14.08.2005

RL ARCHIVE JUN 04 +++ Fabric - The Essential Structure of Music








Basisdemokratisch stellen sie wichtige Wegbereiter Seite an Seite mit innovativen Newcomern und machen sie somit einem breiten und internationalen Publikum zugänglich – ohne sich durch die nationale Superclub-Krise aus dem Konzept bringen zu lassen: Diesen Monat erscheint die Tyrant-Doppel-Mix-CD von Resident Craig Richards, eine Hommage an den elektroid-experimentellen UK-Untergrund und an den deutsch-kanadischen Minimalismus. Überhaupt klingt man in Farringdon zur Zeit verdammt deutsch. Nie war Cologne schicker. Raveline hat erstaunt nachgehorcht.

Dichtgepackt wie Schweinehälften

In einem ehemaligen Kühlhaus im Stadtteil Farringdon, in dessen verschachtelten Gemäuern annodazumal Rinderhälften für den benachbarten Meatmarket gelagert wurden, befindet sich heute einer der progressivsten Hyperclubs der Welt, speziell auf die Bedürfnisse eines Feierperfektionisten namens Keith Reilly zugeschnitten: An erster Stelle stehe der Sound, dann die Location, die sich niemals zu vertraut anfühlen dürfe, da dann das Abenteuer des aktiven Erlebnisses in den Hintergrund treten würde, erklärt Besitzer Reilly das Labyrinth aus Treppen, Räumen, Emporen, Katakomben und Stegen. Dementsprechend maßgeschneidert sei die Location, nach der der ehemalige Rave-Veranstalter lange gesucht und dessen Umbau und Design Jahre gedauert hat: komplett mit Boomsubwoofer-Fußbodenschall-System und Unisextoiletten. Selbst nach Inbetriebnahme wurde noch am Konzept gefeilt – “der Fluß der Leute und der Rhythmus der Nacht unterwarf sich eben nicht unserer Reißbrettplanung” – und improvisiert. So leitete der Vater des Managing Directors Cameron Leslie monatelang die Garderobe, bis adequates Personal gefunden werden konnte, und auch diverse andere Eltern packten mit an. Trotz des internen Freestylings sorgte Fabric nach seiner wiederholt verschobenen Eröffnung vor knapp fünf Jahren für ein Aufraunen unter den Londoner Musikafficionados und für ein konstant vollgepacktes Haus. Doch nicht wenige neugierige Erstgänger fühlten sich inmitten der walzenden Menschenmassen wie permagefrostete Schweinehälften; das heimelige Gefühl eines lokalen Hangouts wollte sich über Jahre hinweg nie so recht einstellen. Mit einer Kapazität von knapp 5.000 Seelen erreicht Fabric die absolute Obergrenze des clubtechnisch Möglichen. Eine gewisse Massenabfertigung am Eingang ist somit schwer zu vermeiden. Willkommen in der Fabric-Manufaktur, wo ein ganzheitlichens Musikprogramm den neugierigen Tourist genauso solide entertaint wie den musikverwöhnten Spartenliteraten. Für knapp zwanzig Euro pro Dosis.

“Unsere Politiker sind perverse Arschlöcher”

Hierzulande kennen Freunde des gepflegten Beats den Club hauptsächlich durch eine hauseigene Mix-CD-Reihe, die mittlerweile auf über 30 Releases zurückschauen kann. Das Konzept: Genau wie das zweigeteilte Programm im Club, das sich aus dem freitäglichen, von Breaks, Drum’n’Bass, Elektro und Freestyle dominierten Fabric Live und dem am Samstag stattfindenden, house- und technolastigen Fabric zusammensetzt, heißen die in formschönen Metallbüchsen untergebrachten Mixe entweder Fabric Live oder Fabric. Das Spektrum ist allumfassend und bietet interessanten Artists jeder Couleur – Gastkünstlern und Residents gleichermaßen – ein Forum: Akufen, Jacques Lu Conte, John Peel, Bent, James Lavelle, Grooverider, Tony Humphries, Andrew Weatherall, Fabio, Swayzak, DJ Hype, Bugz In The Attic und Adam Freeland zum Beispiel. Für einen moderaten Mix-Tape-Preis von circa zehn Euro, wenn man das Abo auf der Website wahrnimmt, kann man sich die bimonatlichen Releases direkt nach Hause schicken lassen. T-Shirts und andere Merchandise-Artikel sowie Compilations aus dem Hause Fabric wird es trotz des internationalen Erfolges der Mixe nie geben, auch ein internationales Francising sei ausgeschlossen, versichert Pressesprecher Nick Doherty. “Fabric ist kein Superclub und wird auch nie einer sein.” Auf das Drumherum lege man wenig Wert, bestätigt Keith Reilly, was bringe es, den Clubnamen auf einem Lastwagen in China zu lesen oder der größte Club der Welt zu sein? Nichts davon sei für ihn erstrebenswert, wichtig sei einzig und allein die Musik. Das unterscheide Fabric von allen anderen anderen Locations. Fabric-Besitzer Reilly muss es ja wissen, denn das Londoner Clubimperium wird von seinem Bruder, Inhaber von Pacha, The Cross und Bagley’s, regiert. Doch der alte Raver Reilly, dem “es heutzutage unangenehm ist, Engländer zu sein, weil unsere Politiker perverse Arschlöcher sind und die das Bild der Welt von unserer Nation prägen”, hat keinerlei Interesse, einen weiteren Luxusschuppen zu etablieren. Er supportet mit seinem Flyerartork lieber die Friedensinitiative CND.

