12.12.2005

RL ARCHIVE FEB 02 +++ "Das Heim ist tot - lang lebe das Stammheim!". Ein Nachruf an eine temporäre autonome Zone







Was zunächst wie ein schlechter Werbegag daherkam, um die Heimnächte noch einmal mit dem „Spirit der letzten Stunde" gehörig aufzupeppen, ist in Wirklichkeit harte Realität. Zahlreiche Probleme mit Vermietern, Anliegern und Monetärem zwingen die Veranstalter des Kasseler Clubs zu einem vorläufigen Aus. Bis eine neue Location gefunden wird, steht die Zukunft von Deutschlands „Bestem Club", wie die Grand Jury des berühmten German Dance Awards 1999 und 2000 befand, noch in den Sternen. Kein Grund, nicht trotzdem nach ebendiesen zu greifen, wie das Gespräch von vier Stammheim-Virgins mit dem Chaos-Übervater DJ Pierre zeigt.

Der verdiente Club des Volkes schafft Freude am Leben

Am 15. Dezember 2001 rücken also die vier wackeren Probanden aus nach Kassel, um dem Mythos von unzähligen verfeierten Nächten hinterherzujagen, von denen zahlreiche bekennende Heimkinder mit verklärten Augen berichten. „Das Stammheim", so erklärten diese lieben und wohlgeschätzten Feierindividuen einhellig, „hat die Weise, wie ich denke, lebe und feiere, nachhaltig beeinflusst. So etwas wie das Heim gibt es nicht noch einmal in Deutschland." Wer auf qualitativ hochwertigsten Techno stand und auch ein interessantes Rahmenprogramm zu schätzen wusste, das aus der Menge herausstach, der feierte sich, die Musik, die Welt in Kassel. Kassel, strategisch absolut unbeachtet in Nordhessen dahinkrepelnd, bis dort 1994 ein gewisser Laden namens Aufschwung Ost eröffnete, wurde bald zum Mekka für die spleenigen Technoiden der Nation. 1997 wurde das Aufschwung Ost durch eine Verschiebung in der Belegschaft zum Stammheim. Ein Mythos ward (wieder-)geboren... Da Kassel nun nicht gerade auf der Hauptverkehrsachse der Dinge, die sich Techno nennen, lag, musste man dem Ruf schon folgen wollen, um die Reise anzutreten. Dass aber viele Leute den Weg tatsächlich fanden und massivste Distanzen in Kauf nahmen, ist auch den genialen Flyern zu verdanken. Den Herren Brinkmann und Kopetzki, die Erfinder des legendären Hotze-Comics, kann man schlichtweg unterstellen, das Stammheim endgültig in das (Unter-)Bewusstsein einer ganzen Feiernation gebracht zu haben. Das Duo - in Kassels Feierkreisen keine Phantome, sondern reale Partymonster - zeichnete sich mit seinen minutiös mundgemalten Illustrationen von krassen Partysituationen in die Herzen der Raving Society und war von Anfang an für die Gestaltung der Flyer verantwortlich. Die beiden ließen sich nicht zweimal bitten und schufen Ravelinde. Die Handzettel mutierten bald zu begehrten Sammelobjekten. Auch die übergroße Statue der Ravelinde - zärtlich „Druffine" genannt - die einst den Eingangsbereich zierte, wurde von den Heimkindern glorifiziert.

We have explosives - eine handvoll Party eben

Zunächst stehen wir direkt vor dem backsteinernen Torbogen der Salzmann-Kulturfabrik. Ein weitreichender Komplex von Gebäuden, die in den Anfängen der Industrialisierung der Manufaktur von etwas ganz anderem diente als Kultur. Nun bietet die Fabrik zahlreichen Kulturvereinen ein Zuhause, die dem Kasseler Land ein kreatives Outlet für die postindustrielle Langeweile bieten. „Gutbürgerliche Pseudo-Selbstverwirklichung" schreit einem der Name entgegen. Im dritten Stock der langgestreckten Flanke des Seitenflügels findet sich dann das Heim, dessen ausgezeichnetes Soundsystem und DJ-Equipment Clubber umhaut, DJs begeistert und Clubbetreiber in ganz Deutschland inspiriert. Grellbunte Fragmente, die nach „Bad Taste" riechen und die Geometrie der Raumes durchbrechen, dekorieren das bereits mit fröhlichem Feiervolk bemannte Foyer. Ein Torbogen schwingt sich inmitten des Raumes ins Nichts und überall kann man sitzen und sich unterhalten. Wir beäugen den Raum genauso neugierig wie unseren Gegenüber, einen spillerigen Menschen mit einer großen Brille. John Acquavivas kleiner durchgefeierter Bruder entpuppt sich als DJ Pierre, einer der Movers und Shakers des Heims, der nebenher auch die 360°-Booking-Agentur schmeißt und mit DJ-Kollege Marky Chef zweier Labels, Hör-Spiel-Musik und Utils, ist. Die Ohren hat er von der Mama, das Talent zum Alleinunterhalter vom Papa, der ebenfalls Discobetreiber ist.

