19.07.2008 Bruno Pronsato: Hey Me, It’s You! +++ RL ARCHIVE FEB 08 |
„Why Can’t We Be Like Us?“ – so heisst der zweite Longplayer des amerikanischen Kuenstlers Bruno Pronsato, der im Januar auf Hello?Repeat erscheint. Spannenderweise vermag der Titel es, auf geheimnisvolle Weise zu reflektieren, was der Wahl-Berliner auch mit seiner Musik vermittelt: kollabierende Antiklimaxe und persoenliche Momentaufnahmen stehen im Kontrast zu abstrakten Szenarien; organische Instrumentierungen eroeffnen Panoramen, aus deren verschachtelter Architektur man dank unterkuehlter Technosounds und straighter Absichten wieder in den Minimal-Club zu finden vermag, wo dann auch genregerecht die Wade zuckt. Denn was zunaechst fast anstrengend abstrakt klingt, entpuppt sich beim naeheren Hinhoeren zu einer Roentgenaufnahme von Pronsatos Psyche, und die vereint zunaechst unvereinbare Gegensaetze auf versoehnende Art, vollstens aus der Dychotomie des Lebens schoepfend. Zusammengekittete Momente intimer Samplemarathone mit ihm nahstehenden Personen kreieieren eine Sensation der Tiefgruendigkeit, die im Kontrast zum kuehlen Feel der polyrythmischen Jazzigkeit und knackigem Minimalismus steht. Konsenz: Dissonanz. Kompliziert? Ja – und nein. Spannung, die spannend klingt. Juhu! A Sad Story Gluecklicherweise gibt uns der Ausnahmekuenstler einige Anhaltspunkte, die auch dazu beitragen, die seltsame Frage zu klaeren, mit der alles beginnt: „Why Can’t We Be Like Us?“ Denn eigentlich spricht er durch seine Musik, in der sich genug persoenliche Schluesselelemente finden, um daraus ganze Filme zu drehen. Eigentlich ist das Album ein Film. Sind Brunos Sounds Visuals. Und die Visuals widerrum Worte, die mehr sagen als tausend Saetze. „Te gusta?“ – „I Wish“. Und dennoch: da sitzt Bruno, und seine Augen luegen genauso wenig wie seine Musik. Und dann das Album: Basiert auf einer Ehe, die heute nicht mehr existiert. Mit der Frau, deren Stimme seit eh und je in seinen Tracks auftaucht: Barbara Pronsato. Nach sieben Jahren nicht mehr Teil des Ganzen und doch immer noch ueberall praesent. Mit ihrer Stimme, und mit den Gedanken, die sie generiert. Bruno, der mit buergerlichem Namen eigentlich Steven Ford heisst – „zu langweilig“, wie er selbst befand – erlaeutert: „Wir waren sieben Jahre lang verheiratet, und nach der Trennung im letzten Jahr habe ich viel darueber nachgedacht, was aus uns geworden ist, und warum wir es nicht geschafft haben, unsere urspruengliche Sichtweise von uns aufrecht zu erhalten. Eine traurige Geschichte eigentlich. Ich habe ein Notizbuch, in dem Tracktitel sammele, und daraus waehle ich dann jene aus, die passend erscheinen, weil sie sich auf die von einem Track erzeugte Stimmung beziehen.“ No Gigantic Crescendo Ein trauriges Album also? Nein, eher eine Herausforderung. Faengt man neben der Dechiffrierung typisch kryptische Pronsato-Stimmsamples an – ohne dabei den Schleiher der Mystique vollends zu lueften, versteht sich – , sich auch in die restlichen Codes einzufuehlen, dann ist das Album ein echter Quantensprung ins Ungewisse, direkt hinein in ein schwarzes Loch voller neuer Hoer- und Denkgewohnheiten. Die Arreglements muten bisweilen seltsam und assymtrisch an, gar polyrhythmisch, mit Beats, die gegen- anstatt miteinander arbeiten, so sehr, dass man Bruno unterstellen will, dass er es geniesst, Tension zu erzeugen, und damit ins Schwarze trifft: „Ich liebe Spannung. Alle Formen von Kompositionen, in denen Tension erzeugt wird, geniesse ich sehr, zum Beispiel Luigi Nono. Die Elemente scheinen langsam an Gewicht zu gewinnen, anstatt einen anzuspringen, niemals gibt es ein gigantisches Crescendo. Nichts wird erzwungen. Ich liebe es. Nichts, was ich soundtechnisch hervorbringe, entsteht vorsaetzlich. Ich bin eine Person, die Sounds und Ideen sammelt. Im richtigen Moment ziehe ich sie hervor, die in Form von Sprachsamples gespeicherten Momentaufnahmen, und bringe sie in einen Kontext, der meiner Stimmung entspricht. Insofern ist das Album tatsaechlich eine Kollage. Manche Tracks – zunaechst nicht mehr als eine Bassline und Percussions – haben lange auf ihre Fertigstellung gewartet. Einziger Anhaltspunkt war die Guitar-Line, die ich fuer ‚Why Can’t They Be Like Us’ geschrieben habe – ich wusste, dass dieser Track das Ende darstellen wuerde. Von da aus habe ich mich rueckwaerts durchgearbeitet. Erschuf Themen, die auf dieser Idee basierten.