19.06.2007

Flinsch & Nielson: Da war doch was! +++ RL ARCHIVE MAY 07







Rauch mich auch!

Nach mehr als 25 Jahren Arbeit im subventionierten Tagebau nun an seinem zweiten Standbein und an seinem musikalischen Selbst feilend hat das „Urgestein“ Holgi Star, mit bürgerlichem Namen Holger Gutwald, eine Komplettrenovation – inklusive Augenringlifting und Dreitagebartkarambolage – vorgenommen und erlebt seit 2005 als Holger Nielson eine soundtechnische Renaissance, die ihn nun, mit ein wenig Bestechung und Hochschlafen, bis auf die Titelblätter diverser KYellowmusicpagemagazine katapultiert. Der gebürtige Nürnberger, der sich in den frühen Neunzigern in das noch mauerlich getrennte Berlin absetze, stemmte sich Ende der Neunziger aus dem breakbeatigen Umfeld der Timingposse in den mit DJ Emerson neuformierten Technoring, um auch endlich mal so richtig auf die Fresse zu geben (das mit dem -legen hebt er sich für seine Frühpensionierung auf, wenn Schalke mal so richtig abloost und er aus lauter Wut Bierdosen gegen die Wand im Altersheim knallt, damit die Schwestern ihm Pillen geben, ha!). Doch dabei blieb es nicht: Irgendwann fuhr er seinen tiefergelegten Technoschlitten gekonnt gegen den Affenbrotbaum neben seiner Tiefgarage und stieg auf gefinetunte Minimalklonker, deren schlierig-psychedelische Vielschichtigkeit sich mitten im Club mit gradlinigen Beats paart, um. Der schneidige-stylische Umschwenker steht dem Kiddaz.FM-Label-Gründer, der fortan auch als microschlonzig bouncy schwingender Playmate- und Micro.fon-Groovetech-Produzent niegekannte Erfolge feiern konnte, die heute auch die gesamte, neu um ihn formierte Rompecabeza-Truppe ausgezeichnet, ausgesprochen gut. Hurray!

Kontrastprogramm

Das totale Kontastprogramm zum floororientierten Hauptstadtpartyexzess fährt „Nierenstein“ Holger Flinsch. In ein gitarrenklampfendes Proletarierhaus bei Frankfurt hineingeboren erhörte er den Ruf des Techno mitten im „Winternebel“, und folgte ihm in seiner ureigenen Weise – bis nach Frankfurt. Stets auf der Suche nach Authentizität ohne Selbstverbiegung und Lügenmasken und Menschen, die es ehrlich mit ihm meinten, schaffte er es – fasziniert von erloschener Lava –, seinen Basaltstyle zwischen Techno, Dub und Deep herauszukristallisieren, ohne sich von schnelllebigen Trends ablenken zu lassen. Das schaffte nur der Zusammenstoß mit Holgi, und die daraus entstehende Zusammenarbeit lieferte bereits Material für über drei Drehbücher, die sich unter anderem mit der Psyche busfahrender Mittelklassemenschen beschäftigen. Wenn Holger nicht gerade produziert, philosophiert und fasziniert, trinkt er Abbelwoi und ersinnt neue Gimmicks wie Geldzaubermaschinen, Furzkissen und Viereckeiermaschinen, wovon er einige auch für die Soundproduktion verwendet. Auch für die Wundertüte. Um mal wieder drauf zu sprechen zu kommen. Was da wohl drinne ist? Die Mama-Papa-Kind-Urzeitkrebsfamilie? Die Umdieeckeguckbrille? Ein aus Pulver wachsender Kristallberg? Ein Kalter-Krieg-Spionkit? Mit Spannung und dem im bpm-Takt klopfenden Herzen öffne ich die für etwas mehr als zwei Groschen bei einem Dealer des Vetrauens erworbene, knackig verpackte „Wundertüte“. Und finde vor: nicht mehr und nicht weniger als 10 „Gimmicks“. Erstaunt lasse ich die knisternden Kracher in meine Gehörgänge kriechen...

In der Tüte liegt die Kraft

Geheimnisvoll zwiselnde Soundschwaden vernebeln die Stratosphären meines Cortex, wo Stimmfetzen kurbeln, knorschen und Rabatz machen, und ich fange an zu lachen... Ahaaa... Ohohoho.... noch mal. Hihihihi. Mit den zwei gemäßigten Clubtechilluminati Holger und Holger so ’ne dicke Tüte zu barzen, ohne zu inhalieren, versteht sich, kann Folgen haben, denn ihr psychoaktiver Technostyle wampert erbarmungslos in Richtung Tanzfläche, auf der man sich in mehrdimensional bemessenen Kurzgeschichten wiederfindet, die den Background des Albums behandeln. Eine davon, die Geschichte einer slowenischen Bergarbeiterfamilie, die es durch eigene Kraft schafft, sich aus den Fängen des Bolschewismus zu befreien, macht den erzählerischen Hauptstrang der „Wundertüte“ aus, aus dem sich die anderen 9 Gimmicks herausschälen wie eine strahlende Nymphe aus ihrem Lederoverall. Und wie der Phönix aus der Asche steigen die beiden Holgers auf den Oberolymp der neudeutschen Maximalbewegung und bolzen von dort aus ihre breiten Beats quer durch den Cyberspace. Nur durch rauchinduzierte Telepathie miteinander verbunden, überraschen sowohl Holger als auch Holger mit ihrer metamophorischen Soundsymbiose, die weder nach Flinsch noch nach Nielson – beide ja für sich genommen schon ernsthafte Musikinstanzen –, klingt: Schlierige Schwaden knasternder Kaskaden voller balliger Buffbässe und Stimmschnipseleskapaden, die zum Mithotten einladen. Doch nicht alles ist offensichtlich. Wie sie Sex in Tüten verpacken, der in blauen Rauch aufgeht, wenn man sie öffnet, wird ihr süßes kleines Geheimnis bleiben. Und was es mit dem Knackpo auf sich hat und Woodys Faltensalbe, wird sich auch durch Rückwärtsspielen nicht ermitteln lassen. In der Wundertüte stecken beide. Doch der Eklat bliebt aus, und so umschiffen sie unverträgliche Clashmusic mit einem gekonnten unausgesprochenen Einverständnis. Schuld daran ist das Gimmick in besagter Wundertüte.

Text: Kat from Planetkat dot com. Fotos: Stefanie Zwisler

KLinks:
www.kiddazfm.de
www.myspace.com/holgistar
www.myspace.com/holgerflinsch


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