01.08.2006

Murphys Law – Die neun Gesetze des Spinmasters +++ RL ARCHIVE JUL 06







Und das alles neben einem mehr als hektischen internationalen Schedule. Doch das ist noch nicht alles. Der “Siebentage-DJ” Murphy – der Name wurde ihm 1993 noch zu HipHop-und-Jungle-DJ-Zeiten wegen der Ähnlichkeit zu Eddie Murphy verpasst und blieb haften, auch wenn sich sein Musikstyle bald von den Breakbeats weg zum Techno hinentwickelte – hält nicht nur zahlreiche Residencies in allen Großstädten Brasiliens, sondern hat auch noch eine zweite Heimat in Leipzig gefunden, wo er mit seinem DJ- und Studiopartner Christian Fischer an eigenen Produktionen sowie an ihrer Vierturntable-Liveperformance, auch auf DVD zu bestaunen, bastelt. Zeit, den freundlichen Brasilianer, der durch seinen einzigartigen Style heraus- und durch seine Persönlichkeit besticht, in den Techno-Olymp zu erheben. Alles klar!?

Lass’ dich niemals aus der Ruhe bringen

Murphy. Marcos. Da sitzt er wieder. Grinst. Raucht. Gelassen. Freundlich. Wie immer. Einfach so. Raucht noch eine. Grinst weiter. Trinkt Bier. Happy in sich ruhend. Einer, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Im Gegenteil. Während um ihn die Welt explodiert, die Leute vom rasendschnellen Viervierteltakt der gnadenlos treibenden Bassdrums nach Vorne gepuscht werden, bis sie nicht mehr wissen, wo hinten und vorne ist, greift der schlaksige, hochgewachsene Brasilianer mit dem mehr als symphatischen Lächeln wie immer seelenruhig in seine Plattentasche und sucht sich die nächste Scheibe heraus. Noch zwei Umdrehungen, und die Platte läuft aus. Einen Schluck Wodka genehmigt sich Murphy noch, einen Zug noch an der lasziv im Mundwinkel hängenden Zigarette, dann dreht Murphy die neue Platte rein, elegant aus dem Handgelenk schwingend, und beschreibt mit seinen Bewegungen einen Rhythmus, der sich, auf die Nadel übertragend, in einen Groove verwandelt, ein perfekt getimter Offbeatrhythmus, der wie Drum’n’Bass klingt.

Praktiziere deine Kunst

Und so geht es weiter. Murphy raucht. Trinkt. Und scratcht, stundenlang, mit uhrwerktechnischer Präzision Sprachsamples und Beats in jene rasendschnell wummernden Technoplatten rein, die ihn seit seinem ersten Kontakt mit der Technoszene – Jeff Mills, Inner City, Model 500, Laurent Garnier – am meisten faszinieren. Sachen von den Space DJz, Ben Sims, Marco Bailey. Looptechno. Tracks, die von Kritikern der Szene als monotone Dumpfnummern verschrien worden sind, die immer gleich klingen und keine Seele haben. Nun, es gibt da etwas, das diese Menschen wissen sollten. Sie haben die Rechnung ohne Murphy gemacht. Murphy haucht den Sachen Leben, Funk, Persönlichkeit, Groove ein. Jener Marcos aus Sâo Paulo, der wegen seiner – angeblichen – Ähnlichkeit zum Schauspieler zu seinem Namen kam. Der seit 1993 fast jede Nacht in irgendeinem Club von Brasilien hinter den Turntables steht und die Leute erst zum Staunen und dann zum Ausflippen bringt. Der sich in seinen frühen Jahren die Finger wundgemixt hat. “Bis zu zehn Stunden am Tag.”

Perfektioniere deine Fähigkeiten

Etwas anderes gelernt hat er nie. Sein bester Freund, eine Hiphop-DJ-Legende, zeigte ihm die Tricks, die er dann zu Hause so lange übte, bis er sie aus dem Effeff beherrschte. Er wusste, dass er DJ werden wollte, und zog es durch, eisern, bis sich selbst die komplexesten Beats auf den Wheels of Steel so nahtlos zusammenfügten wie die ineinandergreifenden Zahnräder einer Schweizer Taschenuhr. Es folgten Jahre der harten Arbeit in den Clubs, in denen sich Murphy langsam und mit sicherer Hand nach vorne spielte. Bis er im Jahre 2000 ganz oben ankam in seinem Land: Er setzte sich gegen fünfhundert Konkurrenten durch und gewann den ersten brasilianischen DJ-Contest ever. Die ersten internationalen Bookings folgten; Murphy spielte bald Seite an Seite mit jenen intenationalen Heroes, deren Produktionen er so bewunderte. Manchmal scheint es, als könne er es selbst nicht glauben. Doch die Fotos auf seiner Website bezeugen es. Da ist er, mit Ben Sims. Mit Ben Long. Mit Chris Liebing.

