30.07.2005

RL ARCHIVE MAY 03 +++ My Brazilian Job: São Paulo – Good Vibrations im Concrete Jungle







Spätestens seitdem die Revoluzzer DJ Marky, Patife und XRS mit ihren gefühlvollen Samba-Interpretationen die englische Drum’n’Bass-Szene wiederbelebten, der von Carl Cox entdeckte Renato Cohen den Technos mit “Pontapé“ einen Arschtritt verpasste sowie das von Rush unter die Fittiche genommene PET Duo durch Deutschland tourten, hoffen nun etliche brasilianische Szene-Veteranen wie Mau Mau, Renato Lopez, Camilo Rocha, Mad Zoo, Autoload, Fernanda Porto und Anderson Noise auf ihre Chance, in Europa endlich den langersehnten Durchstartemoment hinlegen zu können. Mit unzähligen, auf CD releasten Tracks, in petto stehen aber auch jede Menge talentierte Nachwuchsproduzenten wie DJ Murphy, Ramilson Maia, Drumagik, Will, Philip Braunstein, Michel Palazzo, Oliver E. und Acid Logic in den Startlöchern. Denn obwohl in Brasilien ein riesiges kreatives Potential vorhanden ist, sind der dortigen Szene die Hände gebunden: Es gibt weder ein richtiges Plattenpresswerk noch eine Vertriebsmöglichkeit für die Hits von Morgen. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen haben die DJs dort eine unglaubliche Antriebskraft entwickelt, und die Szene verbreitet eine Energie wie hier schon seit Jahren nicht mehr. Raveline reiste mit dem deutschen DJ Christian Fischer nach São, um ihn auf seiner Tour zu begleiten. Mal wieder unterwegs im Namen des Techno...

Leaving Leipzig

Es gibt Zufälle, die keine sind. So auch diese Reise. Durch ein Mao-Poster ergab sich 2002 ein Kontakt zu einem aus Leipzig stammenden, mir bis dahin unbekannten Produzenten und DJ. Er hieß Christian Fischer. Achtung: Dieser Mensch hat es drauf, dabei sieht er ganz harmlos aus. Mit seiner lässig-schlacksigen Art hat er es bis jetzt immer wieder geschafft, random-mäßige Volltreffer zu landen. Aber immer der Reihe nach: Bereits 1996 fing der Student an zu produzieren, und wenig später legte er regelmäßig im Cult Club und in der Distillery auf. Nachdem er bereits relativ erfolgreich ein paar Tracks für Statik gebastelt hatte, gründete Christian mit seinem Kumpel Michael Arlt 2000 dann sein eigenes Imprint, Definition Records. Gleich für die erste Platte ließ Christian sich etwas einfallen: Er kontaktete kurzerhand seine Lieblingsproduzenten und bot ihnen seine Tracks als Remixmaterial an. Und siehe da: Alle schlugen zu. Neuabmischungen, weit entfernt vom Original, kamen von Basic Implant, Asem Shama, Plan e, _aUXx alias Wellenreiter. Mixgemixt haben auch The Men of Noise, keine geringeren als Christian selbst mit Cult-Kumpel Hartmut Kiss. Im gleichen Stil ging es weiter. Thomas P. Heckmann, Ade Fenton und Paul Brtschitsch verwursteten “The Yeti“ von der Geräusch-Männer. Und dann ein weiterer Volltreffer. Diesmal dran: die “Disko Pizzeria” mit Remixen von Rino Cerrone, Justin Berkovi, Marcin Czubala und Gianni Parotta. Dazwischen Releases von Sven Dedek & Alex Bau, Alenia, Tuomas Rantanen, Davide Squillace und Staffan Erhlin. Dabei Christian hatte immer ein vages Ziel vor Augen: mal “aus Leipzig rauskommen.“ Was ihm auch gelang. Anlässlich der zwölften Release, einer unter seinem eigenen Namen veröffentlichte Platte namens “Global Control”, hatte Christian kurzerhand eine gleichnamige Tour organisiert, die ihn auch durch einige Clubs und Favelas in Brasilien führte – eine beindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass Christian hierzulande eigentlich kaum bekannt ist. Als ich ein paar Monate später wieder mal von ihm hörte, war er gerade dabei, seine zweite Brasilien-Tour innerhalb eines Jahres auf die Beine zu stellen! Der Grund: Die “Tem Lenha!”-Promo-Tour – Christian hatte soeben diesen “supergenialen DJ Murphy aus São gesignt. Ein echter Kracher…” Die Szene in Brasilien sei frisch und aufregend und es gäbe jede Menge hypertalentierte DJs und DJanes, die, sei es im Techno- oder Drum’n’Bass-Bereich, auf jeden Fall vielen Europäern die Show stählen. Außerdem sei Carnaval in Rio, das ganze Land stehe Kopf. Ob ich mir nicht selbst ein Bild machen wolle? Er musste mich nicht zweimal fragen…