Nieder mit dem Clubbing-Größenwahn

Clubbing auf Englisch war schon immer mehr als simples Feiern, hedonistischer, glamouröser, protziger. Doch nachdem sich jede noch so moppelige Hausfrau der Insel die Handtasche mit Pillen vollgestopft hatte, um am Wochenende in einem der die Szene domierenden Riesentanztempel – mit eigener Ibiza-Dependance, Privatjet und BH-Kollektion – so richtig einen drauf zu machen, geriet Superclubbing etwas aus der Mode. Der Höhepunkt der megalomanischen Brit-Feierunkultur liegt nun schon ein paar Jahre zurück, Superclubs wie Cream, Pacha und Ministry of Sound mussten ihre Riesenlocations schon vor geraumer Zeit dichtmachen oder untervermieten, der Riesenboom ist vorbei, und angesichts dessen scheint es clever, dass Fabric seine Integrität gewahrt hat. Doch einfach war das nie: Keith ist laut eigener Aussage der letzte “Überlebende einer Reihe von Teilhabern, die er alle aus dem Boot schubsen musste, um den Fabric-Dampfer auf Kurs zu halten”. Der der letzte große Geldgeber, Tom Combrinck, steuerte das schlingernde Schiff fast gegen eine Wand, als er sich wegen einer drohenden Insolvenz mit seinen “Bikinimäuschen- und Champagner-Fantasien breitmachen” und den Club kurz vor dem entgültigen Bankrott auf einen kommerziellere Kurs trimmen wollte. Zum Glück schaffte Reilly es nach einer desaströsen Episode, bei der die Ministry-Crew versuchte, das Büro zu kapern, mit Hilfe von zwei Mitarbeitern, Combrincks Anteiler durch ein juristisches Komplett aufzukaufen. Seitdem regiert ein liberaler Geist: Keith lässt seinen Leuten freie Hand und so sind die männlichen Bürokräfte am Freitag vor der Clubnight im Pub und die Frauen im örtlichen Park beim Weintrinken anzutreffen, während eine seltsam anmutende Gestalt, kleiner Häwelmann, Siebenschläferchen und Peter Pan in einem, traumwandlerisch das Office durchquert. Der nicht gerade hochgewachsene Mann mit den weit aufgesperrten Augen ist kein geringerer als Craig Richards. Mit seiner blauen Jacke, seinen Shorts und den weißen Kniestrümpfen sieht er aus wie ein verschreckter kleiner Junge.

Der Minimalmondman

Der ehemalige Künstler, der mit seinen 38 Jahren, davon zwanzig hinter den Plattentellern, schon zur erfahreneren DJ-Generation gehört, ist entwicklungstechnisch nie stehenbleiben. Schon 1987 ahnte Richards, dass er seine wahre Bestimmung mit dem soeben absolvierten Kunststudium am St. Martin’s College noch nicht gefunden hatte. Kunst auf Knopfdruck zu produzieren ging Craig gegen den Strich, und so warf er sich in Schale und veranstaltete Partys. Irgendwann lernte er Mixen. Und dann kam Fabric. “Keith feierte dersöfteren im Cross und im Sideshift, wo ich Resident war. Wir kannten uns flüchtig. Irgendwann bot er mir und Terry Francis eine Residency im neueröffneten Club an, und wir sagten beide zu.” Ein guter Zug, denn Craig ist die Idealbesetzung: Bescheiden, unaufdringlich, respektvoll und vor allem aufgeschlossen anderen Einflüssen gegenüber. Heute freut sich der soeben Vater einer Tochter gewordene Wahllondoner über Ricardos erneuten Besuch im Fabric und über Musik von Falko Brocksieper, Carsten Jost, M.I.A., Jeremy Caulfield, Weltzwei, Pantytec, Luciano & Quennum, Sieg Über Die Sonne, Michael Mayer und Ada, was sich auch in seinem Mix widerspiegelt, und wenn man die Welle von deutschen DJs – Richard Bartz, Sven Väth und Michael Mayer waren alle in den letzten Wochen im Fabric – erlebt, dann hat man irgendwie das Gefühl, das der Club eine Brücke zur hiesigen Musikkultur schlägt und bewusst als weltweiter Botschafter fungieren will. Der deutsche Microminimalsound genießt hier eine Akzeptanz, wie es stumpfem Techno in England nie gelungen ist. Auch wenn der Sound of Cologne, Berlin, Munich und Frankfurt woanders in der Welt schon lange angekommen ist, macht die Schnittstelle Fabric ihn auf einmal Leuten zugänglich, die sich niemals ins WMF, Studio 672 oder Harry Klein verlaufen würden. Menschen aus Saudi Arabien, Japan, Syrien, Südafrika und Südlondon lassen sich auf den Sound ein, verführt durch kristallklare Anlagen und das saubere, sichere Image, das nur ein Club von Weltkaliber in einer Weltmetropole vermitteln kann, wenn er sich treu bleibt und doch mit der Zeit geht.

Text: Katrin Richter. Superbig Thanks And Love Foreva: Nick and Melissa! Bilder: Courtesy of Cocoo, siehe Link.

Links:
www.fabriclondon.com
www.cocoo.co.uk/forfun.html


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