25.08.2006

Stones Throw – Zehn Jahre voller Lieblingssongs +++ RL ARCHIVE JUL 06










Und so spricht ihr Funkrootssouljazzgroovebluesboogiehiphop nicht nur nach Alternativen gierende Rapper, sondern auch mit der Hiphop-Szene null connectete openminded Musiklover an, die nicht nur der hochwertige Multiinstrumentalistenzauber, sondern auch das kennerhafte Artwork überzeugt. Eine im September 2006 erscheinende CD namens "10 Years Stones Throw" offeriert nun auch Nichtvinylspinnern und Expert-Cratediggern einen Einblick in zehn Jahre Labelaktivität, Lichtjahre entfernt von den Profitabilitätsimagekampagnenkonzeptwiederaufbereitungsvermarktungsaktionen der Majors. Jenseits der Klischees direkt ins Schwarze, nu with no static.

Cashflowringadingadongthongsong

Stones Throw, vielleicht nur einen Steinwurf entfernt von einer Neighborhood, wo ein tiefergelegter Schlitten mit runtergekurbelten Fenstern kreist. In den Sprechern scheppern schleppende Breakbeatloops, in Schach gehalten durch eine bewaffnete Macho-Stimme, die vom harten Leben in der Straße berichtet oder alternativ klebrigsüß wie Maissirup in den höchsten Tönen zirpend die auserlesene Schönheit einer Lady in G-String preist, die es zu eroebern gilt. Stones Throw, dessen Musiker vielleicht nur einen Steinwurf entfernt in einem Studio namens The Bunker an einem neuen Track herumbasteln, in der eine lachgasgeschwängerte Mickeymouserapper-Figur namens Quasimoto von seinen Abenteuern als Lord Quas berichtet. Weit mehr als einen Steinwurf entfernt von den dumpfen Attitüden der auf Badboy getrimmten Mediensklaven der nordamerikanischen Hiphip-Szene, die mit ihrer blingblingesker Groteske die Kanäle verstopfen und die Kassen der Majorlabels klingeln lassen. Kein Wunder, dass für Herrn Otto Normalhörer die Connection von HipHop und experimentalen Ansätzen nicht gerade offensichtlich ist und er angesichts der diamantenbehängten Knarrenschwinger lieber die Kurve kratzt als sich zu identifizieren.

Der Erdnussbutterwolf im Schaftspelz

Nichts läge ihm ferner. Auch wenn es schon irgendwo cool sein muss, fünf Bitches und einen vergoldeten Ferrari zu haben. Aber da es keine Alternative gibt, rippt man die Platte halt. Real life halt: In der Welt der Ottos und der Superbigbadrapkillahs regiert der harte Kurs des Dollar und treibt die Maschine voran, sechsstellige Beträge das Minimum für ein "Yo" von LJo. So nicht, sagt Peanut Butter Wolf, ein furchterregendes Monster, das so mancher Sechsjähriger in San Jose, Califor-nei-ey, mehr fürchtet als eine Gang von crackrachenden Schuldeneintreibern, die die Glocks auf Anschlag haben: "Ich bringe nur heraus, was mir persönlich gefällt. Ich denke null darüber nach, was die Leuten wollen, ich muss es wollen, sonst bringt es mir nichts. Und wenn es mir etwas nichts bringt, hör ich damit auf." Spricht's, durch seine einschlägigen Erfahrungen im Musikbusiness geprägt – einst mit Partner Charizma von einem nichtscheckenden Hiphop-A&R gesigned und dann jahrelang in den Fängen eines unfähigen Majorlabels zur vertragsbedingten Untätigkeit gezwungen –, und releast eine weitere Scheibe, die so mancher Major nicht mal mit Handschuhen angefasst hätte. Der Schlüssel zur Selbsterfüllung.

Crosspollination Across The Nation

Da war zunächst die Liebe zum HipHop, die ihn Pausenbrotgeld sparend Platten kaufen ließen, 45s. Stop. Schnell vorgespult. Der Majordeal. Tod seines MC-Partners Charizma. Resignation. Schließlich die Auferstehung: Charizmas Stimme, gepaart mit Peanut-Butter-Wolf-Instrumentalloops, generiert Interesse und lassen den Erdnusswolf wieder an das Gute glauben. 1996 ruft er sein Label Stones Throw ins Leben. Das Zauberwort, das Stones-Throw-Welten erschließt, heißt "Crosspollination" und stammt aus der Biologie. Genau wie eine Biene nichtsahnend honigsammelnd eine Blume befruchtet, geben superpotente Musikpollen, eine Hybrid-Kreuzung aus Funk, Soul, Freiheit, Electronics, Jazz, Boogie, Blues, Humor, Hiphop und viel viel Liebe fürs Metier einem aufgeschlossenen Musiklover den Schlüssel in die Hand, der die Tür zu neuen Dimensionen öffnet. Ein magischer Augenblick – der Moment, wenn der Samen der Inspiration auf fruchtbare Erde fällt und neue Ideen sprießen wie dicke fette grüne Graspflanzen im Hinterhof eines Hippies.

America’s Most Blunted

Zehn Jahre spulen sich vorm inneren Auge zurück – die fünfundzwanzig Songs der abwechslungsreichen und vielseitigen Kompilation lassen die Zeit im Nu verstreichen. Fliegend. Vertreten: Highlights wie J Dillas "Two Can Win", Highlights wie Jaylibs "The Red" und Highlights wie Madvillains "America's Most Blunted" – mehr als Lowpoints, wenn man eher ruhigere soulige Songs wie Dudley Perkins Nusoulpoetry und Aloe Blaccs schmusige Grooves denn als Tiefpunkte bezeichnen möchte, geht es doch gleich wieder aufwärts mit Hits wie Mister Magics "Coast To Coast", dessen Vocalist sich kurzerhand den Style von Funkmaster Flash ausleiht, während der fluffige Boogie-P-Funk-Groove dahinschuppert wie ein schwankender Lowrider voll von trunkenen Bitches auf dem Weg zu Metro Area. Oder MEDs Spacefunk-Odysseeloops, die einen über die supertighten Reime katapultiert – an einem zurückflitschenden Gummiband. Mehr als genug Stoff, um einem den Raum zwischen den Ohren mit etwas zu füllen, was man als Substanz bezeichnen kann. Ohre intellektualisieren zu wollen. Es geht schließlich um Musik.

KLinks:
www.stonesthrow.com
www.myspace.com/madlib

Text: kat@planetkat.com. Thanks: Jeff, Alex und Karl Heinz. Big up to Diego Dawg.

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