08.12.2005 RL ARCHIVE OCT 03 +++ Detroit Love & Techno Soul: Back To The Roots of Moody Techno |
Dieser weiche Technostil ist mehr als eine Hommage an Detroit; er ist eine konsequente Fortführung des Gedankens und sorgte für eine stille Revolution auf dem Dancefloor. Vier Musiker der neuen Generation, Arne Weinberg aus Frankfurt, Joris Voorn aus Rotterdam sowie dem Mailänder Luca Baldini von den Moody Preachers, der mit Sergio Ricciardone aus Turin als Drama Society in Erscheinung tritt, beantworteten Fragen zum Thema Detroit, Maschinenmusik mit Seele, Einflüsse, Deepness und Darkness. Raveline verfolgte die Entwicklung zurück, dokumentierte den Wandel und wagt eine Bestandsaufnahme. This is where it started… Seitdem es 1992 eine Platte namens „Technosoul“ von Eddie „Flashin“ Fowlkes und Moritz von Oswald gab, die die beiden unter dem Projektnamen 3MB auf Tresor veröffentlichten, existiert der Begriff “Techno mit Seele” und eine Brücke von Detroit nach Europa. Moritz von Oswald, der später als Basic Channel Dub-Einflüsse mit deepen, minimalen Technostrukturen kreuzte, die auch nach zehn Jahren nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben, stellte mit der mit Fowlkes produzierten Nummer soundtechnisch eine der ersten beständigen Achsen nach Europa her. Ohne den Track selbst jetzt in seiner Bedeutung überbewerten zu wollen, hatte er – genau wie Produktionen von Detroitern wie Carl Craig, Derrick May und Kenny Larkin – einen großen Einfluss auf die hiesigen Produzenten, die den Faden aufgriffen und weiterspannen. Deepe, elektronische Musik mit gefühlvollen Detroit-Techno-Funk-Einschlägen hat in Europa eine lange Tradition: Schon in den frühen Tagen von Detroit ließen sich europäische Techno-Produzenten wie Black Dog, Luke Slater, B12, As One und Stasis von den seelenstreichelnden Maschinensounds aus Motown inspirieren, die durch herzanrührende Streicher, melancholische Melodien, gefühlvolle Flächen und komplexe Offbeat-Rhythmen auch die Leute außerhalb der heruntergekommenen Stadt in ihren Bann zogen. Seit Mitte der Neunziger gibt es auch auf unserem Kontinent Labelmacher, die sich diesem melodiösen, optimistischen Dancefloor-Sound aus Motor City verschrieben haben. Die wahrscheinlich bekanntesten und traditionsbeladensten Imprints sind F Communications, Peacefrog und Kanzleramt, doch auch neuere Labels wie D1, Keynote, Delsin, Down Low, Headspace, Psycho Thrill, Ray Gun, Iridite, Digital Soul und Adrenogroov machen durch bemerkenswerte Releases auf sich aufmerksam. Europäische Produzenten wie Aril Brikha, Alexander Kowalski, Orlando Voorn, Fabrice Lig aka Souldesigner, Vince Watson, The Youngsters, Rob Rowland, Derek Carr und Soulshift haben sich auf internationalem Level mit ihren gefühlvollen Detroit-inspirierten Tracks einen Namen gemacht. In Zeiten, in denen harter Loop-Techno die Leute nicht mehr in lemmingartigen Scharen in die überteuerten Clubs lockt und der Sozialstaat auf der Kippe steht, klingt der warme, hoffnungsvolle Detroit-Sound aktueller denn je. …and where it is today In London fand vor kurzem ein Gespräch mit Derrick May statt. In dem Interview orakelte der Gottvater des Techno, einer der berüchtigten Bellville Three, über die Zukunft von Techno in Detroit und prophezeite in einem ominösen Nebensatz auch gleich das Ende. In der derelikten Motorstadt gäbe es keinen Nachwuchs mehr, der die Vibes von Techno fühlen kann: “Die Kids schmeißen ihren eigenen Denkapparat kaum mehr an, hinterfragen nichts und akzeptieren die Umstände, in denen sie aufwachsen, ohne mit der Wimper zu zucken. Die zocken Playstation.” Die alte Garde von Detroitern, zu der May gehört, schart seit fünf Jahren am Memorial Day Weekend diverse Detroit-Heroen in Hall-Of-Fame-artigen