15.05.2008 Im Auge des Sturmes: Smith & Selway im Interview +++ RL ARCHIVE NOV 07 +++ |
Bereits im Jahre 2003 lose ins Auge gefasst, besticht das langersehnte Album „The Coming Storm“ der beiden Crossover-Hitmavericks durch zeitlose Universalität und immerwährende Ausgewogenheit. Kein Wunder: Mehr als drei Jahre lang hat das Produzenten-Team ihre gemeinsam im Studio entstandenen Ideen ausge- und immer wieder überarbeitet. Während die BPM-Zahl im sexy Housebereich blieb, wurden Genregrenzen und Anziehungskraft spielend überwunden, und so wähnt man sich, unberührt von grollenden Donnern durch puffersofte Soundwolken fliegend, mitten im Auge eines um einen tobenden Naturereignisses. Die beiden, seit 1999 gemeinsam aktiven Schlüsselfiguren redeten mit Raveline über Trends, Technologien und Tempramente. They Walk The Walk Manche Leute reden übers Wetter, andere machen Musik drüber. So auch Christian Smith und John Selway, dessen Album „The Coming Storm“ das Thema Meteologie unterschwellig aufgreift; wenn auch nicht wissenschaftlich, sondern eher auf jene Energien bezogen, die es zu entfesseln sucht. Davon verstehen DJs ja bekanntlich eine Menge, besonders Techno-DJs, auch wenn man die beiden Genrecrosser Smith & Selway, die sich Anfang der Neunziger auf einem Rave in Washington kennengelernt haben, eigentlich nicht als solche klassifizieren kann. Doch dazu später mehr. „Neben dem Titel-Track, in dem wir Donnersounds verwendet haben, gibt es einen weiteren Track, der sich auf Urelemente wie Wasser, Feuer, Luft und Erde bezieht,“ erzählt John mit leuchtenden Augen: „Er heißt ‚Lightning Strike’, und nach ihm sollte eigentlich auch erst das Album benannt werden. Doch nun hat er es gar nicht mehr auf die Platte geschafft.“ Doch dafür finden sich neben dem Wolkendrifter „Cirriforms“ Tracks wie „Helicity“, „Slow River“ und „Illusion“ auf der Platte wieder, deren langsame strudelnde Grooves so fantasieanregend sind wie vorüberziehende Wolkenschlösser, und so weich anmuten wie driftende Wattewolken, in denen man sich träumend zur Ruhe betten will. Jenseits von Trends und Moden treibt man durch stimulierende Technohouse- und Elektrogefilde, deren grandiose Instrumentalität und treibende Grooves vor Vielseitigkeit nur so strotzen. Wolkenreise Zauberworte: immer wieder anders klingende Universalität. „Immer das Gleiche zu machen, stimuliert mich nicht,“ sagt der Wahlspanier und Tronic-Labelchef Christian, auch wenn er sich laut dem neckischen, oftmals „zu relaxten“ Selway „zu gerne auf gut funktionierende Kickdrums“ verlegen mag, was man auf „The Coming Storm“ zum Glück geschickt zu verhindern weiß, „deswegen mussten auf dem Album zahlreiche Styles – von Detroit zu Minimal und Elektro, wobei Detroit unsere gemeinsamen Roots widerspiegelt – möglichst kunstvoll verschmolzen werden.“ John, auch als Gitarrist und Sänger in Abe Duques Livetechnokombo Rancho Relaxo Allstars zu hören, fügt hinzu: “Musikalische Vielschichtigkeit ist eine Herausforderung. Ich habe – allein und in Kollaboration – schon so viele verschiedene Projekte gehabt (von Trance Jazz bis Acoustic Techno ist alles dabei – Anm. d. Autorin), dass ich mich als Künstler einer Kategorisation entzogen habe. Call it Technohouseelectrominimal – es ist alles nur ein Teil des großen Ganzen.“ Christian stimmt zu: „Genrefizierungen sind Quatsch. Wir beide sind von allem etwas, und das macht auch unsere Stärke (was sowohl ihre Zusammenarbeit als auch das Album zu einem solchen Erfolgsmoment macht – Anm. d. Autorin) aus, und deswegen haben wir auch in verschiedenen Szenen ein Standing.“ Transit Time Und doch: gerade jene sorgfältig ausgearbeitete Balance zu finden, war nicht so einfach, wie es klingt. Dreißig Tracks wurden insgesamt größtenteils in Barcelona, wo Christian seit eineinhalb Jahren lebt, und Berlin, wo der New Yorker John seinen zweiten Wohnsitz hat, produziert, erste Ideen wieder verworfen. Älteres Material kam am Ende gar nicht mehr in Frage. Zu intensiv war der Entwicklungsprozess, den nicht nur die Szene in den letzten Jahren durchlief, sondern auch die beiden Künstler und deren Labels Tronic, Serotonin, CSM und Memory Boy ebenfalls Wandel durchliefen: „Neue Moden gehen nicht spurlos an mir vorbei,“ gesteht der bekennende Italo-Disco-Freak Selway, und Smith fügt hinzu: „Ich bin ehrlich gesagt froh, dass Techno heute nicht mehr rasendes Tempo bedeutet.“ Und so klingen die dreizehn Tracks des Albums wie eine auf- und abschwellende Energieflut, die durch eine Vielzahl von emotionsgeladenen Szenarien trägt, bevor es im seminalen „Final Approach“ seinen kulminativen Höhepunkt findet. Ein gemeinsames Liveset, das den Spirit des Albums widerspiegelt, wurde parallel zur Erstellung von „The Coming Storm“ sorgsam ausgefeilt, das nun auf ausgewählten Events zum Einsatz kommt. In einem Strudel vereinen sich John Pianistenroots mit Christians Groovyness und Johns Vielseitigkeit mit Christians Bestimmtheit zu einer kraftvollen Böe, die sie immer weiter nach oben und um die Welt transportiert... Text: Kat vom Planetkat Punkt com. Cheers: Phunky & Hugo B. KLink: www.smithandselway.com |