Welcome to Hotel Mama

Der Flug ist mit elf Stunden lang genug, um sich bei dem Mann im Nebensitz mit der Hongkong-Grippe zu infizieren. Am Gate stehen unsere Zufallsbekanntschafts-Gastgeber, der Webdesigner und DJ Eduardo Oliveira sowie sein Kumpel DJ Michel Palazzo, und scheinen trotz einer geschlagenen Stunde Wartezeit kein bisschen abgetörnt. Ihr Englisch ist eher bescheiden. Bis auf den sporadischen Austausch von Formalitäten gleiten wir schweigend durch die Nacht. Wir sehen nichts von den Slums, die sich rund um den Flughafen Guarulhus die Berge hochtürmen. Die Armen machen sich eine Gesetzeslücke zunutze, sagt Edu: So lange ihre Hütten nicht auf Dauer stehen bleiben, das heißt, nicht fertiggebaut sind, dürfen sie auf nicht genutzten Flächen errichtet werden. Das Resultat: Ein labyrinthartiges Gewirr aus sich ständig erweiterenden, verschachtelten Hühnerstall-Puppenhaus-Gebilden reicht direkt bis an die Straße. Unsere Absteige erweist sich als gepflegtes Einfamilienhaus, und während wir in die Einfahrt rollen, sagt Michel: “Meine Mutter freut sich schon auf euch!” Ich bin sprachlos, weil ich einen hippen Hangout voller kiffender Wannabe-DJs erwartet habe. Während ich verwirrt Hände schüttele und das Haus besichtige, durch das wir geführt werden wie Premiers auf Staatsbesuch, wird mir klar: Es gibt kein Entkommen – es ist wie beim Schüleraustausch. Mein Portugiesisch lässt allerdings sehr zu wünschen übrig. Obwohl wir seit dreißig Stunden nicht geschlafen haben, kann ich dennoch genug Enthusiasmus aufbringen, den Samstag abend nicht unversehrter Dinge verstreichen zu lassen, und so greift Edu zum Telefon und reserviert uns einen VIP-Room im coolsten Club der Stadt, Lov.e. Als wir ankommen, drängen sich schon viele schöne Menschen vor der Tür, wir marschieren sehr wichtig an der Schlange vorbei und begeben uns direkt zu unserem “VIP-Room”: Es ist eine etwas zurückversetzte Nische in der Wand. Warum man sich in solch einem Kabuff der Masse überlegen fühlt, ist mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht wegen des Ventilators, denn Luft ist Luxus… Genauso irreführend: Der “Dark Room”, der sich direkt neben dem “VIP-Room” befindet, ist nicht etwa ein anonym-dunkler Raum für heavy Anus-Pumping-Action, sondern ein steril wirkendes Family-Size-Badezimmer mit einer Menge glänzender Oberflächen und einem pinken Spiegelungetüm. Hier hätten Mr. Proper und Barbie ihre helle Freude dran. Keiner kann Englisch, also lasse ich mich von den heftigen, House-Beats von DJ Paula reiten und groove mehr oder minder wichtig in meiner VIP-Box herum. Komisch: Bis jetzt konnte noch kein Brasilianer richtig gut tanzen, finde ich, dann werde ich von dem fordernden, treibend-perkussiven Techhouse-Sound überrannt, und stelle meinen Denkapperat komplett ab. Paula lässt die Übergänge bisweilen ein wenig zu lange hinausgezögert reinlaufen, ist aber ansonsten wirklich ausgesprochen gut. Kurz vor der Übernahme von Ana und David, dem PET Duo, müssen wir passen. Wir sind platt.