Line-Ups um sich, um mit dem Movement Festival Techno, “Detroits Geschenk an die Welt” zu zelebrieren, und in jedem Jahr wird die Kluft zwischen junger Ignoranz und alten Ideologien größer. Wohingegen Derrick keine Zukunft mehr sieht, sind anderswo Menschen aktiv, die sich keine Gedanken wegen gestern und morgen machen: Sie sind die Gegenwart, die in Detroit nicht wahrgenommen wird, vielleicht, weil sie nicht in Detroit stattfindet. In Frankfurt sitzt der DJ und Produzent Arne Weinberg vor seinem Computer. Seine Platten auf Labels wie Groundzero/Keynote, Down Low, Headspace und Starbaby, in denen Weinberg häufig harte, metallische Percussions auf weiche Flächen treffen lässt, sind von schillernder Transparenz voller Deepness und groovigen Elementen. Arne kommentiert das letzte Posting der 313-Liste. Zu Anfang waren es Detroiter, die in dieser Newsgroup ihre Musik diskutierten, heute sind es Musikinteressierte und Produzenten aus der ganzen Welt, die hier ihre Gedanken austauschen, Netzwerke bauen und Labels gründen. Durch 313 – (313) ist übrigens die Vorwahl von Detroit – hat Arne Gleichgesinnte kennengelernt, und so hat ein Track nach dem anderen ein Zuhause bei den verschiedenen Imprints gefunden, deren Betreiber ebenfalls Members der 313-Liste sind. Arne ist einer der neuen Generation, einer, der die Vergangenheit kennt, ihr Respekt entgegenbringt und dennoch seinen eigenen Sound gefunden hat: “Techno 2004 ist ein Produkt, ein kommerzieller Markt, an dem viele Leute gutes Geld verdienen. Die Platten klingen alle gleich und es kommt keine Message rüber. Zum Beispiel Acts wie Tom Churchill, Duplex, Fabrice Lig, John Harvey, Derek Carr, Rei Loci und Aril Brikha, die frisch und motiviert für neuen Wind sorgen. Mit Vertrieben wie Rush Hour, Clone und Undercity erleben wir eine neue Welle der Begeisterung für deepe elektronische Musik.” Soulful, Detroit-oriented electronic music “Wichtig ist definitiv die Grundstimmung und die Gefühle der Leute aus Detroit, die zeitlose Technomusik produziert haben. Ich fühle mich dem sehr verbunden. Meine Musik ist oft melancholisch, für manche sogar traurig, aber immer mit viel Hoffnung. Das ist das gleiche Feeling, das auch die Detroiter transportiert haben,” sagt Arne. Dieses diffuse Gefühl von Sehnsucht findet sich auch in seinem ersten Longplayer “Gargoyles” wieder, der noch dieses Jahr erscheinen soll. An seinem ersten Album, das diesen Sommer auf Technasias Sino-Label erscheinen soll, arbeitet zur Zeit auch Joris Voorn, dessen Handvoll Releases auf Labels wie Sino, Sound Architecture, Highland Beats und Wolfskuil weltweit die Techno-Community begeisterten. Auch mit Transmat, Derrick Mays Label, und Intec ist Joris im Gespräch. Die erste Platte des aus Rotterdam stammenden Architektur-Absolventen – nicht verwandt und verschwägert mit dem kürzlich nach Detroit umgesiedelten Orlando Voorn, einer der bekanntesten Produzenten Hollands – erschien, auf Keynote, das Label, das auch Arne (der seine erste Platte „Through The Colonnades“ auf Propaganda heute als unfertig bezeichnet) produzententechnisch wachgeküsst hat. Hier releaste Joris die vielgefeierten “Muted Trax Pt. 1 & 2”, die von DJs wie Laurent Garnier und Derrick May aufgegriffen und abgefeiert wurden. Sein Sound ist mal reduzierter und verspielter, mal kräftiger und treibender Techno mit House- und Elektroelementen und hat dank seiner Melodik immer einen Touch von Detroit: “Meine absoluten Lieblingsplatten kommen alle aus Detroit. Viele der Produktionen sind sehr gefühlvoll, die Tracks sind runtergestrippt und beschränken sich auf das Wesentliche, die Sounds sind nicht zu poliert, und deswegen klingen die Platten oft sehr puristisch – das ist etwas, was ich sehr respektiere. Das