18.06.2007

Paco Osuna – Minimal auf Katalanisch +++ RL ARCHIVE MAY 07






Wie eh und eh extrem selbstkritisch ist er jedoch weiter auf der Suche nach „seinem Sound“, davon überzeugt, immer noch nicht an dem Punkt angelangt zu sein, an dem er wirklich hundertprozentig mit sich zufrieden ist. Zu seinen reduzierteren Wurzeln zurückgekehrt zu sein – der ehemalige Amnesia-Ibiza-Resident und Ex-Cocoon-Artist spielte in den Anfängen seiner Karriere mit Begiesterung Sachen von Maurizio, bevor er von Sven Väth angefixt zum Techno konvertiert wurde –, ist für ihn echte Erkenntnis und Beweis, zu sich selbst zu stehen, aber so ganz scheint er sich nicht zu trauen. Doch Erfolg spricht für sich... Raveline traf Paco auf seiner Südamerika-Tour, um mehr herauszufinden.

Tempramento Latino

Zunächst finde ich heraus, dass Paco solo ist nach sich nach weiblicher Gesellschaft sehnt. Ein Aspekt aus dem Leben eines weitreisenden DJs, den Kwahrscheinlich jeder nachvollziehen kann, der seit Wochen keine vertraute Person mehr gesehen hat. Um den Globus tourend verzerrt sich alles in einen Club-Hotel-Trip, und irgendwann sehnt man sich nach einem gemütlichen Ort, besonders, wenn man wie Paco eine Allegie gegen Klimaanlagenluft hat und im Flugzeug nicht schlafen kann. Zum Glück hat Paco so etwas wie ein Heim gefunden, haust er doch in Sao Paulo in der Hütte seines DJ-Kollegen Anderson Noise und kann sich so dann doch noch ein wenig lockermachen. Ganz relaxt aus der Hüfte dann gleich die Erklärung, warum er solche Strapatzen auf sich nimmt: „Ich dürste sehr nach Anerkennung, die Leute, die mich hören und sehen wollen, geben mir die Kraft, bis in die hintersten Winkel dieser Erde zu reisen. Seit dem ich ein kleiner Junge bin und mal in einer Discothek in der Ecke hing, fasziniert mich, das Handwerk des DJs. Das man deswegen interessant aufs andere Geschlecht wirkt, auch, jajaja, haha!“

Let’s Talk About Music

Zum Glück ist Paco dann doch noch zu einem anderen Gespräch zu bewegen als über die Faszination über Frauen, die wohl einen Großteil seiner Wachzeit in Anspruch nimmt und ihn vor Rätsel stellt (Amn. d. Red. Welcome to the club!). Doch auch musikalisch hat er eine Selbstfindung hinter sich, die darauf schließt, dass er sich oft sehr großherzig auf neue Herausforderungen einstellt und oftmals erst hinterher begreift, was es damit auf sich hat. Raul Orellana vom Club Studio 54 war der Erste, der Paco in der Art und Weise, wie er Musik auflegte, nachhaltig beeinflusste. Richie Hawtin und Marco Carola sind die Letzten. Und was dazwischen passiert, eigentlich wirklich sehr interessant. Denn irgendwie ist Pacos ganze Geschichte eine Art Kreis, der sich schließt, auch wenn seine Reise zu sich selbst um die ganze Welt geführt hat. Den Anfang machte ein ganz simples Demotape, dass dem Besitzer des Amnesia in die Hände fiel, der Paco als Konsequenz zum Resident machte. Hier kam eins zum anderen. Denn hier lernte Paco einige sehr wichtige Schlüsselfiguren seiner Karriere kennen: J.W. Henze und Sven Väth, die ihm die Tür zur Welt des Techno öffneten, der fortwährend auch zu Pacos Markenzeichen werden sollte. Wie er nun kürzlich in einem sehr aufschlussreichen Interview in der spanischen Technozeitung Trax gestand, verlor er dadurch seine Faszination zu minimalen Housesounds ein wenig aus den Ohren.

Back To The Roots

Um so erhelichteter fühlt er sich nun, zu seinen Wurzeln zurückkehren zu können. „Ich will, dass die Leute mich verstehen, und vor ein paar Jahren war einfach noch nicht die Zeit für ein minimaleres Soundprogramm. Endlich das Zeug spielen zu können, das man selbst liebt, tut richtig gut. Aber ganz so übel war es ja auch nicht. Mich hat Techno ja auch selbst geflasht, die Reaktion des Publikums hat mich riesig fasziniert, die Begeisterung, die man mit harten Sounds hervorrufen konnte. Also hab ich ein wenig ciao gesagt zu Maurizio und Gman.“ Die Jahre unter der harten Knute der Cocoons – soundtechnisch; die Zeit in der deutschen Bookingagentur hat Paco sehr gut gefallen, auch wegen seiner Gigs in Deutschland, die seit der Trennung von Cocoon und dem Lagerwechsel zu Zen Bookings zur Seltenheit geworden sind – ist nun allerdings vorbei, und so richtet sich Paco ganz auf den internationalen Sound aus, der alle Welt im Griff hat, so gut oder schlecht es auch sein möge. Tobi Neumann ist zu einem der besten Freunde mutiert, und nun kommt Paco im März auch einfach so mal ins Watergate geschneit und freut sich wie ein Tier.

