15.06.2005

RL ARCHIVE AUG 02 +++ DJane-Schule Rubinia – Mädelz an die Technics!







Das Projekt, das in einem Ideenwettbewerb auch die Stadtväter und –mütter Basels überzeugte, wird mit öffentlichen Mitteln gefördert. In einem von Mithras wunderschön farbenfroh hergerichteten Heizungskeller stehen zwei sanft schimmernde Technics 1210er und ein fettes Rodec-Mischpult und warten auf die lernbegierigen Adeptinnen. Auch das Raveline-Action-Squad machte sich begeistert auf, um sich die hohe Kunst des Auflegens vermitteln zu lassen, ließ dabei aber auch keine Gelegenheit aus, um intensivst mit der 38-jährigen Aktivistin Mithras Leuenberger über die Rolle der Frau in der Welt (der elektronischen Tanzmusik) zu diskutieren. Über einigen original Schweizer Kräuterzigaretten kam dabei ganz Erstaunliches zu Tage.

Warum Frauen nichts in der Birne haben…

Die Motive, warum sowohl Jungs als auch Mädchen gerne selbst an den Plattentellern aktiv werden möchten, sind bei jeder Person verschieden. Manche wollen Groupiesex und ganz schnell reich werden, andere haben heftigste Minderwertigkeitskomplexe und fühlen sich hinter den Decks potenter, wieder andere gehen fett auf die Musik ab und sehen im Beatszusammenmischen ganz klar eine Fortführung ihres Interesses. Eins vereint die Wannabe-Mixer: Bei den wenigsten verläuft der Weg zum Disco-Groover und Technoparty-Mover, zum Top-Turntablist, Master-Scratcher und Super-Looper easy-peasy und linear. Viele kämpfen über Jahre hinweg gegen ignorante Eltern und Geschwister mit Technophobie, zurückgeworfen durch grottenschlechtes, drittklassiges Equipment, und fühlen sich wegen ihres „exotischen“ Hobbies isoliert vom Britney-Spears-besessenen Freundeskreis. Endlich Anerkennung zu finden und auch Leute, mit denen man gemeinsam die Freuden der elektronischen Musik auch als Auflegender genießen kann, ist wohl der härteste Teil, denn das Gefühl, das einzige Lebewesen auf diesem Planeten zu sein, das sich wirklich für elektronische Tanzmusik – und nicht nur die dazugehörigen Drogen – interessiert, kennen fast alle Musikfreaks. Was ist also Besonderes daran, wenn eine Frau auflegen möchte? Nun, im Prinzip gibt es da keine Probleme. Seit der Geburt der Techno- und Feierkultur haben sich weibliche DJs etabliert und auch hervorgetan. Sei es Miss Djax, Housefrau Sabine Christ oder Marusha, schon relativ früh gab es neben diversen Technopäpsten auch Technopäpstinnen, die auch in der Viva-Kultur immer wieder als Aushängeschilder einer nachtaktiven Feier-Generation präsentiert wurden. Frau mangelte es also nicht an Vorbildern, zumal keine dieser Frauen sich als blondinenartiges Püppchen in Wichsvorlagenformat vermarktete. Schauen wir aber trotzdem mal nach, wie weit die mythenhafte Theorie der Gleichberechtigung mit der Wirklichkeit übereinstimmt – SexistInnen und FeministInnen, bitte weiterlesen!

