22.03.2007 Marco Remus zieht Bilanz: Alles andere als Nervenschwach +++ RL ARCHIVE MAR 07 +++ |
Seit dem Erscheinen seiner ersten Platte mit Sven Brede entstandenen Platte „Der Ostcode“ auf seinem mit Torsten Kanzler und Bezz gegründetet Imprint Nerven Records, mutierte der einstmals bekannteste DJs des Ostens bald mitsamt seiner gesamten Stereo-70-DJ-Agentur-Posse zum Wahl-Berliner und wurde mit seinen bratzigen Releases auch Teil der Kiddaz.FM-Familie. Nach ein paar erfolgreichen Jahren und dreißig Releases auf Nerven hat Wandersmann Marco jedoch vor kurzem wieder juckende Füße und Lust auf neue Herausforderungen bekommen und so die Headoffice kurzerhand nach Belgien/Holland verlegt, wo er jetzt auch lebt. Zeit also für die „Bilanz 2007“. Ein Meisterstreich-Marco-Mix, der alle Karrierehighlights vereint, bevor es weitergeht. Mit wem oder was rechnet er da auf, fragte sich Raveline und beamte sich nach Belgien, der neuen Heimat von Ost-Decoder Marco Remus... Schranz und andere Abarten Bilanz 2007, das hat nichts mit Politik zu tun, obwohl es sich ja fast so an wie der Bundeswirtschaftsbericht anhört, das gibt Marco zu. „Ich war und bin in meinem Leben nach wie vor komplett unpolitisch, aber der Name ist Programm, weil ich mit dieser Mix-CD tatsächlich ein wenig aufrechne“, erzählt er fröhlich. Und erklärt auch gleich seine Intentionen. „Das Label Nerven gibt es nun seit 2001, und wir sind mittlerweile bei der dreißigsten Release angelangt. Das erste Ziel ist erreicht, und das wollten wir auf CD verewigen. Voilà, hier ist die Bilanz.“ In der Tat. Mit der CD blicken die Nerven-Jungs gemeinsam auf „eine großartige Zeit“ zurück. Nerven war für sie noch nie ein Label, das man einfach so unter der Sparte „Schranz, Tribal oder andere Abarten“ abheften konnte, ohne sich weiter Gedanken zu machen. Nerven war und ist mehr. „Das Label hat sich immer weiterentwickelt – unsere Story basiert komplett auf Abwechslung und auf dem freien Schaffen unserer Künstler. Das macht Nerven aus und interessant“, meint Marco dazu, und recht hat er. Nerven einfach so in eine dumpfe Schublade zu stecken, bedeutet, die Intention der Brachialbrecher komplett missverstanden zu haben. Ungenügend. Setzen. Nerven ist mit Humor zu nehmen. Selbst der Name – ein Scherz, den Marco sich gerne erlaubt. Genauso witzig auch die Namen der Releases: einer ironischer als der nächste. „Für mich ist es nach wie vor erstes Gebot, dass Nerven Spaß macht und nicht nur Kopfkloppe ist...“ Und so wird gekloppt, aber mit einem zwinkernden Auge. Hammerharte Technobeats wie der donnernde „Pussylicker“, seine thüringisch-deftige „Knackwurst“ oder auch das saloppe „Rap Mich Am Arsch“ sind allesamt Paradebeispiele für guten Humor und harten Geschmack, Karrierehighlights aus Marcos Leben, die sich natürlich auch auf dem Bilanz-Mix wiederfinden. Außerdem zu finden: weitere alten Nervenklassiker wie den „Kopfschüttler“, Mahatmas „Inspektah Death“, Marcos „Indian Beast“ und auch Rushs „Why Are You Talking“. Jeder, der mit Nerven Erinnerungen verbindet, egal, ob gut oder böse, wird mit der „Bilanz“ also gut bedient. „Ich habe beim Mixen und Kompilieren echt ein paar Tränen gelassen, da jede Platte ihre eigene Story hat, und so manche war echt geil“, lacht Marco, der Tabula Rasa macht, um nun getanen Werkes in einen neuen Lebensabschnitt durchzustarten. Boxen ist out! Disziplin ist in! „Zehn geile Jahre. Es ist Zeit, Danke zu sagen.