16.10.2008

Techno Immigrants - Auslšnder rein! +++ RL ARCHIVE AUG 08

  

Berlin -- je mehr man diese sagenumrankte Stadt aus dem äußeren Orbit dieser Galaxie betrachtet, desto mehr zieht sie in ihren Bann. Das Schwarze Loch der elektronischen Musikkultur hat schon so manchen Feierling eingesaugt und erst am Dienstag vormittag wieder entlassen. Kein Problem: Die Sonnenbrille sitzt. Das ist nicht erst seit der Eröffnung von Ostgut/Berghain/Panorama Bar, Weekend, Club der Visionäre, Bar 25 und Arena so. Schon der/die multisexuelle Cousin/e meines Stiefonkels hielt es seinerzeit in Essen-Borbecks Spontiszene nicht mehr aus und trampte nur mit einer Banane bekleidet nach Berlin, um sich mit David Bowie in andere Universen zu dampfen. Knapp dreißig Jahre später treten die illegitimen Erben der Iggyziggypop-Generation einen von einer Fitnesskette gesponsorten Siegeszug an und erobern die Herzen des Ruhrpotts zurück: Die Love Parade zieht über den Dortmunder Highway of Berufsverkehr.

 

Derweil ist in Berlin ein ganz anderes Völkchen heimisch geworden: Die seltsame Spezies des DJ-Schrägstrich-Producers. Aus allen Ländern der Welt siedeln sich diese eifrigen, nachtaktiven Tierchen seit Jahren lemmingartig in den Bezirken Kreuzberg, Friedrichsheim und Prenzlauerberg an und beleben, formen und verändern mit ihren musikalischen Aktivitäten, Labels und Clubnights und auch ihrer Kaufkraft die hiesige Szene. Doch wie ist es eigentlich für einen Amerikaner oder einen Argentinien, in Deutschland Fuß zu fassen? Was sind die Gründe, warum Detroiter nach Schland ausziehen? Warum sieht die internationale Musikszene Berlin nach wie vor als Mecca der elektronischen Musik an? Raveline beobachtete das Phänomen voller Interesse, verfolgte die Aktivitäten einiger DJs und Musiker in Berlin und begann dann, ausländische Protagonisten der Szene über ihren Umzug nach Deutschland auszufragen und ehrlich gesagt sehr positiv überrascht zu werden.

 

Das Land der Perfektion

 

In einem Land far, far away auf der anderen Seite des Erdballes gilt Deutschland als das Land der Perfektion. Computergesteuerte Ampeln kontrollieren den absoluten Stillstand des bekatzenaugten, beharzvierten Liegefahrradfahrers, der am genormt hohen Bürgersteig im Regen steht und sich darüber ärgert, eine Minute zu spät zur Arbeitsagentur zu kommen, weil die Bahn wieder „Verspätung“ hat. Hier ward einst das Bauhaus geboren, und somit neue Designstandards gesetzt, die alles andere in den Schatten stellten: Die Form folgte auf einmal der Funktion. Diesem Dogma bleibt man bis heute treu und plant präzise. Doch damit Regeln eingehalten werden, verlangt es nach einem riesigen Überbau, der bisweilen geistig lähmt oder überkritische Sichtweisen zur Folge hat. So ist es jahrezehntelang nur wenigen Menschen in Deutschland aufgefallen, wie gut es sich hier eigentlich lebt -- und arbeitet. Die Epitomie des Gutlebens (und mittlerweile auch -arbeitens) findet man im einstmals getrennten Berlin, mittlerweile wieder zur Hauptstadt und zum magischen Anziehungspunkt für Artists der ganzen Welt mutiert. Berlin war schon immer magisch. Und das bestätigt sich in dem Moment, in dem alle Protagonisten dieses Artikels -- als da wären: Deatbeat und Mike Shannon aus Kanada, Dilo und Santos Resiak aus Argentinien, Troy Pierce, Jay Haze, Tim Xavier und Camea aus den Vereinigten Staaten, Tokuto Denda aus Japan sowie Mark-Henning und Mat Dryhurst aus England -- einstimmig zu Protokoll geben, warum sie eigentlich wirklich hier sind: Sie wünschen sich nichts mehr als die Freiheit, ihrer Passion, dem Musikmachen, nachgehen zu dürfen, und ein relaxtes Dasein. Es ist nicht nur die gute Infrastruktur, es sind nicht nur die günstigeren Lebenshaltungskosten, es ist nicht nur das geniale Aufgebot von Labels und Clubs, es ist das gechillte Leben auf dem Fahrrad und beim Grillen im Park, das uns in Deutschland trotz aller selbstauflegten Widersprüche ein würdevolles Leben möglich macht. In sonst in keiner Hauptstadt der westlichen Hemisphäre finden sich aus diesen Gründen heute so viele Immigranten aus anderen Industrienationen wie in Berlin. Techno-Immigranten.

 

Berlin bleibt doch Berlin!