Warum Frauen nicht auf elektronische Musik stehen…

Wohingegen sich viele Mädchen auf ein selbstzerstörerisches Spiel eingelassen haben, dass sich allein auf äußere Anpassung an ein übermäßig gehyptes Schönheitsideal weitab von allem jemals Erreichbaren beschränkt, gibt es dennoch unter den Frauen und Mädchen einige, die genau, wie die Jungs auch, Musik zu ihrem Lebensmittelpunkt erklärt haben. Aber gerade diese Selbstfindung entgegen gängiger Wertvorstellungen ist oft ein langer und harter Weg, der viele professionelle weibliche DJs zu Einzelkämpferinnen hat werden lassen. Mithras, die noch zu Hippiezeiten zum ersten Mal an den Plattentellern für Raumbeschallung gesorgt hat, kommt eigentlich aus der Jugendarbeit. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich daher intensiv mit jungen, pubertierenden Menschen. Die Skills des Turntableismus hat sie bereits jahrelang im Jungendheim an Mädchen und Jungs vermitteln wollen. Soweit, so gut. Fakt ist, dass genau in diesem absolut unmöglichen Alter von 12 bis 16 viele Weichen gestellt werden, was die Verteilung der Rollen im späteren Leben angeht. „Gerade in diesem Alter haben viele Mädchen das Selbstbewusstsein nicht, sich Jungs gegenüber durchzusetzen. Im Jugendheim stehen zwei Turntables, aber sobald die Mädels da mal ranwollen, machen sich die Jungs mit dominatem Gehabe breit. Das führt dazu, dass die Mädchen sich zurückziehen und somit leider am Equipment keinen Fuß auf den Boden kriegen. Deswegen habe ich Kurse für Mädchen gestartet. Das Interesse der Mädchen ist riesig, denn viele haben bis dato noch keine Möglichkeit gefunden, es auszuleben.“ Tatsächlich sind Plattenspieler, egal wo sie herumstehen, stets hart umkäpft. Strenge Hackordnungen und Hierarchien bestimmen in Männerunden, in welcher Reihenfolge daran praktiziert werden darf. Gerade, wer sich – typisch Mädchen (?!) – ziert oder sich nicht traut, wird niemals zum Zuge kommen.

Warum Frauen keine Ahnung von Technik haben…

Als ich nach endlich die Kellerräume betrete, in der die DJane-Schule untergebracht ist, bietet sich mir ein herzerwärmendes Bild. Da steht Mithras, umringt vom SWR3-Kamerateam im freundlich dekorierten Rubinia-Studio, und die sechs Kursteilnehmerinnen, Sonja, Anna, Sybille, Nadine, Simone und Denise, scharen sich mit geschäftigen Mienen um das riesige Rodec-MIschpult und lassen konzentriert CDs in den Player gleiten, Vinyl rotieren und Slider gleiten, während jede konzentiert die verschiedenen Funktionen austestet. Leise tauschen die Frauen sich aus. Mithras hat bereits eine ausführliche Einführung gegeben, und nun wird das soeben Erlernte im Learning-by-Doing-Verfahren ausgetestet. Schnell reihe ich mich in die Runde ein und werde von den Mädels durchgecoatched, denn ich habe die ersten drei Stunden verpasst. Mithras ist ausführlich auf das Equipment eingegangen, hat sämtliche Regler, Knöpfe, Schalter und Finessen des MK2, die Verkabelung, das Mischpult, die Endstufe und deren Ein- und Ausgänge erläutert, hat gezeigt, wie man System und Nadel behandelt, den Tonarm ausbalanciert und die Höhe fixiert, und ist besonders auf guten und schlechten Sound – inklusive Rückkopplungen – eingegangen. In der zweiten Sitzung der Session versuchen wir uns zuerst an simplen Übergängen. Viele der Mädchen stehen tatsächlich zum ersten Mal an den Turntables. Jede Einzelne hat den Wunsch, endlich einmal selbst aktiv zu werden, schon lange gehegt und teilweise in größter Heimlichkeit beschlossen, den Kurs zu belegen. „Ich habe Angst, ausgelacht zu werden“, gibt Denise, in einem Züricher Club tätig, zu.

Warum Frauen Zicken sind…

Alle kramen eifrig in ihren Platten und CDs und checken auch die Plattentaschen der anderen aus. Dabei kommen so einige Schätzchen zum Vorschein, die ich selber gerne hätte, und umgekehrt. Während wir da so stehen und uns austauschen, fällt mir auf, wie gut es mir tut, mich auch mal mit Frauen über das Thema unterhalten zu können. Ich habe zwar schon so einige weibliche Djs kennen- und schätzengelernt, aber das Gefühl, in einer ganzen Gruppe musikinteressierter Frauen zu fachsimpeln, ist mir neu. Es tut gut, ausnahmsweise mal mit Mädelz quatschen zu können, anstatt einem Mann gegenüber zu stehen, der einen nebenher gerade abcheckt, ohne dass man es merkt, weil man sich eben über Musik unterhalten möchte. Auch die vielzitierte, sogenannte „Stutenbissigkeit“ findet sich hier nicht. In keinster Art und Weise scheinen sich die Mädchen, deren sehr Backgrounds verschieden sind und deren Alter von 21 bis 36 weit variiert, in irgendwelchen hennenhaftigen Konkurrenzkämpfen zu verlieren. So scheint nur ab und zu die typische weibliche Schüchternheit durch, wenn es darum geht, den anderen Können zu demonstrieren. Sich bescheiden im Hintergrund zu halten, haben viele von klein auf gelernt. Aber auch das legt sich relativ schnell, denn die Gier, Neues zu lernen, scheint bei allen durch, und so versuchen sich die Mädelz zu guter letzt am Beatmatching, bevor der Intensiv-Workshop ein um Stunden überzogenes Ende findet.