“ Music For Me! “Einzige wahre Intention: Ein Album fuer mich zu machen. Ein zeitloses Album.“ Die Ironie des Ganzen: dass der Longplayer eine Zeit definiert, einen Zeitabschnitt, der ein Ende hatte. Eine Zeit markiert, die der Sammler Bruno ganz klar definiert. Aber nicht durch die Arrangements der Noten und die damit verbundene Abstraktion; diese klingen wirklich zeitlos. Grosse Inspiration: Jazz. Und eine grosse Passion fuer Musik in all ihren Formen. Als ehemaligem Drummer einer Rockband gelingt es Bruno, die Spannung zu halten zwischen lebensechten, organischen Sounds und kuehler Kuenstlichkeit im modernsten Sinne. Mit echten Handclaps anstatt von Presets betont er die leichten Irregularitaeten, die in der heutigen Zeit, einer Aera der technischen Perfektion voller Sync-Buttons, geradezu innovativ erscheinen. „Ich mag den digitalen Sound, aber allein er klingt einfach hart. Die Gegenueberstellung von Digital und Organik ist wie ein Schluck Milch im Kaffee, einfacher zu trinken. Und ich glaube wirklich, dass die Musik von heute wegen der Tendenz der kompletten Digitalisierung ein wenig natuerlichere Sounds gut gebrauchen kann.“ Sprachsamples zum Beispiel. Gibt es etwas Natuerlicheres fuer uns Menschen als die menschliche Stimme, und etwas Persoenlicheres als die Stimmsamples eines geliebten Menschen? Wohl kaum. So werden Schluesselmomente zu mehr. Der Moment ist Magie „Die Art und Weise, wie ein Wort betont wird, sagt mir mehr als die eigentliche Bedeutung der Worte. Der Moment ist Magie. Nichts ist geplant oder geprobt, alles ist Zufall. Der Trick ist, dann auf den Recordbutton zu druecken, wenn nicht vermutet wird, dass ich aufnehme. So sind die besten Aufnahmen entstanden. Ich habe jahrelang Vocalsamples von Barbara gesammelt, damit habe ich weit vor meiner Technozeit angefangen, denn ich liebe Spanisch. Sie ist Argentinierin.“ Und so lueftet sich auch das Geheimnis der spanischen Sprachfetzen, die in so vielen Bruno-Pronsato-Tracks auftauchen (und die oft zu Mutmassungen gefuehrt haben, Bruno sei zumindest Italiener) – man denke nur an den genialen „The River“, das zahlreiche female und male Samples enthaelt: „Vamos a caminar por el rio“, „rio, rio“. Enstanden ist die Idee in einer Session mit Franco Cinelli, ebenfalls Argentinier, der Bruno vom Rio Parana erzaehlte, der durch seine Heimatstadt Rosario fliesst und Kulisse der dortigen Afterhoursessions ist. „Manchmal ist es purer Zufall, in welchem Kontext die Samples ihren Einsatz finden. Etwas Magisches passiert. Aber meistens ist es doch eine echte Puzzelei.” Und so ist es dann kein Zufall, wenn ein “Okay”, “te gusta” neben einem “I wish” landet. Auch die Tonalitaet ist wichtig. Besonders in “What We Wish”, einem der schoensten Tracks auf “Why Can’t We Be Like Us“. Do Wishes Come True? Es hat etwas Herzbrechendes an sich, wenn das Sample seinen Einsatz findet, der langsame Technotrack zu einem melancholischen Pianosong wird, und somit deutlich wird, worin der Wunsch besteht. Eine kleine Realisation, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Nicht zu aendern, egal, was man sich wuenscht. Und doch gluecklich darueber. Words und Protokoll: Katrin Richter @ Planetkat.com. Photos: T. Ford. KLink: www.eardear.com www.eardear.com |