20.07.2005

RL ARCHIVE FEB 02 +++ The Extension Of Poland – Techno in Poznan







Aber wie sieht es denn eigentlich umgekehrt aus? Wie viele trekken von hier aus nach Polen, um sich dort den Techno-Flash zu holen? Gibt es in unserem “unterentwickelten” Nachbarland überhaupt etwas, was den hiesigen, Wohlstands-Techno-Jünger dorthin locken könnte? Die Antwort lautet ja: Gerade in den letzten Jahren hat sich dort Einiges getan. Durch langjährige Kooperationen mit Labels wie dem Tresor und auch Low Spirit haben sich in verschiedenen Städten von Polen Enklaven gebildet, in denen die Jugendlichen genau wie hierzulande den Dates von Neil Landstrumm, Tobias Schmidt, Cristian Vogel und Westbam entgegenfiebern. Polnische Produzenten und DJs wie Jacek Sienkiewicz, Marcin Czulbala und Echoplex beweisen außerdem durch souveräne Auftritte, dass Polen längst über das Stadium, auf Importe angewiesen zu sein, hinausgewachsen ist. Raveline reiste nach Poznan, zirka 300 Kilometer östlich von Berlin, um dort mitsamt dem Recklinghäuser DJ Schockwellenreiter einer der legendären Extension-Of-Poland-Parties beizuwohnen, und kehrte fast nicht zurück – weil es dort so schön war, nicht, weil wir geklaut wurden.

Eastside

Am Gleis Drei in Berlins Ostbahnhof packt uns endgültig das Reisefieber. Die Menschen am Bahnsteig haben eindeutig slawische Gesichtszüge und um uns herum wartet ein mongolisches Musiker-Ensemble geduldig auf den Berlin-Warszawa-Express. Die Spannung steigt. Wir steigen ein und dampfen gen Osten. Als wir Frankfurt/Oder hinter uns gelassen haben, verlangsamt sich der Zug. Vor dem Fenster breitet sich eine wunderschöne Landschaft aus, die wegen der diesigen Luft und dem nieseligen Wetter in diffuses Licht getaucht etwas Unreales hat. Wir rattern über eine gigantische Brücke, die sich über ein wildes Flußdelta spannt. Die Oder. Vor mir steht ein helläugiger Mann in grauer Uniform, der mich von oben bis unten mustert, bevor er mich in einer Sprache voller Konsonanten anbellt. Er will meinen Pass kontrollieren und hat wenig Lust zu warten. Mein Händy verstummt sowieso just in diesem Augenblick. Kein Empfang mehr – Willkommen in Polen. Zwei Stunden später fährt der Zug in Poznan ein und der Schockwellenreiter und ich klettern verschlafen aus dem Abteil. Um uns herum lauter hübsch anzusehende sonnengebräunte Menschen, die sich begrüßen, küssen und herzen. Nach kurzem Warten in der elegant-minimalen Kommuniski-Style-Bahnhofshalle findet uns Feelaz, mit bürgerlichem Namen Philip, und schleppt uns zu sich nach Hause. In einem sonnendurchfluteten Raum voller Platten und Turntables stellt er uns dem Rest der Extension-Of-Poland-Crew vor: Simon, Maniac und Kris, allesamt sehr interessiert und musikalisch absolut smart – die Jungs wissen, was gut ist: wonky Techno und Brighton-Sound vom Feinsten. Seit eineinhalb Jahren veranstalten sie Parties in Poznan, mittlerweile in sehr erfolgreichen Kooperationen. “Eva Cazal”, erzählt Feelaz, “ist eigentlich eine der Hauptinitiatoren, weswegen so viele internationale Technoartists hier auflegen.” Seitdem der Tresor vor sieben zum ersten Mal hier Station machte, bauen die Locals das Netzwerk mit den Guests immer weiter aus – erfolgreich: Techno hat sich etabliert. Mittlerweile wird in Poznan bereits Polens bededeutendste Technozeitschrift, Kaktus, herausgebracht.