Warum es keine richtig guten weiblichen DJs gibt…

Später bereden Mithras und ich, was wir empfunden haben. Der Energie-Kick, mit Frauen zu arbeiten, hat auch sie geflasht. Ich lobe sie sehr, denn ich habe das Gefühl gehabt, dass selbst die technischen Ausführungen, normalerweise für jede Frau ein Buch mit sieben Siegeln, durch ihre sehr verständlichen Erklärungen keine Terra Incognita mehr für mich sind. Stattdessen fühle ich mich aufgeklärt und komme zu folgender Erkenntnis: Vielleicht funktionieren alle Maschinen supereasy… Männer scheinen Dinge bloß aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, der für Frauengehirne nicht plausibel ist, und da sie eher referieren, als zu erklären, checkt Frau zumeist nur Bahnhof. In einer Sache denken wir verschieden: Mithras hat im Kurs verkündet, dass sie viel Wert auf das Präfix DJane legt, was sie persönlich den Bezeichnungen „She-DJ“ und „weiblicher DJ“ vorzieht, damit Frau im Line-Up heraussteht und mehr Beachtung findet. Ich dagegen habe einen Namen, der keine Auskunft über mein Geschlecht gibt. In einem aber hat sie Recht: Bei vielen „DJane-Wettbewerben“ und „DJane-Nights“ geht es im Grunde genommen, so Mithras, nicht um die „Förderung von Frauen und Mädelz, sondern darum, ein geeignetes Objekt zu finden, dieses als Kunstprodukt aufzubauen und damit Geld zu verdienen. Es geht keinen Deut um die Frau und das, was sie mitbringt, geschweige denn, wie sie selbst ihre DJane-Zunft sieht. “ Sie fügt hinzu: „Das ist ein altbekanntes Muster: Frauen werden da ins Spiel gebracht, wo ein Mann etwas, sei es noch so nichtig, mit ihrem Körper verkaufen kann.

Warum Frauen keine eigenen Interessen haben…

Während wir diskutieren, fällt mir etwas anderes ein: Der ritualisierte Akt des Plattenkaufens wird hauptsächlich von (größtenteils unprofessionellen) Männern betrieben, Frauen scheinen seltener ein Hobby (dieser Art) zu haben. Jedesmal bietet sich mir das übliche Bild: keine einzige Frau im gesamten Laden, wenn mal von einer Freundin absieht, die gerade ihren Macker zum Gehen drängt. Besonders amüsant ist der obligatorische Stuhl oder das Sofa, ein Mobiliar, welches in keinem Laden fehlt. Auf dem die Frauen geparkt werden, bis Mann mit dem Ritualshoppen fertig ist. Geht man in einen Schuhladen, kann man das Spektakel genau anders herum verfolgen. Gerade im Zusammenhang mit elektronischer Musik beginnen wir uns zu fragen, ob Männer nicht insgeheim auch unter dem Dominanzgehabe ihrer Geschlechtsgenossen leiden. Schon häufig habe ich mitverfolgt, wie erniedigend es für viele Männer ist, die noch nicht so erfahren sind, wenn sie von Verkäufern, Promotern und DJs herablassend behandelt werden. Die Suche nach Anerkennung macht sie verletzlich – weswegen Neuanfängern häufig gnadenlos verarscht werden. Die Ohnmacht, die viele Jungs empfinden, wird kompensiert, in dem sie die nachwachsenden Neulinge genauso behandeln. Dass Männer dieses Verhalten akzeptieren und die Entwürdigungen hinnehmen, um sich langsam in den Hierarchien hochzuarbeiten, zeigt, wie wenig sich Männer mit ihrem eigenen Verhalten auseinandersetzen und nach Alternativen suchen. Auch Männer müssen sich emanzipieren.

