17.01.2007

Cajmere vs. Green Velvet: “Let Me Hide And Let God Seek” +++ RL ARCHIVE DEC 06 +++







Und das direkt nach der Hiobsbotschaft, dass Curtis A. Jones bei einer vielleicht nicht ganz so samtigen Mushroom-und-Weed-Session Gott dem Gütigen direkt ins allwissende Auge blickte und danach voller Demut schwor, nicht mehr zu sündigen. Und ohne große Umschweife zum predigenden Vollzeit-Christen wurde, der in einer Lebensumkrempelaktion versuchte, sich von sämtlichen lasterhaften Versuchungen abzuwenden. Halleluja. Das sind ja Neuigkeiten – und wie nimmt unsere Szene das auf, in der er für seine giftgrüne Crazyness verehrt wird? Erst Ballaballapillen-Songs, nun das genaue Gegenteil – Frömmigkeit: War dies vielleicht auch der Grund, warum sein im letzten Jahr erschienener dritter Longplayer „Walk In Love“ wohl nicht die Publicity bekommen hat, die diese frohe Botschaft unzweifelhaft verdient hätte – und sei es nur aus Kontroversität? Hat der grüne Samtmann noch alle fliegenden Untertassen im Schrank? Raveline beamte sich nach Chicago und chattete mit dem Jackster über grassuchende Schafe, religiösen Fanatismus und Rassismus – den ganz normalen, alltäglichen Wahnsinn also.

Walking In Love

„Jeder Baum, der nicht gute Früchte trägt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen“, verkündet das Inlay von „Walk In Love“ schon fast unheilmäßig, wenn man es aufklappt. Doch es kommt noch heftiger: Curtis A. Jones (check’ die Titelstory der Aug-02-Ausgabe der Raveline in unserem Online-Archiv – www.raveline.de. Anm. D. Aut.), der Anfang der Neunziger sein Debüt als predigender „Preacherman“ – einem genialen Vocaltrack, in dem sich der Freakster als Sermonen-schmetternder Priester gibt – feierte, zitiert nicht nur das Matthäus-Evangelium, sondern liefert gleich einen bibeltechnischen Rundumschlag. Und dabei liegt Chicago doch gar nicht im Biblebelt, dem hochchristlichen Süden der Vereinigten Staaten. Was ist also passiert? Zum Hörer greifend suchen wir Antworten. „Auch ich war auf der Suche,“ sagt Curtis. „Bis ich zu Gott zurückfand.“ Moment mal. Von spiritueller Suche war nicht die Rede! Es ging allein um die Tatsache, dass seine künstlerischen Statements Fragen aufwerfen, die nach Antworten schreien. „Nun,“ lacht der Curtster, ein sehr fröhlicher Mensch, der sich auch bei Anrufen um 9 Uhr morgens direkt begeistert in ein sehr intensives Gespräch stürzt, was in einer Bekehrungszeremonie gipfeln soll – dazu später mehr – , „für mich war es eigentlich mehr das Gefühl, zu etwas zurückzukehren, dass ich irgendwann auf der Suche nach mir selbst, zwischen Thrills, Pills und anderen Ills, verloren habe.“ Nun, right, warum auch nicht?

