01.11.2005

RL ARCHIVE FEB 03 +++ 1st Century Funk: "You can keep your fancy fills - this is about the groove!"*








Als einer der Ersten benutzte er zwei Turntables mit zwei identischen Platten auf den Tellern. Ihm war aufgefallen, dass die Leute besonders auf die als "Breaks" bezeichneten Instrumentalpassagen abfeierten, und so loopte er Stellen wie den "Bonus Beat Reprise" zu einem neuen, endlosen Groove zusammen. Nicht die traditionelle Grundstruktur von Strophe-Refrain-Strophe stand im Vordergrund, sondern einzig und allein die Abfahrt. Breakbeat findet sich heute aus eben diesem Grund in fast jedem DJ-Set wieder: Auch wenn die Leute dies zumeist gar nicht wahrnehmen - ein „Break" markiert auch heute den Durchdreh-Moment in vielen Sets, und obwohl die massenkompatiblen, unregelmäßig hüpfenden und deswegen sehr tanzbaren Beats mittlerweile bis in die Charts vorgedrungen sind, wissen doch die wenigsten Leute, was es mit Breaks eigentlich auf sich hat. Raveline setzte sich mit der Vorderfront der internationalen Szene - Rennie Pilgrem, Koma & Bones, Aquasky, Elite Force, Soto und Loes Lee -, sowie den deutschen Mainplayers der Breaksszene - Circuit Breaker, ED2000 und Vela von Dangerous Drums - und den Mainstream-Produzenten Timo Maas und Moguai in Verbindung, um den „State Of Breaks 2003" zu definieren.

"Meine Beats sind nicht kaputt - es geht ihnen gut, danke der Nachfrage"**

Gerade in England erfreuten sich gebrochenen Rhythmen schon seit den Sechzigern größter Beliebtheit, obwohl auch hierzulande viele ältere DJs und Producer von der Jonzun Crew und Afrika Bambaata beeinflusst worden sind. Laut Circuit Breaker aus Berlin herrscht eine „höhere Akzeptanz, weil die Leute schon in ihrer Kindheit viel schwarze Musik hören, von Reggae über Funk zu HipHop. Daraus ergeben sich andere Hörgewohnheiten." Moderne Breaks entstanden als Unterströmung, als der zu dieser Zeit in höchsten Tönen gefeierte UK-Drum'n'Bass immer differenzierter wurde. Stilistischen Splittergruppen wie Intelligent Drum'n'Bass und Jump Up wurden geboren. Darker, böser und gemeiner wurde der Sound of the Underground; stakkatohafte Kickdrums, mega-brüllende Bässe und fiese, verzerrte Vocals läuteten Doomsday für die Szene ein. Namen waren schnell gefunden: Hard Step, Dark Step und Tech Step. "Das war der Punkt, als Breaks sich langsam herauskristallisierten," erzaehlt die zierliche Sonia Akow, ein Teil des Londoner Breaks-Duos Soto. "Da waren Leute, denen viel an Breakbeat lag, die aber keinen Bock hatten, sich das Ganze durch Gangsterallüren kaputt machen zu lassen." Toby, der andere Teil, pflichtet ihr bei: "Die Darkness killte die Partyatmosphäre. Die Producer, die dann andere Wege einschlugen, wie zum Beispiel FreQ Nasty oder Asian Dub Foundation, wollten einfach in eine andere Richtung vordringen... mehr Elektro, mehr Dub oder mehr Reggae..." Die Kombination und Fusion vieler verschieder Elemente - Funk, Soul, Motown und Rock -, besonders erfolgreich von Charts-Artists wie Fat Boy Slim und The Chemical Brothers praktiziert, führte dazu, dass sich, parallel zu Drum'n'Bass, langsame Beats größter Beliebtheit erfreute. Aber wohingegen sich Drum'n'Bass immer weiterentwickelte, stagnierte die alt Biertrinkermusik verschrienen BigBeat um 1997. Gleichzeitig nähert sich eine neue Szene dem alten Sound und transportiert ihn in die Zukunft: Das HipHop-Element von Big Beat weicht langsam anderen Einfluessen, die Producer oeffnen sich hier wiederrum Sounds mit technoidem Background, also House und Techno. Englischer Breakbeat, ein Amalgam von Styles.







