06.12.2005 RL ARCHIVE MAR 03 +++ Zwei Nächte in Delhi – Indiens Szene erwacht |
Völlig unabhängig und weitgehend unbemerkt vom europäischen Medienzirkus hat sich in Delhi eine kleine, mondäne Techno-Partyszene entwickelt, gepuscht vom engagiert-umtriebigen DJ Rummy. Seit sieben Jahren setzt sich der 29-Jährige in seinem Heimatland für die Verbreitung von elektronischer Tanzmusik aus der Ersten Welt ein: Seine Sets bestehen nicht, wie landesüblich, aus aneinandergereihten Konservenhits auf CD, sondern aus saubergemixt und -gescratchten Progressive-Techno-Nummern auf Vinyl. Unermüdlich spielt der Inder jede Nacht in einem anderen Club der Stadt. Auf diese Art und Weise hat Rummy die Entwicklung einer eigenen Szene nicht unwesentlich beeinflusst. Aufgrund gelockerter Gesetze gibt es seit zirka einem Jahr richtige Clubs in Delhi, und so entdecken mehr und mehr Inder und Inderinnen technoide Klänge für sich. Seit dem zarten Aufblühen der Clubkultur bucht Rummy auch vermehrt ausländische DJs als Hauptacts für seine Nights, um den Sound der fremdartigen Feierkultur zu promoten. Viele Deutsche, darunter Dr. Motte, Sebbo und Alex Flatner, reisten bereits nach Delhi und spielten dort für eine offene und euphorische Crowd. Dank Rosita Kürbis, Mottes Bookerin, fliegt heute Kristin Fröhlich, neunzehn Jahre jung, nach Delhi. Sie saß noch nie in einem Flugzeug. Und die Inder haben noch nie Acid-Techno gehört. Verspricht, interessant zu werden. Das Boomshankar-Department der Raveline begleitet sie auf dieser Reise. “Wie, ohne dass das Haar sich sträubt, ohne dass die Gedanken hinschmelzen, ohne aufgelöst zu sein in Freudentränen, ohne Hingabe, kann das Herz gereinigt werden? Wessen Gedanken sich auflösen, wer fortwährend weint, manchmal lacht, wer schamlos singt und tanzt, wer mir verfallen ist – hingebungsvoll, der wird die Welt retten." Krishna (Bhagavata-Purana-Epos) Die Reise ist das Ziel Indien ist für viele das Land der Offenbahrung. Am Gepäckband in Delhi fragt uns ein Mädchen, ob wir auch nach Brindavan reisen, um erleuchtet zu werden. Erstaunt blicken wir sie an und verneinen. “Schade”, erwidert sie: “Kommt doch mit auf meine Pilgerfahrt!” Das Problem: Wir haben nur zwei Nächte in Delhi, was eigentlich idiotisch ist, denn der Flug nach Delhi dauert sieben Stunden und kostet zirka 600 Euros, das dreifache Jahresgehalt eines Durchschnittsinders. Außerdem sind diverse Impfungen erforderlich, und man benötigt eine Einreisegenehmigung. Dementsprechend hektisch war die letzte Woche – das kurzfristig beantragte Visum musste einen Tag vor dem Abflug per Kurier geschickt werden. Aufregung herrscht auch bei Kristin, die ich in Berlin bei einem Nachwuchs-Wettbewerb kennengelernt habe. Sie legt erst seit eineinhalb Jahren auf und kann es gar nicht glauben, dass sie ein Booking im Ausland – in der Dritten Welt – hat. Als wir den Flughafen verlassen, drängen sich Menschentrauben um uns, und wieselartige Männer offerieren ihren Service als Packer. Jemanden vor Ort zu kennen erweist sich als Segen: Rummy schleppt uns zu seinem Auto, bevor sich die geschäftsgeilen Taxi-Wallahs auf uns stürzen können. Wir fahren los. Über die zwei Fahrspuren schlingern verbeulte Busse und dreirädrige Lastwagen mit der Aufschrift: “Bitte hupen!” Der Anweisung stetig folgend kurven wir durch nächtliche Vorstadtstraßen. Ab und zu durchfahren wir Siedlungen mit wild zusammengewürfelten Verschlägen, in denen Hochzeiten gefeiert und Autos repariert werden. Es ist elf Uhr abends, als wir im Club des Hyatt-Hotels, dem Djinn’s, einlaufen. Drinnen rocken in ihren Anzügen schwitzende Managerverschnitte