12.08.2005

RL ARCHIVE JAN 03 +++ Psycholine Heute – Raver auf Abwegen: Von der Abfahrt in den Bau…







Bei der meist völlig überrumpelnden Kollision mit der Polizei kommen die meisten glücklicherweise mit dem Schrecken oder einer fallengelassenen Anzeige davon. Manche nicht: Bei den besonders Dreisten, Dummen oder Druffen reicht eine unglückliche Verkettung von Vorfällen dazu, dass sie hinter Gittern landen. Von diesen Raver-Knastis gibt es mehr und mehr, denn ganz im Gegensatz zu früher wissen die Bullen mittlerweile Bescheid, wenn sie erweiterte Pupillen sehen, oder sie haben die entsprechenden Schnelltests am Start, um einen richtig abzufucken. Null Toleranz zeigen unsere Gesetzeshüter besonders im Süden der Republik, wo schon weite Hosen als Indiz für Drogenmissbrauch herhalten müssen, womit einer Leibesvisitation, einer Hausdurchsuchung und einem richtig versauten Leben nicht mehr viel im Wege stehen. Ein klarer Beweis für die ständig zunehmende Anzahl der Partyleute hinter Gittern ist auch die Zunahme von Head-To-Head-Anzeigen im Kleinanzeigenteil des Hefts, die hinter schwedischen Gardinen verfasst werden, was selbst die schwer erschütterbare Raveline-Mannschaft mehr und mehr aus der Fassung bringt.

Es gibt sie, und zwar nicht zu knapp – Feierleute hinter Gittern

“Jetzt sitze ich hier ganz alleine in Haft, vom damals versprochenen Zusammenhalt keine Spur. Gibt es unter euch Raverinnen und Ravern denn doch ein paar Leute, die Bock haben, mir (m, 23), in Haft, zur Seite zu stehen? Foto 100% AG!“ Auch diese Head-To-Head-Anzeige wandert in der Raveline-Redaktion herum, mit unterschiedlichen Reaktionen. Von „der Arme“, „selbst schuld“ bis „alle Dealer sollten erschossen werden“ reichen die Kommentare, aber unser Interesse ist geweckt. Ich muss diesen Menschen treffen, der dort in einer simplen Feststellung unsere Liebe-Freude-Feierkuchen-Bewegung hinterfragt. Per Brief nehme ich Kontakt auf. Und als der Knacki seine Bereitschaft signalisiert, ein Interview mit uns zu machen, schwingt sich das Knastline-Kommando ins Auto, um den Gesetzesbrecher Stefan Eulen persönlich kennenzulernen. Die Adresse führt mich in eine verschlafene Kleinstadt namens Viersen-Süchteln. Meinem Anfahrtsplan folgend stelle ich fest, dass sich der Knast in der Nähe einer riesigen psychatrischen Anstalt zu befinden scheint. Als die Straße vor den Pforten der Klinik endet, bin ich verunsichert. Also erkundige ich mich beim zuvorkommenden Pförtner nach der Jugendvollzugsanstalt. Dieser schüttelt nur verwirrt den Kopf, gibt schließlich Stefans Namen in seinen Computer ein und sagt: „Den finden Sie in der Geschlossenen, Haus 18“. Mein Herz fängt an zu klopfen. Auf einen Kriminellen war ich vorbereitet, aber nicht auf einen Kranken. Was ist, wenn der Typ kein Raver, sondern ein Kannibale ist? Oder gar ein Väthischist? Doch Moment, hatte Stefan am Telefon nicht einen ganz normalen Eindruck gemacht? Hatte er nicht davon gesprochen, dass er sich freiwillig für eine Therapie bereiterklärt hat, um aus dem Knast verlegt zu werden? Langsam rollt mein Auto an den verschiedenen Komplexen der Psychiatrie vorbei. Inmitten locker gruppierter Jugendstilvillen befindet sich das Haus Nummer 18. Ein mit Stacheldraht gesicherter, fünf Meter hoher Zaun schmiegt sich um das verrammelte Gemäuer – jedes Fenster ist gesichert, und die Türen gleichen atombombenresistenten Stahltoren.

