03.07.2006

Frank Lorber – Zelle 616A: Der Gefängnis-Rocker-Schocker +++ RL ARCHIVE MAY 02







Also nutzte ich geschwind die Gelegenheit, um ihn zu verhören und passte Frank Lorber ab, als er wieder auf Freigang war. Hier sein ganzes Geständnis: Über sein Leben als Knasti, Ex-Omen-Resident und Cocoon-Bruder redete Frank genauso ohne Vorbehalte wie über seine Ex-Freundin, seinen Fuck-Up und seine Vorbilder. Wenn Frank für jedes Album hinter Gitter wandern muss, dann steht ihm wohl noch einige Zeit im Bau bevor.

Der Elvis der Gegenwart

Auf dem Cover von „Jailhouse Rocker“ blickt einem Frank Lorber traurig entgegen. Seine braunen Augen ruhen voll von tiefster Resignation auf einem – ein echter Dackelblick, der Frauenherzen zum Schmelzen bringen dürfte. „Ich hab‘ gehört, ich guck‘ immer so blöd. Das mit dem Dackelblick verfolgt mich schon ein Leben lang“, scherzt Frank blitzschnell. „Ich hab‘ versucht, rüberzubringen, wie ich mich gefühlt hab‘, als ich festgenommen worden bin. So‘n bisschen fertig und abgenervt von den Bullen.“ Frank Lorbers von Lebenserfahrung – Party, Party, Party – gezeichnetes Gesicht von vorne, von links, von rechts. Darunter steht: Cocoon Police Department Presents: Frank Lorber/Jailhouse Rocker. Escape: 13.05.2002. Frank erzählt weiter: „Mir hat der Name für mein Album gefehlt. Als ich dann im Knast saß, war mir klar: das ist das Konzept für mein Album. Also habe ich auch versucht, das Ganze grafisch umzusetzen, da das Album mit Postkarten beworben wird. Es soll ja auch ‘n Konzept dahinterstecken. Ich habe mein Album nicht ‚Jailhouse Rock‘ genannt, weil es da mal ‘ne Platte von Elvis gab, die so hieß.“ Was vielleicht auch taktisch klug ist, obwohl es gerade in den Kreisen der Feierleute unserer Generation nicht so viele Menschen geben dürfte, denen das aufgefallen wäre. „Naja, ich finde schon, dass mein Album die Neuzeit-Version ist“, meint Frank: „Moderner. Obwohl meine Mucke null schnulzig ist. Überhaupt nicht. Aber warum nicht? Bevor ich mein Album ‚Frequent Traveller‘ oder so nenne.“ Er wollte nichts Affiges – und dann landete er im Knast. Jetzt hat er was Reales. So läuft‘s manchmal im Leben.

R U Sitting Comfortably?

Frank hat „Jailhouse Rocker“ schon im März letzten Jahres angefangen. Den Gedanken, ein Album produzieren, hat er allerdings schon seit Langem im Hinterkopf mit sich rumgetragen. In letzten Jahr, in dem er auch sein zehnjähriges DJ-Jubiläum feierte, hatte Frank endlich Zeit und Muße, sein Projekt konsequent weiterzuverfolgen und in einem triumphalen „Uff!“ abzuschließen. Er ist sehr stolz darauf, denn in der Partnerarbeit mit seinen engsten Freunden, die auch zufällig äußerst fähige Produzenten sind, ist ein Album entstanden, das Franks musikalisches Spektrum als Produzent mit einem äußerst soliden DJ-Background widerspiegelt. Frank Lorber stand mit sechzehn zum ersten Mal hinter den Turntables in einem Giessener Szeneladen namens „Gonzo‘s“. Es dauerte nicht lang, nahm ihn kein geringerer als Sven Väth unter die Fittiche, und so wurde der Siebzehnjährige 1992 zum jüngsten Resident des legendären Frankfurter Omen. Jahrelang bestritt Frank mit der DJ-Legende Dag den Samstagabend und wurde schnell zum festen Bestandteil der Frankfurter Szene. „Ich denke, dass das die besten Lehrjahre waren, die man sich vorstellen kann, weil ich als Resident ein zuverlässiger Allrounder sein musste. Mal hab‘ ich das Warm-Up übernommen, mal hab‘ ich die letzten Menschen, die aus dem Club krochen, mit wunderschöner Musik auf den Weg nach Hause geschickt. So etwas erfordert echt viel Geschick, denn man perfekten Rahmen für die Headliner schaffen, was bedeutet, dass man nicht seine eigene Person in den Vordergrund stellt “, erzählt Frank und fügt hinzu: „Es war echt inspirierend, bei uns haben so viele internationale DJs aufgelegt und immer neue, aufregende Sounds in die Stadt gebracht…“ Mit seinem treibenden, melodiösen Stil stand der fröhliche und aufgeschlossene Frank allerdings für sich, und es folgten schon bald die ersten internationalen Bookings und Radioauftritte.