Polski Party

Die letzten Vorbereitungen werden getroffen und wir fahren in einem mit Kuhfellplüsch bezogenen Taxi in den Club, in dem das heutige Event stattfinden wird. Esculap heißt er. Dort treffe ich auf Martin, den Betreiber, der sich seit gut zwei Jahren um das Booking in diesem sehr geilen Club kümmert. Von außen wirkt der Komplex sehr unscheinbar, von innen genial. Backsteinerne Bögen schwingen sich und der Sound ist vom Allerfeinsten, wie sich beim gewissenhaften Soundcheck zeigt. Martin erzählt mir, dass hier seit 1995 Technoparties steigen. Nach den ersten beiden kleinen Veranstaltungen vom Tresor in der Fabrik zog das Label ins Esculap ein und damit begann der Triumpf von Techno in der Region. “Cristian Vogel, Sender Berlin und Pacou flashten die Leute dermaßen, dass sie seitdem total Tresor-fixiert sind,” sagt Martin: “Andere Veranstaltungen laufen zwar auch gut, aber wenn hier Tresor-Nacht ist, dann geht gar nichts mehr.” Über 2.500 Leute passen in den zweigeteilten Club, der eigentlich die Veranstaltungshalle der medizinischen Fakultät der Uni Poznan war, sagt Martin, der Medizin studiert. Wir setzen uns in den supersexy gestalteten Chillout und trinken Bier mit Red Bull, was okay kommt. 14 Slotys, zirka 3 Euro, und man ist sanft betrunken und recht wach. Mittlerweile hat der Club geöffnet und die ersten Feierwütigen betreten den Tanzboden – besonders die Mädchen sind natürlich und wunderschön. Hier trifft das Wort feierwütig endlich mal zu, denn die Leute fackeln nicht lang. Sie raven gleich zu den funkigen Techno-Rhythmen vom Geburtstagskind Kris Kliford los, anstatt stundenlang paranoid herumzuglotzen, bis die Drogen endlich den Körper kontrollieren und den Geist dominieren. Ein ungewöhnliches Bild: Es sind vielleicht 250 Leute da, die Bar und der Chillout liegen verlassen und alle tanzen, als ob sie tatsächlich ihr Geld nutzen, um die Musik aufzusaugen.

Wodka Works!

Danach lassen nacheinander Joanna Hilly, Maniac und Feelaz souverän die Menge toben, während wir im Chill-Out unsere ersten Polnisch-Kenntnisse testen. “Struffko” heißt “Prost”, “Pierrdoltsche” heißt “Fuck you”, “Pivo proscha” soviel wie “Bier bitte”, “Djenkwe” bedeutet “Danke”, “Jaradsch” steht für “Kiffen”, und das reicht eigentlich, um durchzukommen, denn jeder spricht perfekt Englisch. Alle arbeiten in den Semesterferien im Ausland und man merkt, wie sehr sie sich über die Öffnung der Grenzen freuen. Agata sagt: “Na klar, wir sind eine ganz andere Generation als noch unsere Eltern. Wir sind froh, dass wir jetzt alle Möglichkeiten haben. Manche Alten jammern dem Regime hinterher, nach dem Motto ‘Früher war alles besser’, aber dabei vergessen sie die schlechten Dinge einfach.” Marcin Czubala ruft Feelaz an und berichtet von seinem Gig in Glasgow: “Jason von Subhead ist verhaftet worden wegen Drogen”, erzählt Feelaz. Drogen gibt es hier sporadisch. Simon ist der Dealer der Truppe. “Er hat ne schiefe Fresse”, lachen alle: “Dann kaufen wir von ihm nix!” lacht Feelaz. “Nur wenn er glatt und glücklich guckt, wissen wir, dass die Teile gut sind, das kommt so zweimal im Jahr vor – der Rest der Pillen ist schlecht.” Drogen will anscheinend keiner, stattdessen ist von der Tanke eingeschmuggelter Wodka angesagt – in Wassergläsern! Der Schockwellenreiter beginnt mit seinem hypnotischen Technoset und begeistert reißt die Meute – einige der ansonsten normal gekleideten Raver mit weißen Winterwollhandschuhen bestückt – die Arme in die Höhe. Alle feiern und baggern dabei dezent herum. Unschuldiger Sex liegt in der Luft. Wodka wärmt von Innen und beschleunigt, bei richtiger Dosierung, die Füße ungemein. Danach legen Feelaz, der verrückte Maniac und der Schockwellenreiter gemeinsam auf. Keine Egos plagen die fröhlichen Techno-Connaisseure und deswegen geht es sehr harmonisch zu.