 

Ich wollte meinen Horizont erweitern“, erzählt ein leicht verkaterter Tim Xavier, „und bin wirklich froh, den Schritt getan zu haben, auch wenn es für mich erst mal wirklich nicht einfach war, weil ich auch meinen Betrieb -- ich habe ein Masteringstudio -- nach Deutschland verlegt habe und der Papierkram mich fast umgebracht hat. Ich liebe es, die Freiheit zu haben, mit Bier und Hund U-Bahn-Fahren zu können und nicht gleich eine Strafe aufgebrummt zu bekommen.“ Jay Haze mag Deutschland aus dem selben Grunde: „Es suckt zwar, Ausländer zu sein, weil man so viel bürokratischen Bullshit auferlegt bekommt, aber wenn von dieser Tatsache -- und dem schrecklichen Customerservice -- absieht, kann man hier wirklich in Frieden leben. Klar werde angepöbelt, weil ich Ami bin, aber so ist das Leben, Baby. Wenigstens fucken mich die Bullen nicht grundlos ab.“ Auch Den aus Tokyo fühlt sich hier einfach nur wohl, auch wenn „für viele Japaner immer noch gewöhnungsbedürftig“ sind. Dennoch: “Ich fühle, dass ich ich selbst sein kann und darf, und denke daher kaum über meine Umgebung nach.“ Camea fügt hinzu: „In New York haben die Leute das Konzept, dass ich als DJ und Produzentin meinen Lebensunterhalt bestreite, einfach nicht verstanden und immer wieder nachgefragt, was denn nun mein eigentlicher Beruf sei. Hier passiert mir das nie.“ Troy Pierce hätte sich selbst in seinen „wildesten Träumen nicht ausgerechnet, wie viel besser“ sein Leben nach dem Umzug aus New York für ihn werden sollte. „Es könnte wirklich nicht besser kommen“, stimmt Mark-Henning ihm zu. „Musikalisch gesehen bin ich verwirrter als je zuvor und umrundet von Clubs, wo ich direkt ausprobieren kann, ob es den Feiernden genauso geht“, grinst er.

 

We Love Berlin

Das ist der springende Punkt für alle: Dass sie hier ihrer Passion in ungezügelter Form nachkommen dürfen und können und dass der eigentliche Business-Aspekt eher in den Hintergrund tritt. Den meint: „Musik zu genießen ist der Schlüssel zum gelungenen Musikmachen und Performen.“ In Berlin Part der Kultur zu sein, der er sich zugehörig fühlt, ist daher ein sehr erfüllender Moment. Dilo erklärt: „Auf mich hat die deutsche Kultur und natürlich ganz besonders die elektronische Musik, die hier entstanden ist, einen Rieseneinfluss gehabt, deswegen bin ich überglücklich, in Berlin zu sein.“ Das Gleiche gilt für Santos. Ebenfalls aus Argentinien stammend und somit viel größere bürokratische Hürden überwindend als ein einwandernder Engländer, ist er um so gewillter, die Kultur mit all seinen Facetten anzunehmen. Das ist nicht bei allen so bewusst der Fall: Obwohl Artists wie Scott Deadbeat schon seit einigen Jahren in Berlin leben, ist sein Deutsch nach eigener Aussage „immer noch pathetisch und auf Floskeln beschränkt“, was ihn wahrscheinlich auch davon abhält, Deutschland in anderem Kontext kennenzulernen als in der elektronischen Musikblase, die Berlin für ihn und andere darstellt: „All meine Eindrücke beschränken sich auf die City und auf die riesige Projektionsfläche der endlosen kollaborativen, kreativen Möglichkeiten, die sich mir hier als Musiker auftun.“ Sich das eigene Unvermögen einzugestehen, sich kaum mit der Welt der Nichtmusiker zu connecten, ist ein Selbstkritikpunkt, dem sich nur einige der Befragten stellen. Ihre Haltung ist in diesem Sinne auch keine Ignoranz. Sie ist geprägt durch Freiheit. Einfach nur überglücklich, endlich exklusiv dem nachzukommen, was sie am meisten anspricht und stimuliert, dem Spielen und Produzieren von Musik, sehen die meisten bis jetzt keine Notwendigkeit, ihr Gastland und seine Einwohner richtig kennenzulernen.

 

Berlin Loves You!

 

Die Welt der Musik ist sowieso international. Und so bleibt es eben vorerst bei einem rotzigen „naturlich, ich sprache deutsch” à la Jay Haze und dem gelegentlichen Realitycheck beim Zusammenstoß mit Postbeamten oder dem Internetserviceanbieter. Who cares? In der happy Welt der elektronischen Musik ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Klischees und Vorurteilen auch überhaupt nicht notwendig. Englisch wird überall gesprochen, mittlerweile in der endlich auch auf Customerservice getrimmten Thaibar (aber immer noch nicht im Dönerladen -- somit lustigerweise der beste Ort zum Deutschlernen), auf der Afterhour sind Sprachprobleme eigentlich auch kein Problem, sondern eher belustigend, und dank der kulturellen Offenheit der meisten (Wahl-)Berliner aus aller Welt spielen nicht nur in den Clubs, sondern auch auf den Kinderspielplätzen in Prenzlauerberg fröhlich Kinder aller Nationen miteinander. Ein Minimum von drei Sprachen sprechend (womit sich die Integrationsfrage mit der nächsten Generation geklärt hätte -- jeder ist überall dort zuhause, wo er sich gerne aufhält), wie der frischgebackene Vater Mike Shannon nicht ohne Stolz berichtet. Das sei für ihn eine der schönsten Momente seines Lebens: sein Kind hier aufwachsen zu sehen. Mat würde gerne seine pensionierten Eltern dazu überreden, sich ebenfalls in Berlin anzusiedeln. „Berlin war für mich immer Utopia und der Umzug hierher eine Erfüllung. Ich habe mich nie freier und glücklicher gefühlt als hier und glaube, dass es meinen Eltern auch gefallen würde.“ Troy fügt hinzu: „Hier kann und darf eben alles passieren, so lang man es nur zulässt. Deswegen liebe ich Berlin auch so sehr.“

 

Text: Katrin Richter vom Planetkat.com. Big thanks to everyone who helped me with this and big up to all those who travel this world to open their minds, enriching others peoples’ lives.

 

 

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