Frankfurt Rock City

Bereits seit 1994 produziert Frank nun schon mit den verschiedensten Freunden und Partnern Musik. Zuerst veröffentlichte er in Kooperation mit Pascal F.E.O.S. auf Explicit, dann releaste Frank mit Jörg Henze, seinem ehemaligen Boss vom Delirium-Recordstore, unter dem Alias „Electronic Home Entertainments“ Platten auf Delirium. 1997 gründete er schließlich mit seinem Longtime-Homi-Buddy Toni „mit den langen Wimpern“ Rios sein eigenes Label, Attention Records, desses Schwerpunkt bei kleinen Auflagen von Eigenproduktionen liegt. 1999 schloss Frank sich dann mit dem Produzenten und Kollegen Johannes Heil, den Frank nur „Joe“ nennt, zusammen, um das Project 69 ins Leben zu rufen, dass sich auch just in diesem Monat mit einer absolut hörenswerten Release auf JH Records zurückmeldet. Lustigerweise sind auch ein Großteil dieser langjährigen Freunde und Kollegen an der Produktion von „Jailhouse Rocker“ beteiligt. Johannes Heil und Frank, die fröhlichen Party-Brüder, arbeiteten auch für Franks Album intensiv zusammen – besonders schön: „Electric Sparcle“, das auch schon im Vorfeld zum Album auf der B-Seite der „Jailhouse Rocker“-12“ erscheint. Frank konnte auch Anthony Rother, den Elektro-Genius aus dem alten Bad Neuheimer Kanzleramt-Umfeld, der sich seit Jahren mit seinem eigenen Label Psi49Net und mit seinem Alter Ego Little Computer People profiliert, für „Jailhouse Rocker“ gewinnen. Die alten Dispute von Rother und Joe wurden kurzerhand hintendran gestellt, die drei Recken rauften sich zusammen und herausgekommen sind die zwei besten Tracks der Platte: „Jailhouse Rocker“ und Medizin“. Desweiteren legte auch der alte Plattenladenchef Jörg Henze wieder Hand an und ist erstaunlicherweise für die härtesten Tracks, „Blechtrommel“ und „Sky High“, auf dem Album mitverantwortlich, wohingegen der Minimal-Techno-Produzent Sikora aka Stephan Straka, der bisher mit reduzierten Abfahrtstracks auf Klang…Elektronik positiv auffiel, hier mit mehr in Richtung Elektronik-Spielerei geht.

Live Fast, Die Young?

Der Name für das Album fand sich schließlich im September. Frank fuhr kurzerhand von der Liberty-One-Party, auf der er am Freitag aufgelegt hatte, in die Schweiz zur legendaren Vision-Party. „Sven rief mich an und fragte, ob ich nicht kommen wollte. Auf der Vision vor zwei Jahren hatten wir beide unser bestes Party-Erlebnis auf der ganzen Welt, und deswegen wollte er mich wieder dabei haben. Ich war hin- und hergerissen, denn ich wollte endlich mein Album fertigkriegen und mir fehlte noch der Aufhänger. Da meinte der Sven: ‚Frankie, du musst kommen, vielleicht passiert dir auf der Vision was, das du fürs Album verwenden kannst.‘“ Sven, der alte Haudegen, sollte Recht behalten. Aber die Erleuchtung kam nicht auf der Vision. Beim Überqueren der Grenze bei Schaffhausen am Samstagabend wurde Frank in bestem Schwerverbrecherstyle abgeführt, nachdem der Grenzbeamte seine Papiere überprüft hatte. In Handschellen wurde Frank nach einem Kreuzverhör in der Wache komplett ausgezogen und durchsucht. Der Grund: „Im Computer war ein Vermerk, dass ich, wenn ich versuche, einzureisen, sofort festzunehmen sei. Es läge ein Verkehrsdelikt vor, das war alles, was sie mir gesagt haben, sie hätten keinen Einblick in die Datenbank. Mit Handschellen wurde ich an einen Stuhl gefesselt, bis ich dann in einem Bus mit Einmannzelle ins Gefängnis in Schaffhausen überführt wurde, wo ich mich wieder nackt ausziehen musste.“ Er bekam seine erste Zelle, und in der Irrfahrt durch die Knäste der verschiedenen Kantone in den darauffolgenden Tagen wurden es noch einige mehr. Leid tat Frank sein Zellenbruder, ein Nigerianer, der angeblich illegal eingereist war, aber als Zigaretten und Gesprächsstoff aufgebraucht waren, verfiel Frank in ein düsteres Brüten. Das Gefühl der Ohnmacht wird er so schnell nicht wieder vergessen. Als er schließlich durch seinen Anwalt erfuhr, dass er wegen eines nicht bezahlten Strafzettels fast drei Tage lang festgehalten wurde, wusste der gebürtige Wassermann nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Aber eins stand fest: er war nicht mehr unschuldig, er war der „Jailhouse Rocker“.