James Brown is alive

Immer abwechselnd wurden die „Breaks Made In England" entweder als alter Hut oder als neuester Trend verschrien, die Szene im Muzik Magazine entweder als ein Haufen aufgeblähte Langeweiler oder als Innovatoren du Jour bezeichnet.1997 war das Jahr, als Journalisten mal wieder einen neuen Trend ausgruben, ihn ins Licht hievten und unisono ausriefen: "Nu Breaks - die neueste Musikrichtung!" Seitdem die Presse 1997 Rennie Pilgrems Clubnacht "Friction" entdeckte, die er zusammen mit seinem Partnern Tayo und Adam Freeland veranstaltete und dessen Motto er als "Nu Skool Breaks" bezeichnete, war zwar ein neuer Name gefunden worden, aber die Musik setzte sich dennoch aus altbekannten und beliebten Elementen zusammen. Genau wie beim UK-Hardcore der frühen Neunziger wird gesampled, was das Zeug haelt: Man nimmt hier eine alte Mörder-Jungle-Bassline, da ein House-Vocal, dort ein Filmsample, dazu einen fetten Blockrocking-Beat und ein paar distorted Noises, und fertig ist ein sogenannter Nu-Breaks-Track - mal verlangsamter Drum'n'Bass, mal technoider Big Beat. Auch die DJ-Sets funktionieren nach einem aehnlichen Schema: Es gibt keine stilistischen Einschraenkungen. Aus fast jedem Genre rekrutieren die Produzenten ihre Sounds, und gerade gerade im Jahre 2003 scheint Breakbeatmusik ein frischer Blend, der durch seine Vielfaeltigkeit ueberrascht: Fette, manchmal fast drum'n'Bassige, manchmal TripHop-artige Breakbeats, Elektro- und Funkeinfluesse, tribale Perkussions, Rockgitarren, Sci-Fi-Sounds und lockeres Jungle-Programming, kombiniert mit einem fast housigen Aufbau der Stuecke, das, von Flaechen, Vocals und Strings durchsetzt, wiederum an alte UK-Hardcore-Tage erinnert. Sonia erzaehlt: "Breaks haben sich bei 130 bis 138 bpm eingependelt, richtiger Drum'n'Bass liegt bei um die 170 bpm. Also ist der Beat gemächlicher. Auch die recht einschränkenden Strukturen eines Drum'n'Bass-Sets fallen weg. Da muss man immer recht zügig sein, das Tempo halten, keine zu großen Breakdowns, keine anderen Styles reinmixen... Man kann nicht, wie bei Breaks, die Spannung immer wieder auf- und abbauen - Breaks hingegen geben einem als DJ sehr viel mehr Spielraum, denn man kann sein Set anders aufbauen, fast wie ein Houseset. Das macht das Ganze flexibler, und danach haben wir gesucht. Wir wollten uns nicht auf einen Style festlegen. Erlaubt ist, was gefällt."







Ein Amalgam von Styles

Elite Force fügt hinzu: „Alles läuft unter Breaks - von wild donnernden, elektrogeflavourten 145bpm-Breakssalven bis zu smoothen Housegrooves im Downtempo-Bereich. Das ist Breakbeats größte Stärke und zugleich sein Untergang." Circuit Breaker meint dazu: „Andere Szenen annektieren Breakbeats gerne, weil die Zeiten der totalen Stilreinheit vorbei sind und man mittlerweile gerne über den Tellerrand schaut." Breaks und ihre Helden sind eigentlich nicht keine Novität: Nicht nur Rennie Pilgrem, eine UK-Hardcore-Legende, der 1991 als eine Hälfte von Rhythm Section über 15.000 Exemplare des Tracks "Comin' On Strong" verkaufte und 1998 mit "Blowpipe" auf R&S den ersten „Hit der neugegründeten Nu-Breaks-Community" beisteuerte, war auch schon Anfang der Neunziger als Old-Skool-Produzent erfolgreich. So manch anderer schmiedete vorer BigBeats oder House oder war als Drum'n'Bass-Producer bekannt: Weitere Beispiele sind Hardcore-Legenden Acen und Ellis Dee, B.L.I.M., Shut Up & Dance, Lunatic Calm und Zinc und Aquasky. Seit Jahren producen die Jungs nun schon für Rob Playfords Label Moving Shadow und haben sich mit ihrer melodischen, aber darken Interpretation von D'n'B einen Namen gemacht. Ihr eigenes Label Passenger, das sie sich von einem Major zurückerkämpft haben, dient als Output fuer ihr Slowbreaks-Projekt Aquasky & Masterblaster. Die Jungs fühlen sich in ihrem neuen Element so wohl, dass sie auch weiterhin Nu Breaks produzieren werden: Im Oktober erscheint ihr neues Album. Die Liste der heißen Nu Breaks-Anwärter schient nicht abzureißen. Manche steuern mal eben schnell einen Genrewechsel an und werden im New Breaks-Bereich tätig, wie zum Beispiel Garagehead DeeKline oder auch Starecase, die unter dem Pseudonym General Midi für TCR produzieren. Bei anderen ist der Übergang zu breakigem House fließend, wie zum Beispiel bei Layo & Bushwacka! der Fall, und wieder andere, wie Arthur Baker, der auch schon mit Pilgrem produziert hat, sind seit Urzeiten dabei. Manche scheinen außerdem an der zukünftigen Formung des neuen Genres maßgeblich beteiligt zu sein: Si Begg, der eigentlich dem Dunstkreis der Brightoner Garde von Minimal-Techno-Freaks um Cristian Vogel entstammt, fing als Buckfunk 3000 und Cabbage Boy an, mit megaexperimentellen Beats zu arbeiten - genau wie Tipper, der mit seinem Label Fuel die kranke Seite der neuen Breaks repräsentiert.








