19.07.2005

RL ARCHIVE NOV 03 +++ MP3 Downloads: Illegal = scheißegal?! Ist Copy right oder copy wrong?







Angesichts dieser stahlenden Zukunftsaussichten wird es doch einmal Zeit zu fragen, was eigentlich passiert, wenn man sich als braver Feiermensch die Musik seines Herzens aus dem Netz ziehen will – kommt man legal überhaupt an jene ausgefallenen Tracks, die man als DJ oder Tanzfreak aus dem Club oder vom Plattendealer kennt? Was für eine Rolle spielen Downloads in unserer Szene eigentlich? Betrifft die weltweite Absatzkrise auch den Special-Interest-Markt der elektronischen Tanzmusik? Is it just another history repeating? Fragen, über Fragen, mit denen Raveline sich auseinandergesetzt hat.

MP3 – “The hottest thing in Cyberspace”

Zunächst einmal sollte man sich fragen, wie dieses digitale Audio-Format eigentlich so populär geworden ist. Dass einmal Milliarden von MP3-Files durch das World Wide Web zirkulieren würden, war nämlich 1987 noch überhaupt nicht abzusehen, als das Fraunhofer Institut in Erlangen seine Erfindung, Stereosignale in Echtzeit zu codieren, an den Start brachte. Mit der innovativen Digitaltechnik konnten Audiodaten ohne hörbaren Qualitätsverlust bis auf ein Zwölftel ihrer Größe komprimiert werden. 1992 wurde das Audiocodierverfahren als Moving Picture Expert Group ISO/MPEG Layer-3 standardisiert, woraus sich die abgekürzte Bezeichnung MP3 ergab. Mitte der Neunziger stellten die Erlanger Wissenschaftler ihre Erfindung dann ins Internet – und das neue Format fand schnell begeisterte Nutzer, als der Entwickler Tomislav Uzelac, tätig für Advanced Multimedia Products, 1997 den ersten vernüftigen MP3-Spieler entwickelte – den AMP-MP3-Playback-Engine. Bereits wenig später tauschten amerikanische Universitätsstudenten Musikfiles via Internet, und unmittelbar darauf erwickelten zwei College-Studenten ein Interface für den AMP-Player und verbreiteten den Winamp-Player genannten Spieler als Freeware. Dank Winamp trat MP3 dann seinen Siegeszug um den Globus an: Wohingegen zunächst der private Austausch von Files unter Freunden praktiziert wurde, Listen von Archivisten an den Start gingen und musikbegeisterte Freaks anderen Freaks ihre Sammlung auf Privatservern zum Downloaden zur Verfügung stellten, wurde das Phänomen bald zum Massensport. Der Tenor: MP3-Tausch ist okay. Als 1999 Napster an den Start ging, war der triumphale Siegeszug des Filesharing nicht mehr aufzuhalten. Genau, wie man sich verschiedenster Informationen in Textformat bediente, konnte man eben nun auch Musikfiles mit der globalen Netcommunity teilen. Warum ist Tauschen nun heute illegal? Wie konnte es nur so weit kommen? Das ist eine lange Geschichte…