und wildkreischende Frauenhorden, die es bei Enrique Eglesias auf die Tanzfläche treibt. Max, der DJ, zockt mit fröhlicher Unbekümmertheit Ufftatuffta-Mucke für die blasiert-besoffene Nixcheck-Schickimicki-Crowd. Rummy erzählt: “Ich war der erste, der hier mit Vinyl aufgelegt und Dancemusic aus Europa gespielt hat. Die Leute vom Hyatt verstehen nichts von Musik, aber sie kennen meinen Namen, weil ich der bekannteste DJ Indiens bin, und bieten mir deshalb viel Geld. Also lege ich oder einer meiner Jungs hier Kommerzscheiße auf. Bei den richtigen Techno-Bookings kriege ich meistens nur die Anreise gezahlt. Denn die undergroundigen Clubs, wie zum Beispiel Underground Movement in Katmandu, können sonst nicht überleben. Von dem Geld kann ich dann ein etwas riskanteres Programm fahren und ausländische DJs buchen.” Wie zum Beispiel Dr. Motte, der vor einigen Monaten hier aufgelegt und sich im Anschluss eine elektrische Tabla gekauft hat, oder Sebbo, der genau vor einer Woche in Delhi war. My Love’s On Fire Wir wechseln die Location und fahren zu Pluto’s. Wild drängeln sich die Leute vor den Toren des neueröffneten Clubs. Im zuckenden Strobolicht des Clubs bewegt sich eine entfesselte Menschenmasse mehr oder minder gelenkig zu den boomenden Beats. Es riecht nach Incense, und ein grüner Laser strahlt durch die Halle und bemalt die Wand mit Cannabis-Blättern. Die Getränke gehen für alle aufs Haus, aber auch Ecstasy hat in Indien den Einzug in die Clubkultur geschafft. Dies in Kombination mit der neuartig harten, elektronische Musik verbindet die verschiedensten Leute, ueberall sieht man lachende Gesichter. Begeistert springen selbst die noch nicht gänzlich Bekehrten auf dem Dancefloor herum, als Rummy übernimmt. Das deep-progressive Set ist durch feines Mixen und fettes Gescratche – Rummy ist der ehemalige DMC-Champion von Indien – genial, bis auf einmal ein Plattenteller ausfällt. Bis das Problem behoben ist, wird auf einem Turntable improvisiert. Um 4.30 Uhr – die Musik ist schon lange verstummt, aber keiner will gehen – wanken wir nach draußen und stolpern mitten in eine Hochzeitsgesellschaft. Alle Frauen weinen, aber wenigstens der Ehemann guckt zufrieden. Auf der Fahrt zu Rummys Haus sehen wir Elefanten, die leise und majestetisch im Dunkeln am Straßenrand dahinziehen. Max erzählt von der indischen Gesellschaft, die in Tausende von Schichten, Kasten genannt, aufgeteilt ist. Diese Einteilung herrscht immer noch in den Köpfen vor, obwohl das Kastensystem schon seit Ghandis Zeiten abgeschafft ist. “Das Krasse ist”, sagt Max, “dass keiner mehr durchschaut, wie viele Kasten es eigentlich gibt.” Die Zugehörigkeit ergibt sich aus dem Nachnamen. Max Familie entstammt der sehr angesehenen Kaste der Priester, wohingegen Mülleinsammler, Totengräber und Kanalisationsarbeiter als das Allerletzte gewertet werden und kastenlos sind. Somit ergeben sich gewisse Vorlieben – potentielle Ehepartner dürfen auf keinen Fall aus einer niedrigen Familie ohne Ansehen stammen. Die Eltern von Mädels sind wegen der Mitgift sowieso gearscht, sagt Max. Dennoch hat er kein Interesse daran, mit einer Frau zusammenzusein, die er nicht liebt. “Wie wir alle”, meint Max. Noise Is The Closest Sound To Silence Wir schlafen zu den wilden Hupkonzerten der vor dem Fenster vorbeiknatternden Fahrzeuge ein. Am nächsten Tag haben wir ein Date im Max-Müller-Bhavan-Büro, dem indischen Ableger des Goethe-Institutes. Dort treffen wir auf den Direktor Dr. Heinrich Blömeke, der uns erklärt, unter welchen Bedingungen das Goethe-Institut – im Ausland die Institution der deutschen Kulturförderung und