Der DJ von Alcatraz – Musik als Fluchtmöglichkeit

Ich klingele und versuche mich locker zu machen, während eine CCTV-Kamera mein krampfiges Lächeln dokumentiert. Mit einem leisen Zischen öffnet sich die Tür. In jedem Winkel des Treppenhausen fangen weitere Kameras meine hastigen Bewegungen ein. Ich erlange Einlass durch eine Art Schleuse und lande direkt im Besucherzimmer, wo ein kleener Raver auf mich wartet. Ein wenig blass sieht er aus. Stefan Eulen, 23, mit Cargo-Hosen, Hoodie und Frontline-T-Shirt, scheint genauso aufgeregt wie ich. Er hat tatsächlich sein Equipment mit in den Besucherraum gebracht, weil ich am Telefon scherzeshalber vorgeschlagen habe, einen Knast-Studio-Report zu machen. Stefan produziert nämlich Techno – hinter Gittern. Er hat es nicht nur geschafft, eine Groovebox und einen Sampler in die Psychiatrie zu holen, sondern auch, seine zwei Numark-Turntables genehmigt zu bekommen. „Musikalisch war ich eigentlich schon immer“, erklärt er einleitend. Im Orgel- und Gitarrenunterricht wurde ihm schon frühzeitig das nötige Know-How vermittelt, bis er dann mit dem Wechsel zur Realschule langsam anfing, sich mit Heavy Metal anzufreunden. Mit der sogleich gegründeten Band machte Stefan dann auch erste Kontakte mit Drogen – und einem mehrspurigen Mischpult, “auf dem man den Sound der Bassdrum dermaßen komprimieren konnte, dass einen der Druck umgehauen hat. Da war mir klar – elektronische Musik hat auch so seine Vorteile.“ Stefans Faszination war geweckt. Aber ich kann mich jetzt einfach noch nicht über Musik unterhalten. Ich muss zunächst herausfinden, wie es dazu kam, dass Stefan seit zwei Jahren in dieser nach Desinfektionsmittel stinkenden Menschenversuchsanstalt sein Dasein fristet, nachdem er zuvor neun Monate lang im Bau gehockt hat. In den Knast wandert man schließlich nicht völlig unschuldig. „Ich hatte es verdient,“ sagt Stefan einmütig. „Ich habe wirklich viel Mist gebaut, und ich hätte bestimmt gnadenlos weitergemacht, wenn man mich nicht hochgenommen hätte. Ich habe das Ganze gar nicht ernstgenommen.“

Geile Karriere: Mit 19 voll druff. Mit 20 in der JVA Köln-Ossendorf

Dem jugendlichen Delinquenten Stefan, zu dem Zeitpunkt 20 Jahre alt, wurde das Ausmaß seiner Straftaten erst bewusst, als er sich in der Jugendvollzugsanstalt Köln-Ossendorf umzingelt von gewalttätigen Albanern wiederfand. „Das war schon echt heftig. Denn die waren tausendmal krasser drauf als wir Partyleute. Aber selbst zu dem Zeitpunkt hab‘ ich mich nur gefragt: ‚Alter, wie kommst du jetzt ohne Dope überhaupt klar? Wie sollst du das überleben ohne Drogen?‘ Ich war ja permanent dicht gewesen“, erzählt Stefan, der mit dreizehn das erste Mal gepackt wurde – beim gepflegten Ladendiebstahl mit Freunden, was ihn aber nicht abhielt, im gleichen Stile weiterzumachen. „Da wurden dann Fahrräder klargemacht, wegen der guten Teile, die hab‘ ich mir dann an meins drangeschraubt, und auch mal das eine oder andere Schloss geknackt.“ Irgendwann kamen dann Drogen hinzu. „Auf einer Klassenfahrt haben sich alle eine Bong durchgezogen, was ja auch wesentlich korrekter kam als Alkohol. Dann kam man auf die Feierschiene – mit 17 hab ich dann das erste Mal Pep gezogen – und ab da hat man eigentlich alles konsumiert.“ Im Kölner Raum war Stefan überall, wo Techno gespielt wurde, vornehmlich auf der Psychothrill, im Kit-Club und im Index. „Mittwochs auf die Psychothrill mit Casper und Bachor, Elektronik ohne Ende! Da gingen nur die Freaks hin, in Adidas-Anzügen und mit weißen Handschuhen – original!“ Jeff Mills war damals wie heute sein großes Vorbild, „den erkenn‘ ich schon am Basslauf – das hat der ja drauf“. Unter dem Einfluss zahlreicher Stimulanzien – „Mein Motto: ‚Wenn man feiern geht, dann richtig! Dann wird an nichts gespart‘ habe ich konsequent gelebt…“ – drehte Stefan jedes Mal bereits beim Intro des Techno-Grandmasters komplett durch. Die Eltern bekamen davon nichts mit. Auch die Anzeigen wegen dem Verkauf von kleineren Mengen Hasch sowie Körperverletzung – es kam immer wieder zu Prügeleien – rauschten unregistiert vorbei.

