01.10.2006 Hybrid – Halb Mensch, halb Violine: The Art of Noise +++ RL ARCHIVE AUG 06 |
Mit ihrem im Jahr 2003 erschienenen Zweitling stiegen sie entgültig in den Festival-Olymp auf, tourten mit ihrer Liveband – der Bassplayer kein Geringerer als New Orders Bernard Sumner – mit Moby durch die Staaten und remixten so illustre Größen wie Radiohead, Alanis Morrisette, Future Sound Of London, Jean Michel Jarre, U.N.K.L.E., R.E.M., Carl Cox, Crystal Method, BT und The Orb. Nun melden sich die beiden gereiften Musiker mit ihrem dritten Album “I Choose Noise” zurück, violinenlastiger than ever: Das komplette russische Staatsorchester fiedelte mit… Im Ohrenkino Mike, ein begnadeter Johnny-Walker-Musikant – “die Flaschen geben hervorragende Cowbells ab” – , und der zwölffache Vater Chris fanden vor vielen, vielen Jahren durch eine Dating-Agentur zueinander, was sie aber bis jetzt vor Frau und Freundin geheimhalten konnten. Sie vereint der gemeinsame Humor und auch die Gabe, zusammen Spaß in jeder Lebenslage haben zu können – nicht nur beim Musikmachen. Gemeinsam besuchen sie Rockkonzerte und trinken sich die Hucke voll, beobachten Leute, eine “endlose Quelle des Amüsements”, und dann beginnt die gemeinsame Arbeit wieder, im Club, im Studio, auf Tour. Der eine total fasziniert von Philip Glass, der andere von Sasha und Radiohead. Immer noch genauso für alle Aspekte der Musikproduktion zu haben wie vor Jahren, als der eine als Hardcore-DJ Aktive in die Arme des Anderen stolperte. Was folgte: bisher drei Alben, “I Choose Noise” mit eingerechnet, und ungefähr zweihundert Singles und Remixe sowie einige Filmscores, zum Beispiel für “Man On Fire”. Mike erzählt: “Ich genieße das Musikmachen vielleicht sogar noch mehr als früher, denn ich verstehe nun, wie Musik entsteht und wie schwierig es manchmal sein kann. Vor ein paar Jahren ist es mir schwergefallen, mich davon loszumachen, ständig alles zu analysieren. Wir beide haben eine totale Faszination für Filmmusik und verbringen Jahre damit, die große Kunst, großes Ohrenkino zu produzieren, zu studieren. Mit minutiös gesetzten Soundakzentuierungen Stimmungen zu kreiieren und zu beinflussen ist eine Leidenschaft von uns, die auch in unsere Breaksproduktionen mit einfließt.” Im Studio ist Chris für den Großteil des Sounddesignens zuständig, schafft somit die Rohbausteine der Hybrid-Tracks, und Mike fügt diese Grundzutaten dann in Logic zusammen. Im Anschluss basteln sie gemeinsam am Konstrukt herum, bis es sich für beide gut anfühlt. The Push-Pull Produzieren, DJen. DJen, Produzieren. Fluch und Segen in einem. Mal gibt es laut Mike Phasen, wenn diese “Push-Pull-Situation” zu einem Gefühl der Hin- und Hergerissenheit führt: “In manchen Monaten brennen wir total darauf, endlich aus unserem Studio rausgelassen zu werden und die Clubs zu stürmen, und manchmal tut es total weh, in der Mitte eines Schaffensprozesses aus dem Studio herausgezerrt zu werden. Das DJen an sich wird niemals langweilig – so lange sich die Leute amüsieren, ist alles gut, dafür kann man sogar das Hin- und Herreisen in Kauf nehmen. Wir leben ja nach wie vor in Wales und somit beginnt der Spaß jeden Freitag auf Englands notorischen Autobahnen.” In den irgendwo auf der Welt angesiedelten Clubs angekommen geht dann es basisdemokratisch zu: “Wir sind ein eingespieltes Tag-Team. Jeder spielt zwei bis drei Platten, dann kommt der andere dran. Es macht einfach mehr Spaß so. Für mich besteht ein riesengroßer Unterschied zwischen dem DJen und dem Produzieren, es ist einfach unvergleichlich. Und dennoch ergänzen sich die beiden Aktivitäten. Wir legen unheimlich großen Wert darauf, dass die von uns gespielten Tracks unseren Vorstellungen entsprechen und scheuen uns nicht vor mühsamen Reedits, die es richtig bringen. Wir machen jede Menge Spezialmixes für den Einsatz im