des interkulturellen Austausches schlechthin – als Sponsor für Technoparties auftritt. “Uns ist es wichtig, deutsche Musik in einem bestimmten Rahmen zu präsentieren. Also beteiligen wir uns nicht an gewinnorientierten Projekten. Wir haben zum Beispiel abgelehnt, Sven Väth nach Singapur in den Souk-Club zu holen. Stattdessen wollen wir Künstler unterstützen, die in unseren Augen einen typisch deutschen Sound repräsentieren, wie zum Beispiel Mouse On Mars und Jazzanova, die aber nicht kommerziell erfolgreich sind. Die können sich auch artikulieren und sind dazu bereit, Workshops im Umfeld des Events zu veranstalten.” Rummy kennt weder Mouse On Mars noch Jazzanova, war aber schon im Tresor und im Ostgut, hat in Berlin aufgelegt und in München. Irgendwie hat er sich die deutsche Kultur anders vorgestellt: Paul van Dyk vielleicht, oder Oliver Lieb. Aber er nickt und notiert sich die Namen. Deutsche Leitkultur ist besser als gar kein Austausch von Ideen. Insgesamt scheint Dr. Blömeke sehr aufgeschlossen und zeigt sich besonders interessiert an den neuen deutschen Entwicklungen. Da Mouse On Mars in die Jahre kommen und Jazzanova weltweit vom Mainstream gefeiert werden, schreit es förmlich nach Reformierung des Konzeptes. Beschwingt verlassen wir die Kolonialistenvilla und fahren direkt einem der bekanntesten Wahrzeichen von Delhi – dem 1600 Jahre alten Qutab Minar-Monument. Dort findet sich RG’s, ein feudalerNobelladen, der heute Nacht zum Technoclub aufgemotzt wird. Etwas besorgt beäugt Kristin das schicke Ambiente, das nur bedingt dem entspricht, was sie bis jetzt mit ihren peitschenden Acid-Beats beschallt hat. Unsere Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten, als wir nach einem Schläfchen gestylt wieder auf den Plan treten. Objects In The Sky Are Closer Than They Appear Hier schwoofen dekadent die oberen Zehntausend in paarartigen Konstellationen zu Europop. Als Rummy übernimmt und den CD-schwingenden Resident an die Wand spielt, kristallisiert sich heraus, dass Indiens Nummer Eins tatsächlich eine treue Fangemeinde hat, die wild mit den Armen rudernd vor dem DJ-Desk auf- und abwippt. Derweil werden wir, nachdem bereits ein Telefoninterview mit der Hindustan Times stattgefunden hat, von Zee TV befragt. Die Journalistin, Puja Tiwari, ist begierig herauszufinden, warum Kristin DJ geworden ist, denn sie ist die erste ausländische Frau, die in Indien an den Plattentellern steht. “Weil ich auf die Musik stehe und mir ein Leben ohne nicht vorstellen kann”, anwortet diese euphorisch. Puja nickt begeistert. Später unterhalte ich mich mit Conrad Egbert von der Times, der sagt, dass “diese Musik als ‘cool‘ gilt und gegenwärtig zum Trend gemacht wird, aber viele Leute nicht wissen, worum es sich eigentlich handelt. Besonders wegen der verschiedenen Styles herrscht grosse Unsicherheit, aber natürlich will jeder modebewusste Inder dazugehören, weil das Ganze so gehypt wird, dabei muss Musik innen drin gespürt werden.” Plötzlich erklingt auf dem Tanzflur eine jaulende Acid-Line. Kristin – keck gegleidet in Schwarz und Lila – wippt souverän auf ihren 15-Inch-Stilettos, während sie gefühlvoll an den Reglern dreht. Gerade wegen des Presseaufgebotes war anzunehmen, dass die Masse ausflippt, sobald sie eine Frau an den Turnies erblickt, was aber nicht passiert. Stattdessen siecht die Stimmung: Die Handtaschenschwenkerinnen und Rollkragenträger trollen sich in Richtung Buffet. Zurück bleibt eine Handvoll faszinierter Tänzer, die in dem harten Sound aufzugehen scheinen, nehmen – das Experiment “Acid für Indien” wird als gescheitert zu den Akten gelegt. Kristin