01.07.2005 RL ARCHIVE MAY 02 +++ Drogen - Holländische Verhältnisse |
Europaweit gibt es den Euro, aber auch äußerst unterschiedliche Ansatzweisen, wie man mit Drogengebrauch verfährt. In den meisten Ländern werden Menschen, die verschiedenste Drogen – gerne verallgemeinernd als „Rauschmittel“ bezeichnet und in einen Topf geworfen – konsumieren, wie Aussätzige geahndet. In manchen Ländern, dazu gehören auch die Niederlande, sind sogenannte weiche Drogen – Naturdrogen wie Cannabis, Magic Mushrooms, Herbal Ecstacy und Peyote – legal erhältlich. Alles andere gibt es im als liberal bezeichneten Holland natürlich auch im Überfluss. Da fragen sich nicht nur die Feierleute, da streiten sich auch die Experten: Führt die freie Verfügbarkeit zu einer größeren Bereitschaft, Drogen zu nehmen? Oder sind die jungen Leute gerade durch die Legalität entspannter, weil der Reiz des Verbotenen wegfällt? Europäische Einheit Jori, der 22-jährige Niederländer und die gleichaltrige Kim, seine Mayday-Mitstreiterin, sehen die Sache ganz nüchtern und relaxt: „Drogen werden, ob legal oder illegal, von den Leuten genommen, und in Holland sehen die Leute das nicht so eng. Jeder nach seiner Façon – wenn das den Menschen glücklich macht, high zu sein, dann sollte das doch möglich sein. Wie und ob man Sex praktizieren darf, wird einem in unserer Gesellschaft doch auch nicht vorgeschrieben. Dass es aber auch da Gefahren gibt, weiß jeder, und die Verantwortung muss man dann ja auch selbst tragen.“ Die Feierleute sind verblüfft: Da ist eine interessante Diskussion im Gange. Und als sich drei Tage später die Gelegenheit ergibt, führt die Raveline das Gespräch mit Jori, Paul, Chris und Inge im südholländischen, idyllisch-verschlafenen Studentenstädtchen Breda fort. Das Ganze hat sogar eine gewisse Aktualität: Im März wurden die Ergebnisse der Euregio-Studie bekannt gemacht, für manche war das Ergebnis genauso „niederschmetternd“ wie das Ergebnis der Pisa-Studie. Bei dieser Untersuchung wurde das Verhalten von 40.000 14- bis 16-Jährigen im Grenzbereich von Deutschland, Belgien und den Niederlanden untersucht. Das Ergebnis überrascht – genau wie bei der Pisa-Studie – nur die, die sich nicht wirklich mit Jugendlichen auseinandersetzen: Wenn man Alkohol und Nikotin als Drogen mit einbezieht, haben 83 Prozent der 14- bis 16-Jährigen in der Aachener Grenzregion im Monat vor der Untersuchung Drogen konsumiert. Illegale Drogen haben immerhin 18 Prozent zu sich genommen. For Those Who Know Das Schlimmste an dieser Studie: Egal in welchem Kontext, die Deutschen hatten die Nase vorn. Bloß in einem nahmen die Belgier die Spitzenposition ein: 14 Prozent der Schüler saufen mehr als 20 Gläser Alkohol pro Woche, in Deutschland sind es bloß 9 Prozent. Interessant an dem Ergebnis, egal wie negativ oder normal es scheint, ist die Tatsache, dass der Konsum von legalen wie illegalen Drogen bei den Deutschen um rund ein Drittel höher ist als bei den Niederländern. Bei harten Drogen wie Kokain und Heroin waren es sogar 50 Prozent mehr. Auch wenn die Medienberichterstatter es immer nicht fassen können: Drogen sind auch in Deutschland allgegenwärtig. Zumindest auf diese Aussage können sich Befürworter und Gegner der gegenwärtigen Drogenpolitik jetzt einigen. Die Lage scheint sich derweil zuzuspitzen: Der Konsum von sogenannten weichen Drogen wie Cannabis, Stimulanzien wie Speed und Entaktogenen wie Ecstacy nimmt – besonders unter Jugendlichen – seit Jahren stetig zu. Parallel dazu steigt die Bereitschaft der Jugendlichen, Drogen erstmals zu probieren, seit Jahren stetig an. Aber auch die Erwachsenen sind sich immer uneiniger: Die einen sind für ein striktes Verbot, die anderen sind für die Legalisierung von Cannabis, was sich auch in der europaweiten Drogenpolitik widerspiegelt. Völlig ahnungslos, dass es so etwas wie die Euregio-Studie gibt, sitzen wir im gemütlich zugesifften Studentenhaus von Jori und überlegen über einem gepflegten Tütchen – drei von vier Holländern rauchen Cannabis, nur einer Tabak – ob sich das Drogenverhalten der vier sehr verschiedenen Studenten sehr von dem der Deutschen unterscheidet. Total normal Jori macht den Anfang: „Ich weiß nicht mehr genau, wann alle angefangen haben, mit Drogen zu experimentieren. Das kam direkt nach dem Saufen, das ging so mit 15 spätestens los.