“Schluss mit lustig – jetzt wird Geld verdient”
Bernd Begemann

Dieser Mentalitätswandel lässt sich vor allem damit erklären, dass den Corporates irgendwann dämmerte, dass sie eine Milliarden-Einnahmequelle sträflich vernachlässigt hatten: Der Musikmarkt stagnierte, die Verkäufe waren rücklaufig und die daraus resultierenden mageren Gewinnspannen trieben Labels und Vertriebe gleichermaßen in eine Absatzkrise von nie gekannten Ausmaßen. Die Schuldfrage war schnell geklärt, der Verbrecher der diabolische Endverbraucher, der sich mit – ganz offensichtlich illegalen – MP3-Downloads die schier unerschöpflichen Speicherkapazitäten füllte: Millionen von Menschen ließen sich kostenlos volldudeln und zogen sich neues Hitmaterial nur noch aus dem Netz, anstatt in den Laden zu rennen und ergeben die sogenannten Einheiten zu kaufen – so, wie sich das für gute Konsumenten gehörte. Angesichts dessen kam die Industrie schnell zu dem Schluss, dass die Millionen von Filesharers sich nicht dem harmlosen Austausch von Informationen verschrieben hatten, sondern Musik klauten: “Diebstahl, falsch und Illegal” sei das, so der Chef der Recording Industry Association of America, kurz RIAA, Cary Sherman. Das sollte Folgen haben – in an die Illegalität reichenden Hauruckverfahren wurde Napster – einst von einem studentischen Tüftler gegründet – der Prozess und der Laden schlieslich dicht gemacht. Doch schon bald setzte sich eine neue Technik durch – Peer-to-Peer-Netzwerke entstanden: Kein zentraler Server wie Napster steuerte mehr die Anfragen der einzelnen User, sondern die User selbst verbanden sich zu einem variablen Netzwerk und ließen völlig dezentralisiert Zugriffe untereinander zu: Der gutartige, in sich abgeschlossene Tumor bildete Metastasen im Cyberkörper – zahlreiche Provider wie KaZaa (mittlerweile über 60 Millionen User), Morpheus und Grokster Songs sorgten nach Napsters Tod lückenlos für Beschallung für lau. Auch Peer-To-Peer-Filesharing war bei den Entscheidungsträgern nicht besonders beliebt, auch hier wurde den Betreibern in anzweifelbaren Verfahren der Prozess gemacht. Morpheus und Grokster gibt es heute nicht mehr..

Jeder ist ein Verbrecher

Die User wurden zu Piraten, der Akt des Tauschens wurde zum Raubkopieren. Doch die Piraten sind sich laut den Medien unverschämterweise in keiner Hinsicht ihrer Schuld bewusst und konsumieren die Wegwerf-Konserven-Musik respektlos wie nie zuvor. Mangelndes Unrechtsbewusstsein wirft die Industrie der Generation Download vor – nur 71 Prozent aller Deutschen sind sich im Klaren darüber, dass das Tauschen und Teilen von Musikfiles – mittlerweile nicht mehr – rechtens ist, weil angeblich gegen das Urheberrecht verstoßen wird. Unter dem Druck der von der amerikanischen Regierung gestützen Corporations gaben die Internet Service Provider nach und die Namen von einigen Kunden Preis. Kriminelle von 6 bis 96 wurden in Showcase-Verfahren den Richtern vorgeführt, Exempel statuiert. Auch in Deutschland verklagte Anfang des Jahres der Bundesverband Phono und die durch die IFPI vertretenen Verlage einzelne Tauschbörsennutzer. In dem die Musikindustrie Panik vor massiven Schadensersatzklagen schürt, und zwar durch das Machen von Falschaussagen über die Strafbarkeit von Urheberrechtsverletzungen, versucht sie auch hierzulande ihre Ziele durchzusetzen. Fazit: Empörung und Klagen allerortens. Der Wahn nimmt immer krassere Formen an: Besonders präkär ist das Beispiel von Sony. Der Konzern macht auf der einen Seite Milliarden mit dem Verkauf von Rohlingen und Brennern, muss aber im Entertainment-Sektor Einnahmen-Einbuße in Milliarden-Höhe hinnehmen, weil Firme, Spiele, Programme und Songs gerippt werden. Auch sonst ist auf Seiten der multinationalen Corporations Chaos angesagt. Anstatt auf die Bedürfnisse der Verbraucher einzugehen, streiten sich die Majorplattenfirmen um ihre “Tonnen von Geld”, da sie nicht einsehen wollen, warum ausgerechnet sie nicht “das dickste Stück vom Kuchen” (O-Ton Mobilfunkanbieter O2, der auch ins Geschäft einsteigen will) abbekommen sollten.

