sehr sehr unglücklich..." Er fährt fort: "Was genau passiert ist, ist nie wirklich ans Tageslicht gekommen. CPL bestand ja aus drei Anteilseignern: Steffen Charles von Metropop, Ernest von Prime und Chris Liebing. Irgendwann ist dann CPL UK geschlossen wurden, in Deutschland hat es aber immer geheißen: 'Wir sind nicht in Gefahr.'" War man aber doch. Die Konsequenz: Viele Technoartists wie Ade Fenton mussten ihre Labels aufgeben, und auch Christian musste sein Releaseschedule auf Definition Records so lange ruhen lassen, bis er wieder Kapital aufgetrieben hatte. Aber jetzt kommt langsam wieder Leben in die Bude, und so erscheint dieser Tage die mit Murphy produzierte, passend betitelte "Five Years Exile" EP. Immer, wenn die beiden aufeinandertreffen, haben Murphy und Christian einen Produktionsflash, und so erscheinen demnächst weitere in Gemeinschaftsarbeit entstandene Platten auf Labels wie Tremor, Ignition, Ekhoport und Composure. Viavaivai! Es ist jetzt Nacht. Die hiesige Sprit-Marke heißt Selvagem, und an dem Zeugs wird sich, in Kombination mit Jägermeister, in nicht verächtlichem Ausmaß vergangen. Auch von Murphy. Was ihn aber nicht im Geringsten behindert, sondern nur zu schnelleren Zocken animiert. Spielte Christian noch locker vom Harddrive, so groovte Elton D. schon etwas monotoner. Doch Murphy setzt dem Definition-Treiben die Krone auf. "Der Murphy ist 'ne Inspiration", sind wir uns einig. Filmriss. Nabelchakra Öffne Dich Will man sich sanft und ethnisch korrekt die Sinne wieder wachküssen lassen, empfiehlt sich ein Besuch im Club-Restaurant-Ausstellungsspace-Happening-Bar-Projekt namens Chakras im Jardin-Distrikt. Die Kunst von Subway-Artist Anton Petikov, die Deko malayisch, die Philosophie irgendwie indisch, das Essen international, ein Mix-And-Match-Konzept abgestimmt auf die Bedürfnisse der Weltgewandten, Weitgereisten und Wohlerzogenen. Ein wenig Ethno zu sein, auf hedonistische Art und Weise, versteht sich, ist ja auch irgendwie schick. Besonders in Ibiza, dem Nabelchakra der Newagehippiebewegung, die seit Alfredos legendären Acidhouse-Bekehrungszeremonien auch Teil der Ravekultur geworden ist. Hier fand auch Miguel Reis, der hinter dem Chakras-Konzept steckt, seine Inspiration. Und auch seine Herausforderung. Seine Brazil-Ibiza-Mix-Doppel-CD namens "Chakras", auf dem er als Djourney mit Werner Sin Plomo Bossa Lounge mit Balearic House verschmilzt, promotet er sowohl in Europa - ein Vertrieb hat sich bereits gefunden - als auch in Brasil. Das Klientel: die Jetsetter, die sich noch für die Welt um sie herum interessieren, tanzen, ihre Energieebenen spüren wollen. Reichhaltig stimuliert. Es geht aber auch ohne Kultur - nirgendwo wird so protzig gefeiert wie hier: Das soeben eröffnete Pacha, das sich auf einer Insel in der Nähe von Rio befindet, kann nur per Yacht angesteuert werden. Das Kontrastprogramm dazu dann am Sonntag. Wir fliegen durch die Nacht, jenseits jeglicher bekannter Koordinaten der SP-Galaxie. Unser Gastgeber Michel sowie der Drum'n'Bass-DJ Kleber Koichi diskutieren die Anflugsroute. Mehrmals stoppen wir. Drehen wir um. An den Festern huschen wabenartig zusammengeklatschte, roh gemauerte Einzimmerhäuser vorbei, durch ein Kabelgewirr verwebt. Wir sind eineinhalb Stunden vom Stadtzentrum entfernt, Umwege mitgerechnet, und noch immer keine "Straßenparty" in Sicht. Doch, da! Die Straße: eine steil nach unten führende Schotterpiste namens Avenida do Rio, die durch ein verlottertes Viertel führt. Dunkeläugige Skater mit wilden Afros rasen an wildschlingernden Bussen vorbei und kommen direkt vor der Hawaii Surf Bar, Austragungsort der Trinka!-Special-URBR-Edition-Jam-Session, zum Stehen. Die an einer Ecke gelegene Location, eigentlich nur ein mit Bar und Turntables versehener Raum, füllt sich stetig, die bis auf die Straße quellenden Menschentrauben langsam losgroovend, und dann ist die Party nicht mehr zu stoppen. Hier auf dem harten Asphalt wird eine neue Spezies von Electronic-Music-Lovers herangezüchtet: Jung, ruff und gnadenlos authentisch. Brasilien ist hot. Eben wegen der Kontraste. Text und Interviews: Katrin Richter. Bilder und Artwork: Katrin Richter Linkstation: Artists/Labels www.definition-records.de www.urbr.com.br www.eltond.com www.djmurphy.com Mags www.beatz.uol.com.br www.rraurl.com.br www.dnbonline.com.br Clubs/Organisers www.loveclub.com.br www.circuitotechno.net www.lustclub.com.br www.xxxperience.com.br www.motronic.com.br www.submusica.com www.technopride.net www.d-edge.com.br www.vegasclub.com.br www.arrasa.com.br www.chakras.com.br Travel www.crucerodelnorte.com.ar - Busreisen nach Argentinien und Iguazu www.voegol.com.br - Inlandsflüge zu Discountpreisen |