15.01.2007 John Beltran: Love Life Living +++ RL ARCHIVE DEC 06 +++ |
Denkend, fühlend, lebend produziert John Beltran, der multifacettiertere US-Produzent und DJ mit puertoricanischen Wurzeln, der sich Anfang Dezember mit seinem zweiten Longplayer auf dem englischen Ausnahmelabel Exceptional zurückmeldet, emotionale Traumgänge – sensible Soundscapes, die klassischen Songstrukturen folgen und sich doch zu verlieren scheinen. Die Idee: seine persönlichen Lost-In-Translation-Momente musikalisch umzusetzen. Wäre sein Leben ein Film, wäre „Human Engine“ der passende Soundtrack dazu. Der Menschenmotor Thema des Filmes: Persönliches, Liebe, Leben. Liebend leben und lebend lieben eben. Die Mechanik, die das Ganze vorantreibt und die Welt im Inneren zusammenhält: der „Human Engine“. Tief im Selbst, direkt im Zentrum unseres Seins, sorgen Neugier, Instinkte und der Glauben an Höheres für den Bewegungsmoment, der unser Leben steuert. Der „Human Engine“, ein menschlicher Motor, immer in Bewegung. Genau wie der Mensch selbst, der sich ständig erneuert und selbst erfindet. So auch John. Der mit seinen letzten Longplayern in eine ganz andere Kerbe schlug: in die seiner lateinamerikanischen Roots nämlich, die er mit „In Full Colour“ auf dem rennomierten Label Ubiquity musikalisch ergründete. „Human Engine“, das sich von seinen latin-brasilianischen Vorgängern auf Ubiquity im Wesentlichen dadurch unterscheidet, dass John exotischen Elementen ganz klar die Absage erteilt, um Platz zu schaffen für das Ergründen von pastellfarbenen Melancholiemomenten, den Tiefen menschlicher Emotionen und den ruhigen Reflektionen in schillernden Klangkollagen, die dahintreiben wie ein Tag am Meer. Soundtechnisch ganz klar eine Rückkehr zu den Farben, die schon bei seiner ersten LP „Caboclo“ zum Tragen kamen: Seelenstreichelnde Streichereinsätze kollaborieren mit zarten Melodien, die Lebensfreude und Glücksempfinden genauso wiedergeben wie nach innen gerichtete Augenblicken des Insichruhens. Some Kind of Pastel Nach seinen Ausflügen in die weite Welt der House-geflavourten Congas, Batucada-Sounds und Sambarhythmen, wie bei zwei weiteren seiner Longplayer, „Sun Gypsy“ und „Americano“, kehrt John gewissermaßen zu einem seiner Ursprünge zurück: „Ich bin über meine experimentelle Phase hinweg“, sagt er und fügt hinzu: Für mich ist ‚Human Engine’ mein vollendetestes Werk. Mit diesem Album bin ich zu meinem eigenen Stil zurückgekehrt, und fühle mich sehr wohl damit. Wo ich gerade stehe, ist der Punkt, an dem ich sein möchte.“ In sich selbst ruhend und doch auch in neue Richtungen vordringend. Nach seinen sublim detroitigen Anfängen auf Carl Craigs Retroactive Records –der recht umtriebige John lebte einige Zeit in Detroit, nun ist er wieder in seiner Heimatstadt Lansing im Staat Michigan angekommen – folgte 1995 das erste Album auf dem belgischen R&S-Imprint und wenig später ein weiteres auf Peacefrog sowie eines für Derrick Mays Transmat, was die Ausgangsbasis für eine Karriere im Zeichen der elektronischen Musik schaffte, die auch noch heute Johns Markenzeichen ist. Deep, atmosphärisch und reich an Farben und Texturen, die einige seiner Nummern, Ten Days of Blues „Dream Collage“ zum Beispiel, zu zeitlosen Klassikern macht, die filmische Qualitäten haben. Straight From The Heart So auch sein neues Album: Von Filmen und der darin zum Einsatz kommenden Musik, in Woody Allens Produktionen und Filmen wie Lost in Translation, Millions, Eternal Sunshine of The Spotless Mind und Schindlers Liste dermaßen inspiriert, dass daraus ein ganzes Album wurde, überrascht John mit unkategorisierbaren Sounds irgendwo zwischen atemloser Shoegazer-Romantik und schwelos vernebeltem Ambient, die die Zeit stillstehen lassen, und tritt damit in die Fußstapfen jener Filmscorekomponisten, die bei der Entstehung von „Human Engine“ eine große Rolle gespielt haben: John Williams, John Murphy und Jon Brion sowie den Machern des Sounds von Lost In Translation, Brian Reitzell und Roger J Manning Jr – allesamt Produzenten, die es mit ihren malerischen Klängen schaffen, Emotionen zu steuern und die Hörer durch vielfältige Szenarien zu lenken wie ein Regisseur. Der cinematische Effekt setzt ein, sobald man sich in einen Sessel sinken lässt. Doch auch in Transit liefert der „Human Engine“ den Grundtakt für ein gedankenvolles Dahingleiten. „Ich wollte etwas produzieren, das von Herzen kommt: Ich habe jeden Moment gefühlt, der in diesem Album steckt.“ Text und Interview: Kat @ Planetkat.com. Pics: Exceptional. Thanx: Bob Link: www.exceptionalrecords.co.uk |