 
Trotz oder vielleicht gerade wegen der fortdauernden Repression der elektronischen Danceszene durch die Zero-Tolerance-Politik der Bürgermeister Guiliani und Bloomberg hat Gitarrenmusik „Made In New York“ eine Renaissance erlebt, während sich die Technoszene zwangsmäßig gesundgeschrumpft hat. Bands wie The White Stripes oder The Strokes wurden jenseits des großen Teichs als musikalische Neuentdeckungen gefeiert, Formationen wie LCD Soundsystem, The Rapture und DFA (Death From Above) kombinieren – so experimentell wie seit den Achtzigern nicht mehr – elektronische Musik mit Rock, und besonders Metro Area sorgten mit ihrem groovigen, von Livemusikern recycleten Boogie-, Disco- und Funkelementen in einem technoiden Kontext für Begeisterung im „Alten Europa“. Dann ging das Licht aus. Angesichts der maroden Lage ist genau der richtige Zeitpunkt gekommen, sich in dieser ra(s)tlosen Stadt mitsamt ihrer bahnbrechenden Musiker umzuschauen. Raveline traf sie alle direkt nach dem Blackout: Persona-Man Gregory Shiff, den Friendsterliebling Tommie Sunshine, den Katzenfreund Morgan Geist, den Truckdriver John Selway, den Hell‘s Angel Mark Verbos, den Shoppingcart-Dancer Ulysses, den Gotham-Groover Agent Orange, den Laborleiter Dan Physics, ein paar crazy Gunmen, diverse Shopaholics und natürlich die neurotischsten Raucher der Welt.
Blackout
„Waaaaas? Ein Stromausfall?“ schreit Christian Smith, der in Köln auf der Primate-Labelnacht auflegt. Der zur Zeit in New York lebende Tronic-Labelchef, der mit seinen funkytechigen Releases besonders Carl Cox zu Begeisterungsstürmen animieren konnte und unter anderem durch seine mit John Selway produzierten Platten von sich reden machte, ist auf Europatour. Der gebürtige Schwede, der einst in Frankfurt zur Schule ging und dort im Omen von Sven Väth mit dem Techno-Virus infiziert worden ist, verpasst somit das strangeste Ereignis seit 9/11. Smith greift nach seinem Handy. Nach ein paar kurzen Telefonaten ist die Lage der Nation geklärt: Amerika liegt tatsächlich im Dunkeln. Nicht, dass das die Leute stören wurde. Christians Freunde feiern Partys in den Parks und lassen es sich bei Kerzenschein gut gehen. Genauso relaxt ist am nächsten Morgen die Situation: Alle Transatlantik-Flüge finden planmäßig statt. New York, die Finanzmetropole, die für einen Tag auf dem Stand eines Drittweltlandes dahinvegetierte, glimmert und glitzert wieder über den Hudson-River, als unser SUV über die George-Washington-Bridge rollt. An Ecke 57th und Lexington Avenue befindet sich das Hostel Jazz On The City, in dem man Betten für 35 Dollar die Nacht beziehen kann – angesichts der zentralen Lage und der fetten Manhattan-Skyline inklusive Primetimeblick auf das Chrysler-Building kein schlechter Kurs. Vorausgesetzt, man steht auf den Fußgeruch der Berufsshopperinnen, die um 22 Uhr tot ins Stockbett fallen. Bloß weg – auf zur hotsy-totsy Control-Party im Rare Club. Vom NY-Nichtraucherwahn reglementierte Süchtige drängeln sich vor der Tür, drinnen ist keine Sau. Die zur Starshow angerückte Neoschickeria ist nämlich direkt wieder abgezogen. Das liegt daran, dass „sexxxy queer Musclepunk“ Nick Name soeben seine Show abgebrochen hat, anstatt, wie angekündigt, seinen Olivia-Newton-John-Remake von „Physical“ aufzuführen.
