12.08.2005 RL ARCHIVE NOV 01 +++ DJ Suv - SUV Style Dubplate Bizniz |
Grund genug, sich mit Suv zum Dubplate-Cutten zu verabreden. Metropolis Mastering im Powerhouse des Londoner Stadtteils Hammersmith ist keinesfalls das kleine Insider-Tonstudio ist, das man erwartet, wenn man es mit einem Teil von Reprazent aus Bristol zu tun hat. Nein, es ist “the dog’s bollocks” oder “the bee’s knees”, wie der Engländer zu sagen pflegt: die absolute erste Sahne. Hier nehmen alle Musiker von Rang und Namen auf. Und Suv, angereist in einem brandneuen BMW, wie es sich für die Drum’n’Bass-Elite gehört, macht beim Dubplate-Cutting seines Follow-Ups von “Desert Rose” keine halben Sachen. Die Ehrfurcht vor Suv, der mit einem riesigen, freundlichen Grinsen und einer Harry-Potter-Brille auf der Nase vor einem steht verwandelt sich schnell in Sympathie, die auf Gegenseitigkeit beruht. Dub Plate Pressure Dubplates – auch Acetates genannt, da sie statt aus Vinyl zum Grossteil aus Azetat bestehen – zu schneiden ist im Drum’n’Bass-Business eine sehr geläufige Sache. Bei dem Vorgang handelt ist sich um eine Art Testpressung von Tracks, die man erst für eine Weile ausprobieren will, bevor man sie auf Vinyl verewigt herausbringt. Dies ist eine kostengünstige Variante, wenn man erst einmal die Reaktion des Publikums überprüfen möchte. Anschließend kann man wieder ins Studio zurückkehren, um dem Track noch den nötigen Feinschliff zu geben, oder das Teil in Vinylform als Promo zirkulieren lassen. Natürlich kann man auch eine Handvoll Plates anfertigen, die man dann nur einer kleinen Auswahl an befreundeten DJs zukommen lässt. Das wiederum bewirkt, dass ein Track, der auf verschiedenen Parties von verschieden DJs gespielt wird, einen recht großen Bekanntheitsgrad erreicht, bevor er überhaupt käuflich zu erwerben ist. Besonders in der relativ undergroundigen Drum’n’Bass-Szene ist dies der Habitus, was fast ans Elitäre grenzt, da eine gute Scheibe oft monatelang auf dem Dancefloor für Mayhem sorgt, bevor sich das Geheimnis der Herkunft lüftet. Über die Jahre hinweg wurde aus dem Prozess eine ganz besondere Insider-Angelegenheit, die den D’n’B-Zirkus recht kompakt und, obwohl durch starke Konkurrenz getrieben, auch recht freundschaftlich hält. Da Dubs zumeist in den gleichen Studios angefertigt werden, mutiert das Cutten nämlich auch zu einer Art Freundschaftsbekundung, wenn man andere, zeitgleich anwesende DJs ebenfalls eine Kopie seines frischesten Outputs schneiden lässt und im Gegenzug auch eine Dub des anderen cuttet – Ideenaustausch inbegriffen! Insofern kann man als DJs gleich die neuesten Tunes, die ein anderer DJ herausbringt, fast zeitgleich droppen und somit den “respect” erweisen, der in der Szene besonders groß geschrieben wird. Natürlich wird desöfteren auch Kritik an diesem System laut, denn durch die eventuelle Benachteiligung bei der Versorgung mit frischem Material fühlt sich der eine oder andere DJ auf die Füße getreten. Besonders, wenn der- oder diejenige selbst nicht produziert, ist es schwierig, auf dem gleichen Level zu performen, ist man doch auf Promos angewiesen. Der Weg zum mega-anerkannten Drum’n’Bass-DJ ist also hart und steinig, was aber auch Vorteile hat: die Szene ist niemals durch eine Schwemme von absolut