Warum Männer dumm sind…

Männer und Frauen befinden sich grundsätzlich in einer evolutionären Sackgasse, wenn sie ihre Welt nur von ihren Geschlechtsgenossen domieren lassen. Das kultivierte Männergehabe, das zuweilen sogar bis zum Machoismus ausgeprägt ist, ist genauso selbstzerstörerisch wie das extreme Tussi-Dasein, das manche Mädels fristen. Leute, die sich und andere diesen Mechanismen unterwerfen, sind viel zu einseitig unterwegs. In ein solch enges Raster gepresst, verkommt das Männer- und Frauendasein zu einem schablonenhaften Abklatsch von dem, was möglich ist, wenn man/ frau sich einen Spielraum für die weibliche/männliche Seite von sich selbst und anderen gewährt. Wenn man/ frau endlich damit beginnt, von den gängigen Vorstellungen, wie man/frau zu sein hat, um eine richtige Mann/ Frau zu sein, loszulassen, dann wird es beiden Gschlechtern endlich möglich sein, jenseits der Klichees zu existieren. Und dann braucht Frau auch nicht mehr in die DJane-Schule zu gehen und Mann darüber zu lästern/schmunzeln. Bis dahin ist es eine gute Sache, denn es gibt noch eine Menge zu lernen. Auf beiden Seiten!

A totally incomplete list of female DJs, MCs, Liveacts and producers

100% Isis. Chica Paula. Miss Djax. Baby Anne. Cassy. Monika Kruse. Dinky. Gayle San. Magda. Electric Indigo. Elektra. Miss Kittin. Tatana. Brenda Russell. Fengari. Gudrun Gut. Heather. Loes Lee. Vela. Kelly Hand. Andrea Parker. Marusha. Storm. Rap. Dayhota. Ginette Slack. M.I.A.. Dazee. Lisa Lashes. Lisa Loud. Anne Nightingale. Tigerlily. Natalia Data. Acid Maria. Lisa Pinup. Smokin Jo. Kitty Hawk. k.lakizz. Kristin. DJ Spice. A Girl Called Sonia. La Nina. Leila Abu-Er-Rub. Lektrogirl. Misstress Barbara. Miss Yetti. La.Di.Da. Sister Bliss. Bruna. Ana PET. Mia. Lorna. Gaby. Ellen Allien. Chloé. Manon. Ada. Manou. Maral Salmassi. Mar-Y-Sol. Lucca. Jennifer Cardini. Lederhosenlucil. Laya Lopass. Sahra Yavari. Marusha. Die.Patinnen. Cio D’Or. Gabbergaby. Maya. MC Tali. MC Terra. P.Toile. Melanie die Tria. Angee Dee. Nathalie de Borah. Romina Cohn. Sista Phonk. Digital Princess. Angela Flame. Virgin Helena. Shroombab. Alley Cat. Miss Dee. Miss Djax. Barbara Morgenstern. Sylvie Marks. Cora S.. Mira Calix. Miss Thunderpussy. Eva Cazal. DJane Mithras. Sigma. Chroma S.. Miss Behavin. Ting. Dayhota. Die.Jenny. Kristin. Kate Wax. Miss Dynamite. Miss Groovalistic. Miss Kittin. Tanja Vulcano. Sandra Collins. Tina 303. Jana Clemen. Kat La Luna. Catya. Miss 85B. Miss Mira. Emanuela de Luca. Sahara. Blondie. Vinyl Princess. Wild Child. Jane Kat. You?!?

To be continued. The beat goes on...

Words: Katrin Richter. Fuck your vorurteils, enjoy the music!


Links:

www.rubinia-djanes.ch – Rubinia DJane Schule – Kurse und Workshops finden ab Oktober wieder wöchentlich und an ausgewählten Wochenenden statt, geplant ist ausserdem eine Bookingagentur und Rubinia-Events. Für mehr Infos kann man Mithras unter 0041 (0) 61 692 70 42 anrufen oder ihr unter mithras@dplanet.ch mailen.

www.female-pressure.com – internationales Frauennetzwerk von Electric Indigo, wo sich Frau registrieren lassen kann, die als DJ, Producerin, Promoterin oder Künsterin tätig ist.


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