Favela Style

Im Laufe der nächsten Tage kristallisiert sich heraus, dass Michel und Edu immer bis spät in der Nacht in der “Offsie” – Edus Design-Büro in einem schicken Wolkenkratzer nahe der Avenida Paulista – abhängen. Hier können sie in Ruhe kiffen und ungestört arbeiten. Es zeigt sich außerdem, dass kein Schwein in São Paulo zu sein scheint: Es ist Carnaval, und jeder Paulista mit Geld oder Beinen hat reißausartig die Stadt geräumt, so dass die Straßen der 17-Millionen-Stadt verlassen in der Sonne liegen und die menschenleeren Hochhaus-Szenarien schon fast surreal wirken. Bloß im Parque do Ibirapuera herrscht Hochbetrieb, aber die Nacht kommt, und die Menschen verschwinden. Der Straßenstrich um die Rua Augusta liegen fast verlassen da, wenn man von einigen wenigen dunkelhäutigen, Fünf-Dollar-Huren absieht, die nicht dem Schönheitsideal unserer Gastgeber entsprechen. Hier herrscht der brasilianische Rassismus-Grundsatz: Je europäischer, desto schöner (beziehungsweise teurer). Unendlich schön erscheint zunächst auch Gisele Bündchen in ihrer glorifizierten Abgehobenheit. Nirgendswo ist man sicher: Von jedem Hochhaus lächelt sie halbnackt herunter. Selbst bei der Prozession des Carnaval von Bahia steht sie völlig deplaziert auf einem Wagen und schleudert ihre überlangen Gliedmaßen völlig aus dem Takt herum. “Zu dünn”, meinen unsere Gastgeber, “unter schön verstehen wir Brasilianer was anderes. Bloß, weil sie in Europa so erfolgreich ist, will jetzt jede so sein wie sie.” Danach gucken wir uns die Videoclips von Ricardo an, einem VJ, der Backdrops für Goa-Parties macht. Nelson Mandela tanzt getimet zu harten Beats und marschiert mit Kindern durch Dörfer, alles in grellen Psycho-Primärfarben. “Die Goa-Parties sind geldfreie Zonen, alles beruht auf Tauschhandel. Die Szene ist hier ziemlich politisch, auch die Inhalte der Videos”, sagt er. Auch die Poster, die wir Downtown an den Wänden sehen, Bush mit Hitlerbärtchen, den Arm gereckt zum Gruß, strotzen, genau wie die vielen Graffiti, die die Themen soziale Ungerechtigkeit, Drogen und Armut aufgreifen, nur so vor Aussage. Als wir durch die Innenstadt rollen, sind Edu und Michel sichtlich nervös und wollen auf keinen Fall anhalten. “Zu gefährlich. Uns würde sofort ein Messer an den Hals gesetzt und dann ist das Auto weg”, sagt Michel. Draußen ziehen die Armen Karren voller recyclebarem Papier und stehen für Essensspenden in langen Schlangen. Das Wegschauen ist ein anerzogener Mechanismus und der Glaube an die innere Hässlichkeit der Bettler Selbstschutz. Wir gehen danach erst mal zum Sushi-Laden. All you can eat für 30 Reals.

Oi Gringo Amigo!

Weil es in São regnet, gucken wir uns tags darauf wieder den Carnaval im Fernsehen an. Eine prachtlose Endlosparade windet sich durch Rio, die Lächeln der Tänzer unter den kiloschweren Kostümen zu verzerrten Fratzen erstarrt. Das Spektakel ist ungefähr so sexy wie der Karneval in Köln: Wohingegen Maria und Diana, die beiden Haushälterinnen, vorm Fernseher schmachten, zeigen Michel und Edu und auch die beiden Cousins, Hugo und Neto, kein Interesse. Interesse besteht an etwas ganz anderem: Edu und Michel werden zunehmend aufdringlich, denn sie suchen nach einem europäischen Vertrieb für ihr soeben gegründetes Label Underground Records Brasil. Die beiden Nachwuchstalente sind auf einem gnadenlosen Selbstvermarktungs-Trip. Diverse Merchandise-Artikel wie T-Shirts und Flyer mit ihren URLs werden immer wieder mit aussagekräftigen Blicken in meine Hände gedrückt. Ich rechne ihnen geringe Chancen aus: Selbst Renato Cohen und Anderson Noise haben fünf Jahre lang vergeblich versucht, einen Vertrieb für ihr Label Noisemusic zu finden. An Techno aus Südamerika, auch an dem Knaller “Pontape“, bestand kein Interesse. Überhaupt gibt es ein Problem: Auf Underground Music ist noch keine einzige Platte erschienen. Bisher gibt es nur Millionen von sehr gut gemachten, groovend-techhousigen Tracks auf CDR, mit denen uns Edu, der wahre Produzent der beiden, immer wieder begeistert beschallt. In Brasilien gibt es nämlich nur ein einziges Presswerk, und zwar in Rio. Und die dort gepressten Platten sind von einer dermaßen schlechten Qualität, dass sie zum Abspielen im Club kaum geeignet sind. Ein echter Teufelskreis, doch Edu und Michel haben Geld, ganz im Gegensatz zu einem Großteil der Produzenten aus São. Das Problem liegt woanders: Sie haben vor, ihre Tracks bei Curved Pressings in London mastern und pressen zu lassen, doch die Auflage liegt bei einem Minimum von ein paar hundert Platten. Viel zu viele, um sie in Brasilien loszuwerden – eine Platte verkauft sich hier höchstens dreihundert Mal. Edus und Michels naive Vorstellungen der Situation in Europa erschweren die Diskussion. Dass der Markt hierzulande gerade ziemlich gesättigt ist, geht dank ihres kindlichen Enthusiasmus – Michel ist ja auch erst 18 – an ihnen vorbei. Abends fahren wir zu einer Bar namens Corleonne. Als wir gehen wollen, fällt der Türsteher den fast zwei Meter großen, blondgelockten Ben an und verlangt ein Autogramm. Da es sonst kein Entkommen gibt, tut Ben wie geheißen, aber der Bouncer lässt nicht locker und fordert über sein Headset seine Kumpels als Verstärkung an, um sich den “Gringo Amigo” anzuschauen. Auf Michels Nachfrage kommt nur ein “Ich weiß genau, das der Gringo berühmt ist!” Permanent händeschüttelnd flüchtet der arme Ben schließlich ausgefreakt in Edus Auto.