Queer Sexy Trash
Typisch New York, berüchtigt für ein Publikum, das zwischen schickem Sellout und uninteressierter Blasiertheit hin- und her oszilliert. Somit wohnen nur eine Handvoll Leute der Performance vom Keyboard-behangenen, souligen Loungerock-Glamster Alan Astor bei. Danach folgt der Live-Auftritt von Gregory Shiff. Deep perlende Klänge legen sich über seine charakteristisch treibenden Sequenzen, die auch Gregs Persona-Records-Releases ausmachen, und driften im Strudel der Grooves davon. Genau wie sein Bostoner Kollege Stewart Walker, der das Imprint Persona 2001 gegründet hat, um dem Teufelskreis zu entkommen, dass Techno auf steife, Auflege-kompatible Clubformate reduziert wird und somit an Persönlichkeit einbüßt, spielt er ausschließlich live. Der ehemalige College-Zopf-Träger ist sichtlich in seinem Element – auch am nächsten Tag, als er als Fremdenführer auftritt. Sämtliche Plattenläden rund um den Washington Square werden abgeklappert. Erster Stop ist natürlich Sonic Groove, die Techno-Zentrale von NYC. Gegründet von Frankie Bones und Adam X, zwei Brüdern, die Industrial-Power-Techno mit eigenen Händen nach New York gebracht haben und mit ihren „legendären Storm-Raves“ Musikgeschichte schrieben, ist Sonic Groove eine Institution, an der man nicht vorbeikommt. Jeder kennt hier jeden, und so begrüßt Greg den Mann hinter dem Counter fröhlich, der sich als Dan Physics vorstellt. Der DJ und Produzent ist durch Releases auf dem Bunker Label Crème Organisation und Richard Hinges Conrail-Label bekannt geworden. Er produziert außerdem mit Tony Rohr und Dietrich Schoenemann, zwei weiteren US-Techno-Heavyweights. Die Reise geht weiter zum Vinyl Market, wo der Besitzer, ein kurioser Japaner, der kein Englisch zu verstehen scheint, seine Platten dreht, und zu Satellite Records mit seinem etwas breitgefächerteren Dancemusic-Angebot. Auch Satellite – mit Filialen in Boston, Atlanta und NYC – stellt einen Knotenpunkt dar: Nicht nur Greg, sondern auch Tommie Sunshine, bekannt durch Releases auf Gigolo und Mental Groove, und John Selway – remember his „König Cylinder“-Remix von „99.9“ – haben hier mal gearbeitet.
Flashing zwischen Hype und Hysterie
Als Björk zwei mal hintereinander in Coney Island spielt, schweben Schneeflocken-Tattoo-verzierte Fans aus ganz Amerika nach Brooklyn. Hier sieht man das Land von einer anderen Seite: schwarz und reich, schwul und weiß, hetero und arm, alle finden sich heute nacht zusammen, um mit leuchtenden Augen jedes Lied der Isländerin aufzusaugen und gewillt tolerante Menschlichkeit in seiner unschuldigsten Form zu zelebrieren. Ganz anders der nächtliche Vibe in einer Bar auf der 29ten Straße. Hier findet die offizielle Björk-After-Showparty statt. Badenixen in Hausmädchenoutfits tauchen in gigantischen Aquarien herum, während schrill gekleidete Menschen Champagner trinkend herumschwanken. Hinter den Turntables steht der stets besonnenbrillte Tommie Sunshine und bringt die Glitzeratis mit Alltime-Favourites in Schwung. Zur Zeit erfreut sich der löwenmähnige Midwestler des Status’ eines Hipsters, wie sein Freund und Produzent Mark Verbos zu berichten weiß. Weil weder Björk noch Casey Spooner hier sind, verdrückt sich das Fußvolk schnell wieder, während Mark mit Elliot Taub von Scatalogics den Shoppingcart-Boogie tanzt. Als Ulysses produziert letzterer elektroide Tracks für Labels wie Lasergun und Guidance. Am nächsten Morgen machen die Türsteher, die gerne Snipers wären, im Gepäckraum des Hostels Schießübungen mit Paintballguns. Zeit für etwas Kultur: Während der Sommermonate hostet P.S.1., ein Museum-of-Modern-Art-Ableger für junge und unbekannte Künstler, samstags ein Outdoor-Happening mitsamt DJs wie Richie Hawtin und Grandmaster Flash, während Leute in den Räumen der ehemaligen Public School umherstreichen und angetrunken auf dem Kunstwerk von Chen Zhen herumtrommeln. Die Party mit Scratch Massive aus Paris, die Rock und Progressivetrance kombinieren, kommt erst dank der Tanz-Einlagen einer Zehnjährigen in Gang. Unprätentiöser geht es auf den Stufen des Union Square zu. Drumcircles mit den obligatorisch ausgespaceten Hippies geben den Grundrhythmus, versprengte Flötisten liefern die Melodie und geschmeidige Breakdancer den Flow, während Skater und BMXer sich an wilden Tricks versuchen.