Big Brother is watching you…

Als „alles auf die Tapete kam“ und die Polizei mit einer Hausdurchsuchung vor der Tür stand, fiel die Mutter aus allen Wolken. „Die Bullen haben gefragt: ‚Besitzt ihr Sohn Waffen?‘ Meine Mutter hat nur gemeint: ‚Mein Sohn braucht keine Waffen.‘ Das erste, was sie dann aus einer Schublade gefischt haben, war eine Gaswumme. Die war völlig ahnungslos – die stand sogar daneben, wenn ich am Telefon die Deals klargemacht habe.‘“ Mit 20 war das Katz-und-Maus-Spiel endgültig entschieden – im Zweifelsfalle gegen den Angeklagten Stefan Eulen, der zu dem Zeitpunkt der Verurteilung viel zu verpeilt war, um zu realisieren, was eigentlich abging. Drupp wie Jupp in der Verhandlung – da kannten die Richter von Köln kein Erbarmen. Wer die Ernsthaftigkeit der Lage so wenig begreift, der wird sich noch umgucken, mag sich die Jurikative gedacht haben, und verurteilte Stefan 1999 zu fünf Jahren. „Im Grunde genommen habe ich es verdient,” meint Stefan reuevoll. „Ich habe wirklich unendliches Leid über meine Familie gebracht. Der Sohn im Knast – man kann sich ja vorstellen, wie schlimm das Gerede für meine Eltern in der Reihenhaussiedlung in Wesseling ist. Trotzdem – sie haben immer zu mir gehalten. Auch meine Oma. Respekt.” Der komplette Zusammenbruch kam dann nach ein paar Monaten in Ossendorf. „Als der Dackel meiner Oma gestorben ist, wäre ich fast kaputt gegangen, denn ich hab’ das Tier geliebt. Von einem Tag auf den anderen hat sich auch meine Freundin verabschiedet, ohne ein einziges Wort. Vier Jahre waren wir zusammen, und dann habe ich einfach nichts mehr von ihr gehört. Es war wohl zu viel für sie. Ich kann es ihr nicht verübeln. Ich hoffe, dass sie glücklich ist.” Auch im Bezug auf das Feiern folgte irgendwann die große Ernüchterung: „Wenn man sich Tag für Tag fragt, warum einen keiner anruft, keiner einen besucht, und das schon seit Jahren, dann baut sich doch eine gewisse Distanz zu den Werten auf, an die man unsprünglich geglaubt hat. Von wegen One Happy Family – wo sind sie alle hin, wenn man sie wirklich braucht? Merkt denn keiner, dass ich nicht mehr da bin?“ sagt Stefan nicht ohne Bitterkeit.