Rocks like Tropenholz!

Am nächsten Tag kommt Leben in die Bude: Wir treffen uns mit einem Haufen von DJs und Producern im “Offsie”, und Christian trudelt mit Sandra aus Rio ein. Dort haben sie wunderbar relaxt am Strand gefeiert, weil auch der Bunker, der letzte Techno-Club der Stadt am Zuckerhut, zugemacht hat. “Billigtrance ist dort ganz groß”, mokiert Sandra später, “Die Leute in Rio haben keine Ahnung von Musik und richten sich deswegen nach irgendwelchen billigen Trends.” Einziger Lichtblick: Vielleicht gibt es doch noch ein Rio-Parade, veranstaltet mit Hilfe diverser schweizer Groß-Rave-Promoter, ansonsten ist “Rio tot. Rock ist in”. Auch DJ Murphy, mit richtigem Namen Marcos Santos, kommt vorbeigeschneit. Er ist ein großer, freundlich lächelnder Typ, der sich vor Begeisterung zu überschlagen droht, als er “Tem Lenha!” zum ersten Mal in Vinylform in den Händen hält. Fassungslos spielt Murphy die Platte, begeistert von der Soundqualität, und ich frage Christian, wie der Kontakt zwischen ihm und Murphy zustande gekommen ist. Die Legende hat es, dass Christian nach dem ersten Hören nur ausstieß: “I will have this track! I think it will roooooooock!“, aber er spielt das herunter. “Jam von rraul.com hat mir die Tracks zugeschickt, ich fand sie gut und habe sie herausgebracht. Ich kannte Murphy vor unserer gemeinsamen Tour eigentlich gar nicht!” Auf der Platte, dessen Titel wortwörtlich übersetzt “Have Wood!” bedeutet, was in etwa das brasilianische Equivalent für das hierzulande ziemlich außer Mode gekommene Unwort Schranz (den Leuten hier tatsächlich ein Begriff!) sein soll, finden sich zwei Tracks von Murphy sowie ein Remix von Men of Noise – Hartmut Kiss und Christian Fischer. Obwohl sowohl “Tem Lenha!” als auch “Afinidade” ordentlich tropenholzen, sind die beiden Tracks weit davon entfernt, monoton an den Nerven zu sägen. Sie leben von einer äußerst lebendigen Bassline, die sich spielerisch um das konstant durchlaufende, synkopisch-perkussiv-treibende, aber niemals stumpfe Beatspattern wickelt, und von einem einzigartigen Cut-n-Paste-Style – mal in Form von Gesang, mal in Form eines klassischen Piano-Akkordes eingearbeitete Samba-Samples. “Die Vocals bei ‘Tem Lenha!‘ stammen aus einem Forró-Track von 1975“, erzählt Murphy. „Ansonsten habe ich so klassische Instrumente wie die Repique, eine Handtrommel, die Surdo, die rhythmusgebende Sambatrommel, das Kling-kling-klong der Agogo und eine Sanfona, eine Quetschkommode, gesamplet.“ Dann kommen Ramilson Maia und Club-Club-Resident Acid Logic – mit richtigem Namen Diego – zur Tür hereinspaziert. Ramilson, ein fröhlicher, kleiner Typ mit Zöpfchen, dessen Nummer “Chuva” gerade im Radio rauf- und runtergespielt wird, ist seit über zehn Jahren DJ. Nebenher tritt er mit seiner Live-Band auf, und als GRM und Kaleidoscópio produziert er Drum’n’Bass mit einem relativ kitschen Samba-Einschlag. Gerade, so erzählt er, hat er einen der Tracks, von “Cidade de Deus – The City of Gods” geremixt. Dieser preisgekrönte Film erzählt die Geschichte von einer knarrenfuchtelnden Kindergang in einer der Favelas von Rio, die als Drogenkuriere ihr Dasein fristen. Die Original-Filmmusik, Funk-Samba von Antonio Pinto und Ed Côrtes, wurde von so renommierten brasilianischen Produzenten wie Camilo Rocha & Yah, Mau Mau, Patife, Renato Cohen, Mad Zoo, Felipe Venancio, Anderson Noise, Apollo 9, Erico Periférico, Edson X, Eraldo Palmeiro, Andre Abujamra, Dolores, Instituto, Drumagik, Mamelo Sound System und Ade Jarbas neu interpretiert.