Creaming your knickers is better than shitting your pants

Nachdem das Stammheim bereits im Jahre 1999 kurz vor der Aus stand, weil sich die Buchhaltung - bis zum bitteren Ende großherzig Jägermeister verteilend - arg verkalkuliert hatte, folgte eine eher nüchterne Zeit, in der an allen Ecken gespart werden musste. Pierre und seinen Mitarbeiter machten allerdings trotz der enormen Schuldenberge weiter und zunächst sah es so aus, als würde das Stammheim zu alter Höchstform auflaufen. Im letzten Jahr kam es allerdings zur nächsten Katastrophe, als im Stammheim wegen unterlassener Wartung der Räumlichkeiten durch den Vermieter die Toiletten verstopften und die im darunterliegenden Stockwerk befindliche Sauna eines Fitness-Studios im wahrsten Sinne des Wortes in der Scheiße schwamm. Da barsten nicht nur die Rohre, sondern da platzten auch endgültig die Kragen. „Das Stammheim hat quasi die Miete für das gesamte Gebäude getragen. Nur kam leider nichts zurück - im Gegenteil", sagt Pierre enttäuscht. Hinzu kam Wutschnauben der durch Unverständnis gekennzeichneten Anwohner. Als ein Vereinsmitglied außerdem einen Brief an den Rechtsanwalt des Kulturvereins schrieb, der den Inhalt des solchen unüberprüft an die Tagespresse weiterleitete, stürzten sich die Gegner des Heimes auf das gefundene Fressen. „Plötzlich schrieb die Hessisch-Nassauische Allgemeine, von Spritzen auf dem Parkplatzgelände", erinnert sich ein bekümmerter Pierre. Natürlich war der Parkplatz für viele eine weitere Räumlichkeit, in der genauso ausführlich gefeiert wurde wie im Club. Leider zeigte sich hier die Kehrseite der Medaille: die Sorglosigkeit und häufig auch Unverantwortlichkeit der feiernden Heimkinder führte, mitsamt den boomenden Soundsystemen der Raver-Mobile, zu einem Aggroflash bei den Anliegern, die sich zunehmend intolerant zeigte. „Spritzen - die im übrigen niemals wirklich gefunden wurden - sind natürlich immer ein tolles Politikum, wenn man die dumpf-dröge, meinungslose Mehrheit gegen etwas aufbringen will", meint Pierre, auch Peppi genannt. Da hört der Spaß auf, schrie auch prompt der Ortsbeirat. Danke, sagte das Stammheim.