„Einer flog übers Kuckucksnest“ – Die Konsequenzen

Aber durch die Anzeigen in der Raveline hat er schließlich doch ein Mädchen kennengelernt, die ihn regelmäßig besuchen kommt und ihm erzählt, was Draußen passiert. “Durch die Haft weiß ich die kleinen Dinge zu schätzen. Eine kleine Berührung hätte ich früher gar nicht registriert, dabei ist das so genial.” Im Sommer 2003, hätte er eigentlich zwei Drittel seiner Haftstrafe abgesessen und wäre vielleicht wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden. Aber es kam anders. Stefan erklärte sich bereit, sich einer Therapie zu unterziehen. „Ob ich entlassen werde oder nicht, richtet sich natürlich nach dem Erfolg der Therapie. Ich befürchte mittlerweile, dass das ein Fehler war.” In Einzel- und Gruppengesprächen wird mit einem Therapeuten das Erlebte aufgearbeitet. Das Problem: „Die gehen nach Äußerlichkeiten – trage ich mein Haar zu kurz, werde ich als rechtsradikal eingestuft. Trage ich es zu lang, vernachlässige ich meine Erscheinung und hänge nach der Entlassung an der Nadel.“ Ähnlich kritisch wird Stefans Techno-Konsum gewertet: „Man sagt mir: ‚Diese schnellen Beats, die machen doch aggressiv. Wie kommt es, dass du so aggressiv bist?‘ Oder: ‚Das kann man ja nur unter Drogeneinfluss ertragen.‘ Reagiere ich daraufhin ungehalten, sagt man mir: ‚Du bist heute aber sarkastisch. So wird das nichts.‘“ Stefan schätzt daher seine Chancen, bald entlassen zu werden, als relativ gering ein. „Es besteht halt keinerlei Verständnis, worum es bei der Musik geht. Daher wird davon ausgegangen, dass ich sofort wieder in alte Verhaltensmuster zurückfalle, wenn ich wieder draußen bin. Das Allerschlimmste daran ist: Ich kann es selbst nicht sagen.“

„Beim Feiern heisst es immer nur: Höher, schneller, weiter…“

Derweil ist Stefan dem Psychoterror in der Geschlossenen weiterhin schutzlos ausgeliefert: „Eigentlich geht es ja noch, ich habe mein Equipment hier, kann eigene Kleidung tragen, Besuch und Telefonate empfangen und verdiene 2,50 Euro die Stunde beim Buchbinden. Aber trotzdem ist es hier wie bei Big Brother, bloß, dass keiner Bock drauf hat. Wir sind hier dreizehn Mann– das Alter reicht von 25 bis 55 – und wohnen zu dritt in einem Zimmer. Da geht man sich schnell mal auf die Nerven. Manche hier sind echt total Banane. Und immer, wenn man sich einigermaßen arrangiert hat, kommt Schikane von Außen – Zimmerrotation.“ Wahrscheinlich wäre Stefan ohne seine Musik wirklich schon verrückt geworden. Dumm nur, dass genau das, was ihn davor bewahrt, den Verstand zu verlieren, ihn daran hindert, seine Freiheit wiederzuerlangen. Aber dennoch: Stefan gibt (sich) nicht auf. „Ich habe bereits zu meinen schlimmsten Feierzeiten Musik gemacht und mal dem Bachor ein Tape in die Hand gedrückt. Der war ganz schön baff, dass es kein Mixtape war, sondern von mir produzierter Techno. Wenn ich wieder draußen bin, will ich eine Ausbildung als Tontechniker machen. Trotzdem: Manchmal kriege ich richtig Angst und frage mich: Was soll ich jetzt noch machen – wer bucht schon einen DJ, der im Knast saß?” Traurig sagt er zum Abschluss: „Wenn ich euch Leuten irgendetwas mitgeben kann, dann ist es dies: Denkt mal drüber nach. Mehr will und kann ich nicht erreichen.“ Die Tür klappt dumpf hinter mir zu. Ich bin wieder draußen. Eisig glitzert der Stacheldraht in der Finsternis. Erst, wenn wir die Verantwortung für uns ganz übernehmen, muss der Staat uns nicht mehr vor uns selbst schützen… Bis dahin raubt uns jeder unserer Fehltritte Schritt für Schritt unsere kollektive Freiheit.

Report: Katrin Richter. Pictures: leider nur aus dem Internet gezogene repraesentative Images.

Stefan dankt seinen Eltern für ihren Support und ihre Liebe.

Stefan würde sich nach wie vor über jeden Kontakt nach Draußen freuen. Wer Lust hat, kann ihm schreiben: Stefan Eulen, Johannisstr. 70, 41749 Viersen.

Hier ist er untergebracht: www.rk-viersen.lvr.de



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