26.09.2008 Falko Brocksieper - Ein harter Tag in Kreuzberg +++ RL ARCHIVE JUN 08 |
Falko Brocksieper, der Kommissar der Krimiserie „Heavy Day“, ermittelt seit Jahren gegen die Berliner Minimalmafia. Immer weiter verstrickt er sich im Reich der halbseidenen Beatkopiererwelt. Mit Dreitagebart und Schrägpony als Poser getarnt schleicht er sich in die Welt der Percussion-Tools ein und erforscht Undercover das Dasein der Trendhechte und jungen Wilden. Das Protokoll, ein Status Quo eines alten Hasen im Auge des Sturmes, dem er sich nicht beugen kann und will, obwohl er selbst mitmischt, ist nun in Albumform erschienen. Harte Arbeit. Oder doch leichtes Spiel und (wieder mal) eine Prise Brocksieper’sche Ironie?
Fünf Jahre nach seinem letzten Longplayer „Hoax Deluxe“ kommt „Heavy Day“ etwas heavy(er), aber auch gehaltvoll(er) daher. Da schwingt ein bisschen Violinentechno und ein Dubbeat neben dem reduziert maximalen, zwischen Proghouse und Elektro oszillierenden Soundkonglomerat mit, und da singen MIA, Big Bully und Trentemöller- und Swayzak-Sänger Richard Davies so herzzerreißend, dass man fast vergisst, dass dahinter harte Arbeit in der Kohlengrube des Techno - dem Studio - steckt. Aber dem Wahlkreuzberger Kommissör ist ja bekanntlich nichts zu schwör. Nachdem er schon den Kölschen Klüngel abgehängt und fast jede (Trend)-Schublade umschifft hat, baut er sich nun sogar einen Liveact für seine Mai-Dates!
Too Much For Doctah Beat
„Man kann auch zu viel wissen,“ orakelt Brocksieper, als wir ihn auf einen morgentlichen Chat im Cyberspace treffen. Wie, zuviel? Ah, vermutlich das berüchtigte Zweitalbum-Dilemma. Oder? Gewissermaßen. „Naja, man kann es sich schon schwer machen, in dem man sich über seine Produktionen zu viele Gedanken macht, weil man einfach mehr übers Produzieren weiß und alle möglichen Tricks und Kniffe kennt. Mir sagen immer wieder Leute, dass meine erste Platte auf Substatic, ‚Laguna Seca’, die Beste war. Doch frag ich mich immer wieder, wie ich es überhaupt wagen konnte, so was Banales auf Platte zu pressen... Aber das macht’s dann wahrscheinlich in mancher Hinsicht aus!“ Ja, vieles ist eben „Zychological“. Wenn man den sechsten Track von Falkos neuem Album hört, fühlt man sich in vielerlei zurückversetzt in die Zeit des frühen Wilddeeppitchminimalelectrodetroittechnohouse, Namen, Styles und Moden, die den jungen Wilden von heute nichts sagen und nichts bedeuten. Da kommt schon ein wenig Traurigkeit auf, „Lament“ gar. Indirekt: „Ich mag es sehr, bestimmte Dinge zu zitieren und sie im Endeffekt in einen ganz fremden Zusammenhang zu bringen den man erstmal nicht erwartet.“ Düster und Balearic zusammenzubringen ist somit möglich. Da „entsteht der rote Faden von alleine.“
Flashback never, Flashforward ever
Flashback... Die Sub-Static-Compilation im Jahre 2002. Das waren Zeiten. Da ging es richtig los. Cologne und so. Über 20 Releases hatte das 2001 gegründete Kölner Label mit dem Sonnenscheinlogo (das eigentlich einer Symbolschrift namens „Neckermann“ entspungen ist und für „Solarium“ steht, auch wenn oft vermutet wird, es handele sich um FDJ-Symbolismus - Anm. d. Aut.) in einem Jahr zusammen, unter anderem Falkos spektakuläre Platte „Out Of Ehrenfeld“. „Wo hat man damals nur die Energie und den Optimismus hergenommen?“ fragt Falko, 32 Jahre jung, sich heute, fröhlich über das Alter sinnierend. Gute Frage. Aber es geht ja auch etwas reifer geworden immer weiter. Und weiter. Auf in den großen Teich: der Umzug nach Berlin. „Kölle war am Ende die Hölle“, erzählt Falko über seinen Move. „Die Welt ist halt größer als Köln. Seltsamerweise fällt es gerade dort schwer, das zu begreifen....Würd ich jetzt noch da sitzen und Techno-Musik und ein Techno-Label machen, hätte mich die Verbitterung schon längst dahingerafft... In Berlin ist das Gekluengel nicht so unmittelbar, und die Impulse kommen aus vielen Richtungen.“