“ Chris sagt: „Naja, es ist schon sehr easy, an irgendetwas ranzukommen. Man kann ja einen seiner älteren Kollegen in den Coffieshop schicken, der kauft dann für einen das Zeug.“ Genau auf diese Art und Weise haben wir uns auch hierzulande als 14-Jährige mit Messern und Wodka eingedeckt. „Der Reiz ist also da, was auszuprobieren, wofür man eigentlich noch zu jung ist“, sagt Inge. „Ja, klar, aber so richtig abgedreht ist deswegen keiner. Es war genau wie mit Alkohol. Man hat so ein wenig seine Grenzen ausgetestet, seine Vorlieben entdeckt und das war‘s,“ meint Paul. „Andere Drogen habe ich während meiner Schulzeit nicht ausgetestet,“ sagt Jori, und die anderen pflichten ihm bei. „Erst als Student habe ich dann angefangen, Ecstacy zu nehmen, immer wenn ich feiern gegangen bin, also fast jedes Wochenende“, erzählt Jori: „Irgendwie gab mir das Zeug ein Selbstbewusstsein und auch habe ich dadurch viel über mich und andere gelernt. Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass ich niemals ohne E auf Parties war. Daraufhin hab‘ ich auch mal klar im Kopf gefeiert – die Musik war genauso monumental, aber ich war schneller müde. Egal. Manchmal trinke ich auch nur ein paar Bier und feiere trotzdem ab!“ Joris Eltern wissen allerdings nichts von seinen Vorlieben: „Die würden das nicht verstehen.“ Paul und Chris nicken. Paul sagt: „Die sind noch eine ganz andere Generation. Die haben zwar damals der kontrollierten Abgabe von Cannabis zugestimmt, aber das ist es für sie auch schon, die kennen die Dimensionen von Drogengebrauch heute gar nicht.“ Inge meint: „Meine Eltern sind supertolerant, aber ich habe da gar keinen Bock drauf. Da ganze System ist sowieso etwas abgefuckt.“ Der kontrollierte Verkauf ist legal, die Beschaffung des Stoffes aber illegal. Auch die Regierung kauft somit aus Quellen, die nicht rechtlich fundiert sind. Weil jeder Holländer legal fünf Pflanzen besitzen darf, pflanzen viele in ihrem Schuppen Gras an – „Der Dad meines besten Kumpels zum Beispiel“, sagt Jori – und verkaufen es an die Coffieshops. „Es könnte dein Nachbar sein“ Paul fügt hinzu: „Es kann aber auch sein, dass in dem Schuppen – zum Beispiel dem da drüben“ – er zeigt aus dem Fenster – „ein illegales Ecstacy-Labor operiert.“ Davon gibt es in den Niederlanden Tausende und tatsächlich sind die liberalen Lande auch für den Großteil des Angebotes auf dem deutschen Markt verantwortlich. Ecstacy ist zwar auch in den Niederlanden nicht legal, aber die Gesellschaft scheint sich gerade mit der Herstellung und dem Verkauf gut arrangiert zu haben, wenn sie nicht völlig ahnungslos ist. Die Strafen fallen längst nicht so radikal aus wie in Deutschland, was wohl zusätzlich den Anreiz bietet, sich mal am Pillendrehen zu probieren. „Naja, es ist eben allgemein bekannt, dass Drogen nicht zwangsläufig schlecht sind. Die Vorteile genau wie die Nachteile liegen auf der Hand,“ wiegt Inge ab. Jeder kennt die Situation: Die Coffieshops sind voll mit Touristen und mit abgewrackten Dauerkiffern, genau wie sich in den Kneipen Säufer und überdrehte Gelegenheitstrinker finden. Die Gefahr, deswegen in den Drogensumpf zu rutschen, ist deswegen für alle Konsumenten gleich groß und ein langzeitliches, unkalkulierbares Restrisiko bleibt immer, bei Tabak wie bei Ecstacy. „E ist hier natürlich einfach zu kriegen, wie alles andere auch. Auch für Minderjährige“, sagt Jori. „Gib‘ mir ein paar Stunden und ich kann alles klarmachen. Aber gerade deswegen achte ich auf Qualität. Ich kaufe immer nur aus einer bestimmten Quelle, da gibt es niemals Nieten oder schlechte Drogenkombis. Dafür betreibe ich gerne ein wenig Aufwand. Schrott fress‘ ich mir nicht. Dazu bin ich mir zu schade. Deswegen würde ich nie im Club kaufen.