hat mich ohne Zweifel inspiriert. Und nicht nur mich! Aril Brikhas ‘Groove La Chord’ hatte einen großen Einfluss auf die Szene, denn Platten wie diese bewiesen, dass Dancefloor-Techno nicht nur aus harten Percussion-Loops bestehen müssen. Viele Hardtecho-Produzenten sind seitdem auf den Geschmack gekommen, aber es gab schon immer eine europäische Szene, die sich melodischem Techno verschrieben hat.” Luca Baldini, der mit Salvatore Freda auf Adrenogroov als Moody Preachers Platten releast, und sein Partner Sergio Ricciardone stimmen dem zu: “Die meisten Technoplatten sind uns zu langweilig und seelenlos.” Zusammen nennen sich die beiden Drama Society, treten live auf und begeisterten 2003 nicht nur die Sonar- Gänger, sondern auch Tiga, der auf seinem Turbo-Imprint eine EP der beiden releaste. Ihr darker und sexy Sound oszilliert zwischen purem Minimal und melodischem Elektro mit Detroit-House-Einflüssen und Ennio-Morricone-Vibes: “Turin ist das italienische Detroit. Fiat produzierte hier Autos,” begründet Sergio seine Affinität zu Motown. Die beiden Italiener, die noch in diesem Jahr ein Themen-Album – die Geschichte der Mafia in Italien – produzieren wollen, arbeiten zur Zeit an einer neuen EP namens “Pope Luciani”. The future is soft… Die von Laurent Garnier geprägte zweite Hälfte der Moody Preachers, der in Lausanne ansässige DJ und Produzent Salvatore Freda, beschloss nach dem Abschluss seines Studiums mit seinem Freund Antonin Barre, bekannt durch seinen Southsoniks-Liveact seiner Vision von Detroit gerecht wurde. Adrenogroov bot bald nicht nur der Szene vor Ort ein Outlet bieten, sondern mutierte schnell zu einer kreativen Keimzelle für Produzenten aus ganz Europa. Bis auf den ebenfalls in Lausanne ansässigen Antonin, der auf Adrenogroov als Soulshift in Erscheinung trat, veröffentlichten gleichgesinnte Künstler wie Vince Watson, Dan Corco, Taho und Orlando Voorn sowie die Moody Preachers tanzflurfreundliche Platten voller Melodik auf Adrenogroov. Zarter Softtechno ist laut Salvatore Freda ein Musikstil, der nicht so schnell wahrgenommen wird, weil er sich nicht in den Vordergrund drängt: “Diese Art von Musik berührt die sehr passionierten Technoliebhaber.” Natürlich wäre es einfacher, fährt er fort, loopigen Techno zu produzieren, aber er fühle sich doch sehr viel mehr hingezogen zu diesem zeitlosen Sound von Techno: “Mit welcher Ernsthaftigkeit und Leidenschaft man sich in Detroit mit Techno auseinandersetzt, fasziniert mich. Hier in Europa ist es oft einfach nur Hype, der die Leute dazu bringt, Techno zu machen, wohingegen der Sound für Detroiter eine expressive Form ist, Gefühlen und Kreativität freien Lauf zu lassen. Es scheint, als hätten die Leute dort einen großen Drang, sich zu befreien, und dieses Bedürfnis scheint viel essentieller als die Absicht, einfach nur Spaß zu haben. Detroit-Techno klingt wie ein Schrei aus dem Inneren. Es ist ein ernsthafter Prozess, und das ist vielleicht der Grund, warum viele Produktionen aus Detroit zeitlos sind.” Eine frische Perspektive zu bieten und dabei doch eigenständig zu sein, ohne traditionelle Ansätze zu kopieren, das ist das selbsterklärte Ziel von Antonin und Salvatore: “Adrenogroov befindet sich auf dem richtigen Weg zur soundtechnischen Eigenständigkeit. Unsere Philosophie ist es, nur Musik zu releasen, die echte, tiefe Emotionen hervorruft. Sie kann intensiv, musikalisch, deep und funky klingen, aber man beschreibt sie am besten als soulful, ein Wort, das noch nie so wichtig war wie heute. Wir wollen Musik wieder fühlen, offen sein und eine Vision haben.” Text: Katrin Richter. Links: www.arneweinberg.de www.dramasociety.it www.deep-art.net/adrenogroov.htm www.clone.nl www.technotourist.org www.submerge.com |