Thine Eye Be Good

„Als Kind war ich einfach davon ausgegangen, dass Gott in all seiner Güte existiert. Dann habe ich mich irgendwann abgewandt, mich auf die Suche begeben. Habe jegliche Schrift über jede Religion gelesen, die es gibt, mich und bin dann doch irgendwann wieder dort angelangt, wo ich früher schon mal war. Bei mir selbst. Ich bin Christ.“ Und so erklärt es sich dann wahrscheinlich auch, dass Curtis sich und seine Musik in Myspace unter „Christenmusik“ listet. Kann es noch absurder kommen? Wäre dieser Mann nicht so unglaublich charismatisch, würde man es glatt als neuen Streich abtun, den sich der schelmische Jester Green Velvet einfallen lässt, um seinem vielfacettigen Freakcharakter ein neues Outlet zu bieten. Doch nein, es ist ihm ernst. „Ich fühle mich glücklicher denn je. Ruhe in mir selbst. Die Zeit der Verleugnung ist vorbei. Ich habe zu meinen Wurzeln zurückgefunden.“ Dieser Prozess der Selbstfindung begann irgendwann im Jahre 2002, und die einzelnen Stationen der Auseinandersetzung spiegeln sich in seinem 2005-Album „Walk In Love“ wider, in dem es Lyric-technisch um UFOs, Sex, Verlangen, das Überkommen von Versuchungen, Schlangestehen in Clubklos und Pin-Up-Girls geht, wie immer eine gesunde Mischung von ganz alltäglichen Observationen und schon fast philosophischen Erkenntnissen in typisch Green-Velvet-styliger Manier.

Come Back

Der Sound reicht von rockig trashenden Elektrotechnobeats zu analog-anarchisch jackenden Freakstyleacidhouse, und für die deep groovend Beseelten unter den Ravern gibt es noch einen Haufen Bibel-Zitate mit auf den Weg, die für Curtis eindeutig sind, für Nicht-Christen ein echter Knackpunkt. Irgendwas fehlt als Schlüssel. „Der Glauben“, kräht Curtis und versucht sich an einer Inpromptu-Bekehrung. „Sag’ ja“, sagt er, „ sag’ ja zu Jesus!“ Wer kann einer so charmanten Versuchung, einfach so „Ja“ zu sagen, widerstehen? Vielleicht nur der, der Zweifel hat. An Gott, an sich. An allem. Vielleicht gar keine so schlechte Idee, diesen Zweifeln Byebye zu sagen. Oder doch? Hach. Ein Zögern kann nur bedeuten, dass es noch nicht so weit ist. Das müsste reichen. Ja, und wie ist das dann, wenn man Gott gefunden hat? Ist der Rest des Lebens dann eine entspannte, wenngleich auch ernsthafte Affaire zwischen Spiritualität und Selbstkenntnis? Oder hat man trotzdem noch Zweifel und Ängste? „Wir sind alle Schäfchen Gottes, und er ist unser Hüter. So manches Schaf trennt sich auf der Suche nach grünen Büscheln saftigen Grases unwissend von seiner Herde“, predigt Curtis. Das Bild von grünem Grase widerkäuenden Green Velvets vorm inneren Auge sorgt für wilde Lachsalven, bevor er fortfährt: „und im Walde, da lauern die Wölfe, bereit, das Schäfelein zu reißen. Gott ist unser Hirte, der uns hütet und uns vor den Wölfen schützt.“

Tribulation

Warum sprechen Christen bloß in Zungen? Sucher an Curtis: Wer sind denn jetzt die Wölfe? „Nun ja, es geht mehr darum, dass die Herzen im Umgang mit manchen Menschen zu Eis werden, und davor schützt uns Gott.“ Und dann gesteht er: Es geht um Rassismus. Es geht darum, dass man als Schwarzer in den USA oftmals kurz davor steht, vor lauter Negativität kaputtzugehen. Sich wegen Ignoranz und Diskrimination in eine Hassmaschine zu verwandeln. Sein Herz erstarren zu lassen. Mit den gleichen Vorurteilen auf Andere zuzugehen. Und doch: Es gibt für ihn keinen Ort auf der Welt, in dem er lieber leben würde als Chitown. „Chicago ist eine Stadt voller guter Menschen. Hier lebe ich.“ Voller Frommheit. Damn. Das mit der Religiösität ist ein richtig ernstes Thema. Vielleicht zu ernst. Was ist aus dem wilden Partymonster geworden? Schon fast stimmt es ein wenig traurig, Abschied zu nehmen vom ausgeflippten Freak und Hallo zu sagen zum Bibelwälzer, der immer eine Moral auf den Lippen hat statt wie früher Tüten, Trips und Titten – auch wenn die MOS-Doppelmix-CD selbst müdegewordene Partyveteranen wieder mobilisieren dürfte, denn Curtis ist auch als DJ ein Meister seines Faches... Zeit in eine Psychologenrolle zu schlüpfen, um dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Wann genau kam es dazu?

