20.05.2005 RL ARCHIVE JUL 03 +++ Moped: England hyperventiliert – Eine Satire auf die Danceszene |
Vorhang auf für Moped! Sie sind die erste Scooter-Tributeband der Welt. Mit ihrem Rework von Coldplays “Clocks”, der Einfachheit halber “Clokchs” genannt, sorgen sie gerade auf der Insel für Furore. Ähnlich wie Scooter haben Moped, bestehend aus MC L.M.N.O.P., DJ Stelios und The Vicar mit ihren poppigen Hooks, hochgepitchten Vocals, rasanten Ufftabeats, eingängigen, holperig gerappten Text und Mitgröhlrefrains extremen Erfolg. Und ironischerweise kopieren sie damit das Erfolgsrezept von Scooter, die sich – auch gerne mal passagenweise – ebenfalls stets von anderen inspirieren lassen. Raveline reiste nach Battenberg, einer kleinen Ortschaft in Dengland, um die drei Masterminds auseinanderzunehmen. “Putt jur häntz in zie ähr! Ei wanna siiieh ju squiiiem!” Denn: Wie kann man einfach so ungeniert ein offensichtlich funktionierendes Konzept übernehmen? Für den Vicar ist die Antwort schnell gefunden, denn für ihn gibt es kein moralisches Dilemma: “Wir verehren Scooter! Sie sind unsere großen Vorbilder! Am liebsten sind uns die verspielten Outings der Band, wie zum Beispiel ’Aiii Shot The DJ’ oder ‘How Much Is The Fish’. Jedes Mal, wenn man den Track hört, zaubert er einem ein Lächeln ins Gesicht! Außerdem: Wer es mit seinen 150-bpm-Dancemusik-Tracks schafft, die gesamte Abendessen verspeisende Top-Of-The-Pops-Zuschauerschaft in den Bann zu ziehen, muss einfach gut sein!” Eine ansonsten Techno-resistente Bevölkerungsgruppe mit geschickt gewählten Stadion-“Techno”-Crossover-Rock/Pop-Elementen für sich zu gewinnen, scheint seit jeher das Erfolgsgeheimnis von Scooter. Die zunächst als Celebrate The Nun vor sich hinkrebsenden Jungs aus Hamburg hatten niemals ein großes Problem damit, sich ungeniert bei anderen zu bedienen, um daraus ihren ganz eigenen, bis jetzt unübertroffenen, kommerziell ultra-erfolgreichen Scooter-Sound zu machen. Sei es das original Bandkonzept, “Humor ist enorm wichtig!” –, das von der Millionen-verbrennenden, englischen Anarcho-Kombo KLF in den frühen Neunzigern übernommen wurde, die auch Impulse für das Debüt-Scooter-Album “The Stadium Techno Experience” lieferten – oder die gewohnheitsmäßig in den Scooter-Hits verbrateten UK-Hardcore-Tracks, H.P. Baxxter und sein langjäriger Studio-Partner Rick J. Jordan machten niemals einen Hehl daraus, dass sie Fließband-Arbeit in Sachen Verwurstung leisten. Ihr Studio ist für sie nichts anderes als “’ne Kfz-Werkstatt”, die “einfach nur funktionieren” muss. “Stand up! Or sit down – it’s up to you!” Hier setzen sie aus Einzelstücken, die meist eins zu eins übernommen werden, ihre Schema-F-Hits zusammen, frei nach dem Motto: „Erst wenn sich keiner mehr über uns aufregt, dann können wir nach Hause gehen.“ Im Falle der Rockreferenzen auf “The Techno Stadium Experience” wird Künstlern und Gruppen wie Supertramp, Billy Idol, Kiss und Softcell auch ausnahmsweise mal gehuldigt und die Owner erhalten Royalties, was bei den gerippten Tracks nicht der Fall war: weder Pete The Bouncer (das Original heißt “Walking To Memphis und ist von Marc Cohn. “I’m Raving, I’m Raving” war in England ein riesiger Happyhardcore-Hit), The KLF (Original “It’s Grim Up North” wurde zu “I Am Your Pusher”), diverser “Shut Up And Dance”-Platten, Human Resource (“Dominator” wurde zu “Posse, I Need You On The Dancefloor!”) oder Ultra Sonic (“Annihilating Rhythm” wurde zunächst von Low Spirit lizenziert, nur um dann als Vorlage für Scooters Megahit “Hyper Hyper” zu dienen, was angesichts H.P.s Bigups an “Marusha, Westbam, DJ Dick” recht ironisch anmutete) wurden jemals als Autoren genannt, auf denen die Scooterhits basiert waren. Unübertroffen aber die Posse, die sich erst kürzlich ereignete und die Gemüter der Dancescene zu erhitzen wusste: Scooters auf dem Earth&Fire-Seventies-Hit “The Feeling” basiertes “Weekend” enterte in der gleichen Zeit wie Kid Qs “The Feeling” – das sich ebenfalls auf den Earth&Fire-Song begründete – die Charts und überholte den auch unter dem Namen Quesran bekannten Blaou-Labelartist ohne Probleme, um sich dann gemütlich in den Top Ten einzunisten. “More tea, Vicar!” Lustigerweise gab es aber die Nummer schon über ein Jahr – als limitierte 7-Inch namens “Pogo gegen das Böse” auf Enduroplus hatte der Track schon die Runde durch den Untergrund gemacht. Nichtsdestotrotz haben sich Scooter und Kid Q vielleicht schon im Jahre 2000 von einer Push-Platte namens “Strange World” inspirieren lassen. Oder vielleicht von Salwaters “The Legacy (Alphazone Mix)”, das ebenfalls auf dem gleichen Sample basiert. Egal. Im Falle von Moped gibt es allerdings keine Zweifel: Es handelt sich um ein Cover. Der Tribute-Danceact, ein Sideline-Projekt der englischen Band Emmet aus Bath, kam durch einen Scherz zustande, als der BBC-Sender Radio 1 einen Remix-Wettbewerb ausrief. Innerhalb von “weniger als zwei Stunden” wurde “Clocks” zu “Clokchs”, in dem der “wunderschöne Track mit perfekten Streicherensembles und Gitarren” extrem “auf Scooter” getunt wurde. Chris Moyles, ein Moderator auf Radio 1, bekam den Track in die Hände und nudelte ihn in seiner Show ordentlich durch. Ergebnis: “Ganz England war begeistert – Moped was born!” Ironisch ist allein die Tatsache, dass sich die Band Emmet erst größter Beliebtheit erfreut, als sie zur Scooter-Tribute-Band mutierte. Im Gegensatz zu Scooter zieren sich Moped nicht, die Originatoren ihres Tracks “Clokchs”, Coldplay, mit ihren Copycat-Aktionen zu konfrontieren. Ungeniert erzählt DJ Stelios: “Coldplay kannten unsere Version von ‘Clocks’ aus dem Radio. Nun wir haben uns sagen lassen, dass unser Track auf den Coldplay-Aftershow-Partys gespielt wird!” The Vicar fügt hinzu: “Ob Scooter unsere Stücke kennen, ist uns leider nicht bekannt!” MC L.M.N.O.P. verrät Raveline als letztes seinen großen Wunschtraum: “Genauso unkonventionelle Lyrics wie H.P. hervorzubringen. Und: Als UK-Support-Act von Scooter die Kuh fliegen zu lassen!” Links: www.klf.de www.scootertechno.de www.moped.org.uk www.emmetonline.co.uk Text: Katrin Richter. Fotos und Artwork: Emmet. Cheers: Sheldon. |