27.11.2007

One+One: Eins plus Eins – macht eins! +++ RL ARCHIVE AUG 07







Das Kreieren einer "Summe, die größer ist als die ursprünglichen Teile der Gleichung" ist das Erfolgskonzept von One+One – Nic und James plus ein Haufen Technik back-to-back ergibt: eine fette Party. Nic Fancuilli, Ministry-of-Sound-Resident, Renaissance- und Global-Underground-Mixmaster, und James Zabiela, der als das neue Gesicht von Progressivehouse gehandelt wurde, als Sasha ihn, 22 Jahre jung, 2002 für seine Agentur signte, beschlossen, im Team zu arbeiten, als sie 2005 zusammen durch Asien tourten, und sind seitdem unzertrennlich.

Die – ohne den Wirt gemachte – Rechnung geht auf

Während einer besonders Alkohol- und Karaoke-geschwängerten Nacht machte es auf einmal Klick und die beiden Jungstar-DJs, die sich bereits eine ganze Weile gekannt hatten, wurden eins. Der symbiotische Aspekt ihrer Verbindung – laut Presseinfo und auch Wörterbuch "die Interaktion zweier Energien, deren kombinierter Einsatz größer ist als die Summe der einzelnen Kräfte" – ist die Geheimformel dieser Kooperation. Seit ihrem freundschaftsbedingten Urknall sind die beiden hinter den Turntables und auch im Studio ein Team – ein musikalischer Moment von Format für beide, da ihre respektiven Mixstile und Geschmäcker sich ergänzen, und ihr sowieso schon weitgefächertes Spektrum – was sie ja schon ursprünglich auszeichnet und berühmt gemacht hat - noch mal um ein Universum erweitern. Ihre kürzlich auf Ministry of Sound erschienene Doppelmix-CD ist eine ausgewogene und vollkommene Angelegenheit, die die jeweiligen Favorites der beiden weltberühmten DJs in einem aufwands- und schwerelosen Trip miteinander verschmelzen lässt.

Two Become One

Es ist vorprogrammiert, dass die beiden mit ihrer jungen und unbekümmerten Attitüde zu schnuckelig anzusehenden Aushängeschildern der nächsten Generation und zu kraftvoll nach vorne pushenden Zugpferden eines seit Anbeginn der kommerzialisierten Dancemusikkultur operativen Syndikates für gepflegte Clubbeats mit internationalem Anspruch und Niveau werden. Eine gut austarierte Symbiose von gutem Aussehen und visionärem Talent, was sie zum perfekten Produkt macht. In dem sie, sich mit dem tried-and-tested Star-Konzept identifizierend und trotzdem ganz sie selbst seiend, eins mit einer seit langem anerkannten Marke wie Ministry werden – auf die Grundidee aufbauend, die auch den Mix-CDs von Renaissance und Global Underground zugrunde liegt, was auch deren Erfolge ausmacht – positionieren die beiden sich zwar ganz vorne, doch sie sind trozdem mehr als klever nach Karriere lechzende Krächzer. Sie sind Freunde. Freunde, die auch zusammen arbeiten. Nicht unbedingt immer einfach, aber etwas, was das Leben lebenswert macht. James erklärte Raveline, warum.

You´re Not Alone

"Es ist nicht so offensichtlich, aber DJ-Sein bedeutet auch Alleinesein. Was sehr seltsam für uns beide ist, so seltsam das auch klingen mag. Nic und ich sind beide sehr fest in unseren Heimatstädten verwurzelt – er kommt aus Maidstone, ich aus Southampton – und wir haben immer noch die gleichen Freundeskreise wie früher, auch wenn wir Monate außer Landes verbringen. Wenn wir touren, was eigentlich dauernd der Fall ist, reisen wir die ganze Zeit non-stop um die Welt, alleine. In einer Minute stehen wir noch vor 8.000 Leuten, in der nächsten sitzen wir alleine in einem anonymen Hotelzimmer. Zu zweit macht alles gleich viel mehr Spaß. Aber so seltsam es klingen mag – es war nicht einfach, durchzusetzen, dass wir beide zusammen arbeiten werden, denn hinter der netten Fassade der Danceindustrie ist nicht immer alles so easy, wie es nach außen hin scheint. Erst, als alle vom Nutzen dieser Aktion überzeugen konnten, waren sie bereit, an einem Strang zu ziehen. Gut so." Ausschlaggebend für die Zusammenarbeit der beiden Jungstars war für beide die aufkeimende Freundschaft, die nicht nur auf gegenseitigem Respekt für die Arbeit des anderen basiert, sondern auch auf der Anerkennung der Anders- und Gleichartigkeit, so seltsam das auch klingen mag.