Cash And Carry: The Indie-Effect
Neulich in Williamsburg: Hier, an der Bedford Avenue, finden Comiczeichner, kleine Designerlädchen und Trendsters genauso ein Zuhause wie jene DJs aus dem Mittleren Westen, die sich direkt neben Bootytecher DJ Assault eingenistet haben. In einem Loft sitzt der sonst als Techno-DJ und -Produzent verschriene „Sänger“ Mark Verbos, der sein Talent bereits als Backgroundvocalist von Gabe Catanzaros Mental-Groove-Releases unter Beweis stellte, und bringt seine 303 in Gang. Stolz spielt er außerdem diverse Dropbass-Releases aus seinen frühen Producer-Jahren in Milwaukees Acid-Szene, bevor er die neuesten Produktionen anspricht: „Ich und Tommie planen ein Acid-House-Revival auf einem neuen Label. Die ersten Platten sind schon fertig.“ Mark sieht sich selbst als „the DJ‘s DJ“, jemand, der von allen Techno-DJs dafür respektiert wird, dass er Platten bastelt, die sie gerne spielen. Leider kennen den gelernten Soundtechniker nur wenige Feierleute als DJ oder Live-Act, weil er recht selbstlos mit Leuten wie Tommie produziert, anstatt nur sein eigenes Imprint Simple Answer voranzubringen. Mister Sunshine flätzt sich vor seinem Computer und widmet sich seinem Fetisch: Er verfasst Kommentare über die anderen Teilnehmer in Friendster, einer trendy Online-Community voll von Szenies wie Courtney Love, Casey Spooner, QBert und Tommie selbst, während er über die New Yorker Szene sinniert: „Electroclash hat die Szene revolutioniert und DJs wie mir die Chance gegeben, das zu spielen, was wir lieben. Acidhouse, Rock, Elektro und Hiphouseplatten in einem Set zu spielen, galt lange Zeit als unvereinbar“. Tommie, der einst „als Berufsraver durch die Clubs von Indiana, St. Louis, Chicago und Detroit zog“ und „bis zu zehn Stunden Fahrt in Kauf nahm, um sich im Eisnebel zu verlieren“, bis er schließlich über Umwege zum Auflegen und zu Dustraxx kam, und Mark lernten sich vor zehn Jahren kennen, als Mark in Madison auflegte, und seitdem sind sie unzertrennlich. Mark spielt, neben ein paar sehr gelungenen, experimentellen Reworks für Elektronicat und die San-Fran-Electropunk-Band Numbers, einen House-Remix von Sarah Connor an, den er mit Tommie produziert hat. „Die Deutschen lieben es, einfach alles zu kritisieren“, sagt Mark, der drei Jahre lang in Berlin gelebt hat. In der Zeit entstanden Produktionen für Kne‘Deep und Wavescape. „Und sie lieben den Untergrund“, stimmt Tommie mit ein. Die Amerikaner haben, vielleicht, weil es niemals einen Techno-Overground gab, kein moralisches Dilemma, denn für sie gilt die simple Maxime: Erfolg ist gut, denn Geld kann man immer gebrauchen. „Wenn ich einfach mein Ding mache und Platten produziere, die sich verkaufen, dann ist doch alles bestens“, sagt Tommie. „Damit finanziere ich Projekte wie mein eigenes Label Xylophone Jones.“ Das nächste Release, ein Blondie-Remake, wird hier auf Superstar Recordings erscheinen. Tommie Sunshine wird außerdem – neben Mark Bell von LFO und Vince Clarke von Erasure – das nächste Whatever-It-Takes-Album mitproduzieren. Auch Traci Lords, eine alternde Dragqueen, plant ein Album mit Tommie und Mark, die erste Single namens „Head 2 Toe In Drag“ ist schon in der Mache. Was macht eigentlich Ru Paul…?
