17.08.2005

Trasnochar En BsAs








Denn nicht nur Gold glänzt… Am 23. Juli holte sich Bad Boy Orange aka Naranja, Veranstalter der legendären Breakbeatnacht 160+, einen echten Goldjungen nach Buenos Aires, die Metropole, die niemals schläft (hier gibt es sogar ein Verb für “die Nacht durchmachen”: trasnochar) und der auch trotz des hiesigen Discosterbens niemals die Luft ausgehen wird. So machte der orangefarbene Ruler des BsAs-Drum’n’Bass-Circuits denne ooch Nägel mit Köpfen und bot Goldie, Kopf des nach wie vor frisch und innovativ klingenden Metalheadz-Labels, das in diesem Jahr sein 10-jähriges Jubiläum begeht, mit dem stylishen Niceto-Club auch das passende Ambiente für eine Supershow. Begleitet wurde die tatsächlich komplett goldüberkronte, breitgrinsend-charismatische UK-Legende von seinem eigenen Master of Ceremony, MC Armanni, und gemeinsam legten die beiden den Club in Schutt und Asche. Von einem Getränkehersteller gesponsort waren 50 Prozent des Clubs der Schickeria von BsAs vorbehalten, doch die machte entweder einen Abgang oder fuhr Vollgas – genau wie der Rest des Publikums. Das hier war nicht der richtige Ort für Musiktouristen. En serio – im Ernst! Armanni ist Wordattack-Alarm pur mit einer starken, körperlich-heißen Stage-Präsenz und einem Groove, der so manchen MC-Reimpepper schrumpelig alt aussehen lässt. Perfekt getimed rollten die fettesten Drum’n’Bretter aus den Speakers, jagte ein Burner den nächsten. Hier war nicht stumpfes Hits-Runterspulen angesagt, sondern flinke Finger und Lippen, mit denen die beiden megasynchron arbeitenden Engländer etwas schufen, dass es sonst wohl so nicht gibt: Eine Drum’n’Bass-Liveshow der Extraklasse von einer Qualität, die man sich so schon nicht mehr zu erträumen wagt. Soundtechnisch rulten die alten wahren Werte des krass rasselnden Jungle, auf modernstem Produktionsstandardlevel, versteht sich, mit vielen Cuts und Blends, und super hyperaktiver Bühnenshow von Armanni, der das Publikum zum Singen brachte. Goldie und Armanni lieben ihren Sound, ihre Show und ihre Musik. Dass das Fernsehen da war und betrunkene VIPs hinter ihnen herumwankten, war ihnen schnuppe. Ihr Publikum war alles. So sollte das sein.

Und dass man in Buenos Aires nun endlich wieder einen richtigen Club zum Versumpfen hat, in dem man sich freitags und samstags so richtig gehenlassen kann, war mit der Wiedereröffnungsparty vom Cocoliche am 16. Juli sowieso klar. Hier sind Meister des Feierfachs am Werk, denen es am Herzen liegt, eine Location zu schaffen, in der man so richtig abgehen kann, in Style versteht sich. Gerne auch auf der Bar. Mit offener Hose. Da freuen sich die Leute. Verrückte Bambimalereien, Miniinstallationen und die verstrahltesten Projektionen runden das Programm ab, das sich musikalisch im Bereich Technominimalbreakshiphopghettofunkadelichouse (no less!) abspielt. Und wenn dann neben Resident Udolpho auch noch die First Lady des agentinischen Techno, Carla Tintore, so richtig Gas gibt, gibt es kein Zurück mehr. Si Senor! Buenos Aires no se va! So kann es jetzt immer weitergehen, tut es auch: Brasil-Technogenie DJ Murphy zockte im als Technacia wiederauferstandenen Big One und Samba’n’Bass-Gott DJ Marky im Niceto. Wobei besonders Ersterer gepriesen werden muss, als gäbe es kein Morgen (hauptsächlich, weil wir uns den Marky-Gig wegen Geld-Engpässen nicht mehr gönnen wollten). Murphy ist nämlich der Coolste! Als ich ihn am Samstag, dem 30. Juli, wiedergetroffen habe, konnten wir endlich fett kommunizieren, weil ich jetze Spananisch kann, naja, fast, und er Englisch, und argentischisches Spananisch dem Portugiesischen nicht unähnlich ist. Vor zwei Jahren, als wir uns kennengelernt haben, ging kommunikationstechnisch gar nichts! Aber nun lief alles easy. Da haben wir natürlich über den Christian Fischaör gequatscht und die Zukunft, denn der Herr Fischer ist schuld daran, dass ich den Murphy kenne. Der Christian hat mir 2003 nämlich den Trip nach Sao Paulo gesponsort, damit ich einen Report über die dortige Szene mache - read the full story here: www.planetkat.com/reviews.php?pos=5. Da stand der Murphy schon damals heraus aus den Local Heroes, und siehe da, er hat sich so gemacht, dass mir fast die Spucke wegbliebt, als ich ihn wieder sa, dort in der Lobby des Hilton! Der Typ ist ein Superstar! Glaubt mir. Er hat den style, the grace and the face, und above all, the S-K-I-L-L-Z!

