30.10.2006

The Emperor Machine: Des Königs neue Kleider +++ RL ARCHIVE OCT 06










Sechs 12", in denen sich Meecham, einer der Mover und Shaker des gefeierten Houseacts Chicken Lips, sich komplett einer Seventies-Analogue-Synthesizer-Obsession hingibt, die krankhafte Ausmaße angenommen hat. Ob es sich um einen Fall von Wahnvorstellungen handelt oder ob Meecham tatsächlich von einer königlichen Maschine kontrolliert wird, die ihn dazu zwingt, die krassesten Progrockscifiexperimentaldiscoshufflenoises in ein pumpendes Beatgewand zu hüllen, war bis zum Redaktionsschluss nicht zu ermitteln. Klar war nur: Es liegt eine Can-Abhängigkeit und eine Tendenz zum Größenwahn vor. Hier der klinische Report.

Caught In An Electric Storm

Die Legende hat es, dass Meecham in einem Gartenhäuschen seinem Hobby, dem gepflegten Soundmodulieren mit analogem Equipment, nachkam, als ein elektrischer Kurzschluss dafür sorgte, dass alles zum Erliegen kam. Auf der Suche nach dem wacklenden Kontakt kam Meecham eventuell mit einem losen Kabel in Berührung. "Fest steht, dass danach nichts mehr so war wie vorher", sagt alter Freund und Förderer James Dyer, berüchtigter Erbe einer Haarpflegemittelfabrik und zugleich Liebhaber seltsamer Soundgespinste, der einzige, der von Meecham eingeweiht wurde. "Plötzlich förderte Andy alte Marshall-Heads zu Tage und nahm mit Tape-Echos Dinge auf, die er danach in seinem Mac aufmotzte. Gleichzeitg aber behauptete er, sein Vintage-Equipment, eine EMS VCS und ein Roland System hätten wären voll von Begierde übereinander hergefallen und hätten in einer wilden Orgie etwas gezeugt, das sich nicht mehr von den Memorybanks löschen ließ. Geboren ward ein Monster, das nun, nach einigen stillen Jahren zu seiner vollen Größe erwachsen, seine geballte Monstosität auf die Menschheit loslässt: Absolut, oligarchisch und völlig diktatorisch.

"Alles wird der Musik geopfert"

Wohingegen Meecham nach wie vor davon überzeugt ist, dass die Maschine existiert, eine Theorie, die von den Aussagen von James Dyer unterstützt wird, und er sich als Sprachrohr des Emperors sieht, was ihn zu Kommentaren wie "Alles wird der Musik geopfert, der Emperor hat keine Moral." oder "Die Maschine diktiert den Sound. Es gibt keine Kompromisse, sobald sich die Maschinen warmgelaufen haben." bringt, sind sich andere nicht so sicher. Besonders Kommentare wie "Der Herrscher ist gerecht, vorausgesetzt, der Pöbel benimmt sich. Doch fürchtet euch vor dem Tag, wenn die Maschinen nicht produktiv sind" und "Der Emperor ist unberührbar und weit von allem entfernt." sind bedenklich und deuten auf einen fortschreitenden Persönlichkeitsverfall hin. Nichtsdestotrotz: Es scheint, als ob der Emperor zumindest innerhalb von Meechams Gedankenwelt existiert (ein abgespaltener Teil seiner Persönlichkeit? - Mögl. einer multiplen Pers. mit Prof. Dr. Schermall besprechen.). Wenngleich auch nicht klar ist, wer dieses Album nun genau produziert hat, "Vertical Tones & Horizontal Noises" spricht für sich.

"Der Sound entspringt meiner Inspiration"

Sehr wahrscheinlich stammen die unter dem Namen The Emperor Mashine entstandenen Tracks tatsächlich von Meecham, tragen Tracks wie "Roller Daddy", "Monkey Oberbite" und "Bodiliser Bodiliser" doch unzweifelhaft seine Handschrift: Die sorgfältige Handarbeit eines erfahrenen Studio-Musikers jenseits von Limitationen erkennt man sofort am fetten Sound, unberechenbar und doch für Körper und Geist gemacht, der ein Ohr hat für seltsame, trippige Geräusche, die andere nur nach Genuss von zweihundert Tabs visualisieren können. Zwirbelnde Synths, spiralende Filter, rumorende Gates, röhrende Tubes, knisternder Statik – eigenwillige Soundeffekte angestaubter analoger Top-Gerätschaften – welche moderne Produzenten mit dem Klick einer Mousetaste mit einem Plug-In ersetzen können, sollten sie an solch seltsamen Modulationen überhaupt Gefallen finden. Für Andy keine Frage der Bequemlichkeit: "Ich habe so viel Spaß mit dem Emperor. Ich liebe das Gefühl, das Feel meiner Maschinen, dank denen ich der Realität entkomme. Ich setze einfach meine Kopfhörer auf und mache krasse Geräusche. Würde ich alles am Computer produzieren, fiele das wilde Herumspringen zwischen den Geräten im Studio weg, die ich alle gleichzeitig bediene."

Vierdimensionale Soundpaintings

Und somit führt er seine Soundforschung weiter in die nächste Dimension, während das Fußvolk immer noch darüber nachgrübelt, um was es sich bei "Vertical Tones & Horizontal Noises" eigentlich handelt: Vierdimensionale Soundpaintings oder grafisch reduzierte Vektor-Koordinaten? "Die Programmierung erfordert viel Aufmerksamkeit, besonders die der Drumbeats, was sehr grafisch anmutet. Doch alles auf Vektorgrafiken zu reduzieren würde bedeuteten, das man immer schon vorher weiß, wohin die Reise geht, was nicht der Fall ist. Ob nun die Maschine die Musik leitet oder die Musik die Maschine, weiß niemand. Und malen tut die obszöne Emperor Machine nicht, dazu ist sie zu verdorben. " Eins steht fest: Es besteht eine Verbindung zwischen Meechams Feszination mit den Sounds vergangener Dekaden und dem Output der Machine. "Die Machine wird von Meecham beeinflusst, der von der Musik inspiriert wird, die ihn bewegt." Und der Wahnsinn geht weiter. Laut Meecham produziert der Emperor, diese grausam dominante Macht, dafür, eine Platte nach der nächsten, während sich Andy nach der Produktion der letzten Chicken-Lips-Platte "Drawing Faces" erst einmal ausruht.

Text und Protokoll: Dr. Med. Katrin Richter (kat@planetkat.com). Assistent: Dr. Phil James Dyer and Miss Dawkins.

KLink:
www.dcrecordings.com

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