“ Es gehe nie um Negativität, wenn es ballert, fügt Marco erklärend hinzu, der sich seinem Auflegestyle treu bleibt: „Ich bin nicht so ein Modehüpfer. Ich bin eher ein DJ, der sich seiner Herkunft bewusst ist und dadurch neue Vielfalt schaffen möchte. Ich versuche mein Set so zu gestalten, dass du dich als Raver cool fühlst auf dem Dancefloor und komplett mitgehst im Pegelverlauf mit jeder Menge Emotionen. Ich sehe diese Art von Musik als Stresstherapie, aufgestaute Energie, die es am Wochenende abzubauen gilt, loszuwerden, und rumschlagen tue ich mich nicht. Also gibt es Bässe für den Poppo und Shuffles für die Beine. Hardtechno ist energiegeladene Musik mit vielen Kicks, die dich dazu animieren sollen, abzugehen – um dich dann frei zu fühlen. Denn Boxen ist out...“ Recht hat er. War für ihn auch noch nie in – auch wenn der kahlgeschorene und altdeutsch tätowierte Gladiator-Remus auch halb so gewichtig immer noch eine imposante Statur hat. Doch wer ihn kennt, weiß, was er für ein Mensch ist. Ein extrem gradliniger, direkter Marco, der „mittlerweile erwachsen“ geworden ist. „Der Umfang von meinem Body hat sich verändert, und auch musikalisch gehe ich mittlerweile neue Wege“, erzählt Marco: „Auf meinem letzten Album ‚Neubauten’ ging es schon nicht nur um Hardtechno, sondern auch Elektro, Booty und auch Hiphop waren darauf vertreten.“ Etwas, dass sich auch schon bei „Remus für die Massen“ angebahnt hat. „Ich brauche das Gefühl der Spannung, und das bekomm ich nun einfach, wenn ich über meine Grenzen mal drüber schaue, um neue Einflüsse zu bekommen“, erklärt Marco. Ja, er hat sich über die Jahre verändert, auch körperlich. Vor seiner Radikalabspeckkur war Marco stark übergewichtig, hatte sich dann aber mit sehr viel Willenskraft wieder in Form gebracht. Was war damals eigentlich ausschlaggebend für diesen Schritt? „Meine persönliche Einstellung zu mir selbst hatte sich geändert. Erwachsen zu werden heißt auch, mal auf sich zu schauen und aus eigenen Fehlern zu lernen...“ Der „Ostcode“... Ein Lebensgefühl? Marco fährt fort: „Ich habe also angefangen, mich selbst an die Nase zu packen, um mich aus meinen Schlamassel zu ziehen. Ich hab bei mir gesucht und dadurch meine Antworten bekommen“, und fügt hinzu: “Disziplin ist oberstes Gebot, wenn du was schaffen willst.“ Disziplin, das hatte Marco aber schon immer, wenn er sich etwas in den Kopf setzte, dann passierte es auch. Irgendwie, irgendwann. Entschedungen trifft er aber auch aus dem Bauch heraus. Und mit dem Herzen... In seinem Leben hat sich daher viel getan, so auch jetzt wieder: Marco Remus, der einst mit seiner Stereo-70-Booking-Agentur, die sich später zu Nervenrecords umformen sollte, von Sömmerda bei Kölleda bei Erfurt nach Berlin zog, lebt und legt jetzt in Belgien – eine spontane Entscheidung? „Spontan, aber auch Schicksal... Ich plante 2005 eigentlich, mit Rush nach Amsterdam zu gehen, um neue Eindrücke zu sammeln, um wieder einen Schritt kreativer für mich selbst zu werden. Wer mich kennt, weiß, dass ich schon seit meiner Kindheit ein Wandersmann bin und nicht wirklich lang auf der Stelle treten kann. Deswegen bin ich damals auch nach Berlin gegangen, wo ich dann über fünf Jahre gelebt habe, bis ich dann gemerkt habe, dass sich auch in Berlin für mich nach einer gewissen Zeit nichts mehr tat. Eines Abends waren Rush, DJ Bold und ich in Berlin unterwegs und beschlossen spontan, nach Amsterdam zu fahren, was da so geht.