unfähigen Fame-Seekers verwässert worden, und der Ausverkauf erwies sich – nach der absoluten Hochzeit um 95/96 herum – als außerordentlich schwer. Stylus Style Bis zu sechzig Pfund pro Stück kostet so eine Testanfertigung, wobei die Preise je nach Qualität variieren – auch der Tontechniker, der beim Schneiden anwesend ist, trägt entscheidend zur Qualität des fertigen Produktes bei. Um die fünfzig Mal kann man diese Testpressung dann auf den Plattentellern auf seine Clubtauglichkeit überprüfen, bevor die Qualität erheblich abnimmt, da sich die Rillen durch den Gebrauch quasi ausleiern und die Nadel die Toninformation nicht mehr sauber ablesen kann. Gefragt nach dem genauen Vorgang erklärt Suv anhand der gerade durchlaufenden Produktion seiner letzten Dubplate für heute abend: “Diese Scheibe hier, der Rohling, ist aus Azetat. Innen drin in der Scheibe ist eine Metallplatte – daher nennen wir die Scheiben auch Dubplates. Hier in dem anderen Raum ist die Maschine, die die Dubplates schneidet. Vom Mischpult aus werden die Daten übertragen. Der Mix muss stimmen, alle Höhen, Mitten und Tiefen müssen festgelegt sein. Ich komme hier rein mit einer CD, eine DAT oder einer Mini-Disc oder jedem anderen Format. Man könnte sogar eine Human Beatbox übers Mikro auf Dub ziehen, oder?” – “Ja,” sagt Stewart, der Tontechniker, der sich bescheiden im Hintergrund hält. Bevor die beiden sich ans Cutten gemacht haben, ist jeder Track auf dem Mischpult ausbalanciert worden. Höhen, Mitten und Tiefen wurden aufs Feinste abgestimmt: “Dabei ist eins wichtig,” sagt Suv: “Es ist zwar möglich, etwas zu schwache Elemente durch feinstes Tunen hervorzubringen. Wenn man aber ein Geräusch hinterher nicht mehr drin haben mag, hat man schon verschissen. Es ist wie beim Malen – man kann dunkle Farben über Hell setzen, aber niemals dunkle Töne mit heller Farbe abdecken.” Zurück zum Cutten: Suv will fortfahren, muss aber passen: “Ich weiß eigentlich auch nicht ganz genau, wie der Sound dann auf die Platte eingeritzt wird, nachdem er auf die Nadel übertragen wurde.” Stewart springt ein: “Es ist eigentlich wie ein umgekehrter Plattenspieler. Das bedeutet: man hat auch hier eine Nadel, aber anstatt Musik zu spielen, schneidet die Diamantenspitze der Nadel in die Platte hinein. Hoch und runter ist für Stereo, und Ausschläge nach beiden Seiten regulieren die Lautstärke. Die Kombination von beidem – hoch und runter und rechts und links – ergibt Musik.” Die Ausschläge sind so schnell und minimal, dass sie für das menschliche Auge nicht wahrnehmbar sind. Man hocke sich nur einmal vor seinen Plattenspieler zu Hause und versuche, irgendeine Bewegungsrichtung der Nadel zu erkennen. In der Tat: nichts zu sehen, außer, dass die ehemals spiegelglatte Azetatoberfläche auf einmal mit einer aus dem Nichts erscheinenden Rille versehen ist, die sich schon bald in die spiralförmige Ansammlung von gleichmäßig verlaufenden Furchen einreiht. Follow Your Feelings Suv lehnt sich zurück, der letzte Dubplate ist in der Mache und sein erstes Album, “Desert Rose”, steht in den Läden. “Was ich gerade gecuttet habe”, erzählt er, “ist die fortgeführte Form meines Albums: Es heißt ‘Follow The Sun’. Es featured vor allem mehr Vocalists. Im Grunde genommen habe ich versucht, den