Club, die genauso schwierig zu machen sind wie ein eigenständiger Track. DJen macht Spaß – man wird im Grunde genommen dafür bezahlt, dass man anderen Menschen seine Lieblingsmusik vorspielt. Man wird quasi wegen seines Geschmacks gebucht, und hofft natürlich darauf, dass der eigene Style andere inspiriert. Wenn wir live spielen, sieht es schon wieder anders aus. All die Musik ist unsere, und wir haben weniger Kontrolle darüber, wie sich alles auf der Bühne manifestiert, weil wir fünf Musiker sind, die alle einen Teil dazu beitragen.” Weltkonfliktsintrospektivbravadoblabla Das Konzept des neuen Albums? "Entfremdung, Konflikt, ein Blick ins Innere, Bravado, Euphorie – einfach alles, was mir gerade spontan in den Sinn kommt.” Wenn man Mike fragt, wie er seine Musik beschreiben würde, die Sensation, die Gefühle, die Intention, die tatsächlich drin- oder dahinterstecken, tut er sich schwer. Sarkastisch, besonders wenn mit einem Kater gesegnet wie heute ganz klar der Fall, schafft er es, seine eigene Kreationen total zu entmystifizieren. Typisch Brite! “Unsere Musik besteht aus Rhythmen, Melodien, Texturen. Der Begriff Emotion in Verbindung mit Musik ist ganz klar ausgelutscht, mir gefällt ‘Ausdruck’ besser. Jeder einzelne Track auf dem Album hat seine eigene Identität, das Spektrum reicht von Zerbrechlichkeit bis Agressivität und der daraus resultierenden Entspannung.” Die Herausforderung beim neuen Album lag darin, "ein neues Album zu machen. Haha! Wir sind uns dessen aber wohl weniger bewusst gewesen als beim Zweiten und gingen die Sache deswegen entspannter an, produzierten allein für uns, anstatt uns unter Druck setzen zu lassen.” Gar nicht so einfach zunächst, vor allem nach einem so erfolgreichen Longplayer wie “Wide Angle”, von dem über 100.000 Kopien verkauft wurden, und so einem gehaltvollen Nachfolger wie “Morning Sci-Fi”, auf dem sich ganze Orchester einen Wolf fiedelte, was man vielleicht zu übertrumpfen sucht und sich gleichzeitig einschüchtern lässt. “Naja, als wir uns ins Studio begeben haben, um am neuen Album zu arbeiten, war da zunächst dieses riesige Vakuum, das gefüllt werden musste. Es hat aber doch gut geklappt. Wir als Individuen sind an unseren Herausforderungen gewachsen, und dass wir heute ein anderes Weltverständnis haben als gestern noch, hat auch Einfluss auf unsere Musik gehabt. Im Grunde genommen sind wir immer noch genauso alberne Spunde wie eh und je, haben aber jede Menge neue Produktionstricks im Ärmel, die uns zu erstzunehmenden Produzenten machen.” I Choose Noise Das ist es vielleicht, was Hybrid in Essenz ausmacht: Diese unglaublichen Kenntnisse von Materie und Maschinen. Seit den frühen Neunzigern als Produzenten und Djs aktiv und seit der Geburt der relativ jungen Subkategorie Nubreaks ganz vorne mit dabei, macht diesen Tüftlern so schnell keiner etwas vor. Und es mit den dank des sehr unterstützend agierenden Labels Distinctive möglichen, akribischen Aufnahmen in Kirchennaven musizierender Staatsorchester auf die Spitze zu treiben, ist ebenfalls eine Spezialität der beiden Waliser, die auch beim neuen Album ordentlich zum Einsatz kommt. Doch glücklicherweise heben die beiden, auf fluffigen Fiedelwolken gebetteten Feiertiere weder total ab, noch driften sie zu sehr in die Sphären des cleanen Dolbysurround-Homestereo-Entertainments. Denn sie verbringen ja die Hälfte ihres Daseins auf dem Floor. Kein Wunder, das neben Stimmungsmanipulation auch fette Klangforschung ganz groß geschrieben wird. Immer den Club im Auge behaltend spielen Geräusche eine große Rolle, weswegen "Noise" nun erneut in einem Hybrid-Titel zum Einsatz kommt (“Visible Noise” erschien in 2002). Offensichtlich haben die beiden eine Faszination mit Geräuschen, oder gar, wenn man "Noise" als “Krach" übersetzt, für jenes heftigere Spektrum der Sounds, die über