Ain‘t Nothing Like A Hound Dog

Zurück im Studio ging es gleich zur Sache: Frank war durch Zufall mit Anthony in Joes Studio, und setzte sogleich sein Erlebnis um, in dem das Mike schnappte und loslegte: „Don‘t Stop – Jailhouse Rocker“. Anthony schnappte sich eine Gitarre und spiele, woing-woing, gleich eine geile Hookline, und Joe bastelte den Rest. Danach waren sie so durchgerockt, dass sie – als Balsam für die Ohren – einen klanglichen Gegenpohl schafften: „Medizin“ heißt der Track. Und Frank war mit „Jailhouse Rocker“ klargeworden, dass er endlich den Aufhänger für sein Album gefunden hatte, wofür er dem Polizeipräsidenten in Zürich im Booklet dankt – und ihn zuerst bemusterte. Ironie des Schicksals. Es ist auch Schicksal, dass Frank und Sven beide mit der Frankfurter Producer-Elite arbeiten. Frank ist scheißegal, was die Leute dazu sagen werden: „Es gibt zwei Produzenten, die auch das letzte Album vom Sven produziert haben: Johannes und Anthony. Es wird bestimmt heißen: ‚Der Lorber macht hier einen auf Väth‘.“ Aber „Jailhouse Rocker“-Frank wird mit solchen Vorurteilen Unrecht getan, denn das Album steht durchaus für sich, und Franks ausgeprägter Sinn für Harmonien zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Album. Es ist offensichtlich, dass Franks Input durch die Produzenten deutlich wird, die ihn genau verstehen und umsetzen, was er noch nicht allein rüberbringen kann, aber für so ein Zusammenspiel ist Freundschaft, Vertrauen und Verständnis die Grundvoraussetzung. „In jedem Titel fließt so viel Herzblut von mir, und auch so viel Energie, die ich da ‘reininvestiert habe das Dreivierteljahr über. Es war echt ganz schön viel Arbeit, so viele Produzenten unter einen Hut zu bekommen. Es fiel mir schon schwer, diese Zeit über konzentriert daran zu arbeiten. Alle Leute in meinem Umfeld kenne ich seit Ewigkeiten – Toni seit fünfzehn Jahren, den Jörg seit zehn, die Katrin von Cocoon war im Omen hinter der Bar, der Corrado Izzo hat die Gläser abgeräumt, selbst der Sven – und das läuft alles auf einer superfreundschaftlichen Basis ab, und das find ich persönlich auch sehr wichtig, ansonsten ware das Album nie zustande gekommen. Der Joe ruft mich immer an, weil er einfach Bock hat, was zusammen zu machen. Dann verziehen wir uns in sein Studio. Das ist nicht eingekauft. Das ist echt.“ Fest steht: Der Frank ist ein Frankfurter Original. Er beweist später auf der Time Warp noch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und eine gewisse Empfindlichkeit DJ-Hierarchien und Diven-Allüren gegenüber, als er lautstark fordert, zu Jeff Mills auf die Bühne gehen zu dürfen, was ihm allerdings verwehrt bleibt. Auch dass Adam Beyer überzieht, regt ihn auf. Man merkt schon, dass er ein echtes Produkt seiner Umwelt: der Frankfurter Nachtwelt, ist und nicht aus seiner Haut kann. Feiern bis zum Umfallen ist daher für ihn kein Problem, obwohl das schon mal anders aussah. „Man muss zu seinen Fehlern stehen. Vor drei Jahren habe ich echt einen Tiefpunkt erreicht, wo mir klar wurde, dass ich nicht so weitermachen kann. Deswegen sehe ich auch schon so alt aus“, gibt Frank unumwunden zu, und gerade diese ehrliche, freundliche Art macht ihn so symphatisch.

Tomorrow Started

Ich tanze in einer riesengroßen Halle, in der ich mich mit Tausenden von Menschen befinde, die mir weder nah noch fern sind. Glücksgefühle perlen in mir hoch und zerplatzen unter dem hartschlagenden Hammer der Bassdrum. I am music. Währendessen dreht irgendwo Frank Lorber grazil an den Knöpfen der EQ. Seine Hände gleiten schlafwandlerisch über das Equipment, gleichen hier etwas an, nehmen dort etwas heraus. Frank Lorber, der Klavierspieler. Man nennt ihn auch den Virtuosen unter den deutschen Techno-DJs. Zu Recht. Vergewissern kann man sich noch in den nächsten Monaten, wenn Frank Lorber intensiv die Clubs von Deutschland, Holland und Dänemark bereist. Am 24.05. findet die offizielle „Jailhouse Rocker“-Album-Release-Party im U60311 in Frankfurt am Main statt.

Worte: Kat A. Tonic, Bilder: Daniel „Durchhalten ist die Devise“ Dinsing. Free Mumia Abu Jamal!

KLink:
www.franklorber.de


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