Sound And Evolution

Endlich das spielen zu können, was einem gefällt, weil der Markt es gerad erlaubt. Eine vielleicht traurige Wahrheit des DJ-Daseins und vielleicht auch einer der Kritikpunkte, sollte es denn welche geben, am Publikum, die eine Fortentwicklung des Künstlers hinter den Tellern oftmals nicht nachvollziehen kann oder will. Ein Aspekt, der nicht nur Paco zu schaffen macht. „Marco Carola spielt seit vielen Jahren nicht nur harten Techno, im Gegenteil, Leute, die seine Musik zu schätzen wissen, haben Kenntnis von seiner Entwicklung genommen und seine Minimalhouseoutings, mit denen sich bei ihm vor Jahren ein Wandel ankündigte. Doch nach drei Platten kommen immer noch die Heads an und wollen Loops. Nun, ja, und hinzu kommen noch die Wandel der Tendenzen. Wenn sich ein Markt schließt, öffnet sich der nächste.“ Das nennt man Evolution. Minischritt für Minischritt geht es weiter. Was auch erklärt, warum manche Artist wie „Depeche Mode sich wandeln und doch immer gleich bleiben.“

Türen in Köpfen öffnen

„Ich fühle mich jetzt viel freier als früher, das zu spielen, was ich selbst mag. Ich spiele nach wie vor gerne Techno, aber eben nicht nur, und ich habe das Gefühl, dass gerade das mir Türen öffnet. Dass auch meine neuen Produktionen wirklich das Interesse der richtigen Leute und Promoter weckt, mit denen ich mich dann connecte. Ich hoffe, dass ich damit auch einige Barrieren in den Köpfen überwinden kann, so wie das damals Raul Orellana bei mir getan hat. Mir hat damals extrem gefallen, durch ihn überrascht zu werden, und an dieses Gefühl erinnere ich mich heute und genieße es, und ich glaube, das überträgt sich auch auf die Leute, die meine Sets zu hören bekommen. Ich werde vielleicht nicht den Erwartungen mancher gerecht, aber meine Freude an der Musik greitt um sich. Das finde ich wichtig. An meiner Persönlichkeit hat sich indes nichts geändert. Und ich habe auch nie Sachen gespielt, die mir überhaupt nicht gefallen haben, aber ich bin dennoch froh, dass ich mit meinem erweiterten Horizont Anerkennung finde.“ Das überträgt sich auch auf den Produktionsstil. „Der Groove und der Rhythmus sind die Essenz, denn ich will die Leute ja zum Tanzen bringen. Doch insgesamt bin ich mit meinen Produktionen noch Lichtjahre davon entfernt, dort hinzugelangen, wo ich hinwill, auch wenn ich mir jetzt selbst immer näherkomme.“

Einfach nur Musik

Ich glaube bloß einfach, dass mit so etwas wie ein richtiges Merkmal, ein Style, ein Markenzeichen bis jetzt noch fehlt, musikalisch gesehen bin ich einfach noch nicht ausgereift. Vielleicht sollte ich aufhören, auf den Dancefloor zu schielen und einfach nur Musik machen.“ Gelernt hat er die Basics von Freunden, danach kam die Eigenständigkeit als Produzent, nun wird am Selbstbewusstsein gefeilt, doch das positive Feedback der letzten Produktionen ist ein Indikator für Paco, dass er in die richtige Richtung vordringt. „Das ist der Grundstein meiner Zukunft, die ich für mich als Produzent erschaffen will.“ Die Resultate sind unter anderem auch auf dem neuen Osuna-Imprint Mind Shake zu finden. Passenderweise neu erschaffen für den neuen Sound und eine geniale Art und Weise, der eigenen geistigen Verwirrung verkopfter Angelegenheiten wie vertrackteren, „evolutionierten“ Minimaltechhousesounds ein Outlet zu bieten. Es blieb Paco auch nichts anderes übrig. Dank einiger Unstimmigkeiten mit dem Distributoren liegt sein erstes Label Shake, Home of heavy Technoloops a la Markantonio und Squillace, erst mal auf Eis. Dafür rulen und touren die Mind Shaker: Andrea Ferlin, Dustin Zhan und Skoozbot.

Evolutionierter Techhousesound

Und dann gibt es ja auch noch das jüngste Baby im Haus Osuna – nein, es ist nicht die Rede von den Outings mit altem Freund und Produktionspartner Alex Under, der mit seinen Releases auf CMYK von sich reden lässt. Sondern Christian Smith, dem weltwandernden Technoschweden, der nach seinem jahrelangen Stint in New York, wo er lange Zeit erfolgreich die Tronic-Label-Night betrieb, irgendwann vom repressiven Lebensstil der Amerikaner die Schnauze voll hatte und sich mit Freudin und Studio in Barcelona niederließ, der wohl lebensfreudigsten Stadt Spaniens. „Mit Christian habe ich mich sofort verstanden, und so haben wir gleich angefangen, uns an das Konzept für unsere Party im Club 4 zu machen, die kürzlich mit Adam Beyer in die erste Runde ging. Spanien ist genau wie Minimal in den letzten Jahren als Feierland extrem in Mode gekommen, was vielleicht daran liegt, dass die Spanier kulturmäßig riesig Lust auf einen Wandel haben. Das spürt man.“ Genau der richtige Ort also, mit Alex Under weiter an den „Momentos Miticos“ zu arbeiten, einem Liveprojekt. Die Evolution geht weiter.

Interview und Protokoll: kat@planetkat.com. Bilder: Zen. Thanks: Fran. Big up: Paco y toda la gente guay con mentes abiertas.

KLinks:
www.myspace.com/pacoosuna
www.zenbooking.com

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