Grundgedanken von ‘Desert Rose’ zu perfektionieren, die Tracks sind nicht mehr ganz so lang und auch nicht so Dancefloor-orientiert – es ist mehr Musik, bei der man Essenkochen und Autofahren kann. Ich denke, dass mein erstes Album sehr experimentell war. Es ist nämlich kein typisches Drum’n’Bass-Album, ich habe damit nicht die Erwartungen erfüllt, die die Leute gehabt haben. Ich wollte damit vermeiden, dass man etwas Bestimmtes von Suv erwartet. Die Leute sollten mich nicht in eine Schublade stecken und ich werde auch weiterhin alles daran setzen, mich nicht kategorisieren zu lassen. Klar habe ich in der Vergangenheit auch absolut Dancefloor-taugliche Tracks produziert, wie zum Beispiel ‘Output’ oder die Tunes, die ich mit Die zusammen gemacht habe, oder auch ‘Closer’ auf V Recordings. Aber ‘Desert Rose’ ist wirklich etwas anderes. Ich habe mir damit eine andere Welt eröffnet.” Bereits Suvs ‘Freebeat’-EP basierte auf dem 3/3-Takt spanischer Musik, wobei der One-Two-Three-One-Two-Three-Beat im Gegensatz zum herkömmlichen One-Two-Three-Four steht. Suv mochte den Rhythmus sofort und produzierte daraufhin eine ganze Reihe von ‘Freebeat’-Tunes, die auch auf V erschienen. Damit die DJs es mixen konnten, ließ Suv die Tracks jedes Mal mit einem Viervierteltakt anfangen und aufhören. Ein Grund für die allgemeine Richtungsänderung ist schnell gefunden – Suvs Freundin ist nämlich Spanierin. “Das hat eine Menge mit der Entstehung von ‘Desert Rose’ zu tun. Ich bin sowieso ziemlich empfänglich, was solche Einflüsse angeht – Latino-Musik beeindruckte mich schon immer. Mein Mädel hat auch eine Live-Band in Bristol. Sie singt, naja, spricht auch auf dem Album, und die Gitarre spielt einer ihrer Freunde.” Suv sieht sich einfach nur als Mensch, als Künstler, und er liebt es, andere Menschen und Kulturen kennenzulernen. “Ich versuche, offen zu sein, und ich denke, dass sich auch in meiner Musik wiederspiegelt”, sagt er. Bevor Suv seine Spanierin, Marta de Pablos, datete, war er auch schon einmal mit einem deutschen Mädchen liiert, die sein Verständnis für Sprachen und Kulturen erheblich sensibilisiert hat, wie er selbst zugibt. Durch seinen Versuch, Deutsch zu lernen, eignete er sich ein Grundverständnis von Grammatik an, das ihm auch beim Spanischlernen zugute kam. Dass er sich mit solchen Dingen auseinandersetzt, hat auch viel mit den Umständen zu tun, in denen er aufgewachsen ist. Suv, der Mann mit den Dreadlocks, dessen Vater aus der Karibik kommt und dessen Mutter Engländerin ist, wurde von den Briten schnell als “schwarz abgestempelt”, was “zu fünfzig Prozent falsch war – als weiß hat mich niemals jemand eingeordnet. Ich bin mit Rassismus aufgewachsen, denn mir wurde die Hälfte meiner Herkunft grundsätzlich aberkannt”, sagt Suv. “So etwas ist doch Schwachsinn! Menschen führen Kriege gegeneinander, weil sie glauben, ihre Religion und ihre kulturellen Verschiedenheiten würden so etwas notwendig machen. Menschen bringen einander um, wegen ihres Glaubens! Aber so etwas muss man doch hinterfragen – wir können uns doch nicht ewig mit der – zugegebenermaßen schwierigen – deutschen und englischen Geschichte auseinandersetzen. We’ve got to move on!” Suvs Neugierde für andere Menschen basiert auf einem schon fast an Naivität