Der ganz alltägliche Wahnsinn

Kollektive Gier als Motivation steht noch vor das Angst, der Urheber der Musik könne zu kurz kommen oder gar leer ausgehen, wie der Versuch beweist, die Royalties der Artists noch mal um 50 Prozent zu beschneiden, damit die Gewinnmarge nicht zu gering ausfällt. Anstatt sich den wandelnden Märkten anzupassen, drohen Majors und Vereinigungen lieber mit Repressalien und Sanktionen – gerade angesichts der Tatsache, dass die legalen Tauschbörsen, wo man nur gegen das Springenlassen von Barem ans Ziel kommt, dem Verbraucher keineswegs das bieten, was er haben will, eine verfahrene Situation. MP3-Spieler haben zu einer Demokratisierung der Sparte gesorgt: Jeder kann sich auf seinen Player ziehen, was er am Geilsten findet – und die Files in Sekundenschnelle wieder löschen, wenn sie nicht mehr gefallen. Mittlerweile haben Milliarden von Internetnutzer einen Software-Player installiert, der gefüttert werden will, und der Siegeszug der tragbaren MP3-Spieler ist auch gerade nach der Einführung von begehrlichen Kleinoden wie dem iPod und seinen kleinen Bruder, dem Mini-iPod, nicht mehr aufzuhalten – noch nie war es so schick, 10.000 Musikfiles auf einer Speicherkarte herumzutragen. Die Kopfhörer anderen Connoisseuren beim Passieren in der U-Bahn anzubieten, um mit seiner Sammlung anerkennende Blicke zu ernten, ist in Großstädten der letzte Schrei. Wo zehn Gigabytes an Files herkommen sollen, um ihren iPod zu füllen, fragen sich mittlerweile all die schicken Konsumenten, die keine eigene CD- oder Plattensammlung besitzen, deren Rilleninhalt sie digitalisieren können.

Legalize It – Die Musik der Zukunft

Seit einigen Jahren befindet sich die Branche mittlerweile schon im Umbruch, auf dem Weg ins digitale Zeitalter sozusagen, doch so richtig in die Zukunft zu blicken traute sich 2003 hierzulande keiner mehr. Es lohnt der Blick über den Teich, wo Steve Jobs mit iTunes seit einem Jahr vormacht, wie man den Leuten den Ausweg aus der aufoktruierten Kriminalität weist. Doch angesichts der iTunes-Verkaufszahlen – über 25 Millionen Files wurden bis jetzt an den User gebracht, der dafür im Schnitt bereitswillig einen Dollar pro Stück ausgab – wagt sich auch die Industrie an die Prognose: “Sieht so aus, als würde der digitale Download dieses Jahr durchstarten”, rang sich Cary Sherman ab. Nachdem die deutsche Industrie mit ihrem Phonoline-Projekt nicht recht aus den Puschen kam, weil man sich nicht auf ein einheitliches Pricingsystem einigen konnte, das aber wohl doch bald ans Netz gehen soll, ruht nun die Hoffnung auf dem europäischen iTunes, das noch dieses Jahr gelauncht werden soll, dem für 2004 geplanten MSN-Projekt von Microsoft, und Download-Servicen wie Karstadt, Mycokemusic, Tiscali, Liquid, Virgin, Vitaminic, Wippit, Emusic, AOL, Mediamarkt, Musicdownload – die meisten davon für Feierleute unbenutzbar, weil zum einen Kreditkarten für die Transaktionen unablässlich und zum anderen die Trackauswahl erbärmlich ist, wenn man von auf DJ-Kultur speczialisierten Servicen wie Bleep, Trax2Burn, Beatport, Play It Tonight und Nufonix absieht. Außerdem Nach wie vor ist die “bestverkaufteste CD der Welt ist die CD-R.” Ob das das Richtige ist für die unabhängig strukturierte Independent-Dancelabel-Industrie, wird sich zeigen. Zum Glück gibt es gerade aus den Lagern der nicht repräsentierten Denker und Ertwickler immer wieder neue Erfindungen. Bereits 1999 wurde ein neues Format patentiert, ACC, das die Informationsmenge bis zu sechzehn Mal komprimieren soll. Die Technik kommt beim Digitalradio und Fernsehen bereits zum Einsatz.