Arbeite hart und leidenschaftlich

Dass er längst über den Status eines brasilianischen Localheroes und Warm-Up-DJs für internationale Bignames hinaus ist, verdankt er natürlich seinen Skills, denn den Sprung über den großen Teich schaffen nur wenige. Für uns im Technoparadies Europa ansässigen Musikkonsumenten ist Brasilien weit weg und – auch noch fünfzehn Jahre, nachdem Electronic Music aktiv auf die dortige Szene Einfluss genommen hat – immer noch Bossanova-Samba-Land, dessen Eroberung allenfalls auf internationale Expansion gepolten Labels und Bookingagencies interessant erscheint. Doch Murphy hat es hingekriegt. Einfach war es aber nie, und was nun wie eine Überfliegerkarriere wirkt, ist in Wirklichkeit ein jahrelang konsequent aus Leidenschaft gegangener Weg. Da waren eben seine sensationalen Fingerfertigkeiten – und seine Freunde, die ihm, fest an ihn glaubend, den Weg als Producer bereitet haben, nachdem Murphy im Jahre bereits fast jeden Preis als “Bester DJ” im Lande angeräumt hatte: Da war zum einen DJ-Kollege Michel Palazzo, der 18-jährig das Plattenlabel Underground Records Brasil, kurz URBR, ins Leben rief, um der Local Scene ein Outlet zu bieten. Da war das Label Brasil Com S, das einen seiner ersten selbstproduzierten Tracks veröffentlichte. Und da war Christian Fischer.

Unterstütze deine Freunde

Der, vergnügt wie immer, fröhlich Jägermeister trinkend die Runde macht. Auch wenn der patente Leipziger, dessen Definition-Label im letzten Jahr dank der CPL-Vertriebspleite erst mal Downtime hatte, schon fast das Handtuch geschmissen hätte. Doch dann das Comeback – aus dem Exil. Endlich ein abgeschlossenes Studium, eine Reihe neuer Releases auf Labels wie Patterns und Taigatrommel, die den wie ein Stehaufmännchen rotierenden Ingenieur direkt im Zentrum des Geschehens platzieren. Dann neuer Stoff auf Definition, stronger than ever. Man gibt eben nicht auf als Techno-Deckmonster. Spielt in drei Ländern in zwei Tagen, darauf hoffend, dass die absolut unorganisierten Organiser die Fluege tatsächlich doch noch gebucht haben, und zockt für die Leute, am liebsten schon vor der eigentlichen Clubnacht. Und danach. Dem Herrn Fischör ist eben nüscht zu schwör. Und steht Murphy, der sich den Spitznamen “Seven Day DJ” erspielt hat, weil er jede Nacht woanders auflegt, in nichts nach. Wie man so ein Arbeitspensum überlebt, wissen wir auch trotz sorgfältiger Recherche nicht. “Jaja, das sind die wahren Geheimnisse der DJs: Wie oft muss der Sven bei einem 36-Stunden-Set aufs Toi und wieviele Frauen bekommt der Murphy in zwei Stunden Scratching rum,” lacht Christian.

Entwickle dich weiter

Christian. Murphys bester Freund. Arbeitskollege. Produktionspartner. In dieser Reihenfolge. Angefangen hat eigentlich alles mit Eagleye, Christians altem Kumpel aus München. “Wir haben 1996 am Atari und auf der Korg DSS1, 606 und 303 kranke Acidnummern zusammengeschraubt und dadurch auch den Schubert von Statik kennengelernt. Der es dann veröffentlich hat. Danach habe ich Muttis Staubtücher zerschnitten und als Slipmats auf meine nichtpitchbaren Ostplayer gelegt. Dann kamen Technics und unzählige Nächte im Studio Raum, wo dann alles vermixt wurde, was gerade herauskam, Re-Load, Studio1, Junk Food etc. Musikalisch waren wir immer in der Distille und im Tiffany, wobei ich meine ersten Gigs im letzteren Laden bekommen habe. Weiter ging es dann mit Produktionen auf Statik. Die ‘Christian Fischer EP’ war dann die ausschlaggebende Platte, um ein neues Label zu gründen. Die Platte war für den Dancefloor produziert und da Statik immer noch die experimentelle Schiene fuhr, ward im Jahre 1999 Definition Records geboren.”

