
Deutschlands Autobahnen sind wie leergefegt. Kein Berufsverkehr und auch keine langsam dahinkriechenden Brummis verhindern die freie Fahrt der freien Bürger – die rechte wie die linke Spur gehört den Sonntagsfahrern. Für alle Lastkraftwagen über 7,5 Tonnen gilt heute gesetzliches Fahrverbot, Transporte leichtverderblicher Lebensmittel ausgeschlossen. Bis 22 Uhr werden die riesigen 15-Tonner auf den Rastplätzen stehen, die Vorhänge der Fahrerkabinen zugezogen. Ein multinationaler Transporter parkt neben dem nächsten, selten kommen Zugmaschine und Aufleger aus dem gleichen Land. Die Nummernschilder lesen sich wie ein Antragsdokument für die EU-Osterweiterung: Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakische Republik, Slowenien.
Auch bulgarische, ukrainische und rumänische LKWs stehen auf den Parkplätzen der Raststätte Am Haarstrang auf der A 44 Dortmund Richtung Kassel, schlafend. Und ein einsamer Laster aus deutschen Landen, bis oben hin beladen mit frischem Obst und Gemüse aus Spanien für den Großmarkt: SE- In seiner Kabine sitzt ein Mensch, ein Schild in der Windschutzscheibe gibt ihn als Robby aus. Er schaut über Satellitenanlage fern, die Trucker-Clogs ordentlich an der Tür geparkt. Obwohl er seine gesetzlich vorgeschriebene Pause von zehn Stunden einhalten muss, will der schnurrbärtige Mann mit Totenkopf-T-Shirt und einem goldenen Ring im Ohr seine Zeit nicht mit Plaudern mit verbringen: “Interview? Nee!” sagt er verhement. Er sei nicht in Deutschland gemeldet, da er seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt habe – wie 40 Prozent seiner Kollegen. “In Malaga habe ich ein Häuschen am Strand. Es ist billig und die Leute sind nicht so unfreundlich. Mehr Lebensqualität.” Bloß das Fernsehen vermisst er. Morgen früh nach der Anlieferung geht es wieder nach Spanien: “Die Leute wollen pünktlich um 8 Uhr frisches Obst kaufen, aber wie es dort hingelangt, interessiert sie nicht. Für die sind wir doch das Allerletzte.” Er schmeißt die Tür zu. Die Bommeln der Gardine zittern. Ich ziehe weiter. Soester Börde: Kein Laster kommt aus Deutschland. Am Kreuz Werl wechsele ich auf die A 445 und fahre dann auf die A2 Richtung Oberghausen. Rhynern ist meine letzte Hoffnung. Hier treffe ich auf Ingo Klatt, 38, aus Bad Doberan in Mecklenburg. Seit einem Jahr bei Fixemer, einem saarländischen Spediteur, angestellt, für 1.500 Euro netto. Das sind glatte Tausend mehr, als seine russischen Kollegen verdienen, die der Spediteur massenhaft einstellt. Der Billiglohn-Einsatz von osteuropäischen Fahrern und der Verdacht auf Steuerhinterzug hat die Firma in Verruf und den “Junior” der Firma, Christian Fixemer, 2001 ins Gefängnis gebracht.
Auch Ingo Klatt will mit der Presse nichts zu tun haben, das sei ihm zu riskant. Nach einer Weile erklärt er sich doch bereit. Fünf Euro verlangt er für das Interview. Und mein Versprechen, nicht im Fernsehen, “bei Monitor oder so” zu erscheinen, damit er seinen Job nicht verliert. Ingo gefällt es nämlich bei Fixemer. Ich willige ein und klettere auf den Beifahrersitz. Mit einem Anflug von Stolz präsentiert mit Ingo seinen Truck – ein älteres Modell. Einziger Luxus: eine Kaffeemaschine und ein Lufterfrischer. Kein Minifernseher, keine Anlage, kein Kühlschrank, kein CB-Funk, nur ein Fahrtenschreiber mit kreisrunden Plaketten und eine Art Telefon, durch den die Zentrale die Aufträge erteilt und über den die Chefin, Frau Fixemer, persönlich mit ihren 450 Fahrern im Kontakt steht. Dennoch ist Ingo froh über seinen Job. In Mecklenburg ist man das. Ein kaputter Rücken zwang den gelernten Fliesenleger nach zwanzig Jahren in die Arbeitslosigkeit. Mit ABM-Jobs hielt er sich über Wasser. Dort fuhr er zum ersten Mal mit einem LKW Ware aus, den Führerschein hatte er schon. Die Arbeit machte ihm Spaß. Als ihn ein Freund, der für eine Spedition als Fahrer tätig war, mit auf einer seiner Touren nahm, wuchs Ingos Begeisterung: “Wir fuhren in einem neuen LKW mit Automatik-Bremse von Dänemark nach Marseille. Da ließ der Ralf mich dann auch ans Steuer und brachte mir das richtig bei. Als ich zurückkam, bewarb ich mich Fixemer. Die haben mir den Schlüssel in die Hand gedrückt und gesagt: ‘Mach’ mal!’ – obwohl ich kaum Erfahrung hatte.”
Seitdem hat Ingo viel dazu gelernt. “Man kann sich keine Fehler leisten. So ein dreizehn Meter langes Fahrzeug zu rangieren, das schon mal vierzig Tonnen wiegen kann, ist Schwerstarbeit. Man hat ja nur die Spiegel da, in denen Distanzen nur schwer einzuschätzen sind!” Deswegen geben Brummis sich gegenseitig Lichtsignale, wenn es für den überholenden Laster beim Einscheren eng wird. Lastwagenfahrer zu sein ist ein einsamer Job. Mal ist man hier, mal da. Dauerhafte Kontakte zu Kollegen ergeben sich kaum. Nachts muss man sich vor Raubüberfällen fürchten, und an eine Beziehung ist auch nicht zu denken, wenn man, wie Ingo, mal zehn Wochen am Stück on the Road ist. Und trotz allem reicht Ingos Lohn häufig nicht. Vierzig Euro verdient er an einem Sonntag wie diesem – am Tag, nicht in der Stunde. “Doch mir ist das egal, denn ich erlebe Momente, die kann man nicht mit Geld bezahlen.” Durch seinen Job hat Ingo andere Länder kennengelernt, Länder wie Frankreich, die es im Gegensatz zu Deutschland schaffen, ein vernüftiges Mautsystem einzuführen. Länder wie Spanien, in denen die Menschen mittags enspannt draußen sitzen: “Hatte mir einer vor einem Jahr einer gesagt, Ingo, du bist heute in Barcelona bei 25 Grad und morgen bei Brüssel bei minus einem Grad, hätte ich dem ‘nen Vogel gezeigt.”
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