“ Er fährt fort: „Mein kleiner Bruder hat gerade angefangen, sich Teile zu schmeißen. Ich mache ihm die deswegen klar. Das ist immer noch besser, als dass er irgendwo irgendwelchen Mist kauft.“ Rechtlich gesehen wäre Jori kein besorgter Bruder, sondern ein Dealer. Dabei sieht er sich als einen verantwortungsvollen Konsumenten. Dutch Courage „Ich nehme nie mehr als ein bis zwei Pillen“, sagt Jori: „Auch meine Kollegen nehmen nicht mehr als ein paar.“ Paul pflichtet dem bei. Insgesamt erinnert der eher mäßige Drogenkonsum von Jori und Paul und ihren feiernden Kollegen sehr an englische Verhältnisse, wo Ecstacy und Co als „recreational drugs“ bezeichnet werden, Freizeitdrogen. In England ist es mittlerweile nämlich normal, sich mit seinen ein bis zwei Teilen oder einem Gramm Base (Speedpaste) in der (Hand-)Tasche ein schönes Wochenende zu machen. Anstatt sich dort für teures Geld die Hucke vollzusaufen, nur um zur Sperrstunde auf die Straße katapultiert zu werden, machen die Briten mit ihrem knapp bemessenen Lohn lieber chemisch einen drauf. Auf die Idee, sich auf legale Weise die Birne ohne Ende zuzudichten oder sich gar das Gehirn auf illegale Weise komplett zuzubomben, kommen Jori und seine Kollegen gar nicht: „Ich will doch nur auf angenehme Art und Weise zu der Musik ein wenig fliegen, und das kann man extraschön auf E“, sagt Jori. Inge widerspricht ihm: „Ich genieße die Musik aber doch genauso ohne Drogen. Ich finde es aber auch nicht schlimm“, fügt sie hinzu, „dass du drauf bist. Alle meine Freunde und Freundinnen nehmen Es und ich bin immer die einzige, die straight bleibt. Mir macht das nichts. Das sollte doch jedem selbst überlassen bleiben.“ Das verwundert natürlich schon, denn gerade Druffis oder auch Betrunkene können einem Nüchterngebliebenen doch irgendwann derbe auf den Sack gehen. Inge findet das nicht: “Ich mag meine Freunde, so wie sie sind. Wenn die ihren Spaß haben, freue ich mich doch für sie. Ich klinge wahrscheinlich fürchterlich langweilig, aber das ist das einzige, was ich in einer Drogendebatte sagen kann: Jeder so, wie er oder sie mag.“ Schattenseiten Der ansonsten recht stille Chris klinkt sich in die Diskussion ein: „Ich nehme auch nie Ecstacy, da habe ich gar keine Lust drauf. Alles, was ich außer Cannabis je probieren wollte, war Kokain, und dabei bin ich bis heute geblieben und froh drüber. Ich bin durch einige meiner Kollegen drangekommen. Ich mag nicht, was mit Menschen passiert, die zu viel Kokain konsumieren. Ich habe häufig genug auch die negativen Seiten mitbekommen: Ein Kollege von mir ist heidenlos verschuldet, ein anderer hat keine Nasenscheidewand mehr. Naja, ich nehm‘s auf jeden Fall nur sehr selten, aber dann mit Genuss. Ich finde es schön, nach ein wenig Koks Billard zu spielen – oder gute Musik zu hören und dazu ein paar Drinks zu heben. Mehr will ich gar nicht.“ Jori und Paul haben beide noch nie Kokain probiert und auch der nicht unübliche Mischkonsum nach dem Motto „Hauptsache, es knallt“ liegt den zwei Freizeit-Konsumenten fern. „Nee, Speed würde ich nie anfassen. Auf die Aggro-Feierweise von Amphetamin-Gabber-Fressen komme ich nicht klar“, sagt Jori, woran sich zeigt, dass sich auch in den Niederlanden musikspezifische Drogen-Vorlieben abzeichnen. Darüber denken erst einmal alle nach und schließlich sagt Chris: „So hart es auch klingt und so gerne ich auch Feiern gehe, ob mit oder ohne Drogen, ich denke schon, dass man gerade in der Partyszene mit Drogen in Berührung kommt. Fast jeder, der feiern geht, nimmt irgendwann auch mal Drogen.