Radio Gaga

Mit bis zu drei “Übersetzern” an meiner Seite, die mit Händen und Füßen gestikulierend aufeinander einreden, frage ich zum Schluss noch die Frage der Fragen: “Wieso sampelt ihr eigentlich alle Sambaplatten, obwohl ihr den Carnaval so schrecklich findet?” Ich war ganz schön überrascht gewesen, dass mir die Originalversionen der Marky- und Patife-Tracks “Sambassim” und “So Tinha Que Ser Com Voce” in jeder X-beliebigen Bar in die Ohren wallten. Die sanft gesäuselte Songs der Samba-Sängerin Fernanda Porto – im Stile des soeben erschienenen Solo-Albums “Fernanda Porto“ – waren einfach nur mit einem gebrochenen Beat unterlegt worden! “Wir alle lieben Samba! Aber wir finden den Carnaval schrecklich, denn das ist keine Party – das kommerziell und langweilig,” sagt Ramilon. Murphy stimmt dem zu: “Wir nehmen einfach die traditionelle brasilianische Partymusik und machen daraus unsere moderne, neu interpretierte Club-Version.” Wir brechen auf und fahren zu Radio Energia 97,7 mHz auf der Avenida Paulista – neben Metropolitan 98,5 der einzige Sender, der rund um die Uhr Dancemusic spielt. Vor der Tür sitzt ein Obdachloser und schreibt ein Buch. Christian soll heute in der von Murphy gehosteten Radio-Show – auch Michel Palazzo und zahlreiche andere DJs haben hier ihre eigene Show – interviewt werden und im Anschluss ein Dreißig-Minuten-Set zum Besten geben. Die Show ist ein Witz: Zwischen rasanten Wortkaskaden feuert der Moderator in Kaugummi-Engisch gestellte Fragen auf Christian ab, der jedesmal zur Antwort ansetzt und gleich wieder unterbrochen wird. Nach genau fünf gemixten Scheiben trampeln unheimlich groovige Typen ins Studio und hauen Kommerz-Houseplatten auf die Teller. Wir gehen – nach einem Intermezzo im “Offsie”, versteht sich – relativ früh ins Bett, denn am nächsten Tag ist Donnerstag. Heute findet Vibe statt, die Drum’n’Bass-Nacht im Lov.e-Club. Residents: DJ Marky und Marcus Intalex. Angefangen hatte meine Brasil-Obsession eigentlich nicht mit dem Marky-Patife-Fieber, das dem Erscheinen von “The Brazilian Job” England heimsucht und nun auch hierzulande immer mehr Opfer fordert, obwohl ich – wie jeder andere Drum’n’Bass-Afficionado auch – völlig von der sehnsüchtig-melancholischen Intensität der Samba-geflavourten “Brazil EP” auf V Recordings überwältigt worden war. Initialisierend war für mich eine Mr-Bongo-Compilation namens “The Sound Of The Favelas”. Batucada-Songs wie Paulinha da Costas “Ritmo Number One”, Par Ney De Castros “Ba-Tu-Ca-Da” oder Nicos Jaritz’ “Otao E Eu”, deren rasante Drums mich elektrisierten, waren für mich der wahre Grund, warum Drum’n’Bass in Brasilien so extrem positiv aufgenommen wurde. Diese schnelle Form des Samba entstand in den Hügeln von Rio in den Siebzigern aus Ablehnung der zunehmenden Kommerzialisierung des Carnavals. Die aus über dreihundert Trommlern bestehenden Formationen namens Baterias fabrizieren traditionell Mucke mit über 180 Beats pro Minute! So bin ich etwas desillisioniert, als der DJ vor Marky ausschließlich in die blumige Samba-Kerbe zu schlagen scheint und neben der Verwurstung von tradionellem Soungmaterial keine innovativen Vibes rüberkommen.