Incorruptable Seed

Bei bereits erwähnter Drogensession, die für einen Bad Trip sorgten? Curtis wäre nicht der Erste, der in solch einer Situation einer erzürnten Gottheit begegnet... Nun ja, eventuell ja, aber ganz so simpel war es nicht: „Ich wollte nicht mehr so weiterleben mit der ganzen Pafferei – Marihuana war meine Passion – , kam aber nicht davon los. Schließlich bat ich Gott um Hilfe, und Gott erhörte mein Flehen. Manche von uns sind nicht stark genug. Wir brauchen den Glauben an das Höhere, den Glauben daran, dass wir nicht alleine sind, um darin bestärkt zu sein, zu den Menschen zu werden, der wir sein wollen.“ Und das sagt einer der Menschen, deren Biografie, die so charismatisch ist wie ein Karmachameleon, dessen Energyflash-Charakter so unglaublich stark sein musste, um in einer langwierigen, manchmal gar qualvollen Metamorphose zu dem zu werden, der er heute ist: Ein neongrünschopfiger Technofreak, der nach einem erfolgreichen Start ins akademische Leben nicht Doktor und auch nicht Chemiker wurde, obwohl die eigene Mutter konstant für ihn betete. Stattdessen trat er in die Fußstapfen seines Hobbymusikervaters – dabei hätte ihm in seiner Jugend nichts ferner gelegen, als den eigenen Dad zu imitieren. Der Rest ist hingehend bekannt.

Crown of Life

Als Cajmere produzierte Curtis auf seinem ersten Imprint Cajual die ersten Houseplatten, durch den schnellen Erfolg bald zur zweiten Welle der Erstliga-Produzenten der Windy City zählend, in der das „Feeling“ Housemusic in den Achtigern geboren wurde. Wenig später folgte das Comingout als Green Velvet, dessen flashende Persönlichkeit, die sich in einem Haufen Platten auf Curtis’ neugegründetem Techno-Label Relief und später in zwei gefeierten Longplayern, „Constant Chaos“ und „Whatever“, manifestierte, die Szene dermaßen wowte, dass Curtis’ Alter Ego als Liveact bald die Bühnen der Welt tourte. Wie die Bühnenpersönlichkeiten seiner zwei großen Vorbilder Grace Jones und David Bowie ist auch Green Velvets Charakter ein androgynes Wesen von einem anderen Planeten, dessen exzentrische Persönlichkeit, einzigartiges Songwriting und interstellare Karriere exemplarisch für kompromisslos stylischen Individualismus ist – etwas, das er sich in einem langen Comingoutprozess Schritt für Schritt erarbeitet hat. Nun scheint dieser Prozess abgeschlossen, und nach all den abgehobenen Jahren besteht bei Curtis nun der Wunsch nach Verwurzelung, nach Kontakt, etwas, das ebenfalls elementar menschlich ist und auch exemplarisch. Wir alle sind auf der Reise, zu uns selbst, ins All. „Walk in Truth, Walk in Love“, sagt ein apokalyptischer Curtis und fügt hinzu: “Wir haben nicht mehr viel Zeit. Zeit, sich zu Jesus zu bekennen. Sag’ ja.” Lieber nicht. Doch der Preacherman gibt nicht auf: „Heute abend wird dir jemand Pizza anbieten,“ orakelt Curtis und hat damit das letzte Wort. Und nach einem langen Tag voller Gedanken über die Existenz, Liebe, Life, Everything kauft mir tatsächlich die allerwichtigste Person in meinem Leben right here, right now Pizza und bietet sie mir unter einem samtblauen, sternenübersähten Himmel an. Wow! Vielleicht ist es doch Zeit, an etwas zu glauben.

Words: Kat @ Planetkat.com. Besos: Kirin

KLinks:
www.cajual.com
www.ministryofsound.com


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