das Angenehme, Kultivierte hinausgehen. Finden sich denn Extreme auf dem Album? Mike erklärt: "Krach ist für mich das packendere und gefährlichere Ende des Soundspektrums, was für mich pure Schönheit bedeutet.” Im Enddeffekt sind alle Geräusche Sounds, alle Sounds Geräusche, und alles wird im Exzess zu Krach. Und so erklärt sich, was gemeint ist: Das Kombinieren des Heftigen mit dem Schönen, das Kreuzen von Violinenteppichen und dunklen Bassgewittern. Gepolsterten Soundlandschaften und heftig blitzenden Breakdowns. Das Spielen mit den Emotionen, die in Sekunden umschlagen können wie das Wetter… Eine feine Linie, die es zu balancieren gilt, besonders als selbstbekennender Soundfetischist, für den keine Mühe zu groß, kein Weg zu weit für den richtigen Klang, den perfekten Sound ist. Ein Prozess, der laut Mike für immer dauern könnte, hätte man die Zeit dafür. Doch irgendwann, nach vielen langen Monaten Tüftelns, Schraubens, Klötzchenschiebens, Basteln, Reeditieren und Herummodifizieren war der Punkt, an dem die beiden Perfektionisten nicht mehr zurückkonnten, überschritten. Ihr Album wanderte mit ihnen in das wunderliche Loud-Mastering-Studio, das “nichts von der glitzerigen Perfektion der stahlglasglanzgeleckten Suites in London” hat, sondern an ein mit Vintage-Kompressoren und Röhrenverstärkern vollgestopftes Laboratorium eines verrückten Professors erinnert. Hier wurden bereits Kasabian, Kylie, Timo Maas, Grand National und Goldfrapp feingeschliffen, und nun gab John Dent Hybrid den finishing Touch. I Choose Vinyl “Sein Masteringprozess fühlte sich an wie Audio-Alchemie. Die Magie des Analogen zog uns wieder einmal komplett in ihren Bann, denn analoge Aufnahmen enthalten fünfmal mehr Information als eine 16bit-CD. Achtung Mathematik: Ein mp3 niedriger Qualität enthält widerum zehnmal weniger Information als eine CD, und so kommt es, dass der Durchschnitts-mp3 im Player fünfzigmal weniger Information enthält als die Originalaufnahme. Auch für mich, der ich seit über fünfzehn Jahren als Soundengineer arbeite, waren die Aussagekraft eine Nummern eine Überraschung. Der Prozess des Komprimierens bewirkt ja nicht unbedingt – wenn man es richtig macht –, dass Soundqualität verloren geht. Bei Umwandeln des Audiosignales in mp3, digital Encoding, verändert sich nur die Breite der Wellenform, was sie lauter und machtvoller klingen lässt. Es geht allerdings Information verloren, so dass man nicht mehr so viele klangliche Details hören kann wie zuvor. Als wir erfahren haben, wie viel es tatsächlich ist, haben wir erwogen, wieder nur noch Vinyl aufzulegen.” Ja, und wie klingt das fertige Resultat? Mmmmh, gute Frage. Nun, um ehrlich zu sein, kaufen wir heute einmal die Katze im Sack. Der auf der Vorabsingle erschienene Track “Only For Today” ist mal wieder ein grandioser Beweis einer imposanten Hymne, die mit ihren unglaublich räumlich gestaffelten Violinenarrangements eine klangliche Fülle herausbeschwört, die man bei vielen nummerngecrunchten Computernummern nicht mehr finden kann. Audiophile Breaks eben. Mit dem von Jane’s-Addiction-Sänger Perry Farrell ergreifend vorgetragenen, urtypischen “Dogstar” gibt es dann noch die obligatorische Indiebreaks-Hymne, nach denen die Outdoorfestivalseele der Briten zu dürsten scheint, dazu, und dann knallt obendrauf mit dem simpel und ergreifend “Just” getauften Track noch gut in die untere Bauchhälfte. Der Rest ist pure Spekulation. Doch eine Katze im Sack kauft man mit Hybrid garantiert nicht. Als verantwortungvoller Soundkonsument, der Wert auf hohe Qualität und feine Audiophilie legt, entscheidet man sich ohne Gewissenskonflikt für die Geräusche der Hybriden-Gang, und liegt damit immer richtig. Text und Interview: Kat @ planetkat.com. Photos: Distinctive. Cheers: Jacqui. KLinks: www.hybrid-group.com www.distinctiverecords.com |