Die São Connection

Also unterhalte ich mich mit Eliana Iwasa, der Bookerin vom Lov.e, über die Szene in São. Wir sitzen im flauschigen – haltet euch fest – Super-VIP-Room. Eliana, ein japanisches Minimodel, das seit kurzem auch auflegt, ist eine echte Szenepersönlichkeit und überzeugt durch ihre freundliche Professionalität. “Lov.e gibt es schon seit fünf Jahren”, erzählt sie, “und am Anfang war es schwer, ein lupenreines Underground-Programm zu fahren, bei dem die Qualität der DJs stets an erster Stelle stand. Aber es hat sich ausgezahlt: Das angenehme Publikum weiß mittlerweile die Authentizität der Musik und die familären Atmosphäre zu schätzen.” Es DJs wie Marky zuzuschreiben, dass die sich entwickelnde Szene in São Paulo von Anfang an mit einem äußerst differenzierten Musikprogramm konfrontiert wurde. Lange, bevor der brasilianische Mainstream-Konsument davon Wind bekommen hatte, spielte Marky auf den legendären Partys der Eastside Oldskool und Jungle, machte diese Musikrichtung daher besonders unter den Ärmeren extrem populär und legte so ab 1994 das Fundament für ein ausgeprägtes Musikverständnis. Die meisten Drum‘n‘Basser mögen daher Techno, aber viele Techno-Leute, die erst viel später Teil der Szene wurden, können mit Drum‘n‘Bass nichts anfangen. Unausgesprochen gilt Drum‘n‘Bass als “Musik für Arme“, wobei Trance den echten Nixcheck-Schickimickis vorbehalten bleibt. Heute Nacht ist das Publikum gut gemischt, und Marky ist in seinem Element. Umgeben von seinen Homies droppt er feinsten, oldskoolgeflavourten D’n’B-Sound und so manche gerade erst auf CD gebrannte und auf Dubplate gebannten Version der neuesten Burner – wie zum Beispiel “Rudebwoy“ oder “Backspin“. Mit seinen perfekt in die laufenden Platte gescratchten Sprachsamples kreiert der flinkhändige Marky permanent neue Tracks. Grinsend dreht er am Plattenteller und schiebt dabei die Fader hin- und her, so dass einem Hören und Sehen vergeht und die bunte Feiermeute hemmungslos heulend ausklinkt: Erst um 5.30 Uhr, nach dem Lov.e-Breakfast, versagen meine Waden und wir wanken nach draußen. Am Eingang findet sich ein Poster, das Front macht gegen die Einfuhrsteuer: Plattenauflegen ist gewissermaßen ein Privileg, denn auf den normalen Preis schlägt der Staat noch einmal satte 60 Prozent Importsteuern. Jeder, der hier Platten kauft, ist ein Profi. Für alle anderen rentiert es sich nicht. Nächster Termin im Agenda: Im Smart.biz-Café in der Galeria Ouro Fino, einem kleinen Shopping Center voller Independent Record Shops und winzigen Designerläden, demonstrieren Murphy und Christian Fischer heute ihr Können. Im smart.biz, zugleich DJ-Bookingagentur, kann man Platten für 20 Euro pro Stück kaufen und Energiedrinks schlürfend im Internet surfen. Internetsüchtig sind hier nämlich alle: Jeder designt, bloggt, chattet, ICQt und tauscht Files, und das permanent und rund um die Uhr. Nicht nur anhand der zahlreichen, professionellen Partywebsites wie rraul.com und erikapalomino.com fällt mir mal wieder auf, das ich Brasilien gründlich unterschätzt habe: Die Szene hier existiert seit Urzeiten auf höchstem Level. Ich unterhalte mich mit dem Musikjournalisten Camilo Rocha, einen der dienstältesten DJs von São Paulo. Er hat Ende der Achtziger die ersten House-Platten aus Chicago eingeschleust und gespielt und war damit neben Mau Mau für lange Zeit stilbildend. Camilo erzählt von den frühen Tagen in London, wo er Anfang der Neunziger gelebt hat: Er glaubt, dass House damals dank Ecstacy Popularität erlangt hat und macht im gleichen Atemzug Drogen für den Zerfall der Szene in Europa verantwortlich.