Protecting Each Other

"Mit Nic zusammenzusein ist immer spaßig," erzählt James, "es ist, als ob es zwischen mir uns ihm eine Grauzone gibt, wo wir uns auch musikalisch begegnen und es funkt, weswegen es auch hinter den Turntables und im Studio funktioniert, nicht nur im Leben. Es fühlt sich sehr natürlich an." Hinzu kommt besagter Aspekt des DJ-Daseins: Das Alleinesein. Gerade, wer zuhause sehr in seinen Freundeszirkel eingebunden ist, hat einen hohen sozialen Feelgoodfaktor, der in der Flughafenlounge wegfällt, besonders, wenn man wie James eher ein schüchterner Typ ist, der bei Erkanntwerden am liebsten wegtauchen will in eine Fantasiewelt, die sich alles um Nintendogameszocken und Gadgetliebhaberei dreht – Vorlieben, die er mit Nic teilt, dessen liebstes Hobby Mac-Zubehör testen ist. Schön, wenn man in verrückten Momenten, wie zum Beispiel auf einer Afterhour, die James alleine fast gar nicht mitnimmt, mit Freund und Helfer Nic als Backup allerdings doch genießt, selbst wenn es etwas crazy wird, oder auf extensiven Tours dann doch jemanden zum Lachen und Ausheulen dabeihat. "Es ist schön, Nic zu haben. Vor Gigs bin ich immer schrecklich nervös, er schafft es, mich zu beruhigen, denn er hat vor nichts Angst", lacht James.

On The Broadwalk

Der heute 27-jährige James, weltberühmt dafür, einer Progressive-geprägten Hörerschaft Breaks zugängig gemacht zu haben und somit für frischen Wind auf den Mainstagefloors gesorgt hat, begann seinen interstellaren Aufstieg mit dem Gewinnen des berüchtigten Scghlafzimmer-DJ-Mixwettbewerbes im englischen Uk-Mag Muzik, und kickstartete seine früh durch den Technovinyl-dealenden und zockenden Plattenladen-Vater beeinflusste Karriere mit einer Menge Talent und Zielstrebigkeit. Nic Fancuillis Werdegang – sein jüngerer Bruder legt übrigens gerade im Breaksbereich einen Durchbruch hin – klimaxte ähnlich meteorisch. Seinen mellow Housestyle zu seinem Markenzeichen machend machte er einst einen riesigen Schritt nach vorne und wurde als Ministry-of-Sound-Resident auf der ganzen Welt bekannt. Kennengelernt haben sich die beiden "vor ein paar Jahren in Miami," erzählt Nic. "Wir haben auf dem Broadwalk eine Show für MTV gefilmt, und James brachte mich zum Lachen. Freunde wurden wir allerdings erst auf einer Tour durch Asien. Wir haben sehr schlecht Karaoke gesungen, und dank einer Menge Alkohol geriet das Ganze extrem außer Kontrolle. Dabei halte ich James eigentlich für sehr talentiert und bewundere ihn für seinen DJ-Style."