“ Jori und Inge stimmen dem nachdenklich zu: „Das ganze Prinzip – tagelange Raves und dunkle Räume voller flashender Laser und knallenden Bässen – ist schon sehr darauf ausgerichtet. Aber deswegen Clubs zu schließen und elektronische Musik zu dämonisieren ist Schwachsinn. Menschen werden immer Drogen nehmen. Man braucht einfach den Rausch, um aus den bestehenden Strukturen auszubrechen – sei es nur im Kopf!“ Ask Yourself Why Die Euregio-Studie überrascht auch in einem anderen Kontext nicht: Wenn man Zigaretten und Alkohol als Drogen ansieht – in jedem Jahr sterben über 90.000 Menschen allein an den Folgen von Nikotinmissbrauch und bundesweit gibt es etwa vier Millionen Alkoholiker – und Tablettenabhängigkeit, Magersucht, Spielsucht und andere Formen der Abhängigkeit dazuzählt, sind gerade mal 12 Prozent der Männer und 8 Prozent der Frauen clean. Daher wachsen die meisten Kids mit einer Art Doppelmoral auf: Väter besaufen sich jedes Wochenende und Mütter nehmen Schlankheitspillen und Beruhigungsmittel. Bei jedem Wehwehchen gibt es Millionen von Tabletten, damit man ‚leistungsfähig‘ bleibt, und die Zappelphilippe kriegen Ritalin – Speed in Tablettenform – verabreicht. Dichtmachen ist ein Mechanismus unserer Gesellschaft. Wieso also von genau dieser Gesellschaft, die weit davon entfernt ist, aus lauter selbstverantwortlichen Individuen zu bestehen, erwartet wird, dass Jugendliche, sobald sie selbst Verantwortung für sich übernehmen sollen, brav ihre Hausaufgaben machen, anstatt auch mal „Breitsein“ auszuprobieren, ist ein echter Widerspruch. Fresst Eure Kinder? Selbst wenn man Kinder nicht nur als Produkt ihrer Umgebung, sondern auch als selbstgesteuerte Wesen mit einer gewissen Neugier und Lebensfreude sieht, dann muss man doch nachvollziehen können, dass sich viele gerade dadurch von der schillernden Drogenwelt magisch angezogen werden: So viele scheinbar farbenfrohe Aussichten und anregende Alternativen wie in der Szene finden nur wenige Jugendliche in ihrer unmittelbaren Umwelt vor. Kombiniert man Selbsterforschung mit den zusätzlichen Anreizen – die den Erwachsen unverständliche Musik, das Abenteuer der Szenezugehörigkeit, die Mode, die Sprache, die Erforschung von Anderen, das Kennenlernen des Fremden, sexuelle Anreize und immer wieder die Erfahrung der eigenen Grenzen – dann fragt man sich, warum das Experimentieren nicht als ganz normaler Prozess angesehen wird, die eigenen Limits auszuloten und dadurch Gefahren abschätzen zu lernen. All diese Dinge scheinen zum Erwachsenwerden dazuzugehören, wenn man mal von der Kriminalisierung der jungen Leute absieht. Gerade deswegen ist die extreme Sanktionierung von adoleszenten Menschen gefährlich – auch hat die exzessive Strafverfolgung und Sanktionierung sich nicht bewährt: Die harte Linie der konservativen Drogenpolitik in Deutschland führte zu einem Anstieg der Konsumenten. Dennoch halten Hardliner starrköpfig an der Vision eines drogenfreien Staates fest, ein Ideal, das niemals existiert hat und auch niemals existieren wird. So stempelt eine verlogene Gesellschaft ihre Kinder ab, anstatt die eigenen Mechanismen zu hinterfragen. Words: G-Kat. Alle Pics vom niederländischen Visual Artist und VJ Micha Klein, dessen synthetische Rausch-Bilder mir mal auf der London Arts Show in Islington ins Auge gesprungen sind. Mehr Infos siehe Link. Links: www.cannabislegal.de/studien/euregio.htm www.a-klinikka.fi/transdrug/resources/nl_overview_article.html www.michaklein.com |