28.09.2008

Mark-Henning - Flitterbuggy Microcosm +++ RL ARCHIVE JUN 08

 

Mit dem seltsamen Grundgedanken, dass sein erster Longplayer einen Knackpunkt und zugleich eine bereits bewältigte Hürde darstellt , begibt sich Clevermusic-Netlabel-Chef Mark-Henning, bekannt für seine funky angetouchten „mnml“-Outings auf Labels wie Freude am Tanzen, Frankie, Einmaleins und Foundsound, in den wildwuchernden Clublandschaftsgarten des gepflegten Paradoxes und stellt sich dort mit leicht angeweichten Knien der wahren Herausforderung: Wird sein bester Kumpel, ein„classic vocal Houselover“, zu „Jupiter Jive“ genauso abfeiern können wie die Technolover? Fröhliche Neugier und skeptische Vorfreude auf Resultate bestürmen den frech (Speisekarten) samplenden Mark-Henning, dessen erster Longplayer interessanterweise auf dem schottischen Soma-Label landete. Zu recht.


Der mittlerweile nach Berlin umgesiedelte Ex-Indie-Rocker und -Drum’n’Bass-DJ hat Deepness für sich entdeckt und erweitert ungeniert sein funkytechiges Repertoire -- was Soma zur perfekten Spielwiese macht, weil das Album nicht nur den gewohnt knackig-groovig-krickeligen Clicks und krackeligen Ticks, sondern auch den hochgelobt-heiligen Synthies frönt. So bringt das Jitterbug-tanzende Erstlingswerk des deutsch-englischen Mark-Henning Sargent, wie der bis vor kurzem in Cambridge angesiedelte Produzent und DJ eigentlich heißt (gediegen deutsch mit Trennstrich versteht sich!), sowohl Microsample-Novizen als auch alteingesessene Reduktions-Heads auf dem Floor zusammen -- und hat damit selbst Kollegen Vick überzeugt. Uns übrigens auch. Paradoxe in Tanzbewegungen umzuwandeln ist schließlich Mark-Hennings Spezialität...


Kartoffelzuppenkopf


Der ehemalige Finanzmanager, der sich bis vor kurzem tagsüber als Berater mit seinem Laptop durch die englische Finanzlandschaft zappte und nur des Nachts, nach Ablegen der Krawatte, kranke Beats zusammenstückelte, die zwischen funky glitchendem Techno mit Konzept und basslastigem, wildem, freidenkenden Microhouse schwanken und tatsächlich Stil begründend (Neustil? Freistil?) klingen, hat das Officeleben in England mittlerweile zurückgelassen und konzentriert sich seit seinem Umzug in den Berliner Stadtteil Friedrichsheim nur noch aufs Musikmachen. Entspannen tut er indes kaum. „Früher hab ich den ganzen Tag gearbeitet, dann kamen noch einige Stunden Pendeln hinzu, und in der restlichen Zeit hab ich dann Musikmachen, Labelarbeit und das Veranstalten von Clevermusic-Parties unter einen Hut gebracht,“ erzählt Mark-Henning. Vielleicht liegt es an den zahlreichen Herausforderungen, die er sich selbst auferlegt, dass er immer noch früh aufsteht. Trotz der Parties und Dinners mit befreundeten Musikern wie Ion Ludwig. Hut ab.


West Country Cheddar And Unterhosen


Unterschwellig ist „Jupiter Jive“ straighter geworden. Straight im Sinne von ausgereift, auf den Punkt gebracht und weniger komplex im Aufbau und Rhythmus. Mark-Henning hat (sich) simplifiziert, auch, um maximalere Dancefloorpower rauszuholen. Wer in der letzten Zeit eines seiner Sets zu hören bekommen hat, weiß: Weniger ist manchmal eben druckvoller. Eindruckvoll ist auch, wie sich tradionelle -- synthiegetragene -- Housesounds in der Musik einfinden, die sonst eher Referenzen lieferten, als soundtechnisch in die Tiefe zu gehen. Makrostyle eben. Und wenn es dann auch noch deeper wird... Alle Achtung, Baby. Lederhosenbahnhoffräulein-Anrufbeantworter-Message-Hinterlasser-Kumpel Vick trägt natürlich traditionsbedingt auch dazu bei, dass „Jupiter Jive“ einen Mark-Henning-typischen Prozentsatz an Weisheiten mit sich bringt, und natürlich schwingt der übliche unterschwellig immer vorhandene Funk mit, der die glitchenden Microsample-Voiceschnipsel in Form groovt. Jivt. Schuffelt. Oh yeah.


All Star Geek


Der Produzent, der als gitarrespielenden Indiekid zwischen Dinosaur Jr, Pavement und Nirvana sein musikalisches Calling fand, hat in seinem Leben schon so manchen Spagat hingelegt. Zum einen ist da die deutsch-englische Herkunft. „Bis zum vierten Lebensjahr sprach ich Deutsch“, erzählt Mark. Dann -- der Vater war Chemotechniker -- ging es über Florida und Londoner Vororte nach Deutschland, wo Mark vernunftbetont seiner akademischen Karriere nachging, sich aber nebenher vom Drum’n’Bass-Virus infizierte, der ihn später zum DJ mutieren ließ. Obwohl die (Il)logical Progression zu reduzierteren Sounds zur selbstauferlegten Mission wurde, hielt der Funk ihn danach für immer in seinem Bann. Genauso Stil begründend wie Mark-Hennings Musik -- „vier Jahre lang habe ich Musik produziert, bis ich es dann auf Anregung meiner Freunde hinbekommen hab, dreißig Demos wegzuschicken.


Fräulein Doodle


Freude Am Tanzen haben die Tracks dann einfach so gesignt und als „Business Class EP“, erschienen 2004, herausgebracht“. Stil begründend waren auch die Aktivitäten von Clevermusic. 2002 ins Leben gerufen, bewies Mark-Henning, der bis heute mit Fruityloops produziert, ein gutes Gespür für neue Tendenzen: Als einer der ersten Engländer gründete er ein Netlabel, auf dem mp3s (zunächst) gratis zum Download angeboten wurden, die die tight im Network arbeitenden Artists zu Anfang selbst hochladen konnten. Außerdem lange vor der Inbetriebname von Beatport geplant: eine mp3-Distribution. Diese technische Revolution, die einen Wandel im Musikbusiness einläuten und die Szene revolutionieren sollte, setzt sich in seiner innovativen Musik fort. Es ist einfach nichts mehr, wie es mal war. Gut so.


Text und Protokoll: Kat @ planetkat.com. Pics: Courtesy of Clevermusic.

 

KLink:

www.myspace.com/djmarkhenning

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