Cheesy Music

James lacht: "Ich hielt Nics Musik eigentlich für käsig, doch hat sich das im Laufe der Zeit gegeben. Wir haben alle schreckliche Musik gespielt, als wir angefangen haben. Ich habe ihn dann auf eine meiner Parties eingeladen und er kam als Mexikaner verkleidet. Seitdem spielen wir back-to-back. Produktionstechnisch habe ich eine Menge von Nic lernen können, wir geben einander viel Feedback. Auch im Bezug auf unseren Mix. Für mich sind es die Kompromisse, die zählen. Wir arbeiten wie in einer Partnerschaft. Das macht es so einzigartig." das ist ein interessanter Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist, denn es gibt genug DJs, dessen Ego eine solch enge Zusammenarbeit und die daraus folgenden Kompromisse nicht zulassen würde. "Tatsächlich klingt der Mix ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte," gibt James zu. "Nicht alle Platten funktionieren in diesem Kontext, wohingegen andere sehr wohl passen. Das ist das Schöne an der Sache, mit einem anderen Dj zu arbeiten, dessen Musik man nicht kennt." Nic fügt hinzu: "Der Sound ist eine Verschmelzung meines und James' Musik, halb und halb. Eine Menge Leute würde es überraschen, wenn sie wüssten, welche Platten von wem stammen. Alles in allem ist jede Menge gutes Zeug – und es gibt noch einen downloadbaren dritten Mix dazu, dessen Sound zu entspannt-abstrakt für den Club ist."

Playing Nintendo

Neben Tracks von interessanten Produzenten wie Cobblestone Jazz, Guy Gerber und Carl A Finlow, Classics von Deep Dish, Funk D Void und Derrick May sind auch noch jede Menge neue und alte Deephouse und Techno-Classics dabei, immer mit einem Hauch von Acid und Electro gewürzt, die James' Essenz ausmachen und einem Funken Funk und Soul im Unterbau, was Nic grooven lässt. Nach sechs Monaten zusammen im Studio kam schließlich ein Mix zustande, deren technische Aspekte genauso zufriedenstellend waren wie die musikalischen. Neben einer neuen DJ-Hardware-Komponente namens Q2 Dual DJ, die beide gemeinsam ausgetestet haben, bis sie schließlich auch auf der auf der Miami Music Winter Conference gestarteten Welttour zum Einsatz kam, wurde an Edits, neuen Tracks und Effekten gebastelt, die jede einzelne Nummer zu Exklusivmaterial macht. James erklärt: "Die Tracks sind zum Teil alt, aber einzigartig, ein wenig Turntablismus kommt genauso zum Einsatz wie Ableton und Feedback-Looping." Nic fügt hinzu: "Wir haben unsere eigenständigen Sounds eingebracht und uns in der Mitte getroffen. Da wir beide einen ähnlichen Background haben, war das gar nicht so schwer, und es hat auch keiner zurückstecken müssen."

Street Factor

Auch wenn es sich streckenweise fast ein wenig clashig anfühlt, weil klassischer House im Kontrast zu etwas experimentelleren Eletrotunes steht, ist es doch ein gelungener Ride mit überraschenden Twists und Turns und einem angenehm hohen Streetcred-Faktor, besonders der dritte mix zeigt einige seiten dieser eklektischen DJs, die sich um Moden wenig scheren. Etwas, das auch ihre großen Vorbilder ausmachte, die weniger Hit-Jockeys waren und sind als geschmacksbewusste Selectahs. "Unsere Mixe sind schon dramatisch anders, als man erwarten würde, deswegen sind wir auch schon auf die Reaktionen unseres Publikums auf der Tour gespannt. Aber eigentlich war es ja die Reaktion der Leute auf dem Floor, die uns 2006 ermutigt haben, zu One+One zu werden. Mit Tweaks, die keiner erwarten würde, und einem sinisterer gewordenen James, sowie einem entspannter klingenden Nic verspricht das One+One-Ensemble eine spannende Sache zu werden. James findet das auch: "Musikmachen ist wie Nintendospielen. Es muss halt irgendwie passen."

"Ministry of Sound Recordings presents... One+One" ist auf Ministry of Sound erschienen.


Text und Interview: kat at planetkat dot com

KLinks:

www.nicfanciulli.com
www.jameszabiela.co.uk
www.myspace.com/oneplusone



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