“ Doch Amsterdam wurde dann durch Zufall doch nicht zur nächsten Station in Marcos Leben. „Ich spielte eines Abends in Antwerpen auf einer Party, wo ich sie sah... Sie ist meine neue Beziehung, und sie kommt aus Belgien. Seit diesem Tag bin ich in Belgien zu Hause, und ich sehe keinen Grund, hier wieder zu verschwinden. Die gesamte Agentur Stereo 70 sowie das Label Nerven arbeiten nun von Holland aus, und es läuft super.... Mit Bezz und Torsten Kanzler stehe ich ständig im Kontakt, und sehen tun wir uns alle sehr sehr regelmäßig...“ „Ich bin ein Gladiator und stelle mich meinem Schicksal“ Nerven Records, ins Leben gerufen von Marco, DJ Bezz und Torsten Kanzler, entstand 2000. Gemeinsam wurden Pläne gemacht, Layouts designt und Künstler für das Label gewonnen, die sich bis heute auf Nerven tummeln. Heute managed Marco Nerven alleine, auch, weil Torsten und Sven nun mittlerweile ihre eigenen musikalischen Wege gehen, worauf Marco sehr stolz ist. Die nächsten zehn Releases sind schon im Kasten, unter anderem von Alex Kvitta, Shee-La, Kaoz, Mahatma, Manu Kenton und Marco selbst. „Genug Stoff, um wieder Unruhe zu stiften in den Plattenläden“, lacht ein nachdenklicher, resümmierender Marco. „Nichts von dem, was ich erlebt habe, hätte ich vorher für möglich gehalten, und schon gar nicht Belgien – dann schon eher Brasilien... Das ist aber auch das Schöne: Ich bin sehr glücklich über jeder Sekunde in dieser Szene und würde alles wieder genauso machen – höchstens weniger Jägermeister trinken. Durch diese Szene und Musik hab ich gelernt, was es heisst, seinen Horizont zu erweitern, um Dinge cooler zu sehen. Verschiedene Länder kennenzulernen, und diverse Charaktere auf dich wirken zu lassen, um daraus zu lernen und um sich selbst kreativer zu gestalten. Ich liebe die Aufregung bei Reisen, die Nervosität vorm und die Gänsehaut beim Auftritt. Menschen lächeln zu sehen, weil sie dich schätzen und lieben. Für mich, und das jeden Tag aufs Neue. Ich brauche die Nähe zu den Freaks da draußen. Ohne euch sind wir DJs nichts! Jeder träumt davon, auf der Mayday oder Nature One oder auf der Loveparade zu spielen. Auch ich. Ich hab immer hart gearbeitet für mein Dasein als DJ. Es ist wichtig, niemals den Boden unter den Füßen zu verlieren, denn dadurch verlierst du auch deinen Weg. Niemand braucht einen fliegenden DJ... Techno ist Leben, und wer leben will, muss kämpfen. Ich bin ein Gladiator und stelle mich meinem Schicksal. Techno ist über die Jahre gewachsen und größer geworden. Auch musikalisch gehe ich neue Wege – denn wer sagt, dass man keine Grenzen überschreiten darf? Ich bin grundlegend neugierig, und das ist ein sehr wichtiger Aspekt für die Musik!“ Die Zukunft kann also kommen. Wenn sie nicht schon da ist! Und verdammt nervt! Text und Interview: Kat @ Planetkat.com. KLink: www.marcoremus.com |