Totally Crazy

Derweil springt ein spindeliger Typ herum und vertickt Teile, die trotz des hohen Preises – genau so viel wie in Deutschland, obwohl sonst alles viel günstiger ist – ziemlich gefragt zu sein scheinen. Verkehrte Welt: Koks ist billig und verpönt, und keiner der Leute, mit denen wir feiern, packt das Zeug an: “Ist doch eh nur Dreck und gestreckt wie Sau”, meint Edu. Noch vor wenigen Jahren war Brasilien fast reines Transitland – von hier aus reiste der Schnee weiter nach Amerika und Europa. Obwohl die USA weiterhin weltweit die größten Abnehmer sind, bleiben heute 80 Prozent des aus Kolumbien eingeschmuggelten Kokains in São und Rio hängen. Vermutlich in den Slums. Ich kriege Promos in die Hände gedrückt, zum Beispiel von Guto, der das Label “BraSil Com S“ betreibt, und treffe außerdem auf DJ Alex S von SP Groove. Er erzählt von den Outdoor-Partys, die er seit zehn Jahren veranstaltet. 1992 gab es hier den ersten Riesenrave mit Moby und Altern8, und seitdem hat ein stetiger Influx von DJs für eine vibrierende Subkultur gesorgt. Das Publikum scheint ausländischen DJs der ersten Stunden die Treue zu halten. So gibt es hier eine massive Acid-Techno-Szene, die von Julian und Chris Liberator, Rowland The Bastard, D.A.V.E. The Drummer sowie Gizelle aus England begründet worden ist. In Deutschland genau wie Kumpel Geezer so gut wie unbekannt, sind diese Urgesteine der englischen Traveller-Szene Anfang der Neunziger nach Brasilien gereist und seitdem fester Bestandteil der Szene. Genau wie Circuito Techno, organisiert von Andre und Gabriel, hat SP Groove mittlerweile den Status eines Großveranstalters erreicht, und beide Partys bemühen sich um regelmäßige Gastauftritte von internationalen Größen. Nach einem erschöpften Nickerchen schmeißen wir uns in Schale für Loca, São Paulos undergroundigste Techno-Location, ein Ort voller Schwuler, Drogen und anderen Perversitäten, wie mir Michel naserümpfend mitteilt. Er wird uns nicht begleiten, da er im Mood Club auflegt, während Christian im Loca hinter seinem Laptop steht. Den ganzen Tag hat Herr Definition im Gartenschuppen seine Trackfiles studiert: “Die Namen muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen, weil die Files optisch alle gleich sind,“, sagt Christian, während er seinen bisweilen buggigen Final Scratch den milde erstaunten Brasilianern vorgeführt. Ostdeutschlands “Inofficial Final Scratch DJ“ ist direkt nach dem PET Duo dran. Ana bestreitet gerade die letzte halbe Stunde, als wir den Club voller kleiner Männer mit glühend schwarzen Kohlenaugen und Megaschnurrbärten sowie plastikblonden Transvestiten betreten. Augusto, der softe Parttime-Macho, und Edu, der Tekkie, rutschen mit ihren Ärschen die Wände lang und sehen allgemein sehr verkrampft aus. Auch Ben wird dauernd der Sack berührt, als wir uns zum Unisex-Klo durchbahnen, aber ich fühle mich in meinem kurzen Rock pudelwohl. Ana, mit ihren Tattoos und ihrer herrischen Gestik äußerst tuff und industrial wirkend, haut die letzte Platte auf den Teller. Christian übernimmt, und während seines Sets wird mir klar, das der spillerige Leipziger ein Freak ist. Wir hatten da schon immer so einen Verdacht. Wohingegen er im Radiostudio mit zittrigen Händen an den Regeln stand, ist Christian vor Feierpublikum in seinem Element. Mittendrin in der austickenden Masse vercheckt der Candyman. An der Theke redet ein Haufen Tunten auf mich ein – ich glaube, sie finden meine Augenfarbe toll. Und oben, im Darkroom, spielen sie Rio Funk, die wohl „billigste Musik“ von Brasilien, wo es inhaltlich nur ums Kopulieren mit Hündinnen geht. Aber der Groove gefällt mir. Nach Christians Set wollen alle flüchten, denn sie haben Angst um ihren Arsch. Den Anfang von Murphys Set erleben wir dennoch mit Begeisterung. Warum sind hier alle DJs so verdammt gut?