Den Jungen mal wieder hinter den Tellern erlebt zu haben ist etwas, von dem noch meine Enkel zu hören bekommen. Es war der Hammer, mit Emilio gegangen zu sein. Denn der olle Vollblutmusiker saugt alles Neue nur so in sich auf, und bis dato hatte er noch kein Technogescratche mitbekommen und ist schier ausgeflippt vor Begeisterung, dass Beatjuggling auch mit den doch an sich recht ungroovy straighten Technobeats möglich ist. Na, was heißt möglich! Für Murphy, der eigentlich aus der HipHop-Drum’n’Bass-Ecke kam, um dann immer mehr in Technogefilde abzudriften, weil ihm “die Musik eben am meisten taugt”, ist nichts ummöglich! Der Junge hat so flinke Finger, dass einem die Augen bluten, und scratcht mal eben die Loops locker aus der Hand. Wenn die anderen Platte in vier Bars ausläuft, hat er immer noch massig Luft, um ne neue Platte rauszusuchen. Gibt es so was? Ja. Naja, um noch mal auf den Sao-Paulo-Report zurückzukommen, der dank Christian dann in der Raveline gelandert ist. In vielerlei Hinsicht habe ich auch dem damaligen Chefredakteur Dirk zu danken, dass er mich hat machen lassen. Dass ich den Brasil-Artikel bringen konnte. Das waren Zeiten, wo die Raveline die Nase ganz vorne hatte.

Hat sie auch irgendwie immer noch. Schließlich habe ich ja immer noch die Freiheit, nur über die Künstler zu schreiben, die bei mir was zum Schwingen bringen. Doch die Arbeitsweise ist heute eine andere. Ich mache mehr Artikel mit bekannten Leuten, die ich mir ohne Umstände angeln kann, weil das Interesse an den Cutting-Edge-Avantgarde-Vanguardstyle-Underground-Nummern und allem, was mit Techno zu tun hat, nicht mehr da sein soll angeblich. Und weil ich einen auf sichere Bank mache. Hauptsache, ich habe ein bis zwei Themen pro Monat am Start, die ich sicher unterbringen kann. Die Zeiten ändern sich eben. Bei mir hat sich ja auch einiges getan. Auch wenn mir die Nacht mit Murphy, drei Stunden harter Techno, echt gutgetan hat. Aber ich bin nicht mehr so missionarisch wie früher. Früher war ich mir der Verantwortung sehr bewusst, dass meine Texte Einfluss auf die Denkweise der Leute haben könnten, und habe mir viele Gedanken gemacht, wie ich meinen eigenen Optimismus und meine eigene Begeisterung an die Leute weitergeben kann. Das tue ich auch heute noch, doch die Modi Operandi sind auf einem anderen Level. Und ich bringe mich nicht mehr um den Schlaf, wenn ich die Medienmaschine unaufhaltsam rattern sehe und genau weiss, was da Spin-technisch abgeht, und ich nix dran ändern kann. Denn ich fühle mich nicht mehr machtlos. Ich kann ja machen, was ich will, und schreiben, was ich will. Denn die Gedanken sind frei, und wenn ihr sie nicht lesen wollt, dann lasst es halt.

Naja, bevor ich jetzt hier echt sentimental werde, weil ich mein schwindendes Verantwortungsgefühl, die Szene durch mein Geschreibsel nach vorne bringen zu wollen, beklage, versuche ich lieber, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Und zwar, in dem ich bekunde, wie wohl ich mich in meiner Rolle als Lebenskünstlerin fühle, die die Wahl hat. Denn an der generellen Trendmeinungsmache-Masche muss ich nicht mehr mithäkeln. Denn mit einem oder zwei Artikeln pro Monat kann ich hier überleben, allerdings nichts reißen, das heißt: Dinge, Anschaffungen generell, die mehr als 50 Euro kosten, kann ich knicken, und reisen tue ich eigentlich auch kaum, weil ich mich hier in einem Von-Tag-zu-Tag-Hangel-Netz wiedergefunden habe, in dem ich nun fast gefangen bin. Aber das tut gut, ich möchte hier auch einfach meine Füße finden, damit ich stabil stehen kann. Ich finde es gut, wie viele Möglichkeiten sich einem hier auftun, zur Zeit liegt es (vielleicht) an meinen begrenzten Fähigkeiten, meine International-Top-Whatever-Möglichkeiten zu nutzen und so richtig durchzustarten. Aber das macht nix. Ich bin glücklich. Und wenn ich durchstraten kann, weil ich es dann kann, dann sag ich euch Bescheid. Jajajaja! Bis dahin dann happy Dilettantismus auf Planetkatlevel. Diese meine Seite finde ich tatsächlich immer schicker, denn ich bastele immer ein wenig dran rum, wenn ich Zeit habe. Manchmal habe ich davon ordentlich. Dann lass ich mich sogar treiben, und dann entstehen viele dieser Treiblass-Bilder… die mich gelegentlich in Teufels Küche bringen. Doch dazu später mehr.

Links:
www.definition-records.de
www.djmurphy.net
www.urbr.com
www.hypno.com.br
www.djorange.com
www.mas160.com
www.metalheadz.co.uk


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