Lerne stets Neues dazu

Definition Records schaffte, dank der konsequenten Technooutings und nicht zuletzt wegen der gnadenlosen Promotionarbeit des Labelchefs Christian den Sprung aus Deutschland in die Welt, unter anderem auch nach Sâo Paulo, Murphys Hometurf. Wo die beiden sich dann dank der Verkupplungsarbeit von Michel irgendwann einmal wortlos gegenünerstanden. Direkt auf der gleichen Wellenlänge surfend. Daran hat sich bis heute nichts geändert, obwohl die beiden erst jetzt so langsam verstehen, was der andere sagt. Murphy hat Englisch sowie ein wenig Deutsch gelernt und Christian kann neben Englisch nun auch ein wenig Porto. Nach mittlerweile sechs Brasil-Touren nicht nur überlebenswichtig, sondern auch längst fällig. “Es war eigentlich von Anfang an alles klar”, grinst Murphy, und Christian fügt hinzu: “Doooooo.”

Freue dich über neue Herausforderungen

Dann: Der erste Deutschlandtrip. Christian bucht Murphy für seinen Laden, in dem er Resident ist. Dem Cult. Murphy wird mit nach Hause geschleppt. “Wenn ich an das Essen bei meinen Eltern zurückdenke, sehe ich immer nur, wie mein Vater ganz verstört aufs Thermometer im Wohnzimmer schaut, was 24 Grad anzeigt, und Murphy, der mit Skijacke dasitzt und immer noch friert...” erzählt Christian. Ansonsten akklimatisiert sich der große dunkle Brasilianer sang- und klanglos, umarmt die deutsche (Trink-)Kultur, und wird, wenngleich ab und an doch von Heimweh geplagt, von den Deutschen in ihrer Mitte aufgenommen wie ein verlorener Sohn. Doch nicht nur von den Deutschen. Auch in England und im ehemaligen Ostblock ist man verrückt nach Murphy. Und so jagt eine Europatour die nächste, und folgt ein Deutschlandaufenthalt auf den anderen. Und jedesmal verbarrikadieren sich Murphy und Christian sich länger im Studio. Herauskommen tun dann Monster wie die “Turbulencia EP” auf Ignicion, “Girls Girls” auf Tremors oder melodiöse Technonummern wie die “Circuito EP” und der grandiose “Exile”-Track – und seit Neuestem auch Vocaltracks, die Murphy und Christian gerade auf dem Floor vortesten, ihr Repertoire über Electro und Minimal immer weiter ausweitend und somit die Grenzen, wie Techno zu sein hat, immer weiter auslotend.

Sag’ niemals nie

“Jeder bringt sich auf seine Art ein. Wir wissen eigentlich selten schon vorher, was bei unseren Sessions herauskommen wird, aber wir verstehen uns intuitiv und wissen auch die Ideen des anderen zu schätzen,” sagt Murphy über den Produktionsprozess. Auf ein Drum’n’Bass Comeback – seit Murphys Jungletagen sind immerhin schon 13 Jahre vergangen – wartet man aber vergebens, auch wenn sich Landsmann Marky um ein Back-To-Back reißen würde. Stattdessen gibt es auf dem Mainfloor der anstehenden Nature One Vierturntable-Laptop-Live-EFX-Scratching, erzählt Christian: “Also, was dort genau abgehen wird, sind wir noch am Ausbrüten. Es wird auf jeden Fall an vier Decks stattfinden. Die Muzi wird von mir kommen und die Effekte und Scratchings von Murphy. Es hat sich in der Vergangenheit sehr gut bewährt, da so bessere Tricks möglich sind und Murphy sich keinen abbrechen muss, weil gerade die Platte in der letzten Rille läuft. So sind wir nicht nur im Studio, sondern auch auf der Stage zum Team geworden.”

Text> Katrin Richter
Fotos> Bryzant

KLinks>

www.djmurphy.net
www.definition-records.de
www.urbr.com
www.bryzant.com
http://en.wikipedia.org/wiki/Scratching

Selected Dates>

15.07. Nature One Float @ Love Parade (Berlin, D) – M vs. CF
15.07. Siegessäule @ Love Parade (Berlin, D)
21.07.2006 Fusion 1st Birthday @ The Vaults (Dublin, Irland)
22.07.2006 RAVE – The International Indoor Festival @ SE1 (London,
England)
28.07.2006 Freaky Dancing @ The Cosmic Ballroom (Newcastle, England)
05.08.2006 Nature One 2006 (Kastellaun, D) – M vs. CF
05.08.2006 Parkhaus (Kenzingen, D) – M vs. CF
12.08.2006 Moving City @ Rohstofflager (Zürich, Schweiz)
12.08.2006 Sonne Mond Sterne, Bleilochtalsperre, D – CF
13.08.2006 Pro-Jekt Festival (Oostende, Belgien)
19.08.2006 Summer Of Love Festival (Pardubice, CZ) – M vs. CF
25.08.2006 Barutana Open Air @ Belgrade Fortress (Belgrad, Serbien)

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