Bekenntnisse eines Profi-Saugers

Musikliebhaber Martin P. ist 23 und ein Exemplar einer ganz seltenen Downloader-Spezies, die in den Massenmedien fast nie Erwähnung findet: Ein Filesharer, der seine extrem hochwertigen 192-Kbit-Files komplett mit Infos seit der Massenverbreitung von MP3 im Jahre 1999 ausschließlich über File-Transfer-Protocol-Server austauscht. Knapp 350 Gigabyte Musik – “kein überflüssiges Zeug, sondern nur relevante Releases aus den Bereichen Techno, House und Elektro“ – hat er in den fünf Jahren zusammengetragen, einen Großteil auf der Festplatte lagernd, den Rest runtergebrannt auf CDs und DVDs. Wie eine Plattensammlung sortiert und verwaltet Martin seine endlose Kollektion von Filenamen. Anonymes Filesharing hat der Bonner noch nie betrieben – die Files, die bei Napster oder KaZaa angeboten werden, sind ihm qualitativ nicht gut genug, die encodete Bitrate ist zu niedrig. Seitdem es Mucke im MP3-Format gibt, tauscht er mit seinem besten Kumpel Files auf einer FTP-Site aus. Zugang haben nur Mitglieder aus der Group, ein privates Netzwerk, das auf persönlichen Kontakten basiert. Außenstehende haben keinen Zugriff. Geld würde Martin für die MP3s niemals zahlen. Er sieht sein Handeln auch nicht als unrecht: “Für mich sind MP3s nur ein minderwertiger Ersatz für Vinyl. MP3s zu spielen, das ist doch ein ganz anders Musikerleben und mit richtigen Tonträgern nicht zu vergleichen. Ich komme an so viele Platten, die ich gerne hätte, nicht dran, weil es sie nicht mehr oder noch nicht gibt. Bevor ich mir etwas zulege, höre ich vor, welche Invesition sich lohnt. Ich kann mir ja unmöglich alles kaufen. MP3s sind allerdings irre praktisch, wenn man sich digitale Musik schnell in ein anderes Format übertragen will.” Angst vor Sanktionen hat er nicht: “Ich fühle mich zu sicher.” Von solchen Freaks wie ihm gibt es aber weltweit nur ein paar Tausend. Das wahre Problem sei das Massenpublikum, meint Martin, doch auch für die Mainstream-Hörer habe das Downloaden einen liberalisierenden Effekt: “Je mehr Verschiedenes man kennenlernt, desto ausgeprägter wird auch der eigene Geschmack.”

Was denken die Urheber?

Was sagt eigentlich Richard Bartz von Kurbel Records, dessen soeben auf Gigolo erschienenes Mörderalbum einen Monat vor dem offiziellen Release-Date bei KaZaa aufgetaucht ist, zum Thema? “’Midnightman’ wurde 13.000 mal downgeloaded. Für mich ist das nicht so katastrophal, wie es sich anhört”, meint Richard: “Ich bin ein Live-Musiker und eine bessere Promotion könnte es nicht geben. So kommt man zu Bookings. Und die bringen das Geld. Aber Promotion ist nicht alles. Releases rentieren sich finanziell nicht mehr, Musik zu produzieren entwickelt sich zum Verlustgeschäft. Die Zeiten sind hart, die meisten Labels sind froh, wenn sie über die Runden kommen. Auch für reine Studiomusiker kann so eine KaZaa-Geschichte zum Fiasko werden, denn die können sich die Verluste nicht durch Gigs wieder reinholen.” Richard steht dem Downloadphänomean sehr skeptisch gegenüber: “Warum sollte Musik Public Domain, also der Allgemeinheit für lau zugänglich sein? Man sollte nicht vergessen, dass man als Musiker an einem guten Track lange sitzt. Für diese Arbeit, Mühen und Zeit, die man investiert, will man auch irgendwie belohnt werden. Konsequenterweise wird die Musik immer schlechter werden, die Sounds billiger, Highend-Produktionen selten. Das können sich dann nur noch die Majors leisten, aber auch die sind wegen des hohen Risikos nicht mehr gewillt, den Artists Vorschüsse zu bewilligen und ihnen kreative Freiheit zu lassen.” Nicht viel anders sieht es Joachim von We Love Music, Partner von Udo Niebergall, dem ehemaligen Besitzer des Bingener Clubs Palazzo. Auf ihre Kappe gehen so grandiose Erfindungen wie Captain Jack und die in ein dancefloorfeundliches Format gebrachte Neuauflage – “komplett live eingespielt, da ist nichts gesampelt” – von Jim Morrisons “The End”. “Ich glaube, dass es nur noch ums Geschäft geht, nicht mehr um Musik. Kleinere Studios werden das nicht überleben – es sei denn, man ist total Underground. Ab Ende diesen Jahres wird die Technik theoretisch so weit sein, dass man Tracks mit seinem Händy downloaden kann. Dann geht die Geldmacherei in die nächste Runde.”

Words> Katrin Richter. Tnx> Richie, Joachim, Martin & Mr Formic.

Bilder: Unter anderem vom Fotolog www.cbc.ca/arts/ photoessay/bringthenoise/, wo auf die Geschichte der tragbaren Musik visuell degustierbar zurückverfolgt wurde.




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