Life is a journey, not a destination - und sie machen weiter

Die Belegschaft, bestehend aus einer Reihe von Lebensverwandlungskünstlern, sucht zur Zeit immer noch nach einer geeigneten neuen Location, und Kinder, seid gewiss: das Ende von etwas Altem schafft Platz für etwas Neues. Pierre wäre nicht Pierre, wenn er nicht sogleich die Pläne erläutern würde, doch die sind noch - psssst - geheim. In der Übergangszeit dient übrigens der Arbeitskreis Rhythmussuchender Menschen, kurz A.R.M. e.V., befindlich unter der Kasseler Lolita-Bar, als Asyl für die Residents. Trotz allem Ungemach - nebenher ist noch Ex-Booking-Partner Marco Cannata mit Pierres Kontakten und seiner Sekretärin durchgebrannt - ist Pierre zuversichtlich, dass sich etwas Schönes findet: „Die Stadt ist auf unserer Seite, denn für sie sind wir Kultur." Dies zeigte sich schon 1997 im Zusammenhang mit der internationalen Kunstmesse Documenta X und auch bei Kooperationen mit dem Kasseler Staatstheater, das 2000 Jürgen „Technokaiser" Laarmanns Stück „Canossa Club" uraufführte. Auch die Zusammenarbeit mit der Drogenaufklärungsinitiative Eve & Rave - Prädikat „besonders wichtig" - wurde von den Autoritäten befürwortet. Kommen wir doch noch mal auf den kulturellen Teil dieser Sendung zu sprechen. Unter Kultur versteht man - in Intellektuellensprache - die von einer Gemeinschaft gewürdigten und wertgeschätzten geistigen Errungenschaften, die sich in Form von Kunst manifestieren. Darauf wurde im Heim stets Wert gelegt. Hier fand man die Avantgarde der vorwärts-, seitwärts-, frei- und querdenkenden Vertreter der Intellektuellenzunft, die im Fahrstuhl, im House-Raum oder in der Chillout-Area ihre Interpretationen von Klang und Körper, von Welt und Wissen zum Besten gaben. Sei es der Inhouse-Psychologe Henner Stang, dem man sein Herz ausschütten konnte, die Lesung von Drogenobermufti Timothy Leary, die Vertonung des MDMA-Moleküls - die Wellung der Fontanelle durch „eine Art akustische Pille" - von Der Spyra und Hans Cousto oder die Porno- und Pyjamaparties, der Heimleitung gingen nie die Ideen aus, wenn es darum ging, „einen Raum zu schaffen, in dem alles möglich ist", so Pierre, frei nach Hakim Bey.

There is no place like Heim - ein Herz für Heimkinder

Sein erstes Mal im Heim vergißt man nie, sagten die Menschen, die dort waren. Schon der Name machte Programm: ein HEIM für den STAMM, den Clan der Feiergemeinde, der sich Intimität und Wärme in der sich zunehmend anonymisierenden Karstadt-Raving-Society wünschte. Hier fanden zahlreiche verlorene Individuen zum ersten Mal ein Gefühl von Zugehörigkeit, die sich weniger durch Kauf von Merchandise manifestierte, sondern schlichtweg durch das aktive Dabei-Sein, das Mit-Er-Leben der Nacht. Im Stammheim war vieles möglich und (fast) alles erlaubt. Hemmschwellen wurden überwunden, Limits gepuscht, Dinge entdeckt, Möglichkeiten geschaffen. Hier tanzte man einst den legendären Ameisentanz, wenn Pierre den letzten Track des Abends, "Sickness" von Plastikman, auflegte, niemals vor den Mittagsstunden, wohlgemerkt. Dann feierten die Heimkinder dermaßen, dass sie quasi auf allen Vieren, die letzten Kräfte mobilisierend, ihre Popos im Takt der Grooves hin- und herschwenkten. Hier verteilte die Belegschaft „Nix-Check-Karten" für die kleinen Momente im Leben, wenn keine Kommunikation mehr möglich, aber erwünscht ist. Hier ließen sich die DJs gerne blicken und auch gerne mal gehen, wie Pierre, selbst kein Kind von Traurigkeit, zu berichten weiß. Ganze Familien, bestehend aus Töchtern, Brüdern, Müttern und Vätern, kamen zum gemeinsamen Abfeiern ins Heim. Eine verschworene Gemeinschaft, die in dem liebevoll verschickten Newsletter, der Heimpost - nur original mit DEM Wegwerffaktor - schlicht die „Ersatzfamilie" dedubbt wurde. Sehnen wir uns nicht insgeHEIM alle ein wenig nach einer HEIMat, wo wir alle hingehören? Was gibt es auch Schöneres, als sich rundum zuhause zu fühlen? Und wir waren mittendrin.

„Nehmt euch das Leben! Es gehört euch!" - Special thanks go to: The Virgins Frank und Karina aka Blondie & Flight und Fimo-Timo, The Inspirators Olaf, Önny, Tobi X und Nina, The Originators Pierre Blasczcyk, Bine, Torsten „Sascha", Noah, dem phetten Travis, Norman und Klausen sowie Brinkmann & Kopetzki mit Ravelinde, The Extras Radio-Micha und Chill, Sini und Tobi und alle anderen, die mit uns die Nacht zu Grabe trugen, weil es keine Zeit zum Totschlagen gab!

Words: Katrin "Heimschweschter" Richter, Bilder: Kathy Judge, Flyers Courtesy of Olaf


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