Endlich mal normaler Techno
Nichtsdestotrotz: Auch in Berlin gibt es Trendfallen, in die viele gerne reingleiten wie in die Röhrenjeans oder in die Afterafterhour-Fötalpostion neben dem Lautsprecher - ohne es überhaupt zu merken. „Ja, ist auch eh lustig wie die ganzen Klicker-Leute grad einen erzählen von wegen, dass es ja auch ‚groovy’ und ‚sexy’ und was auch immer sein muss. Dieses Kalte, das sei ja nix... Dann frag ich mich immer nur: Warum terrorisiert ihr uns dann die ganze Zeit damit? Ich bin im Club immer hocherfreut, wenn ich ‚normalen’ Techno zu hören bekomme, der weder Schaffel, noch Electroclash oder gar Nurave sein will.“ Jetzt wisst ihr auch gleich schon, was man auf „Heavy Day“ nicht finden wird. „In Berlin“, fügt Falko hinzu, „geht es mehr um die Sache. Klar, hier gibt’s auch die coolen Party- und Drogen-Freundeskreise. Aber eben nicht nur. Das ist halt EINE Ecke, und es ist nicht so, dass man entweder dazu gehört oder aber gar nicht existiert. Es gibt für jeden seine Nische.“
Zum Album jetzt mal was (nee, doch nicht)
Hach. Oder gar eine Schublade. Es ist ja gar nicht so schwer heutzutage. Ein bisschen Herumklickern (mit der Maus) - und damit Beifall ernten - auch wenn man nicht weiß, wer Derrick May (oder so) ist. Hauptsache geil. „Einerseits hat Techno somit die nächste Stufe und eine ganz neue Generation erreicht, und das jahrzehntelange Unken, dass Techno doch ‚tot’ sei, endgültig hinter sich gelassen. Andererseits werden dadurch bestimmte Aspekte immer entscheidender, die vorher keine große Rolle gespielt oder sich in als lächerlich betrachteten Auswüchsen niedergeschlagen haben. Kommerzialität im Techno ist heutzutage ‚cool’. Die Zielgruppe spielt das Spiel mit und muss sich nicht mehr eisern dagegen wehren. Damals wollte man ja unbedingt ‚anders’ sein und hat deswegen eben Techno gehört.“ Das Album, so Falko „transportiert den Denkansatz, dass man das Produzieren von Musik auch durchaus als harte Arbeit und Verausgabung sehen kann. Weg von dem, was mich beim Musikmachen eigentlich wenig interessiert: Glamour und Lifestyle.“
Jetzt aber
Arbeiten kann ja auch Spaß machen. Falko hat sich daher einen weiteren Moog zugelegt, und auch softwaretechnisch wird umgesattelt für den „hoffentlich satten“ Live-Act. Wichtig ist im Kern des Ganzen unter anderem auch die Songstruktur: „’Tracks’ sind’s irgendwie nicht so... nach der zweieinhalbsten Minute muss halt mal was kommen. Als DJ wird man zwar unweigerlich von dem beeinflusst, was die Leute im wahrsten Sinne bewegt, und das hat auch Einfluss auf die eigenen Tracks - aber das ist ja nicht alles. Da ist eine Faszination für abstrakten Sound, auch im Sinne von Monotonie... Auch so ein Forschergeist. Dieses: ‚Wie macht man das?’. Vielen Nachwuchskünstlern geht das total ab. Wozu nach dem Klang forschen, wenn es Millionen von Presets gibt - am liebsten sogar komplette Sequenzen und Effektketten. Dieses Desinteresse für Technologie widerspricht für mich schon rein von der Terminologie her dem, worum es beim ‚Techno’ ein bisschen mehr gehen sollte. Anstelle von NUR noch cool sein, große Klappe haben, Drogen nehmen, und Sammelmails mit banalen Demotracks rausschicken.“ Der Fall ist klar, Herr Kommissar. „Den Schnee, auf dem alle downwards fahr'n, kennt heute jedes Kind.“ So ist es halt: Hard to be the goody.
Peace n Bigup: Kat vom Planetkat.com. Quote of the day: Falco. KLink: www.myspace.com/falkobrocksieper |