Offsie-Party

Der letzte Tag. Wehmut macht sich breit. Mein Portugiesisch lässt immer noch zu wünschen übrig, aber Edy hat uns gänzlich in den Haushalt integriert, auch die Cousins Neto und Hugo – der erste ein Slapstickkomiker, der letztere ein Casanova, der sich stets mit nacktem Oberkörper fotografieren lässt – haben Vertrauen zu uns blonden Riesengringos gefasst. Als wir gegen Abend verkatert aufwachen, brechen wir auch gleich schon auf, um die letzten Vorbereitungen für die „Offsie For Friends“-Party zu treffen. Um 12 Uhr nachts soll es losgehen. Ich erwarte eine der üblichen Kiffsessions und würde lieber Camilo Rocha im Lov.e auflegen sehen, als die ersten Leute eintreffen. Und dann geht alles ganz schnell, wie in der Werbung. Immer mehr Leute kommen, auf einmal boomend die Boxen – und es ist Peaktime! Mitten in einem Büro im siebten Stock! Die Leute feiern die Party ihres Lebens! Michel Palazzo macht den Anfang an den Decks. Seit vier Jahren legt er nun schon in Clubs auf, und ich muss ehrlich zugeben, dass ich ihm wegen seiner molligen Muttersöhnchen-Art niemals volle Kredibilität als DJ zugesprochen habe: Die Plattenauswahl in seinem Haus ist nichts Besonderes. Seine Nadeln sind kaputt. Und er redet immer nur von sich. Dennoch: Der Typ schafft es, schon hundert Mal gehörte Scheiben so zusammenzubauen, dass man sie nicht wiedererkennt. Der Crossfader kommt, genau wie die Channelfader, superviel zum Einsatz. Es wird gecuttet und gecued, dass es eine wahre Freunde ist, denn die Leute in Brasilien wollen ihre Popos schwenken. Bei flächigen Breakdowns stehen sie herum und gucken sich ratlos an. Aber hier bleibt keiner stehen. Die von Oliver E. – Edus – gezockten, treibend-perkussiven Technotracks bauen sich immer weiter auf. Den Höhepunkt der Nacht erreicht die Party mit “Pontapé“! Ein solch explosives, kollektives Ausflippen habe ich seit Jahren nicht erlebt! Und dass, nachdem mir alle immer erzählt haben, dass “Pontapé“ ja nichts Besonderes sei und ein Großteil der Leute es gar nicht verstehen könnten, warum der Cohen ausgerechnet damit einen solchen Erfolg in Europa hat… blablabla! Lächerlich! Der Pinga – portugiesisch für Fusel – fließt in Strömen, und die Leute werden zunehmend zügelloser. Später erklärt Mariana: “Die Musik hier ist immer nur bum-bum-bum-bum – dazu kann man gar nicht mit den Hüften wackeln. Das ist langweilig. Deswegen gehe ich manchmal zu Goa-Partys, denn da kann mein ganzer Körper tanzen, nicht nur die Arme und Beine. Doch am liebsten ist mir immer noch Samba“, meint sie. Demonstrativ umschlingen sich alle in Lambada-artigen Konstruktionen und reiben ihre Unterkörper aneinander. Die Brasilianer können also doch tanzen – bloß nicht in Technoclubs! Es kursiert übrigens das Gerücht, dass Christian Fischer nachts in einem Slum von Moskau gesichtet worden ist, was bis zum Redaktionsschluss aber nicht bestätigt werden konnte. Die Ermittlungen dauern an. Hinweise nimmt die Redaktion dankend entgegen.

Words: Kat Richter, Pix: Obiphonics und Neto. My shouts, big ups, love and respect go out to: Beijame, Christian, Sandra, Michel, Edu, Edy, Neto, Hugo, Maria, Diana, Gui, Clenio, Ale, Willie, Augusto, Ramilson, Eli, Thomas, Camilo, Marcos, Luchie, Marianna, Tobi & Caia, Bruna, Alex S, Alex Dee, Guto, Andy, Spetto, Fabiana, Barbara, Diego, Renato, Andre, Gabriel, Stela, Anderson Noise, Marky, Patife, Xerxes, Ana & David and all the others!


Musical Journey To São Paulo – Tracks zum Auschecken

• Renato Cohen “Acid On House/Abelhas” (Noisemusic)
• Anderson Noise & Marco Lenzi “Guaicurus” (Noisemusic)
• DJ Murphy “Tem Lenha!/Afinidade” (Definition Records)
• DJ Murphy “Non Sense” (BraSil Com S)
• Philip Braunstein “Trzic” (BraSil Com S)
• Michel Palazzo & Oliver E. “benkatsleeping” (Underground Music Brazil)
• Camilo Rocha & DJ Yah “Cidade De Deus – Batucada Remix” (Milan)
• Ramilson Maia “A Busca Da Vida” (Megamusic)
• Ramilson Maia “Chuva” (Megamusic)
• Marky & XRS “LK – M.I.S.T. Mix” (V Recordings)
• Marky & XRS “Get Down” (Movement)
• XRS “Search” (Movement)
• Drumagik, Marnel, Mikrob, Telefunken ”Ritmos De Brasilia” (Phuture)
• Tai Head “Symetric” (NovoDiscBrasil)
• Technozoide feat. Rosy Aragao “Esfera – Cosmonautics Remix” (Sambaloco)


Booking und Infos:

Wer gerne einen der Artists aus São Paulo buchen möchte oder Interesse an den zum größten Teil noch nicht lizenzierten und/oder veröffentlichten Tracks hat, die ich oben gelistet habe, der kann mich unter kat@planetkat.com anmailen. Ich leite eure Anfragen gerne weiter.



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