„Broken Beats entstehen, wenn Rhythm Is Rhythm, Roy Ayers, Dillinja und Fela sich im Fahrstuhl treffen."***

Ein paar Jahre später war die Luft laut den übereifrigen Schreiberlingen schon lange wieder raus, aber Nu Breaks sind mittlerweile zu einem internationalen Phänomen mutiert, das besonders in den USA, Australien und Spanien eine riesige Anhängerschaft hat. Da die neue Breaks-Producer-Generation mittlerweile abseits des Rampenlichtes erwachsen geworden ist und sämtliche Größen - sei es B.L.I.M., Elite Force, Koma & Bones - bereits ihr erstes oder zweites komplettes Artist-Album herausgebracht haben, zeigt sich doch, dass nicht nur eine Szene, sondern auch ein internationaler Markt vorhanden ist. Die Nu-Breaks-Szene ist, Untergrund wie Übergrund, immer noch genauso aktiv wie im Jahr Zero. Wie wichtig Compilations als Marketingtool fuer Breaks waren, erklärt Loes Lee von Moving Target, Hollands größtem Breakslabel: „Compis sprechen auch die Leute an, die mit Vinyl nicht viel am Hut haben und fuer zu Hause nach einem guten Soundtrack suchen. Da sind Nu Breaks durch ihre Vielschichtigkeit ideal. Wie sehr CDs und das Internet zur Verbreitung von Breaks beigetragen hat, zeigt daran sich, wie erfolgreich Touren in Australien und Amerika verlaufen. " Auch bis nach Deutschland sind Breaks vorgedrungen, und besonders Berlin hat sich als Hochburg herauskristallisiert. Vela Arnold vom Berliner Dangerous-Drums-Label erzählt: "Nachdem sich dank DJs wie Marusha und Tanith um 1992 die hiesige Happyhardcore-Szene formiert hatte, ging in den darauf folgenden Jahren der Trend mit DJs wie Tricky D, Bleed, Bym, Valis und ED2000 mehr in Richtung D'n'B und TripHop. Ab 1995 gab es erste Breakbeatsounds, ab 1997 erste Partyreihen, wie zum Beispiel Timing Records' Breakfest, Doktorspiele mit Asthma & Arzt und Funky Electrobreaks." Regelmäßig versuchten außerdem Vela und ED2000 aka Corin Arnold bei ihren Berliner Dangerous-Drums-Nights, Breakbeats auch hierzulande zu etablieren. Die beiden holen internationale Größen nach Deutschland und schaffen mit ihren eigenen Residents und der DDR-Produzentenriege einen rufferen Gegentrend zu den weltweit verhousenden Breaks. Mit dem gleichnamigen Label einen Sound of Berlin zu kreieren war schon seit Anfang an Corins Traum. Der Erfolg von heimischen Produktionen und Reihen wie der DDR-Compilation - für die Fortsetzung sucht Corin noch nach frischen Breaksproduktionen - gibt den Breaksern recht. Auch die Chartserfolge von Crossover-Hits wie Wäre die Mutation des neuen alten Genres zu sehr ein Abklatsch des alten, könnten sich Leute nur fünf Jahre nach den Hochzeiten des Drum'n'Bass nicht schon wieder für ein ähnliches Phänomen begeistern. Zumal das Gemisch an Styles tatsächlich etwas Neues ergibt.

*James Brown reimte diese Worte als Einleitung zu Clyde Stubblefields Drumsolo in dem 1970 erschienen Track "Funky Drummer".
**Colin Lindo, Hyperdub-Interview
*** Derrick May

Text: Katrin Richter. Bilder: Artist's Own. Thanks to Pippa @ TCR, Anton @ Trailerpark, Pfeifenmeister. Special thanks: Jochen.

Nights to hang out at:

Dangerous Drums mit ED2000, Vela, Tanith und geladenen Gästen, im Maria am Ufer, Berlin
Beatin Da Drumz, Nuskool Breaks&Drum&Bass im MS Connexion, Mannheim
Chew The Fat @ The End, London
Fabric

Links:
www.nubreaks.com - regelmäßig geupdatete Website mit Interviews, Radio und Reviews.
www.ed2000.de/dangerousdrums/dangerousdrums.html - erster Breakspartypromoter in Deutschland und auch noch der Betreiber des Dangerous Drums Label.
www.breakser.de
- Deutschlands erstes und einziges Breaksmag - in Zukunft nur noch online
http://shop.divinyl.de - Deutschlands erste Adresse für Breaksrecords



Newsletter PlanetFriends CONTACT