ist frustriert, aber nicht lange. Sie macht ihrem Nachnamen alle Ehre, und so feiern wir bis in den Morgengrauen zu gemäßigtem Tribalsound von Rummy. Sogar Rajesh, der Besitzer, der in seinem “eigenen Club noch nie getanzt“ hat, schwingt seine üppigen Hüften. Während es draußen dämmert und wir nach Hause schlingern, versammeln sich die Taxifahrer zum Morgengebet unter einem Baum. Zu Hause angekommen finden sich spontan noch einige glückliche, von der Musik beseelte Freunde zur Afterhour ein, bis sie zum Sonntagsgebet zu den Eltern zurückkehren. Nach einem Powerschläfchen fahren wir Sunnys Blues Music Shop, wo ich einige Banghra-Mix-CDs kaufe, aber Rummy hat dafür nicht viel übrig. Er zieht den fluffig-synthetischen Groove aus dem Westen vor, der ihm inzwischen vertrauter ist als die tradionellen Klänge von Sitar und Tabla: Den Weg zu einer eigenständigen Dancekultur haben sie bereitet, und obwohl viele DJs, darunter auch Frauen wie DJ Diva und Kary, bereits seit Jahren Privatparties, Empfänge und Hochzeiten mit dem frischen Sound Of The Asian Underground beschallen, scheint sich hier und jetzt ein Wechsel zu vollziehen. Als wir widerwillig in den Flieger steigen, haben Kristin und ich das feierlich-deprimierende Gefühl, direkt nach der Initialzündung wieder abzuhauen. Text, Fotos und Pix: Katrin Richter. Thanks to Rosita, Kristin, Rummy, Big Dee, Ranjan, Max, Manu, Sunny, Puja, Heinrich, Conrad, Deepah, George, Dancing Rajesh, Briony, Fatima, Vikram, Prianka & friends, and all the others. Special thanks to Mithras. “Bulenat Sab Khe Sath.” Was ihr für eure Reise braucht: - Einen mindestens noch sechs Monate gültigen Reisepass. - Ein von der indischen Botschaft ausgestelltes Visum – die Touristenversion kostet fünfzig Euro und ist ein halbes Jahr lang gültig. Anträge solltet ihr sicherheitshalber bei dem zuständigen Konsulat mindestens einen Monat vor Reiseantritt stellen. Die Adressen, die auszufüllenden Vordrucke und weitere Kriterien, die es zu beachten gilt, findet ihr auf der Website www.indianembassy.de. - Einen Gesundheitscheck beim Arzt, denn Impfungen gegen Tetanus, Tuberkulose, Gelbfieber und Hepatitis A und B sind unbedingt erforderlich! Diese sollten schon einige Monate vor der Reise vorgenommen werden, um euch vollen Schutz zu bieten. In einigen Gebieten besteht Malaria-Gefahr, die Tabletten zur Prophylaxe stehen allerdings im Verdacht, Selbstmordgedankengedanken zu wecken. Da Malaria im Frühstadium gut heilbar ist, sollte man die Risiken abwägen, da die Medikamente auch sonst Hammer-Nebenwirkungen haben und sauteuer sind. Infos dazu findet ihr auf www.reisecheck.de/reisemedizin/reiseziele/L0060.htm. - Einen guten Reiseführer. Die Handbücher der Reihe Lonely Planet und Rough Guide haben sich als zuverlässige Informationsquellen bewährt – siehe www.lonelyplanet.com oder www.roughguides.com. - Eine gewisse Abenteuerlust sowie Geduld – Indien ist nicht Deutschland, das im Gegensatz superpenibel, steril und straff organisiert wirkt, weswegen auch gute Nerven von Vorteil sind – einem bettelnden Leprakranken begegnet ihr mindestens auf eurem Trip und viele Regionen wie Kaschmir und Jammu sowie Sri Lanka befinden sich in einem permaneten Krisenzustand. Mehr über die politische Situation, Klima und Verhaltensregeln in Indien unter http://www.auswaertiges- amt.de/www/de/laenderinfos/laender/laender_ausgabe_html?land_id=60&type_id=3. - Ein Flugticket – am besten mit offenem Rückflugdatum (gegen Aufpreis), falls ihr erleuchtungstechnisch noch Umwege machen wollt. Gute Preise – ab 500 Euro seid ihr dabei – gibt´s bei www.travel-overland.de. |