grenzenden Optimismus, den er sich nicht nehmen lässt, genauso wenig wie den Glauben an das Gute: “Wenn wir Menschen uns schon auf nichts einigen können: wir glauben doch auch alle an Musik. Musik ist eine Sprache, die jeder versteht.” “Man muss Leuten die Vielfalt von Musik vor Augen führen.” Das Interview mutiert mehr und mehr zu einem Gespräch, in dem deutlich wird, wie wichtig es für Suv ist, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Ein netter Kerl. “Ich verstehe nicht, warum sich so viele Menschen von vorne herein jegliche Möglichkeiten nehmen, in dem sie Türen verschließen. Bei Musik – und im Leben – geht es nicht darum, Regeln zu befolgen, sondern neue Möglichkeiten zu erschließen, die für einen selbst funktionieren. ” Auch für die Drum’n’Bass-Szene gilt dies, findet Suv: “Drum’n’Bass wurde aus dem Gefühl heraus geboren, dass wir etwas für uns kreieren wollten – etwas Neues, auf das noch keiner Einfluss hatte. Wir haben uns damit Jobs geschaffen, eine eigene Industrie, aber für uns war die Hauptsache, unsere Kunstform zu leben.” Aber Drum’n’Bass ist nicht alles, sondern nur der Ausgangspunkt für Suv. Er geht sogar noch weiter, denn Suv ist der Ansicht, dass er bereits den Grundstein zu einer neuen Musikrichtung gelegt hat. Einen Namen dafür hat er sich clevererweise auch schon überlegt: “Ich würde dem, was ich zur Zeit mache und was ich plane, gerne den Namen ‘Cybermusic’ verpassen. Ich finde, dass der zutrifft, da keine bisherige Bezeichnung meiner Musik gerecht wird. Der Sound ist neu und zukunftsträchtig.” Suv arbeitet zur Zeit auch noch an einem anderem Projekt, Reel Time, das Slowbeat-, R’n’B- und Drum’n’Bass-Techniken vermischt. Mit dieser Art von Musik, verlangsamtes Drum’n’Bass, möchte Suv eine neue Richtung einschlagen und somit auf Leute zugehen, denen es bisher nicht möglich war, Drum’n’Bass als Musikform zu erschließen. Ein sehr vocallastiges Stück, ein Track, der "Mine" heißt, hat es auf die ‘Through The Eyes’-Full Cycle-Compilation geschafft. “Das gefällt sogar meiner Mutter und auch anderen Leuten, die nichts mit Drum’n’Bass zu tun haben”, sagt Suv und fährt fort: “Ich finde, dass solche Musik der Drum’n’Bass-Szene den dringend notwendigen frischen Wind verschafft, und auch als DJ finde ich es wichtig, dass der Dancefloor mal wegkommt vom ewigen Industrial-Dark-Style. Man kann mal ein wenig durchatmen, wenn eine wunderschöne Stimme durch das Dunkel bricht, bevor es wieder losgeht.” Auf “Follow The Sun” arbeitet Suv mit einigen Vocalists zusammen, und zwar nicht nur Sängerinnen, wie Suv betont, da er das volle Spektrum der menschlichen Stimme abdecken will. Ein MC aus Brighton, MC Darrison, kommt auf einer ganzen Reihe von Releases der Full-Cycle- und V-Recordings-Familie zum Zuge. “Vocals sind wie ein letzter Punkt von Farbe auf einem sonst abgeschlossenen Gemälde. Ich arbeite mit einer ganzen Reihe von Artists und diese Kollaborationen sind mir sehr wichtig, denn ich lasse mich gerne von anderen Menschen inspirieren. Wenn ich im Gegenzug ihrer Karriere auf die Sprünge helfe, finde ich das super. So oder so – alles, was man gibt, kommt auch wieder zurück. We’re all part of the same thing”, sagt Suv leidenschaftlich. Words & Bilder: Katrin Richter Link: www.fullcycle.co.uk |