Mash Up – One Night in NYC
„ Die US-Szene ist zu klein. Nur von seiner Musik leben zu können, ist hier fast unmöglich“, sagt auch Gregory, der gerade in seinem Studio an seinem ersten Album bastelt. Deswegen ist es auch für ihn selbstverständlich, mit seinen Produktionen viele Bereiche der elektronischen Tanzmusik abzudecken. „Ich würde gerne nach Europa ziehen, weil man dort als Artist viel mehr Respekt für die Musik bekommt, die man macht. Wegen der restriktiven Politik haben es Künstler hierzulande schwer.“ Richie Hawtin, Dinky und Daniel Wang sind kürzlich nach Berlin gezogen, weil sie die kreative Freiheit und die Business-Möglichkeiten zu schätzen wissen. Greg träumt davon, während seiner Europa-Tour im November neue Kontakte knüpfen können, die ihm helfen werden, eine Brücke über den Großen Teich zu bauen. Szenewechsel: Wenn man die Smith Street in Brooklyn entlang läuft, kommt man zu einem Plattenladen namens Halcyon. Der Shop – Lounge, Bar und hipper Hangout zugleich – vibriert auch nachts vor Leben. Dies ist die Neighborhood von Morgan Geist, der verkopften Hälfte von Metro Area. Die andere heißt Darshan Jesran und vergnügt sich zur Zeit mit seinem heftigen Tour-Schedule. “Er flippt durch alle Welt, aber ich habe die Schnauze erst mal voll”, sagt Morgan. In seiner Wohnung, die er mit seiner Freundin teilt, versucht der ernsthaft wirkende Oberlin-Absolvent – “Ich habe Anglistik und Publizistik studiert, aber dann kam die Musik dazwischen” – zur Zeit schon fast programmatisch, die nächsten Environ-Releases fertig zu stellen. “Erst bin ich getourt, dann umgezogen und jetzt habe ich eine Katze adoptiert. Ich komme zu gar nichts mehr,” stöhnt Morgen, dessen größtes Vorbild nach wie vor Dan Curtin von Metaphoric ist. Druck, an den umwerfenden Erfolg des Ende 2002 erschienen Metro-Area-Albums mit Alltime-Favorites wie „Muira“, das den in die Moderne geretteten Sprit von Detroit-Techno mit dem organischen Funk von Live-Instrumentierungen und Gesang verbindet, verspürt er nicht. “Im Gegenteil. Früher war ich sehr dogmatisch und hatte genaue Vorstellungen, was geht und was nicht. Jetzt gehe ich da schon viel unorthodoxer heran, was mir neue Welten öffnet.” Ein Mann kommt vorbeigeradelt, und Morgan erzählt begeistert: “Er ist ein Drummer aus Lateinamerika, den ich während des Powercuts durch Zufall auf der Straße kennen gelernt habe. Er wird auf meiner nächsten Platte zu hören sein.” Time to move on.
Elect-Tronic
Geht man montags zu Christian Smiths Tronic Treatment, zur Zeit die einzige wöchentlich stattfindende Techno-Night, trifft man dort wahrscheinlich früher oder später jeden DJ und Produzenten der Stadt – mal vor, mal hinter den Turntables. Jeder kennt jeden und jeder arbeitet mit jedem: Agent Orange vom jungen Label Gotham Grooves, der auch für den Future-Frequencies- Newsletter zuständig ist, Ulysses, der mit John Selway die Neurotic Drum Band ins Leben gerufen hat, Gregory, Dan und Mark – und John Selway, unter dessen Lastwagenfahrer-Schaumstoff-Mütze sich ein begnadeter Musiker verbirgt. John wurde schon als Kleinkind mit abstrakter Musiktheorie gefüttert, und so wundert es nicht, dass er heute einer der vielseitigsten Künstler der elektronischen Musikszene ist. Sein Kumpel Oliver Chesler aka The Horrorist war nicht unwesentlich daran beteiligt, dass er Anfang der Neunziger in die Technoszene von New York eintauchte. Aber auch als Progressive-, House- und Elektroproduzent genießt er hohes Ansehen: Sein Label Serotonin, das John 1995 ins Leben rief, war im Wesentlichen an der Electro-Renaissance beteiligt und rühmt sich heute damit, als erstes Platten von Fischerspooner veröffentlicht zu haben: „Mir fällt es leicht, mich von den ganzen Hypes und Trends nicht beeinflussen zu lassen“, sagt John. „Man erkennt doch, was falsch und was echt ist. Nach einer Weile durchschaut man das Spiel und kann sich so dem Ganzen einfach entziehen oder sogar ein wenig davon profitieren. Ich und meine Freunde haben schon immer Electro gemacht, und finden nun Arbeit und Amerkennung.“ Der „Ikonoklast der elektronischen Musikszene“ sieht sich aber mehr als jemanden, „der auf sehr kommerzieller Ebene und mit sehr ‚undergroundigen‘ Projekten Erfolge feiern konnte und immer dafür respektiert wurde, ohne jemals irgendjemanden damit zu entfremden.“ Es ist Zeit, Abschied zu nehmen, aber es ist nicht zu spät. So lange so inspirierende Menschen wie diese Musiker, die einen bewundernswerten Zusammenhalt demonstrieren, in den Staaten die Stellung halten, gibt es Hoffnung.
Words: Katrin Richter. Pix: Katrin Richter.
Thank you, America: Justin Case, Greg, Debs, Mark, Mascha, Tommie, Anja, John, Elliot, Ara, Larry, Andrew, Dan, Greggo, Michelle, Raquel, Guillermo & Omar, Mahmi, Notsch, Cathy & Blair.
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