The Day After

Nach einem geruhsamen, wodkaschweren Schläfchen auf dem Fußboden im mal-Kommuniski-modern-heute-drei-Stern-Hotel – der Gentleman Donauwellenreiter offeriert mir, sein Einmannbett zu teilen, was ich galant ausschlage – wandern wir durch das post-kommunistische Poznan, das vom Krieg und vom hiesigen Kapitalisten-Bauwahn der sechziger Jahre verschont wurde, weswegen Großteile der Altstadt wunderschön intakt geblieben sind. Mittendrin erhebt sich ein nettes Gefängnis, in dem noch vor wenigen Jahren die Gegner des kommunistischen Regimes – Gewerkschafter zum Beispiel – verwahrt wurden, damit draußen ein wunderschönes Konsens herrschen konnte. Wir wandern weiter ins Zentrum und essen Bortschtsch, um danach gestärkt in das geniale ZEZ, eine unterirdische Bar zu kugeln. Dort haben Petr und Paul ein geniales Ambiente geschaffen – das Gewölbe mit Tanzflur und Fellstühlen schlägt an Gemütlichkeit alles bisher Gesehene. Heute abend ist geschmackvoll-groovender House angesagt und schöne Mädchen und schicke Boys drinken Wodka und tanzen. “Musikalisch gibt es regionale Unterschiede: In Danzig ist Low-Spirit Gesetz, in Stettin ist Happy Hardcore angesagt”, sagt Feelaz: “Aber kommerzigen House vom Feinsten, das lieben allee Polen”, knurrt er. Nicht nur die Polen… Wir ziehen weiter, an der schon fast russisch wirkenden Kirche vorbei in einen kleinen Club, wo die Erfolgsgeschichte von Extension Of Poland seinen Ausgang nahm. Eine Goa-Trance-Party ist dort gerade in vollem Gange und vornehme Frauen im kleinen Schwarzen und hohen Schuhen wogen sich wie Parvati-Göttinnen zur zwirbelnden Musik von Marian. Der Veranstalter erzählt: “Es ist nicht einfach, eine Lizenz zu kriegen, um einen Club zu betreiben. Man muss Anträge stellen und nicht zuletzt mit dem Besuch der Mafia rechnen.” Schutzgesellschaften nennen sie sich heutzutage und stellen schlicht die Türmänner, damit man keinen Ärger hat, wofür man sie bezahlt oder büßen muss, wenn man dafür keinen Bedarf sieht. Nett, oder?

Back To Boredom

Schließlich finden wir Simon und gehen zur After-Party bei Anna. Wir lauschen dem überregionalen Radiosender – Drum’n’Bass im Live-Mix – und Nora, der Haus-Dackel-Alki auf Entzug macht sich jedesmal über Wein und Bier her, wenn Anna den Raum verlässt, bis das Zittern in den Pfoten nachlässt und wohliger Schwere weicht. Polen – ganz nach unserem Geschmack. Der Schockwellenreiter und ich fahren am nächsten Morgen zufrieden in den lahmen Westen zurück.

Q Quatsch: Katrin Richter Q Klick: Kathy Judge Q Thanks to: Dennis @ Akustik Records, Philip Weymann aka Feelaz, Maniac, Simon, Kris Cliford, Krzysiu, Joanna Hilly, Wladko, Martin vom Esculap, Nora, Agata und alle, dessen Namen ich im Suff vergessen habe! Keep on being wonderful! Q And: Shit on your Vorurteils! Q

Link:
www.extension.pl


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